R. Ostow (Hrsg.): (Re)Visualizing National History

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Titel
(Re)Visualizing National History. Museums and National Identities in Europe in the New Millennium


Herausgeber
Ostow, Robin
Reihe
German and European Studies 6
Erschienen
Anzahl Seiten
X, 228 S.
Preis
$ 55.00, £ 35.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kristiane Janeke, Berlin

Es gehört zu den zentralen gesellschaftlichen Aufgaben von Museen und Ausstellungen, sich mit ihrer jeweils spezifischen Sammlungs-, Ausstellungs- und Vermittlungstätigkeit in lokalem, regionalem, nationalem oder internationalem Kontext zu positionieren. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und den daraus resultierenden Transformationsprozessen ist Europa als eine weitere Bezugsgröße hinzugekommen. Museen und Ausstellungen stehen nicht nur vor der Herausforderung, sich in ihren Aktivitäten zum europäischen Einigungsprozess zu verhalten, sie sind in einigen Fällen sogar selbst Akteure oder Gegenstand kontroverser Diskussionen in diesem Prozess.

Mit diesem Thema beschäftigt sich die vorliegende Publikation, deren Beiträge auf eine Konferenz von 2004 in Toronto zurückgehen. Dazu eingeladen waren amerikanische, kanadische und europäische Wissenschaftler/-innen aus den Bereichen der Kunstgeschichte, Politik-, Kultur- und Museumswissenschaft, Geschichte sowie Philologie. Es ist dieser interdisziplinäre und internationale Zugang, der das Buch auszeichnet und neue Perspektiven auf die Geschichte und Funktion des Museums, die Aufgaben der Museologie, auf aktuelle Fragen der Forschung zu Gedächtnis, Erinnerung und nationalem Erbe sowie auf die europäische Einigung eröffnet.

Neben der Einleitung umfasst der Band vier Teile mit insgesamt acht Aufsätzen. Den ersten Teil zum Thema „The Twenty-First Century: New Exhibits and New Partnerships“ bestreitet die niederländische Kulturtheoretikerin Mieke Bal mit ihrem grundlegenden Beitrag „Exhibition as Film“. Anhand der Ausstellung „Partners“ von Ydessa Hendeles (2003/04 im Haus der Kunst in München) entwickelt sie ein Modell zur Konzeption von Ausstellungen als filmischen Visionen. Durch die kuratorische Leistung werden die Exponate dramaturgisch im Raum einander zugeordnet und durch die Bewegung des Besuchers gleich einem Film zu einer sinnlichen Erzählung verbunden. Indem das Museum eine filmische Ästhetik wie „close-up“, „zoom“ oder „flashback“ nutze, rege es das Nachdenken über Geschichte in einem transnationalen Kontext an.

Diese Überlegungen werden plastischer, wenn man sich den Kurator als Regisseur vorstellt. Spätestens dann wird jedoch deutlich, dass dieser Gedanke keineswegs neu, wenngleich jenseits des Kunstbetriebs wenig verbreitet ist. Da Anmerkungen zu einer textlichen Einordnung oder anderen Formen der Vermittlung bei Bal fehlen, stellt sich zudem die Frage, ob das Museum mit einem solchen Vorgehen sein Aufgabenspektrum abdeckt, also einen umfassenden Bildungsauftrag erfüllen kann. Diese Zweifel werden durch den Befund Bals verstärkt, dass die Metapher des Films als Ausstellungskonzept nur mit Kunst bzw. als Kunst interpretierten Objekten funktioniere. Damit wäre das Konzept für kulturgeschichtliche und historische Museen, in denen nationale Geschichte überwiegend ausgestellt wird, nicht tauglich.

Der zweite Teil („Reconfiguring National History: Centralized and Local Strategies“) stellt zwei Modelle des Umgangs mit nationaler Geschichte in Museen und Ausstellungen gegenüber. Als Beispiel für eine (staatlich) zentralisierte Präsentation erläutert zunächst István Rév das Budapester „Haus des Terrors“. Der sehr lange und unübersichtlich strukturierte Text über das andernorts bereits viel besprochene Museum führt zu der These, dass die staatliche verordnete Konzeption ohne gesellschaftliche Diskussion „a proper memorial of fascism“ sei (S. 72). Als Beispiel für lokale Strategien des Umgangs mit nationaler Geschichte analysiert Elizabeth Crooke hingegen staatliche und private Ausstellungsinitiativen zum Konflikt in Nordirland. Diese spiegeln, so die Autorin, die verschiedenen Formen der Erinnerung wider. Durch das jeweils gemeinsame Engagement für die Ausstellungen und Sammlungen entfalten viele der Projekte sogar eine versöhnende Wirkung (S. 102).

Thema des dritten Teils ist „Restoring National History with International Participation“. Untersucht wird die davon ausgehende Wirkung auf politische Prozesse. Edin Hajdarpašić geht in ihrem Beitrag auf zwei Projekte in Bosnien ein. Die Ausstellung eines jüdischen Kodexes im Nationalen Museum in Sarajewo kam maßgeblich auf Initiative und mit Unterstützung der Vereinten Nationen zustande. Indem das Exponat auf seinen Symbolgehalt für religiöse Toleranz reduziert wird, wird die ethnisch-religiöse Spaltung Bosniens als scheinbar einzige Kategorie des Konflikts zementiert und der Anspruch auf Integration unterlaufen. Eine gänzlich andere Wirkung erzielt das von der UNESCO unterstützte „Ars Aevi Projekt“ zur Gründung eines Museums für zeitgenössische Kunst. Noch immer ohne räumliche Basis, umfasst es Arbeiten internationaler Künstler an verschiedenen Orten, darunter auch in Flüchtlingszelten der Vereinten Nationen. Anders als die klassische, meist statische Ausstellung im Nationalmuseum bietet dieses Projekt Raum für immer neue Wege einer konstruktiven Auseinandersetzung. Zwei weitere Beiträge in diesem Teil (von Bernhard Purin und Robin Ostow) beschäftigen sich schließlich mit jüdischen Museen in Deutschland und Warschau in ihren jeweils internationalen Bezügen.

Der letzte Teil widmet sich dem Thema „Displaying War, Genocide, and the Nation: From Ottawa to Berlin, 2005“. Hervorzuheben ist hier der Beitrag von Reesa Greenberg, die das Canadian War Museum im Kontext der Museums- und Stadtarchitektur vorstellt. Sowohl der Museumsbau selber als auch seine Einbindung in die Umgebung sind Teil einer Stadtplanung, die verschiedene Denkmäler für Krieg und Frieden, das Grabmal des Unbekannten Soldaten und das Parlamentsgebäude verbindet. Der abschließende Artikel zeichnet die Debatte um das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin nach. James E. Young, Mitglied der Findungskommission im (zweiten) Gestaltungswettbewerb, blickt noch einmal auf die kontroverse Entstehungsgeschichte des Denkmals zurück.

Insgesamt stellt der Band einen wichtigen und anregenden Beitrag zur Diskussion um die Rolle und Funktion von Museen im 21. Jahrhundert dar. Wie oft in der museumswissenschaftlichen Literatur kommt der Anstoß für eine Debatte aus dem englischsprachigen Raum. Ein Grund dafür ist ein sehr weit gefasstes Erkenntnisinteresse des dortigen Fachs „Museum Studies“.[1] Anders als vergleichbare Disziplinen in Deutschland beschäftigen sich die „Museum Studies“ oder die „New Museology“ nicht mit nur fachwissenschaftlichen oder nur praktischen Fragen von Sammlung, Organisation und Management, sondern in interdisziplinärer Perspektive darüber hinaus mit der Institution Museum und ihrer gesellschaftlichen Funktion. Genau das spiegelt der vorliegende Band wider.

Dies geschieht zudem in einer international vergleichenden Perspektive, wobei Bezug genommen wird auf aktuelle geschichtspolitische Diskussionen. Da solche Debatten im Zusammenhang mit der EU-Erweiterung gerade in Mittel- und Osteuropa eine große Rolle spielen, ist es zu begrüßen, dass Autoren aus diesem Raum zu Wort kommen. Damit gewinnen die Beiträge des Bandes eine politische Dimension, die auch beabsichtigt ist, wie die Einleitung belegt: „They view the wave of museum and monument building in Europe as part of an effort to forge consensus in politically unified but deeply divided nations.“ (S. 5) Die Frage nach der Funktion von Ausstellungen und Museen bei der Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Identität zieht sich als roter Faden durch den Band, jeweils bezogen auf die vorgestellten Länder und Ausstellungsbeispiele. Dass dabei mit einem Text über die Grenzen Europas nach Kanada geschaut wird, dient der Schärfung des Themas. Leider versäumt es die Herausgeberin jedoch, den Zusammenhang von Museum, Erinnerung, Geschichte und Geschichtswissenschaft, Politik und europäischem Einigungsprozess jenseits der Beispiele in hinreichender Tiefe zu reflektieren. Dazu ist die Einleitung zu kurz, und auf einen zusammenfassenden Schlussbeitrag wurde verzichtet. So bleibt es dem Leser überlassen, aus den Einzelbeispielen übergreifende Schlüsse für die Arbeit der Museen im 21. Jahrhundert zu ziehen.

Unkommentiert bleibt auch Ostows Befund, dass in sieben von acht Beiträgen der Holocaust und die NS-Geschichte eine Rolle spielen, was angesichts der dominierenden Auseinandersetzung mit dem Kommunismus in Mittel- und Osteuropa überraschen mag. Gar nicht reflektiert wird das Verhältnis von historischen Orten, Gedenkstätten und Museen – ein Thema, zu dem man sich vertiefende Ausführungen gewünscht hätte. Auch Hinweise auf übergreifende Museumsinitiativen wie das Europa-Museum in Brüssel oder die Ausstellungen des Netzwerks historischer Museen „Euroclio“[2] hätten die Überlegungen sinnvoll ergänzt. Angesichts des breiten Spektrums an Themen verwundert es schließlich, dass das Internet und die damit verbundenen Möglichkeiten virtueller Ausstellungen für das nationale und europäische Erbe nicht Gegenstand der Reflexion geworden sind.

Anmerkungen:
[1] Siehe zuletzt etwa: MacDonald, Sharon (Hrsg.), A Companion to Museum Studies, Malden 2006 (rezensiert von Katrin Pieper und Joachim Baur: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-3-207>).
[2] Die ursprüngliche URL <http://www.euroclio.net> ist nicht mehr aktuell. Für Informationen zum Netzwerk und zu den Ausstellungen siehe <http://www.hdg.de> und Beier-de Haan, Rosemarie, Erinnerte Geschichte – inszenierte Geschichte. Ausstellungen und Museen in der Zweiten Moderne, Frankfurt am Main 2005, S. 87.

Redaktion
Veröffentlicht am
18.09.2008
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