N. Clayer: Une histoire en travelling de l’Albanie (1920–1939)

Cover
Titel
Une histoire en travelling de l'Albanie (1920–1939). Avec, au-delà et en-deçà de l'État


Autor(en)
Clayer, Nathalie
Erschienen
Paris 2022: Karthala
Anzahl Seiten
492 S.
Preis
€ 33,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sabine Rutar, Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung, Regensburg

Nathalie Clayer bedient sich in ihrer Geschichte Albaniens zwischen 1920 und 1939 des ingeniösen methodischen Werkzeugs der „Kamerafahrt“, also einer sich auf der Zeitachse in unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewegenden, je nach Archivlage hinein- oder herauszoomenden imaginierten Kamera in der Hand der Historikerin. Das sind viele Worte, um den zentralen Begriff des Buchtitels zu erklären: travelling. Der Ausdruck hat mit Reisen nichts zu tun. Das Französische ist nicht dafür bekannt, bereitwillig Fremdwörter zu absorbieren, und folgerichtig gibt es die filmtechnisch enggeführte Bedeutung von travelling im Englischen gar nicht, wo eine Kamerafahrt als tracking shot bezeichnet wird. Beim Untertitel des Buches wird es kaum besser: die elegant-arabeske Präpositionsreihung von avec, au-delà et en-deçà de l’état ist im Deutschen schon grammatisch unmöglich – etwa: „mit [dem Staat], diesseits und jenseits des Staates.“

Um es vorwegzunehmen: In ihrer cineastisch inspirierten Exploration des jungen albanischen Staates der Zwischenkriegszeit verknüpft Clayer brillant Makro- und Mesoperspektiven mit in überraschender Weise fokussierenden Nahaufnahmen. Sie organisiert ihr Buch in drei Teilen, die in jeweils vier beziehungsweise fünf Kapitel unterteilt sind. Vorangestellt ist eine Einleitung, die in die (post-)osmanischen, balkanischen, adriatischen, europäischen und transatlantischen Dimensionen der albanischen Geschichte einführt.

Die drei Teile des Bandes sind eine Geschichte des (Sozio-)Politischen, eine Geschichte nationalstaatlich induzierter Raumordnungspraktiken und eine Gesellschaftsgeschichte im Spiegel individueller Lebenswege. Immer stehen Fragen nach Albaniens Souveränität, Modernisierung, Nationalisierung und der Rolle der Religionen im Mittelpunkt: Wie wurde der nationalstaatliche Souveränitätsanspruch den osmanisch geprägten Machtstrukturen im Land übergestülpt? Wie verteidigte Tirana diesen Anspruch gegenüber den Nachbarstaaten Griechenland und Jugoslawien (bis 1929 Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen)? Wie reagierten die Menschen im Land auf Nationalisierungs- und Reformpolitiken? Wie gelangte das Land in immer weiter reichende sozioökonomische Abhängigkeiten von Italien, das schließlich im April 1939 militärisch einmarschierte und die albanische Staatlichkeit binnen fünf Tagen zunichtemachte?

Die Menschen in Albanien hatten ihr soziokulturelles und ökonomisches Kapital in osmanischen Zeiten gelernt und akkumuliert. Dieser Habitus (im Sinne Bourdieus) prägte die gesellschaftlichen Strukturen in vielerlei Hinsicht auch in der Zwischenkriegszeit weiter. Gleichzeitig veränderten die Nationalstaatsgründung und der Beginn des postimperialen Zeitalters die politische Kultur radikal. Clayer zeigt dies unter anderem anhand der politischen Mobilisierungsstrukturen von Geheimorganisationen, die nach der jungtürkischen Revolution 1908 beispielsweise mit Blick auf die mazedonische Frage entstanden waren. Der spätere Präsident (und dann König) Albaniens Ahmet Zogu gelangte auch wegen seiner Mitgliedschaft in einer dieser Geheimorganisationen Anfang der 1920er-Jahre ins politische Rampenlicht. Die Machtkämpfe im jungen Staat sind indes als Ausdruck einer transnationalen politischen Kultur der Zeit zu lesen. Ähnliche Strukturen existierten in Serbien (die „Schwarze Hand“), in der Türkei, in Griechenland, und sie reichten nicht selten bis in die globale Diaspora hinein.

Im zweiten Teil macht Clayer deutlich, wie nationalstaatliche Räume im Staatsbildungsprozess über ökonomische, soziale und politische Interaktionen definiert und markiert wurden beziehungsweise werden sollten. Beispielsweise rekonstruiert sie den Bau von Moscheen im Land. Dass in Albanien etwa 20 Moscheen entstanden, war bemerkenswert, da Ähnliches in den zwei Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg kaum irgendwo der Fall war, und der Gründer der modernen Türkei Mustafa Kemal Mitte der 1930er-Jahre die Hagia Sofia in Istanbul zu einem Museum umwidmete. In Albanien markierten sie Territorium und Vision des jungen – säkularen! – Nationalstaates. In Durrës, Tirana und Shkodër entstanden Moscheen in modernistischer Architektur: Albanien war ein modernes Land mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung, so die nicht nur nach außen gewandte, sondern auch an die christlichen (orthodoxen und katholischen) Gemeinden im Land gerichtete Botschaft. Sowohl in Saranda in Südalbanien als auch in Durrës wurden die Moscheen nach Zog benannt, der auf diese Weise trotz säkularer Staatsräson die Rolle des Islam für den albanischen Nationalismus unterstrich. Insbesondere in der Grenzregion zu Griechenland war dies bedeutsam, weil hier die Orthodoxie gleichbedeutend mit dem Bekenntnis zur griechischen Nation war.

Der Aufbau eines nationalstaatlich ausgerichteten Schulsystems bietet ebenfalls Gelegenheit, über die Beziehung zwischen den Nationalisierungsversuchen der Zentralregierung in Tirana und den religiösen Realitäten im Land nachzudenken. Die Bestrebungen, neue Schulen zu bauen, scheiterten oft an fehlenden Mitteln, Lehrpersonal und Büchern. Die bestehenden, bislang konfessionell organisierten Schulen nationalstaatlich auszurichten, erwies sich als Problem. Es gab Orte, in denen die muslimischen Schulen von religiösen Stiftungen unterhalten wurden, was angesichts fehlender staatlicher Finanzquellen nicht so leicht abzuändern war. Orthodoxe Gemeinden beharrten darauf, die Schulgebäude weiterhin für ihren Religionsunterricht zu nutzen. Die Katholiken – Franziskaner und Jesuiten – befürworteten manchmal gar einen föderativen Staat, um ihre aus osmanischen Zeiten stammende politische Macht zu bewahren. Sie sahen sich zudem als die kompetentesten schulpolitischen Akteure und entwarfen Lehrpläne, die sie dem Ministerium vorlegten. Schließlich war es vor allem die massive italienische Einmischung in das albanische Bildungssystem, welches sich als Nationalisierungsmotor erwies. Es war kein Zufall, dass die ersten Proteste nach der italienischen Invasion im April 1939 aus den Schulen kamen. Diese entwickelten sich rasch zu Orten unmissverständlicher Opposition nicht nur gegen die Zwangsitalianisierung albanischer Schüler. Ihr Kampf wurde zum Sinnbild des gescheiterten italienischen Imperialismus einerseits und der angesichts der prekären Mittel überraschend erfolgreichen Implementierung albanischer nationaler Identität andererseits.

Der dritte Teil des Buches vertieft das Spannungsfeld zwischen überkommenen und sich modernisierenden Gesellschaftsstrukturen. Ein Imam tritt auf, der in einer Mädchenschule Albanisch unterrichtet und der neuen albanischen Regierung ebenso skeptisch gegenübersteht wie dem 1929 nach französischem, schweizerischem und türkischem Vorbild eingeführten Code Civil. Dann betritt eine junge Frau die Szene, die den Widerspruch zwischen ihrer patriarchalen Familie und den Sozialreformen des Code Civil nicht aufzulösen vermag. Ihre Familie ist zwar loyaler Teil der neuen nationalstaatlichen Bürokratie; bis zum Alter von 13 oder 15 Jahren besucht sie eine moderne, von Amerikanern unterhaltene Schule. Doch danach geht es für sie nicht weiter, weder mit der Schulbildung, noch in der Arbeitswelt – ihr Vater erlaubt es nicht. Schlussendlich emigriert sie in die USA.

Wie die Implementierung eines modernen Staatswesens an Grenzen stieß, illustriert auch der Fall eines (Unter-)Präfekten, der zwischen 1922 und 1939 an verschiedenen kleinen Orten Albaniens arbeitet und auf den Widerstand der lokalen Landbesitzer trifft. In einem weiteren Kapitel illustriert Clayer anhand einer Familie von Viehzüchtern – einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Albaniens – Nationalisierungsprozesse. Das Netzwerk an erweiterter Familie und Freunden umspannt ganz Albanien und reicht bis nach Jugoslawien (nach Kosovo), wobei der Begriff „Freundschaft“ ein solides sozioökonomisches System gegenseitiger Unterstützung bedeutet. Den neuen Nationalstaat wissen die Familienmitglieder manchmal für sich zu nutzen; oft scheint eher Widerstand angezeigt. Einige Familienmitglieder albanisieren sich, andere weniger.

Nicht zuletzt ist, auch im dritten Teil des Buches, Ahmet Zogu ein Kapitel gewidmet. Es geht um seine Haltung zum Verkauf von Holz an das faschistische Italien. Ein von der Forschung bereits thematisierter italienischer Unternehmer (Giacomo Vismara) spielt die zweite Hauptrolle. Clayer rekonstruiert die italienisch-albanischen wirtschaftspolitischen Abhängigkeitsasymmetrien klug durch die von den beiden Männern überlieferten Quellen, die selten direkt etwas miteinander zu tun haben. Insgesamt liefert ihr Buch damit drei gewichtige Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte des jungen albanischen Staates.

Nathalie Clayer schreibt die Geschichte eines Nationalstaatsbildungsprozesses in einer multiethnischen und -konfessionellen Region, ohne in die methodische (oder gar teleologische) Nationalismusfalle zu tappen. Im Hintergrund: die Zentralregierung in Tirana, die territoriale Ansprüche erhebenden Regierungen der Nachbarstaaten Griechenland und Jugoslawien sowie die italienischen Faschisten und die Nutznießer ihres Imperialismus. Ihre Hauptakteure: die streitbare, osmanisch geprägte, Land besitzende Elite, Frauen, Lehrerinnen und Lehrer, die religiösen (muslimischen, orthodoxen, katholischen) Gemeinschaften, die lokalen Verwalter, kurz: zwischen den traditionalen und den sehr fragilen modernen Strukturen oszillierende Menschen. Ihren Schlüsselbegriff souveraineté feuilletée, besser bekannt als layered sovereignty, illustriert Clayer empirisch umfassend und gibt ihm eine methodisch höchst innovative und eindrückliche Bedeutung.

Die italienische Militärinvasion beendete die albanische Nationalstaatsbildung im April 1939 abrupt. Italien war von je her an der Ausbeutung, nicht etwa der Unterstützung Albaniens interessiert gewesen. Die internationalen Entwicklungen, die Einverleibung Österreichs und der Tschechoslowakei durch NS-Deutschland, boten Mussolini die Gelegenheit, auch in Albanien die Gewaltpolitik zu entgrenzen. Die imaginierte Kamerafahrt Nathalie Clayers endet mit keinem „Happy End“. Ihrem Buch wünscht man eine baldige Übersetzung ins Englische (eine albanische ist bereits in Arbeit), um den Leser:innenkreis noch zu erweitern: Nathalie Clayer etabliert mit ihrer Studie methodische und inhaltliche Maßstäbe, an denen sich die Nationalismusforschung messen lassen sollte.

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