K. Kummerfeld: Die Selbstzeugnisse

Cover
Titel
Die Selbstzeugnisse (1782 und 1793). Sämtliche Schriften Band 1


Autor(en)
Kummerfeld, Karoline
Herausgeber
Ulbrich, Claudia; Emberger, Gudrun
Reihe
Selbstzeugnisse der Neuzeit (27,1)
Erschienen
Köln 2021: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
1.114 S.
Preis
€ 120,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Otto Ulbricht, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts verzeichnet einen Anstieg von Autobiographien, der traditonell gern mit der zunehmenden Individualisierung erklärt wird. Zu den Schreibenden gehörten auch Frauen, unter ihnen auch Schauspielerinnen. Karoline Kummerfeld, geb. Schulze (1742–1815) hinterließ gleich zwei Fassungen ihrer Lebenserinnerungen. Sie war während der Zeit des Umbruchs des deutschen Theaters zur moralischen Anstalt zeitweise eine umjubelte Darstellerin, neben Größen wie Sophie Friederike Hensel und Konrad Ekhof. Auf dem Höhepunkt ihres Ruhms heiratete sie einen bürgerlichen Hamburger und kehrte nach dem Tod ihres Mannes durch die Not gezwungen ans Theater zurück, ohne jemals die frühere Anerkennung wieder zu erlangen.

Die vorliegende Edition ist der erste Band einer Gesamtedition; ein weiterer mit Briefen und vermischten Schriften soll folgen. Für die vollständige separate Veröffentlichung der beiden Schriften, allgemein als Hamburger (1782/83) und Weimarer Handschrift (1793) bezeichnet, kann sich die Forschung nicht genug bedanken, denn bisherigen Editionen haben die beiden Handschriften verwoben und den Text auch sonst gekürzt. Ein Verzerrungseffekt war die Folge. Die zwei Teilbände eröffnen für jemanden, der nur die Fassung von Inge Buck[1] kennt, wie der Rezensent, neue Welten. Der erste liefert die Geschichte des Lebens von Karoline Kummerfeld und ihrer Lieben, er bricht aber schon 1775 ab, als Karoline mit Diedrich Wilhelm Kummerfeld verheiratet war. Mit dem zweiten Teilband wird der Text ediert, den Karoline Kummerfeld verfasste, als sie längt in Weimar lebte und dort eine Nähschule leitete. Darin schildert sie zu ihrer „Rechtfertigung“ gegen Kritik in einem Theater-Kalender ihre „theatralsche Laufbahn“ (Teilband 2, S. 620). Es handelt sich also um eine frühe weibliche Berufsautobiographie. Die Schwerpunkte sind also jeweils verschiedene, Wiederholungen waren jedoch nicht zu vermeiden.

Der erste Teilband schildert nicht nur ihr Leben, sondern genauer das der Wanderschauspielerfamilie Schulze mit all seinen Härten, wie z. B. der existentiellen Bedrohung nach dem Tod ihres Vaters, als Mutter, Bruder und sie selbst sich bitterer Not ausgesetzt sahen. Er erzählt auch von ihrer rigiden moralischen Grundhaltung, zu der sie sich als junge Schauspielerin zwang oder gezwungen sah. Der zweite Teilband erlaubt ausgedehnte Einblicke in die Innenseite des Theaters und ihr Verständnis von Rollen und Spielweisen, aber auch des Publikums. Schließlich finden sich hier Hinweise auf ihr Verhältnis zu Schauspielerinnen und Schauspielern, begleitet von vielen Vergleichen zwischen dem Theater während Karolines aktiver Zeit und ihrer Gegenwart. Das Theaterleben färbt auf ihre Darstellung ab: der Text wird zur Bühne wie Claudia Ulbrich treffend feststellt (Teilband1, S. 28).Weite Teile sind theatermäßig dialogisiert, und viele Vorkommnisse versteht Karoline Kummerfeld als Auftritte, ja teilweise konstruiert sie eine Identität zwischen dem Theater und ihrem Leben.

Einleitend führt Claudia Ulbrich souverän in die bisherige Forschung zu dieser Autobiographie ein. Sie fügt eine „Familiengeschichte“ hinzu, in der sie die einzelnen Mitglieder der Familien Schulze und Kummerfeld vorstellt; eine mühevolle Arbeit; für die Ermittlung von Lebensdaten und die Überprüfung sonstiger Angaben mussten zahlreiche Archive angeschrieben wurden. Die Forschung zu den einzelnen Personen erweist sich als sehr ertragreich, da man nun mehr weiß als lediglich aus Karolines Texten, doch manchmal wird des Guten allerdings ein wenig zu viel getan. So wenn der Schwester der Herzogs von Guastalla zwei Seiten gewidmet werden, obwohl nicht etabliert werden konnte, dass eine Halbschwester Karolines tatsächlich deren Kammerfrau war (Teilband 1, S. 54f. und S. 119, Anm. 126) (und die Angaben für ihren Halbbruder sich zumindest teilweise als falsch herausstellten). Bei der Erforschung von Schauspielerfamilien streicht sie heraus, dass Schauspielerinnen z.T. als Leiterinnen (Prinzipalinnen) von Truppen agierten, aber neben der Bühne auch über Überlebensstrategien verfügten.

Gudrun Emberger liefert einen akribischen Überblick über die Überlieferung und die bisherigen Teileditionen der Lebensgeschichte von Karoline Kummerfeld. Zwei der jeweils unter bestimmten Gesichtspunkten veröffentlichten frühen Teileditionen werden im Anhang wiedergegeben, eine vollständig, da auf einer unbekannten Abschrift beruhend, die andere gekürzt. Ausgesprochen schlechte Noten bekommt die relativ bekannte Fassung von Inge Buck, die nicht auf den Quellen beruht, sondern auf einer früheren Edition und eher eine Version ist, die den Zeitgeist des endenden 20. Jahrhunderts widerspiegelt als die Position Karoline Kummerfelds. Allerdings bleibt die Frage, wie man die Texte einer breiteren Öffentlichkeit in lesbarer Form zugänglich machen kann – schließlich wurde der Druck des (zweiten) Textes zu Lebzeiten der Verfasserin zweimal abgelehnt.

Angesichts der sehr großen Zahl von Personen durch die wechselnden Theatergruppen und der vielen Orte durch ihr notgedrungenes Ziehen von Stadt zu Stadt wie auch der großen Zahl der gespielten Stücke ist die wissenschaftliche Edition eine Leistung, die höchsten Respekt abverlangt. Es ist schon bewundernswert, was die Herausgeberinnen und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch ihre Nachforschungen in den häufig umfangreichen Anmerkungen den Lesern an Informationen zur Verfügung stellen. Die Erläuterungen (Personen, Stücke, Orte, Sachen) sind nicht nur, aber besonders theatergeschichtlich, vorzüglich. So lässt ein Versehen – keine Informationen über Gensicke und seine Frau (Teilband 2, S. 918f.), die sonst anzutreffende Sorgsamkeit in dieser Hinsicht nur um so heller hervortreten. Außerdem haben die Herausgeberinnen dem Text lobenswerterweise Kurzbiographien angehängt, so dass die Daten dort nachgeschlagen werden können. Während die Annotationen ausgesprochen gründlich, ja z.T. überbordend sind – muss man wirklich die Geschichte eines Spielortes, einer Institution oder eines Gebäudes, z.T. bis ins 20. Jahrhundert, wiedergeben? Sind Wörter wie z. B. „Ausflucht“ oder „Grille“ (Teilband 1, S. 167, 239) wirklich erklärungsbedürftig? –, fehlen dann doch gelegentlich Informationen, die für das Verständnis des Textes relevant sind. Sicherlich kann man angesichts des Umfangs kaum Lückenlosigkeit erwarten, aber wenn es die Hauptperson unmittelbar angeht, sind solche Blindstellen schmerzlich. Obwohl schwere Krankheiten die Berufstätigkeit von Karoline Kummerfeld des Öfteren erheblich beeinträchtigten, erfährt man nur dürftigste Erläuterungen darüber, worum es sich handelte. So wäre es z. B., als sie schrecklich unter der roten Ruhr litt, sinnvoll gewesen anzumerken, dass diese Krankheit ansteckend ist und es lokale Epidemien gab, wofür es im Text Hinweise gibt (Teilband 1, S. 248f.). Schauspieler beiderlei Geschlechts setzten sich aufgrund ihrer Mobilität einer erheblichen Gefahr aus. Dafür wird die Geschichte des gelehrten Kindes, das die Vorlage zu einem Stück gleichen Namens bildete, in dem die Schulze-Kinder spielten, zur Kenntnis gebracht und berichtet, dass dieses Kind an „Zöliakie“ gestorben sei. (Teilband 2, S. 621). Wichtig wäre auch gewesen, auf die Wirkung von erschreckenden Anblicken auf den Körper von Schwangeren über die imaginatio hinzuweisen: Karoline Kummerfeld schildert als schwangere junge Ehefrau den Schrecken bei der Öffnung von Dosen, aus denen künstliche Schlangen hervorsprangen, und die Folgen dieses Vorfalls (Teilband 1, S. 526–528). Ein paar „technische“ Fehler sind dazu zu registrieren; manchmal sind textkritische Hinweise bei den Anmerkungen stehengeblieben, für die es eine Extra-Abteilung gibt (Teilband 2, S. 929f., 940–947). Sehr hilfreich und natürlich weit wichtiger ist die Synopse der beiden Handschriften für Aufenthaltsorte und wichtige Ereignisse. Ein umfangreicher Personen- und Ortsindex erlaubt denen, die mit ganz spezifischen Fragen an den Text herangehen, einen leichten Zugang.

Diese erste vollständige Edition eröffnet für die Forschung neue Perspektiven. Die Texte sind nicht nur für die Theatergeschichte wichtig oder für die in den gender studies häufig diskutierte Frage, was die Rolle von Frauen im Theater für die Geschlechtergeschichte bedeutete. Mit ihren Ausführungen zur Geschichte von Schauspielerfamilien hat Claudia Ulbrich in den einleitenden Beiträgen bereits Neuland betreten. Eine ganze Reihe von weiteren Feldern bieten sich an; z. B. emotionsgeschichtliche (zu Neid und Stolz). Aber auch weit traditionellere Fragen wie z. B. nach der Bedeutung von Konfession in diesen Kreisen können anhand dieser Edition untersucht werden. Interessant sind auch Karoline Kummerfelds Bemerkungen über das Klima gegenüber Schauspielerinnen und Schauspielern und die Lebensbedingungen in verschiedenen Städten. Und wen die Geschichte Hamburgs interessiert, der wird durch die Weigerung Karoline Kummerfelds, sich an die Hamburger Gebräuche und Sitten anzupassen, eine andere Sichtweise auf die Stadt kennenlernen als durch die Perspektive von Einheimischen wie Margarethe Milow oder Ferdinand Beneke.

Anmerkung:
[1] Inge Buck (Hrsg.), Ein fahrendes Frauenzimmer. Die Lebenserinnerungen der Komödiantin Karoline Schulze-Kummerfeld 1745–1815, München 1994.

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Veröffentlicht am
17.11.2022
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