Berliner Schlossplatz und sozialistische Architektur

: Streitfall Stadtmitte. Der Berliner Schlossplatz. Köln  2009. ISBN 978-3-412-20040-4

Klemm, Thomas; Schröter, Kathleen (Hrsg.): Die Gegenwart des Vergangenen. Strategien im Umgang mit sozialistischer Repräsentationsarchitektur. DOKUMENTATION. Leipzig  2009. ISBN 978-3-9811859-2-8

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Katja Marek, Fachbereich Architektur Stadtplanung Landschaftsplanung, Universität Kassel

Der Berliner Schlossplatz – eine nicht endenwollende Debatte, verbunden mit mehreren Grundproblemen: DDR-Architektur, historische Rekonstruktion, städtisches Leitbild, Nutzung städtischer Mitte…[1] Die Teilnehmer des Kolloquiums „Die Gegenwart des Vergangenen“ analysierten „Strategien im Umgang mit sozialistischer Repräsentationsarchitektur“. Die Ergebnisse dieses bereits 2007 veranstalteten Kolloquiums werden in der gleichnamigen Publikation von 2009 reflektiert.

Den Beiträgen ist die Suche nach einem angemessenen Umgang und einer fundierten Beurteilung von architektonischen und künstlerischen Zeugnissen der DDR-Zeit gemein – ohne nostalgische Verklärung, sondern hinsichtlich ihres Wertes für die Zukunft. Der Denkmalwert ergebe sich aus dem geschichtlichen Zeugniswert, dem identitätsstiftenden Potenzial, der architekturgeschichtlichen Bedeutung und künstlerischen Qualität, aber auch der Wirtschaftlichkeit bei anderen Nutzungs- und Eigentümerstrukturen als zur Entstehungszeit. Den Abriss sozialistischer Bauten kritisiert das Autorenteam als Ausdruck eines selektiven Geschichtsverständnisses. Demgegenüber zeuge es von geschichtlicher Verantwortung, durch einen integrativen Umgang mit DDR-Architektur historische Brüche zu verarbeiten. Die geringe Wertschätzung ostdeutscher Architektur, die sich im Abriss zeige, werde in ihrer (bisher) mangelnden wissenschaftlichen Bearbeitung fortgesetzt. Die Erfassung und wissenschaftliche Einordnung dieser Objekte wäre aber die Grundlage für eine Denkmalpflege, die den Objekten gerecht werde.

Jan Bartknecht stellt in seinem Beitrag zum „Umgang mit gebauten Zeugnissen des Kommunismus in Deutschland und Europa nach 1990“ fest, dass die „Architekturlandschaft des Sozialismus […] weitaus vielschichtiger und differenzierter und in der privaten Erinnerung präsenter [ist] als in der medialen Debatte dargestellt“ (S. 15). Aus der Hinwendung der Europäischen Union zum Osten ergebe sich notwendigerweise eine stärkere Beschäftigung mit kommunistischer Vergangenheit. Dieser Beitrag definiert „Repräsentationsarchitektur“ als „singuläre Bauten und städtebauliche Ensembles, die einer Selbstinszenierung und -darstellung der Herrschenden dienen und deren primäre Merkmale ästhetischer, symbolischer und identitätsstiftender Natur sind“ (S. 17). Für den Umgang mit solcher Architektur unterscheidet Bartknecht drei Formen: erstens den integrativen Umgang als Weiternutzung, beispielsweise als Gedenkstätten für die Opfer der mit dem jeweiligen Symbolort früher verknüpften Politik; zweitens den ikonoklastischen Weg als Zerstörung und Abriss; drittens den konservativ-restaurativen Ansatz, der die sozialistischen Repräsentationsbauten zugunsten ihrer (in der DDR abgerissenen) Vorgängerbauten wiederum zerstöre. Bartknecht sieht darin die „Sehnsucht nach einer häufig als einfach und kohärent verklärten Vergangenheit“ sowie das „Streben nach einer einheitlichen Architektur“ (S. 20). Die Argumentation überzeugt allerdings nicht ganz, denn Rekonstruktionen stellen keine stringente Geschichte wieder her und auch keine einheitliche Architektur. Es geht um Geschichtsglättung, aber nicht ausschließlich und schon gar nicht zugunsten eines Anschlusses an eine zuvor geradlinig oder stimmig verlaufende Geschichte, die man gern akzeptiert. Vielmehr wiederholt man genau das Vorgehen der sozialistischen Epoche und negiert die Geschichte der nächsten Vergangenheit. In Bartknechts Aufzählung fehlt eine vierte Option: die Weiternutzung nach der Sanierung. Dies ist etwa für Schulbauten der ehemaligen DDR häufig zu beobachten, die laut seiner Definition auch zu den Repräsentationsbauten gehören müssten – Schule und Bildung waren Ideale der DDR, die der Repräsentation einer neuen Gesellschaftsordnung dienten.

Hanna Steinmetz fragt in „Bei uns im ‚Volkspalast’“, was ein 20 Jahre brachliegender Berliner Schlossplatz über unsere Gesellschaft aussage. „Gibt es in unserer Kultur einen Grund für die nicht enden wollende Entscheidungs- und […] Planungsfindung für die zukünftige Form und Funktion des Platzes?“ (S. 38) Anhand der Suche nach einem neuen architektonischen Repräsentationsobjekt für Deutschland an dieser prominenten Stelle geht Steinmetz der Frage nach, wie Argumente über den Wert einer Architektur für die gesamte Gesellschaft entwickelt werden. Mit Bezug auf die Gedächtnisforscher Jan und Aleida Assmann sieht Steinmetz Architektur als Medium zur Konstruktion einer nationalen Identität. Der Konflikt in der Wertebeurteilung ergab sich im Fall der Berliner Schlossplatzdiskussion aus den unterschiedlichen Gruppen der Schlossbefürworter und der Palastbewahrer, die zur Konstruktion der nationalen Identität eine jeweils andere Architektur zugrundelegten. Im Zögern, eine endgültige Entscheidung zu treffen, erkennt Steinmetz den Zweifel, ob die jeweils befürwortete Architektur nationale Identität ausdrücken könne. Steinmetz sieht dies als „Kulturproblem“, wie es der Soziologe Niklas Luhmann in seiner Theorie des Kulturvergleichs begründet hat.[2] Die Autorin geht wohl etwas zu weit, wenn sie die Vertreter verschiedener Meinungen als jeweils eigene Kulturen versteht, zumal sie betont, dass es nicht um eine Ost-West-Sicht gehe. Folgt man ihren Ausführungen, dürften Diskussionen um eine Stadtform nur dort vorkommen, wo verschiedene Kulturen aufeinandertreffen. Betrachtet man allerdings die gegenwärtigen Diskussionen in Städten wie Frankfurt am Main, erscheint es logischer, dass es sich überwiegend um Denkmalbewertungskonflikte entlang von Generationslinien handelt, die an einigen Orten ergänzt werden durch Konflikte aufgrund unterschiedlicher Identitätsstrukturen in der Vergangenheit, wie beispielsweise in Ost- und West-Berlin. Steinmetz sieht die Diskussion als einen permanenten Vergleich von Kulturoptionen. Eine Lösung gebe es nicht; nur die temporäre Gestaltung hält sie für möglich. Aber auch Architektur ist temporär und wird nur so lange erhalten, wie sie eine immer neue Wertebestätigung erfährt – ganz gemäß Aleida Assmanns Theorie.[3]

Axel Klausmeier knüpft mit seinem Beitrag „Die Reste der Berliner Mauer“ direkt an Steinmetz an, wenn er anhand der ehemaligen Grenzübergänge und Sperren darstellt, dass unser gegenwärtiger Umgang mit Denkmälern kommenden Generationen ein Bild über unsere heutigen Einstellungen und Methoden vermittle. Es geht dabei um mehr als um die mögliche Erhaltung von Stacheldraht, Wachposten und Scheinwerfern. Klausmeier zeichnet die Divergenz zwischen materieller Form (nur fragile, nicht mehr Angst einflößende Mauerreste) und der historischen Bedeutung der Objekte nach. Er sieht es deshalb als unabdingbar an, dass ein Schutz von Architekturfragmenten auch durch denkmalkundliche Vermittlung aufgebaut werden müsse. „Bauliche Reste sind die Hardware des Betriebssystems DDR.“ (S. 81) Klausmeier gibt damit direkte Handlungsempfehlungen für den Umgang mit sozialistischer Repräsentationsarchitektur.

Silke Wagler erweitert den Begriff „Repräsentationsarchitektur“ auf architekturbezogene Kunstwerke (Wandbilder, Brunnenanlagen oder Freiplastiken) im mittlerweile architektonisch und städtebaulich veränderten Raum. „Die Kunst im öffentlichen Raum verrät viel über die Intentionen ihrer Auftraggeber – sagt aber gleichermaßen [viel] über die aus, die sich später von ihr provozieren lassen.“ (S. 85) Zeitgenössische bildende Künste liefern mit ihren Dokumentationen, Kommentaren, Verwandlungen etc. Methoden der Annäherung an und Vermittlung von DDR-Kunst, vor allem aber Anreize für eine erneute öffentliche Diskussion. Das zeigt sich auch in den von Künstlern besetzten DDR-Repräsentationsbauten, die für den Abriss bestimmt sind – siehe die „Zwischennutzung“ des Palastes der Republik. Dennoch ersetzt dies nicht den wissenschaftlichen Diskurs sowie vor allem die Suche nach konsensfähigen Kriterien zur architekturgeschichtlichen und künstlerischen Bewertung von DDR-Relikten dieser Art.

Das ist auch die Gesamtaussage der Publikation, die dazu aufruft, sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinanderzusetzen und anstelle einer überwiegend emotionalen Debatte Kriterien zu formulieren, die für den Umgang mit DDR-Vergangenheit wegweisend sein können – seien sie architektonisch, baukünstlerisch oder gestalterisch. Leider werden dazu weniger konkrete Leitlinien gegeben, als der Titel es verspricht. Zudem wirkt der Begriff „Repräsentationsarchitektur“ etwas einengend; der Tagungsband umfasst ein breiteres Feld politischer Denkmäler, öffentlicher Gebäude, repräsentativer Staatsbauten, Kriegsmahnmale und bildender Kunst. Die Lektüre entschädigt jedoch durch gelungene, gut aufeinander aufbauende Artikel. Trotz des relativ langen Zeitraums zwischen Kolloquium und Publikation sind die Themen unverändert aktuell. Der Schwerpunkt liegt auf Berlin, doch gibt es immer wieder Seitenblicke nach Dresden und in osteuropäische, früher sozialistische Länder. Die Publikation liefert einige interessante Ansatzpunkte, denen für die ehemaligen Ostblockstaaten in größerem Rahmen nachgegangen werden sollte.

„Wer erzählt warum und […] wie über einen Ort und seine Geschichte“, und welche Konflikte ergeben sich daraus für eine Stadtplanungsdebatte?, fragt Beate Binder in ihrer Monographie „Streitfall Stadtmitte. Der Berliner Schlossplatz“ (S. 28). Sie bemerkt, dass sich die „Klassifikationsraster von Bewahrenswertem […] entlang der Kategorien verschieben, mit denen in der Geschichtsschreibung historisches Wissen geordnet wird“ (S. 51). Dieser Gedanke ist vollkommen richtig und wichtig; er hilft beispielsweise auch nachzuvollziehen, warum historische Rekonstruktionen überhaupt als Option thematisiert werden.[4]

Anderswo werden neben historisch-chronologischen auch ethnische oder geschlechterspezifische Vergangenheitserzählungen räumlich markiert. Den Gedanken einer Ergänzung historischer Markierungen um Aspekte anderer Geschichte(n) von Bürgern oder Gruppen adaptiert Binder von Dolores Hayden[5] und nimmt diese akteurszentrierte Perspektive zum Ausgangspunkt: In wessen Interesse konstituieren historische Narrative Ortsbezogenheit? Welche Gruppen nutzen welche historischen Narrative, um Ortsbezogenheit herzustellen?

Mit diesen Leitfragen betrachtet Binder die Stadtplaner und deren Perspektive auf städtische Geschichte. Sie stellt fest, dass die stadtplanerische Darstellungslogik zu einer „Formatierung der Schlossplatzdebatte“ führte (S. 117), in der Geschichte als Grundlage für die Einordnung und Bewertung der Projekte, Vorstellungen, Neubebauungsideen und weiteren Planung gedient habe. Basis dieser Formatierung sei die historische Erzählstrategie als Abfolge von Planungsschritten. Dargestellt werden in dieser Erzählperspektive alle für die Stadtplanung wichtigen Stationen der Deutung des Schlossplatzes. Die internationale Expertenkommission „Historische Mitte Berlin“ hatte die Aufgabe, unterschiedliche Erzählweisen zu finden und gegeneinander abzugleichen, um für den Schlossplatz Nutzungskonzepte zu empfehlen. Die Positionen der von dieser Kommission angehörten Interessenvertreter nimmt Binder zur Grundlage, um weitere Narrative aufzudecken. Sie untersucht, welche Kategorien hinter den Argumenten der einzelnen Gruppen stecken, und stellt dabei fest, dass häufig selbst innerhalb einer Gruppe verschiedene Narrative angewendet wurden bzw. werden.

Den „Streitfall Stadtmitte“ erklärt Binder umfassend und sehr präzise – aus einer erzählanalytischen Sicht. Nach der Lektüre wird besser verständlich, warum sich ein solcher Konflikt viele Jahre mehr oder weniger ergebnislos hinziehen kann. Versteht Steinmetz in ihrem oben erwähnten Aufsatz den unbebauten Platz als sichtbares Zeichen unserer Kultur, so sieht Binder in der Diskussion einen symbolischen Raum zur Klärung städtischer Identität und Urbanität. Alle Interessenvertreter setzten in ihren Narrativen Lokalität, Nationalität und Globalität in Beziehung, um den eigenen Standort zu bestimmen. Darin zeige sich das Bedürfnis nach einer Selbstpositionierung, aber auch nach einem Raum der emotionalen Zugehörigkeit. „Die Debatte ist […] ein Raum, in dem gesellschaftliche Deutungen und Bedeutungen verhandelt [werden] und [in dem] dabei ein individuelles Leben in Bezug gesetzt wird zur Stadt und ihren Bewohner/innen. In der Auseinandersetzung wird ein gemeinsamer Raum generiert und verteidigt, der durch die Materialität des Orts, tradierte Werte und Bedeutungen und soziale Beziehungen strukturiert ist.“ (S. 303)

Beate Binder liefert einen grundlegenden Beitrag zur Stadtethnologie. Weit über das Fallbeispiel hinaus werden Mechanismen der spätmodernen Gesellschaft, und zwar der Bürger- und Planungsgesellschaft, eingehend dargestellt, die ein grundlegendes Verständnis der gegenwärtigen Diskussionen über das Bild unserer Städte ermöglichen. Die Auseinandersetzungen um „sozialistische Repräsentationsarchitektur“ und die städtebaulichen Transformationsprozesse seit der deutschen Einheit verlieren dadurch nicht ihre Spezifik, rücken aber in einen größeren Zusammenhang.

Anmerkungen:
[1] Siehe dazu, besonders zum Palast der Republik, auch die Sammelrezension von Hanna Steinmetz, 8.4.2009: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-2-019> (06.09.2010).
[2] Niklas Luhmann, Kultur als historischer Begriff, in: ders., Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft, Bd. 4, Frankfurt am Main 1999, S. 31-54.
[3] Aleida Assmann, Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung, München 2007, S. 133.
[4] Für eine zusammenhängende Darstellung zwischen den etwa von Karl Heinz Bohrer dargestellten Neu-Fokussierungen auf Geschichte und dem Wunsch nach Rekonstruktionen vgl. Katja Marek, Rekonstruktion und Kulturgesellschaft. Stadtbildreparatur in Dresden, Frankfurt am Main und Berlin als Ausdruck der zeitgenössischen Suche nach Identität, Kassel 2009, S. 141f.
[5] Dolores Hayden, The Power of Place. Urban Landscapes as Public History, Cambridge 1995.

Redaktion
Veröffentlicht am
07.09.2010
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