D. Shlapentokh (Hrsg.): Russia between East and West

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Titel
Russia between East and West. Scholarly Debates on Eurasianism


Herausgeber
Shlapentokh, Dmitry
Reihe
International Studies in Sociology and Social Anthropology 102
Erschienen
Anzahl Seiten
198 S.
Preis
€ 83,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martin Beißwenger, Department of History, University of Notre Dame

Die sogenannte Eurasische Bewegung zog in jüngster Zeit wieder die Aufmerksamkeit von Beobachtern sowohl in Russland als auch im Ausland auf sich. Entwickelt von russischen Emigranten Anfang der 1920er-Jahre, dominierte die eurasische Ideologie bereits damals die publizistischen Debatten in der russischen Emigration. Kein Wunder, behaupteten die Eurasier doch selbstbewusst, nicht nur die russische Revolution erklären, sondern auch die ewige Frage nach der Zugehörigkeit Russlands zu Europa endgültig verneinend beantworten zu können. Nach ihrer Ansicht war Russland geschichtlich, kulturell, geographisch, ethnographisch, linguistisch und religiös weder ein Teil Europas noch ein Teil Asiens, sondern gleichsam ein dritter, dazwischen liegender „Kontinent“ – eben „Eurasien“. Seit dem Untergang der Sowjetunion haben eurasische Ideen vor allem im gegenwärtigen Russland eine verstärkte Rezeption erfahren und jüngst gar zur Bildung der rechtsextremen „Eurasischen Partei“ Alexander Dugins beigetragen.[1]

Diese neuerliche Popularität eurasischer Ideen hat in den letzten Jahren eine große Anzahl wissenschaftlicher Untersuchungen sowohl der klassischen Eurasischen Bewegung der Zwischenkriegszeit als auch ihrer gegenwärtigen Epigonen inspiriert. Es ist insofern an der Zeit, die Ergebnisse dieser Studien in einem Sammelband gebündelt einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, eine Zwischenbilanz bisheriger Forschungen zu ziehen und die verschiedenen Erscheinungsformen eurasischer Ideen miteinander zu vergleichen. Der hier zu besprechende Sammelband weckt dementsprechend große Erwartungen und dies umso mehr, als einige der Autoren ausgewiesene Spezialisten auf dem Gebiete der Eurasischen Bewegung und ihrer Ideen sind.[2]

Leider kann der vorliegende Band diese hohen Erwartungen nur teilweise erfüllen. Dies liegt zuallererst am Fehlen einer klaren und schlüssigen Definition des „Eurasismus“ selbst. In seiner Einleitung postuliert Dmitry Shlapentokh zwar die ununterbrochene Existenz eines „Eurasismus“, der seit seinem Entstehen in verschiedenen Formen mit der angeblich unveränderten ideologischen Grundannahme weiterlebte, „dass Russland-Eurasien eine getrennte zivilisatorische Einheit war, verschieden sowohl von Asien als auch von Europa“. Gleichzeitig jedoch räumt Shlapentokh ein, dass im Gegensatz dazu das geopolitische Konzept „Eurasien“ bei einigen Protagonisten auch „Europa und einen Gutteil des eigentlichen Asiens“ einschloss (S. 6). Schon alleine deswegen kann jedoch gerade nicht von einem konstanten „Eurasismus” gesprochen werden. Auch ist die Tatsache, dass sich heutige „Eurasier“ auf die Eurasier der Zwischenkriegszeit berufen, kein Beleg für eine ideengeschichtliche Kontinuität. So ist es mehr als zweifelhaft, ob beispielsweise der Historiker Lew Gumiljow in der Tat als „Eurasier“ anzusehen ist, nur weil er sich selbst als einen solchen bezeichnete und sich wie die klassischen Eurasier leidenschaftlich mit der Geschichte der eurasischen Nomadenvölker beschäftigte.

Doch selbst wenn man eine breite Definition des Eurasismus akzeptiert, kann der Sammelband konzeptionell nicht überzeugen, da auf die klassische Eurasische Bewegung kaum eingegangen wird. Zwar werden mit Lew Karsawin und Nikolai Aleksejew wichtige Protagonisten der Bewegung behandelt. Das ideologische und organisatorische Dreigestirn der Bewegung, die sogenannte „Troika“, bleibt jedoch stark unterbelichtet. Während Pjotr Sawizkis und Nikolai Trubezkois Schriften verschiedentlich Erwähnung finden, wird Pjotr Suwtschinski, Mitbegründer und Ideologe der Bewegung, nur en passant erwähnt, ohne dass dabei seine wichtigen kunst- und religionsphilosophischen Ideen erörtert werden.

Trotz fehlender konzeptueller Kohärenz bieten die einzelnen, chronologisch geordneten Beiträge des Sammelbandes einige faszinierende Einsichten in das russische Denken zwischen „Ost“ und „West“. Den Band eröffnet ein reichhaltiger Überblick von Marlène Laruelle über die vielschichtigen Bedeutungen, die „der Osten“ für russische Denker seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts besaß. Laruelle kann überzeugend nachweisen, wie verschieden und nicht selten widersprüchlich die Bedeutung des Ostens im russischen Denken war, fielen unter diese Kategorie doch so unterschiedliche Territorien wie der christliche Osten des ehemaligen Byzantinischen Reiches, zahlreiche nomadische Steppenvölker, der Kaukasus oder Zentralasien. Mannigfaltig, so Laruelle, war auch die Wirkung dieser Ideen, die nicht nur Kunst, Literatur und Philosophie, sondern auch Politik und Wissenschaft beeinflussten.

Für die unmittelbare Vorgeschichte des klassischen Eurasismus stellt Stefan Wiederkehr die interessante Hypothese auf, dass dieser als Reaktion auf den Pan-Turanismus verstanden werden könnte, der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die politische und kulturelle Vereinigung aller Turkvölker propagierte. In Wiederkehrs Lesart wäre damit der Eurasismus eine von russischen Intellektuellen bewusst konstruierte imperiale Ideologie, die das Auseinanderbrechen des Russischen Imperiums verhindern sollte. Wiederkehrs kenntnisreiche Darstellung pan-turanischer Ideen und ihrer Wirkung in Russland liest sich mit Gewinn. Seine insgesamt durchaus plausibel erscheinende Vermutung wird jedoch durch das Fehlen jeglicher archivalischer oder anderer Belege seitens der Eurasier selbst wesentlich beeinträchtigt.

Einleuchtend schildert Françoise Lesourd die eigenwilligen geschichtsphilosophischen und religionsphilosophischen Schriften des Historikers Lew Karsawins, insbesondere die Arbeiten seiner kurzen eurasischen Periode von 1925 bis 1929. Während Karsawins konzeptuelle Bedeutung für den Eurasismus außer Zweifel steht, unterschätzt Lesourd jedoch dessen Einfluss auch auf die organisatorische Seite der Bewegung. Diese Fehleinschätzung beruht nicht zuletzt auf Lesourds allzu unkritischer Benutzung von Karsawins Verhörprotokollen aus sowjetischer Haft, in denen dieser selbstverständlich seinen Anteil an der als konterrevolutionär eingestuften eurasischen Organisation zu minimisieren suchte.

Karsawins Verständnis des Staates ist das Thema eines kurzen Artikels von Ryszard Paradowski. Dessen Lesart von Karsawins Ideen ist polemischer und deutlich politischer als in Lesourds Beitrag, mit dem es leider viele unnötige Überschneidungen gibt. Auf die Schriften des eurasischen Rechtsphilosophen Nikolai Aleksejew geht Paradowskis viel zu kurz ein, um seine These angeblicher Gemeinsamkeiten eurasischer Ideen mit totalitären Staatskonzeptionen wirklich plausibel machen zu können.

Interessant, jedoch eher zufällig zusammengestellt, sind Roman Bäckers Bemerkungen zu den Reaktionen polnischer Intellektueller in der Zwischenkriegszeit auf den Eurasismus, die von kritischen Bemerkungen des Sozialisten Kazimierz Czapiński bis zu eher wohlwollenden Kommentaren des Philosophen Marian Zdziechowski reichten.

Vadim Rossmans Untersuchung zu antisemitischen Tendenzen eurasischer Autoren ist zweifellos einer der interessantesten Beiträge des Sammelbandes. Kompetent diskutiert Rossman die rassistischen Theorien Lew Gumiljows zur Ethnogenese sowie Alexander Dugins geopolitische und antisemitische Schriften. Rossmans Aussage, dass im Gegensatz zu Gumiljow und Dugin die klassischen Eurasier keinen rassistischen Antisemitismus propagierten und dass deren antisemitische Tendenzen „schlimmstenfalls marginal“ (S. 160) waren, ist jedoch problematisch. Zwar wandten sich einige Eurasier vor und insbesondere nach 1933 explizit gegen einen rassistischen Antisemitismus, wie er beispielsweise vom Nationalsozialismus vertreten wurde. Dennoch teilten auch sie einen religiös motivierten Anti-Judaismus und sozialen Antisemitismus. Vor allem die private Korrespondenz von Suwtschinski und Trubezkoi, aber auch Trubezkois Artikel „Über den Rassismus“ bedienten sich sehr wohl antisemitischer Stereotypen, spricht Trubezkoi doch bezeichnenderweise vom „zersetzenden [corrupting] Einfluss“ der Juden (S. 150). In wieweit sich dies tatsächlich vom Antisemitismus mancher Neo-Eurasier unterscheidet, erscheint nicht so eindeutig wie von Rossman behauptet.

Unglücklicherweise leidet der gesamte Sammelband an schweren technischen Mängeln. Zahlreiche Beiträge sind schlecht redigiert und lektoriert, es fehlt eine einheitliche Transkription russischer Begriffe, Namen und der eurasischen Terminologie. Schlimmer noch wiegt, dass ein wesentlicher Teil der Einleitung inmitten des ersten Kapitels abgedruckt wurde.

Die vorliegende Publikation hinterlässt somit einen recht zwiespältigen Eindruck. Die einzelnen Kapitel sind, für sich betrachtet und in unterschiedlichem Grade, aufschlussreich und gewinnbringend für die weitere Forschung zum eurasischen Denken. Eine wie auch immer geartete vollständige und schlüssige Vorstellung des Eurasismus bieten sie jedoch nicht. Die Geschichte des klassischen Eurasismus der Zwischenkriegszeit und sein Zusammenhang mit ähnlichen früheren oder späteren Erscheinungen sowie seine Rolle im wissenschaftlichen und publizistischen Diskurs Russlands, Europas und Asiens harrt weiterhin der Erforschung.

Anmerkungen:
[1] Siehe dazu neuerdings: Marlène Laruelle, Russian Eurasianism: An Ideology of Empire, Washington 2008.
[2] So beispielsweise: Marlène Laruelle, L’Idéologie eurasiste russe ou comment penser l’empire, Paris 1999; Roman Bäcker, Międzywojenny eurazjatyzm: Od intelektualnej kontrakulturacji do totalitaryzmu?, Łódź 2000; Stefan Wiederkehr, Die eurasische Bewegung. Wissenschaft und Politik in der russischen Emigration der Zwischenkriegszeit und im postsowjetischen Russland, Köln 2007.