C. Caruso u.a. (Hrsg.): Postwar Mediterranean Migration

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Titel
Postwar Mediterranean Migration to Western Europe. La migration méditerranéenne en Europe occidentale après 1945. Legal and Political Frameworks, Sociability and Memory Cultures. Droit et politique, sociabilité et mémoires


Herausgeber
Caruso, Clelia; Pleinen, Jenny; Raphael, Lutz
Reihe
Inklusion/Exklusion - Studien zu Fremdheit und Armut von der Antike bis zur Gegenwart 7
Erschienen
Frankfurt am Main 2008: Peter Lang/Frankfurt am Main
Anzahl Seiten
261 S.
Preis
€ 45,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Monika Mattes, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Die Geschichte der europäischen Arbeitsmigration und ihrer Folgen gehört zu den besonders intensiv erforschten Gebieten innerhalb der Migrationsforschung.[1] In den Jahren des Wirtschaftsbooms nach dem Zweiten Weltkrieg begannen viele hochindustrialisierte Länder West- und Nordeuropas ausländische Arbeitskräfte vor allem aus dem Mittelmeerraum anzuwerben. Das dabei zugrunde gelegte Konzept einer temporären „Gastarbeit“ erwies sich als untauglich – aus Arbeitsmigration wurde Einwanderung, auf die die ehemaligen Anwerbeländer mit unterschiedlichen Eingliederungskonzepten und -politiken reagierten. Die Geschichte der Arbeitsmigration wird seit einigen Jahren nicht mehr nur linear aus der Perspektive des Einwanderungslandes geschrieben, sondern zunehmend auch als Geschichte der Migranten und ihrer familiären bzw. individuellen Lebensentwürfe erforscht. Nun liegt ein neuer Sammelband vor, der im Rahmen des Teilprojekts „Administrative Kontrolle, organisierte Betreuung und (Über-)Lebensstrategien mediterraner Arbeitsmigranten in den Montanregionen zwischen Rhein und Maas 1950–1990“ des Trierer Sonderforschungsbereichs 600 „Fremdheit und Armut“ entstanden ist. Die englischen und französischen Beiträge gehen fast alle zurück auf eine Tagung vom März 2007.[2]

Der Band gliedert sich in drei Teile – erstens politische, rechtliche und ökonomische Rahmenbedingungen, zweitens Arbeit und Lebenswelt, drittens kollektive Gedächtnisse. Den Einzelbeiträgen vorangestellt ist ein theoretisch angelegter Problemaufriss von Lutz Raphael, der vorschlägt, das neuere Paradigma der Transnationalität mit Pierre Bourdieus Theorie des sozialen Raumes zu verbinden, um die zwischen zwei Ländern stattfindenden Prozesse der Immigration/Emigration genauer zu erfassen. Auf diese Weise geraten die engen Beziehungen in den Blick, die die Einwanderer zum Herkunftsland aufrechterhalten und die, gestützt auf grenzüberschreitende familial-dörfliche, ökonomische, religiöse und politische Netzwerke, zur Entstehung von „transnationalen“ oder „transstaatlichen“ Räumen führen können. Mit der Migration bildet sich für die Migranten ein komplexes Netz räumlicher Bezüge, in dem physisch-geographische Räume von Herkunfts- und Einwanderungsland getrennt sind, die sozialen, imaginären und psychischen Räume sich indes überlagern. Ob es sich dabei (in Anlehnung an den franko-algerischen Soziologen Sayad Abdelmalek) um eine „doppelte Abwesenheit“ oder eine „doppelte Anwesenheit“ der Migranten handelt, dürfte empirisch letztlich schwierig zu rekonstruieren sein.

Für die mediterrane Arbeitsmigration nach 1945 konstatiert Raphael einerseits Gemeinsamkeiten hinsichtlich grenzüberschreitender Netzwerke und Praktiken. Andererseits dürfe die Prägekraft der Politik nicht vergessen werden, die sich neben der Dekolonisierung vor allem in der Schaffung eines rechtlichen Rahmens für europäische Arbeitsmigration zeige. Mit der EU-Mitgliedschaft ehemaliger Emigrationsländer wie Italien, Spanien, Portugal und Griechenland, die ihrerseits zu Einwanderungsländern geworden sind, werde eine neue politische und soziale Grenze im Mittelmeerraum gezogen. Die Entwicklung von zwei getrennten Wanderungsräumen werde durch zunehmend schärfere Grenzkontrollen sowie eine Inszenierung kultureller und religiöser Unterschiede noch vertieft.

Nach dieser stimulierenden Einführung in die Versuchsanordnung des Trierer Projekts wäre es wünschenswert gewesen, die Einzelbeiträge noch stärker darauf zu beziehen. Das gelingt nur zum Teil – und zwar bei denjenigen Artikeln, die am Sonderforschungsbereich selbst entstanden sind und sich an dem dort verwendeten Konzept von Inklusion/Exklusion orientieren.

Im thematisch sehr heterogenen ersten Teil untersucht Jim Miller die Perspektive französischer Planungsexperten auf die algerische Immigration nach Lothringen im Spannungsfeld von Dekolonisierung und Modernisierungspolitik. Ihre französische Staatsbürgerschaft machte die algerischen Migranten vorübergehend zum umstrittenen Objekt von Assimilierungsplänen – allerdings nur bis zur algerischen Unabhängigkeit. Jenny Pleinen analysiert am Beispiel Belgiens die Überwachung und moralische Disziplinierung von Arbeitsmigranten aus Italien und Spanien durch die Ausländerpolizei. Migranten galten per se als Gefahr für öffentliche Sicherheit und Ordnung. Anhand von vier Fallgeschichten wird deutlich, wie abweichendes Verhalten (etwa außereheliche oder homosexuelle Beziehungen) als moralische Verfehlung mit Entzug der Aufenthaltserlaubnis und Abschiebung geahndet wurde. Zum behördlichen Maßstab wurden rigide konservative Familiennormen, die sich in der belgischen Mehrheitsgesellschaft längst aufzulösen begannen. Karolina Novinšćak fragt, welche Bedeutung die nationalistische Massenmobilisierung bzw. die Auflösung der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien für die kroatischen „Gastarbeiter“ und ihre Organisationen im Ausland hatten. Ein „long-distance nationalism“, getragen durch nationalistische Parteien wie die Kroatische Demokratische Union, habe nicht nur zur Neuformierung von Migrantenorganisationen geführt, sondern auch die Entstehung einer „imaginierten nationalen Gemeinschaft“ von „Diaspora-Kroaten“ gefördert.

Im zweiten Teil zu Arbeit und sozialem Leben widmet sich Grazia Prontera der Entstehung der bereits gut erforschten italienischen Community in Wolfsburg anhand von Lebengeschichten sowie Darstellungen in der deutschen und italienischen Presse. Am Beispiel der algerischen Arbeiter in der lothringischen Stahlindustrie in Longwy lenkt Sarah Vanessa Losego den Blick auf die paternalistisch-autoritäre Sozialarbeit von zwei karitativen Vereinen und deren Agieren im Rahmen von Programmen zur „sozialen Anpassung französischer Musulmanen aus Algerien“ an das „moderne“ Leben der Metropole. Dabei zeigt sich nicht nur, wie christlich-humanitäre und pseudowissenschaftliche Diskurse die kolonialen Vorstellungen vom „kindlichen Algerier“ stützten, sondern auch, wie Willkür und Klientelismus in die Gewährung sozialer Leistungen hineinspielten.

Schließlich geht es im dritten Teil um Erinnerungskulturen von Migranten. Sarah Vanessa Losego und Lutz Raphael zeigen wiederum für das lothringische Longwy, dass dort die ältere Arbeitsmigration aus Italien, Belgien und Polen lediglich als Teil der Erinnerungskultur der lokalen, traditionell männlich geprägten Arbeiterbewegung vorkommt, die spezifische Migrationserfahrung jedoch auf individuelle oder familiäre Erinnerung begrenzt bleibt. Dies trifft in noch stärkerem Maß für die nordafrikanische Migration zu. Aufgrund der Verbindung mit Kolonialismus und Krieg wurde sie öffentlich kaum thematisiert oder blieb dem offiziellen Deutungsmonopol des „Freundeskreises der Algerier in Frankreich“ unterworfen. Zwar ist auf nationaler Ebene eine Erinnerungskultur in Form von autobiografischer Literatur und Filmen mittlerweile in Gang gekommen, doch bleibt deren Widerhall auf lokaler Ebene den Autoren zufolge schwierig einzuschätzen.

Wesentlich schmaler ist die Kluft zwischen privater und nationaler Erinnerung im Fall der italienischen Migration in Belgien, wie der Beitrag von Clelia Caruso über das kollektive Gedächtnis italienischer Arbeitsmigranten in Seraing zeigt. Am Beispiel zweier historischer Persönlichkeiten wird rekonstruiert, wie lokale italienische Organisationen miteinander rivalisierten, um bestimmte Erinnerungspraktiken zu etablieren. Während die Figur des italienischen Résistancemitglieds Giuseppe Mattioli erst in den 1980er-Jahren mit dem Gedenken an den Zweiten Weltkrieg verknüpft wurde und sich seither als fester Bestandteil der lokalen italienischen Erinnerungskultur durchsetzen konnte, gelang es der Italienischen Katholischen Mission nicht, das öffentliche Gedenken an den ersten Missionspfarrer in Seraing, Guido Piumatti, dauerhaft zu verankern, weil hier ein über die Migration hinausreichender nationaler Bezug fehlte.

Als Fazit ist positiv hervorzuheben, dass die meisten Beiträge des Bandes der Arbeitsmigration in ihren komplexen politischen, juristischen, sozialen und kulturellen Wirkungszusammenhängen gerecht zu werden versuchen. Vielfach gelingt es dabei, den Blick auf noch unzureichend erforschte Bereiche zu lenken – etwa auf nichtstaatliche Organisationen, die Verbindungen zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland herstellten. Eine Schwäche des Sammelbandes ist hingegen die Gliederung. So erschließt es sich der Leserin oder dem Leser nicht auf Anhieb, warum der überproportional lange erste Teil zwei Kommentare desselben Autors (Federico Romero) enthält, die anderen beiden Teile jedoch ohne Kommentar auskommen müssen. Einem Mangel an Sorgfalt ist es zuzuschreiben, dass sich Romeros zweiter Kommentar auf Pleinens Tagungsvortrag bezieht, welcher im Sammelband jedoch durch einen anderen Text ersetzt wurde. Auch der Beitrag von Manuela Martini über Migrationsmuster im Pariser Baugewerbe der Zwischenkriegszeit passt nur bedingt in einen Sammelband, der sich auf die Zeit nach 1945 konzentriert. Von den genannten Schwächen abgesehen, bietet der Band einen sehr anregenden, thematisch fokussierten Einblick in die sich produktiv weiterentwickelnde historische Migrationsforschung.

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Heinz Fassmann / Rainer Münz (Hrsg.), Migration in Europa. Historische Entwicklung, aktuelle Trends, politische Reaktionen, Frankfurt am Main 1996; Dirk Hoerder / Leslie P. Moch (Hrsg.), European Migrants. Global and Local Perspectives, Boston 1996; Klaus J. Bade, Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2000; Rainer Ohliger u.a. (Hrsg.), European Encounter. Migrants, Migration and European Societies since 1945, Aldershot 2003.
[2] Vgl. Julia Seibert: Tagungsbericht zu: Die Sozialräume der mediterranen Arbeitsmigration: rechtliche und politische Voraussetzungen der Mobilität, Migrationskarrieren und Migrationsgedächtnisse. 08.03.2007-10.03.2007, Trier. In: H-Soz-u-Kult, 12.09.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1704> (26.03.2009).