P. Reichel u.a. (Hrsg.): Der Nationalsozialismus - die zweite Geschichte

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Titel
Der Nationalsozialismus - die zweite Geschichte. Überwindung - Deutung - Erinnerung


Herausgeber
Reichel, Peter; Schmid, Harald; Steinbach, Peter
Erschienen
München 2009: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
496 S., 54 Abb.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Eumann, NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

Seit einiger Zeit grassiert in Deutschland ein öffentliches Unbehagen über eine wirkliche oder vermeintliche kulturelle Hegemonie der (oft nicht präziser bestimmten) Linken in vielen Lebensbereichen. Anfang Mai 2009 war im „SPIEGEL“ das Manifest eines frustrierten exlinken Neukonservativen zu lesen, in dem er mit einer gar nicht „SPIEGEL“-üblichen unironischen, selbstmitleidigen Bitterkeit die angebliche Allgegenwart einer linken Gutmenschen-Ethik anprangerte.[1] Wenn es je einen zeitweiligen Konsens der Nachkriegsgesellschaft über die Lehren aus der Vergangenheit und die sich daraus ergebenden Notwendigkeiten im Umgang mit sich selbst, mit den NS-Opfern und den ehemaligen Feinden gegeben hat, dann war dies vermutlich die bedeutendste Quelle der neuerdings so beschworenen linken Hegemonie. Wie es dazu kam, dass sich auf den verschiedensten gesellschaftlichen und kulturellen Feldern seit etwa Ende der 1950er-Jahre ein Bruch zwischen den Generationen auftat, der zu einer vollständig veränderten Wahrnehmung der nationalsozialistischen Epoche führte, lässt sich in einem neuen, von Peter Reichel, Harald Schmid und Peter Steinbach herausgegebenen Sammelband über die „zweite Geschichte“ des Nationalsozialismus seit 1945 konzise nachlesen.

Der fast 500 Seiten starke Band umfasst 15 Beiträge mit unterschiedlichem Umfang. Mitherausgeber Peter Reichel untersucht in seinem sehr instruktiven Beitrag über den „Nationalsozialismus vor Gericht“ die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen in der Nachkriegszeit. Zwar werden vor allem die bedeutenden Prozesse chronologisch der Reihe nach behandelt, aber der Autor verliert dabei nie die politische Dimension und die Wahrnehmung der Öffentlichkeit aus dem Blick. Eine Zusammenfassung zur Geschichte der Wiedergutmachung der NS-Verbrechen und der Entschädigung der einzelnen Opfergruppen liefert Constantin Goschler. Allen, die sich über dieses Feld schnell informieren wollen, kann der Artikel nur empfohlen werden, auch wenn die Debatte der Zeitgenossen über Sinn und Unsinn von Wiedergutmachung ein wenig zu kurz kommt. Mit den Tücken der Entnazifizierung beschäftigt sich Angela Borgstedt in ihrem Text über die „kompromittierte Gesellschaft“; sie zieht ein negatives Fazit des Ertrags derartiger Anstrengungen. In ihrem Aufsatz über den „Wandel der politischen Kultur in der Bundesrepublik“ analysiert Claudia Fröhlich die Entwicklung der Haltungen zum Nationalsozialismus – ausgehend vom Prozess gegen Otto Ernst Remer und der Gründung der Bundeszentrale für Heimatdienst im Jahr 1952 über die Ohrfeige von Beate Klarsfeld für Kanzler Kiesinger 1968 und die Ausstrahlung der Fernsehserie „Holocaust“ 1979 bis zum „Historikerstreit“ von 1986/87. Über die Einstellungen der Bundesbürger insgesamt ist hingegen weniger zu erfahren. Ein Vergleich der beiden zitierten Umfragen vom Ende der 1940er-Jahre mit späteren Einstellungserhebungen wäre sicher aufschlussreich gewesen.

Weitere Aufsätze behandeln die gesellschaftliche Debatte über die NS-Diktatur auf drei verschiedenen Feldern. Der Beitrag von Mitherausgeber Peter Steinbach über die „publizistischen Kontroversen“, der längste Beitrag des Bandes, mäandert gleichsam durch Vorwürfe und Rechtfertigungen der Akteure, ohne dass eine klare analytische Linie zu erkennen wäre. Die wichtigsten Dispute werden erwähnt – etwa die Nachkriegsauseinandersetzungen über die Emigration und den Widerstand sowie aus späteren Jahren die Meinungsverschiedenheiten über Bitburg 1985 oder der „Historikerstreit“. Steinbach bleibt dabei aber abstrakt und benennt die Akteure sowie die veränderten Konfliktlinien der Kontroversen nicht genau. Ein weiterer Mitherausgeber, Harald Schmid, analysiert die „politischen Gedenktage“ in ihrer Entwicklung zwischen Kriegsende und Berliner Republik. Er zeigt eindrucksvoll, wie sich das Gedenken zum Beispiel an den 8. Mai entlang gewandelter innen- und außenpolitischer Legitimationsbedürfnisse verändert hat. Mit „Historiker[n] und [der] zweite[n] Geschichte“ befasst sich Christoph Cornelißen. Dabei steht vor allem der den Erkenntnisgewinn lange Zeit eher hemmende als stimulierende Streit zwischen Intentionalisten und Funktionalisten im Zentrum.

Die acht folgenden, eher knappen Aufsätze skizzieren die Auseinandersetzung von Künstlern und Medienschaffenden mit dem Nationalsozialismus. Irmela von der Lühe analysiert den „hilflosen Antifaschismus“ und usurpatorischen Philosemitismus der Nachkriegsliteratur, Norbert Otto Eke das deutschsprachige Drama (wobei er die Rezeption vernachlässigt) sowie Sven Kramer den Film – angefangen mit dem ersten deutschen Nachkriegsfilm „Die Mörder sind unter uns“ von 1946. Je weiter Kramer in der Zeit vordringt, desto stärker wird auf dem knappen Raum leider die Tendenz zum Namedropping, während die Konjunkturen der filmischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus nicht hinreichend klar werden. Knut Hickethier untersucht die Präsentation des „Dritten Reichs“ im bundesdeutschen Fernsehen, und Ulrich Krempel betrachtet die bildende Kunst in ihrer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Auf Cornelia Brinks Beitrag über die „fotografische Erinnerung“ folgt ein Text von Stefanie Endlich über „Mahnmale und Gedenkstätten“, der die Entwicklung vom ursprünglich gemeinsamen Gedenken in den deutschen Besatzungszonen über den Umgang mit den historischen Stätten des NS-Terrors während des Kalten Krieges bis zur Gründung lokaler Gedenkstätten wie des Kölner NS-Dokumentationszentrums in der Mitte der 1980er-Jahre nachzeichnet. Den Abschluss dieser Reihe bildet ein Aufsatz von Winfried Nerdinger über das „Gedächtnis der Architekten“, der sich vor allem mit publizistischen Kontroversen über Tradition und Moderne in der Fachpresse und dem Umgang mit der steinernen Hinterlassenschaft der zwölf Jahre befasst. In ihrem perspektivischen Schlusswort begeben sich die Herausgeber auf eine Rundreise durch die europäischen Gedenkkulturen „nach dem Ende nationaler Nachkriegsmythen“ und fragen nach der Möglichkeit einer „europäischen Erinnerungskultur“.

Mit Ausnahme des Beitrags von Irmela von der Lühe haben alle Autorinnen und Autoren ihr Thema beinahe bis in die Gegenwart verfolgt, was die Veränderungen im Lauf der letzten 60 Jahre besonders plastisch hervortreten lässt. Sehr positiv ist zudem, dass beinahe durchgängig auch die ostdeutsche Seite ausgiebig und kenntnisreich beleuchtet wird. Redundanz ist in einem solchen Sammelband nicht völlig zu vermeiden; hier hält sie sich aber in engen Grenzen und hat eher die erkenntniserweiternde Funktion, dass komplexe Sachverhalte aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden. Ein gemeinsamer Befund ist dabei, dass sich die westdeutsche Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung besonders zwischen den späten 1950er- und den frühen 1970er-Jahren geändert hat: Das Totschweigen der Verbrechen, die Selbstexkulpierung als Kriegsopfer und die wegen der aggressiven Fixierung der bundesdeutschen Medien auf die DDR als Negativfolie mögliche Ablenkung von eigenen Unzulänglichkeiten machten nach und nach einer kritischeren Perspektive Platz, die Raum für Zweifel geschaffen hat.

Im Moment ist im Diskurs über die jüngere deutsche Vergangenheit kein erneuter Richtungswechsel zu erkennen. Das Aufkommen von Vertreibung und Bombenkrieg als legitimen Themen seit Mitte der 1990er-Jahre hat nicht zu der von vielen befürchteten Schwerpunktverschiebung zur Opfergeschichte geführt. Mit dem Sammelband liegt eine insgesamt gelungene Bilanz der letzten sechs Jahrzehnte vor, der eine breite Rezeption auch außerhalb der Fachkreise zu wünschen ist.

Anmerkung:
[1] Jan Fleischhauer, Unter Linken. Wie man aus Versehen konservativ wird, in: SPIEGEL, 4.5.2009, S. 152ff.