R. van Dijk u.a. (Hrsg.): Encyclopedia of the Cold War

Cover
Titel
Encyclopedia of the Cold War.


Herausgeber
van Dijk, Ruud; Gray, William Glenn; Savranskaya, Svetlana; Suri, Jeremi; Zhai, Qiang
Erschienen
New York 2008: Routledge
Anzahl Seiten
2 Bde., XXX, 987, LVII S.
Preis
$ 550.00/£ 260.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernd Greiner, Hamburger Institut für Sozialforschung

Zwei Bände mit zusammen gut 1.000 Seiten, 191 Autoren und 424 Einträgen – Ruud van Dijk und seine Mitherausgeber haben sich einer gewaltigen Aufgabe gestellt. Als „Schaufenster“ der neuen Historiographie zum Kalten Krieg verstehen sie ihre jüngst vorgelegte Enzyklopädie, als Leistungsschau jener „Cold War Studies“ also, die gemeinhin zu den Impulsgebern der Zeitgeschichte gerechnet werden.

Die Zeit war reif für ein derartiges Kompendium, wie bereits ein flüchtiger Blick auf die letzten 20 Jahre zeigt. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden nicht nur unüberschaubar viele Studien über die Konkurrenz der Systeme vorgelegt; in erster Linie hat sich der wissenschaftliche Blick geändert, Fragestellungen und Methoden inbegriffen. Während des Kalten Krieges selbst war die Geschichtswissenschaft so übersichtlich, einleuchtend und wohlgeordnet wie ihr Gegenstand. Man konzentrierte sich auf die beiden Supermächte und versuchte den politischen Streitfragen der Zeit auf den Grund zu gehen: Wer trug die Schuld am Ausbruch des Kalten Krieges? Wer verpasste wann und warum die Gelegenheit zur Beilegung des Konflikts? Was trieb den Rüstungswettlauf an? Wie verhielten sich die Akteure in akuten Konfliktsituationen, auf welche Weise und mit welchen Mitteln wurden Krisen überwunden? Die Schärfe und Polemik dieser Debatten gehören längst der Vergangenheit an; „Orthodoxe“, „Revisionisten“ und „Post-Revisionisten“ begegnen sich nur noch als Zeitzeugen und Stichwortgeber einer jungen Generation, die aus emotionaler und normativer Distanz diskutiert, vor allem aber neue Fragen stellt. In diesem Sinne gehen die beiden Bände auch weit über die in den frühen 1990er-Jahren von Thomas Arms vorgelegte Enzyklopädie zum Kalten Krieg hinaus.[1]

Zu Recht sprechen die Herausgeber vom „holistischen Anspruch“ der „Cold War Studies“: Diplomatie- und Militärgeschichte haben nach wie vor ihren festen Platz, aber sie bestimmen längst nicht mehr den Kanon. Vielmehr wird der Kalte Krieg als „Regime“ verstanden, das tief in die Poren unterschiedlicher Gesellschaften eindrang und überall seine unverwechselbaren Spuren hinterließ – im sozialen und kulturellen Leben, in der Wirtschaft wie in der Wissenschaft, in Bildung, Erziehung und Medien, in der Art und Weise, wie politische Konflikte im Alltag ausgetragen und die Beziehungen zwischen Geschlechtern, Klassen und ethnischen Gruppen gestaltet wurden. Statt wie ehedem die Welt aus bipolarer Perspektive zu betrachten, fixiert auf die Leitsterne Washington und Moskau, geht es heute um einen globalen Blick auf alle Kontinente und Akteure sowie vor allem darum, die wechselseitigen Beziehungen zwischen vermeintlich „Schwachen“ und angeblich „Starken“ angemessen zu würdigen. Weil seit 1991 weltweit Archivmaterial in beispiellosem Umfang gehoben wurde, können derlei Fragen auf solider Quellengrundlage erörtert werden, allen Regressionen russischer Archivpolitik zum Trotz.

Die Autoren der vorliegenden Enzyklopädie sollten, so die Vorgabe der Herausgeber, den „holistischen Ansatz“ vertreten und die Verflechtungen von Politik, Diplomatie, Militär und Alltag, von „oben“ und „unten“, Macht und Ohnmacht darlegen. Kurz: Gefordert waren Miniaturen zu einer Gesellschaftsgeschichte des Kalten Krieges, arrangiert auf einer in vier Zyklen getakteten Zeitachse: 1945–1953, 1954–1964, 1965–1979, 1980–1991. Allein hinsichtlich des lexikalischen Arrangements war man zu einem Zugeständnis an die Tradition bereit: Wie eh und je werden die Einträge zu Ereignissen, Akteuren und Themenfeldern in alphabetischer Reihenfolge präsentiert. Wer ein Gebiet systematisch erschließen will, muss auf den Index mit weitläufigen Querverweisen zurückgreifen.

So sehr die Konzeption einleuchtet, so fragwürdig ist ihre Umsetzung. Von den insgesamt 191 Autorinnen und Autoren stammen über 120 aus den USA, mehr als 50 aus Westeuropa und Kanada und nur ein gutes Dutzend aus der restlichen Welt – 16:1 für die Stammbesetzung der alten NATO also. Dieser beengten Perspektive entsprechen auch die weiterführenden Literaturhinweise am Ende jedes Eintrags. Der Löwenanteil, schätzungsweise 90 Prozent, entfällt auf englischsprachige Literatur, die zum größten Teil wiederum in den USA erschienen ist. Texte aus anderen Sprachen und Kulturen – mithin aus fremden Erfahrungsräumen des Kalten Krieges – werden in der Regel nur zur Kenntnis genommen, sofern sie in englischer Übersetzung vorliegen; weil dieses Privileg aber den wenigsten Historikern und Sozialwissenschaftlern zuteilwird, kommen sie auch in der vorliegenden Enzyklopädie faktisch nicht zum Zuge. Eine Wissenschaft, die es mit dem Ansinnen auf Globalisierung ernst meint, sieht anders aus.

Die Beiträge selbst sind, wie könnte es bei dieser Menge und Vielfalt auch anders sein, von unterschiedlicher Qualität. Exzellentes steht neben Mittelmäßigem, Ärgerliches neben Erhellendem; man findet viel Bekanntes und manches Überraschende. Warum zum Beispiel folgt auf „Rusk, Dean“, (langjähriger amerikanischer Außenminister) der Eintrag „Rust, Matthias“ (Kreml-Flieger)? Nicht, weil Rust die sowjetische Luftabwehr blamierte und mit einem Sportflugzeug auf dem Roten Platz landete; die Klamotte wird deshalb zu einer historischen Nachricht, weil Michail Gorbatschow in der Folge 2.000 Offiziere feuerte – Gegner der Perestroika allesamt, die in der Spätphase des Kalten Krieges durchaus noch eine unangenehme Rolle hätten spielen können. Zweifellos vermisst man in manchen Fällen (Stichwort „Hiroshima and Nagasaki“, „Denazification“, „Journalism“ oder „Ideology“) ein souveränes Resümee der Fachliteratur; auch fragt man sich, warum der KP/USA genauso viel Platz eingeräumt wird wie der KPdSU, weshalb die SPD oder die Labour Party vorgestellt werden, nicht aber die französischen Sozialisten, wieso bestimmte Aspekte („religion“ „civil defense“ oder „social policy“) ausschließlich am Beispiel der USA und andere, spezifisch amerikanische Probleme („national security“, „national security state“) überhaupt nicht zur Sprache kommen. Aufs Ganze gesehen überwiegt jedoch der positive Eindruck, werden die an eine Enzyklopädie gerichteten Erwartungen erfüllt – nämlich Basisdaten schnell und zuverlässig abrufen zu können.

Anders fällt das Urteil indes aus, sobald man den hohen Selbstanspruch der „Cold War Studies“ zum Maßstab nimmt – nämlich Politik und Gesellschaft, Militärisches und Soziales, Ereignis und Struktur systematisch aufeinander zu beziehen und in ihren gegenseitigen Bezügen kenntlich zu machen. Beispiel „Germany, West“, „Soviet Union“, „United States of America“: Hier spielt Geschichte ausschließlich in den Sphären der Politik und Diplomatie; Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte haben noch nicht einmal am Katzentisch ihren Platz. Beispiel „Sport“: Wer über Olympiaboykotte und andere Formen der Politisierung des Sports informiert werden möchte, kommt auf seine Kosten; Fragen nach Körperbildern, Männlichkeit oder einer „Politik des Enthusiasmus“ bleiben unbeantwortet. Beispiel „Cuban Missile Crisis“: Der Streit über die sowjetischen Mittelstreckenraketen auf Kuba wird so konventionell wie auch anderorts üblich vorgetragen; für eine Würdigung des „kleinen Akteurs“ Kuba fehlen Platz und Interesse. Beispiel „Stasi“: An zuverlässigen Daten und Fakten fehlt es nicht; wie freilich Denunziation, Überwachung und Repression zwischenmenschliches Vertrauen und damit den Alltag einer Gesellschaft zerfressen, ist keiner Überlegung wert. Der flüchtige Eindruck verfestigt sich, je länger man liest: Eine „holistische Darstellung“ gelingt nur in Ausnahmefällen.

Davon abgesehen, wirft die Konzeption der Enzyklopädie Fragen auf. Zwar decken die Einträge ein vielfältiges Spektrum von Themen ab; aber hinter den Momentaufnahmen verschwindet das Große und Ganze – als historische Epoche bleibt der Kalte Krieg konturlos. Wer nach den Besonderheiten fragt, den unverwechselbaren Charakteristika und Ambivalenzen, wird folglich enttäuscht. Dass beispielsweise die Entwertung des „großen Krieges“ mit einer Aufwertung „kleiner Kriege“ einherging, hat in den Kapiteln über Militär, Wettrüsten und Waffensysteme keinen Platz. Über Aufstands- und Guerillabekämpfung findet sich kein einziger Beitrag, „Special Forces“ scheint es nur in den USA zu geben. Wieder einmal tritt die Kehrseite des „cultural turn“ in Erscheinung: Autoren, die über Kriege schreiben, ohne sie zu beschreiben – und vom längsten heißen Krieg im Kalten Krieg, Vietnam nämlich, noch nicht einmal die Zahl der Toten angeben. „Psychologische Kriegsführung“ und „verdeckte Operationen“ werden nicht minder stiefmütterlich behandelt. Am Ende hat man gar den Eindruck, dass der Aufbau von Drohkulissen, das Spiel mit Ängsten und die Bereitschaft, sich ängstigen zu lassen, überhaupt keine Rolle spielten. Wie aber soll der Kalte Krieg beschrieben werden, wenn nicht als Geschichte und Politik der Emotionen? Oder als politisch beschleunigte Zeit, die den wirtschaftlichen Alltag von Millionen veränderte, zum Guten und öfter noch zum Schlechten? Letzteres, die Ökonomie des Kalten Krieges, kommt in 18 Einträgen zur Sprache; doch nur an drei Beispielen („Development“, „Environment“ und „Great Leap Forward“) werden die wirtschaftlich und sozial nachhaltigen Effekte deutlich. In anderen Worten: Undeutlich bleibt nicht allein, dass der Kalte Krieg mehr war als die Summe seiner Teile; unklar bleibt vor allem, warum und wie er Gesellschaften und Gesellschaftliches, vielfach auf Dauer, veränderte.

Es wäre freilich unangemessen, für diese Schwächen allein die Herausgeber verantwortlich zu machen. Die „Cold War Studies“ selbst sind längst noch nicht so weit, wie sie gerne wären – oder mitunter von sich behaupten. Ob und wann sich die Dinge zum Besseren wenden werden, sei dahingestellt. In der Zwischenzeit jedenfalls wird die zweibändige Enzyklopädie ihre guten Dienste tun, vorausgesetzt, Bibliothekare orientieren sich bei Buchstellungen an der Sache und nicht am Preis.

Anmerkung:
[1] Thomas S. Arms, Encyclopedia of the Cold War, New York 1992 und 1994.