S. Dahlke: Individuum und Herrschaft im Stalinismus

Cover
Titel
Individuum und Herrschaft im Stalinismus. Emel’jan Jaroslavskij (1878-1943)


Autor(en)
Dahlke, Sandra
Reihe
Ordnungssysteme. Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit 29
Erschienen
München 2009: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
484 S.
Preis
€ 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Herzberg, Rachel Carson Center, Ludwig-Maximilians-Universität München

Emeljan Jaroslawski galt als „Kettenhund Stalins“. Diesen Ruf hatte er sich in den 1920er-Jahren erworben, als er sich klar auf die Seite Stalins stellte und mit Verve die innerparteiliche Opposition anklagte. Es war auch sein Verdienst, dass Stalin aus den Machtkämpfen der späten 1920er-Jahre als Sieger hervorging. Ein unbeteiligter Zeuge, der den Aufstieg Stalins von außen beobachtet hatte, war Jaroslawski sicherlich nicht.

Sandra Dahlke will mit ihrer Dissertationsschrift mehr als eine Biografie Jaroslawskis bieten. Ausgehend von der Person Jaroslawskis als „Knotenpunkt in einem Netz von Beziehungen und Diskursen“ (S. 435) fragt sie, wie stalinistische Herrschaft entstand, funktionierte und auf ihre Träger zurückwirkte. Warum unterstützten idealistische Revolutionäre, die im ausgehenden Zarenreich emanzipatorische Ziele verfolgt hatten, ein Regime, das sie selbst, ihre Freunde und Familie drangsalierte? Wie entsteht Ideologie? Und was bedeutete Ideologie für Akteure wie Jaroslawski, die ideologische Texte verfassten?
Um das Funktionieren stalinistischer Herrschaft und die Rolle des Einzelnen zu untersuchen, sieht Dahlke in der Kategorie Identität ein geeignetes Instrumentarium. Sie versteht unter Identität jene Erfahrungen, Dispositionen und Gewohnheiten, die das Individuum prägen und die es zum Gegenstand öffentlicher Kommunikation machen können. Um die Interaktion zwischen Jaroslawski, Stalin und weiteren Akteuren zu beschreiben, zieht sie zudem Bourdieus Bild des Marktes heran, auf dem mit sozialen, ökonomischen, kulturellen und symbolischen Kapitalsorten gehandelt wird.

Dahlke folgt in ihrer Arbeit dem Lebensweg Jaroslawskis, ohne übergreifende Fragestellungen aus dem Blick zu verlieren. Zunächst erarbeitet sie jene entscheidenden Stationen, die es Jaroslawski erlaubten, seine Identität als Revolutionär zu konstruieren. Für den als Sohn jüdischer Eltern geborenen Minei Gubelman (so Jaroslawskis früherer Name) waren Verhaftung und Verbannung die entscheidenden Ereignisse, seine Erfahrung gesellschaftlicher Marginalisierung prägte seine Identität als Revolutionär. Um über sich zu sprechen, knüpfte Gubelman an die Narrationen des russischen Radikalismus und Marxismus an. Er zeichnete seinen Alltag im Zarenreich als unermüdlichen Einsatz für die „Massen“.

Daraufhin widmet sich Dahlke der sowjetischen Identitätspolitik, die in der frühen Sowjetunion zum Instrument der Herrschaftssicherung wurde. An der Institutionalisierung und Kanonisierung autobiografischen Erzählens war auch Jaroslawski beteiligt, der sich als Hüter revolutionärer Erinnerung präsentierte. Jaroslawski nutzte seine revolutionäre Vergangenheit als Distinktionsmerkmal, mit dem er Anspruch auf eine Führungsposition erhob. Eindrücklich kann Dahlke zeigen, wie sich in diesen Jahren (auto-)biografische Darstellungen zum Mittel wandelten, mit dem man sich unliebsamer Konkurrenten entledigen konnte. Diese Praxis holte Jaroslawski in den 1930er-Jahren ein, als er nicht mehr verhindern konnte, dass die „dunklen Flecken“ auf seiner Biografie sichtbar wurden.

Das dritte Kapitel zeichnet Jaroslawskis Aufstieg in der Stalin-Fraktion nach, der mit der Preisgabe seiner arbeiterdemokratischen Prinzipien und utopischen Anschauungen verbunden war. Er konnte dank seiner parteihistorischen Schriften eine leitende Funktion im Bereich Agitation und Propaganda übernehmen. Dahlke nennt drei Gründe für Jaroslawskis Identifikation mit der Stalin-Fraktion: persönliches Karrierestreben, die scheinbare Stärke und Verlässlichkeit Stalins sowie eine ähnliche Wahrnehmung politischer Herausforderungen.

Das nächste Kapitel, das die Ideologieproduktion als politische Praxis in den Mittelpunkt stellt, erweist sich als eindrucksvollster Teil der Arbeit. Dahlke verschiebt bisherige Perspektiven: statt nach der Wirkung von Ideologie auf die Selbstwahrnehmung der Zeitgenossen zu fragen, stellt Dahlke die subjektiven Bezügen in den ideologischen Texten in den Mittelpunkt. Sie fragt, inwieweit es den Autoren gelang, ihre Vorstellungen von Wirklichkeit in diese Texte einzubringen. Dahlkes Lesart der ideologischen Texte als Selbsttechnik überzeugt. Sie kann zeigen, dass die Parteigeschichtsschreibung eine Möglichkeit war, die eigene Lebensgeschichte in die Parteigeschichte einzuschreiben und damit zu objektivieren. Die Welt, die Jaroslawski in seinen historiografischen Texten beschrieb, war einfach gebaut: Auf der einen Seite standen die unbeugsamen Bolschewisten, auf der anderen Seite versammelten sich die Karrieristen, „Doppelzüngler“ und Saboteure, die es zu entlarven galt. Fraktionskämpfe waren in Jaroslawskis Darstellungen das zentrale Thema. Sie würden nicht nur das politische Ränkespiel bestimmen, sondern den gesamten Geschichtsverlauf antreiben. Jaroslawskis Texte stellten Interpretationsmuster bereit, mit denen die parteiinternen Auseinandersetzungen der 1920er- und 1930er-Jahre gedeutet wurden.

Doch in den 1930er-Jahren richteten sich diese Narrationen zunehmend auch gegen ihre Schöpfer. Jaroslawskis Platz in Stalins Kamarilla war keineswegs so sicher wie geglaubt: Stalin maßregelte ihn in aller Öffentlichkeit wegen vermeintlicher Fehler in seinen parteihistorischen Texten; er verlor seinen prestigereichen Direktorposten am Institut der Roten Professur und wurde von der engeren Parteiführung isoliert. Wie gefährdet er und seine Familie waren, sah er an früheren Genossen und Gegnern, die ermordet wurden oder in den Lagern verschwanden. Die Zurechtweisung, die Jaroslawski widerfuhr, war nach Dahlke bedeutsam, da mit ihr eine Veränderung in den politischen Spielregeln kommuniziert wurde. Bis dahin hatte man vor allem von „Trotzkisten“ und „Rechtsabweichlern“ sowie Parteifunktionären niederen Ranges eine öffentliche Reueerklärung verlangt. Nun traf es erstmals auch einen Vertreter des inneren Machtzirkels. Jaroslawskis öffentlich inszenierter Niedergang war ein Signal an die Partei, auch hochstehende Bolschewisten zu kritisieren. Jaroslawski selbst erfuhr seine Degradierung als persönliche Krise, auf die er mit zunehmender Textproduktion über Stalin reagierte.

Wie Jaroslawski seit 1933 aus der Position der Marginalisierung heraus zum diensteifrigen Produzenten des Stalinkultes wurde, zeichnet das fünfte Kapitel nach. Dahlke wendet sich gegen jene Thesen, die die Entstehung des Stalinkultes als irrationales Phänomen interpretieren. Ihre personengeschichtliche Perspektive macht neue Facetten in der Genese des Stalinkultes sichtbar: Der Kult sei aus einer zunehmenden Konkurrenz um die Nähe zu Stalin sowie aus dem Streben nach symbolischer Präsenz entstanden. Auch wenn es Jaroslawski nicht gelang, seine Stalinbiografie zu veröffentlichen, so trug auch er zu einer Dynamisierung des Stalinkultes bei. Dahlke sieht Parallelen zwischen dem Verhalten der stalinschen Führungsriege und höfischen Gepflogenheiten, wie sie unter anderen Norbert Elias beschrieben hat. Allein die Gunst- und Gnadenerweise Stalins haben Status und Sicherheit versprochen, allein Stalin konnte ihre Identität als Revolutionär bestätigen. Auch wenn es Jaroslawski 1938 durch die Publikation des „Kurzen Lehrgangs“, der von Stalin autorisierten Parteigeschichte, gelang, seine Rehabilitierung als Parteihistoriker zu erreichen, so schwand das Gefühl der Unsicherheit nie ganz.

Im sechsten Kapitel stellt Sandra Dahlke die individualpsychologischen Techniken der Selbstkontrolle in den Mittelpunkt, mit denen Jaroslawski auf Statuskämpfe und widersprüchliche Signale reagierte. Dahlke kann anhand von Jaroslawskis Tagebuch zeigen, dass der Geschasste auf die Zurückweisung mit zunehmender Selbstdisziplinierung reagierte. Jaroslawski nutzte seinen autobiografischen Text, um sich in den Zeiten des Terrors seiner Identität als Revolutionär und seiner Loyalität gegenüber Stalin zu versichern. Jaroslawski, der an der Entstehung wichtiger ideologischer Texte maßgeblich beteiligt war, hatte die dort propagierten Wachsamkeitsdiskurse ebenso internalisiert, wie jene Tagebuchschreiber, die keine ideologischen Schriften verfasst hatten. Wahrscheinlich auch dank seiner geschickten Selbstinszenierungen überlebte Jaroslawski die 1930er-Jahre.

Dahlke hat ein wichtiges Buch geschrieben. Ihr gelingt es, die Funktionsmechanismen bolschewistischer Herrschaft im vernachlässigten Genre der Biographie neu zu deuten. Dabei setzt sie sich von dichotomischen Narrativen ab, die nur die Opfer- und Täterkategorie kennen und damit das Wesen des Stalinismus nur unzureichend erfassen. Dahlkes personengeschichtlicher Zugang offenbart, dass der stalinistische Terror innerhalb von Beziehungen entstand und vor allem auf die Beziehungen zwischen den Menschen zielte. Ihr Blick auf den Stalinismus unterscheidet sich zudem wohltuend von jenen Arbeiten, in denen ein überhistorischer Diskurs das Agens zu sein scheint, die Ideologieproduktion durch benennbare Akteure ausgeblendet wird.

Inhaltlich kann Sandra Dahlke überzeugen, auch wenn an einigen Stellen die Verbindung zwischen autobiografischer Selbstaussage und den Gefühlswelten Jaroslawskis zu schnell gezogen wird. Sprachlich bietet die Studie aufgrund zahlreicher Schachtelsätze ein weniger großes Vergnügen, zuweilen mangelt es an Leserführung. Mitunter hätte der rote Faden, der die einzelnen Kapitel zusammenhält, fester gesponnen werden können. Trotz dieser kleineren Kritikpunkte ist die Dissertation zu Recht 2008 mit dem Fritz-Theodor-Epstein-Preis des Verbandes der deutschen Osteuropahistorikerinnen und -historiker ausgezeichnet wurden.

Redaktion
Veröffentlicht am
11.08.2011
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