Cover
Titel
Männlichkeiten.


Herausgeber
Brink, Cornelia; Gölz, Olmo; Verheyen, Nina
Reihe
Zeithistorische Forschungen (18, 2021, Heft 3)
Erschienen
Göttingen 2021: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
226 S., 60 Abb.
Preis
€ 29,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Gerster, Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Hamburg

„What Should Historians Do with Masculinity?“, fragte der britische Historiker John Tosh in einem programmatischen Artikel vor nunmehr fast drei Jahrzehnten.[1] Die Frage, wie sich Männlichkeit(en) historisieren lassen, hat bis heute nichts an ihrer Aktualität verloren. Zwar hat sich in der Zwischenzeit in Anlehnung an die Debatten der englischsprachigen Geschichtswissenschaft und Gender Studies sowie unter Rückgriff auf die unverzichtbaren Vor- und Parallelarbeiten der Frauen- und Geschlechtergeschichte auch hierzulande eine Männlichkeitsgeschichte etabliert. Studien, die sich der Forschungsrichtung mehr oder weniger explizit zuordnen lassen, befassen sich mittlerweile mit einer Vielzahl von Themen und Fragestellungen: von der Körperlichkeit männlicher Kriegsveteranen bis zum Rollenverständnis von Vätern. Sie finden sich in der Alten Geschichte ebenso wie in der Mittleren und Neuen Geschichte und sind nicht länger auf eine enge ‚westlich‘-europäische Perspektive beschränkt.[2] Dennoch bleibt die Männlichkeitsgeschichte ein Stiefkind der (deutschen) Geschichtswissenschaft, mit dem sich nur wenige Expert:innen intensiv beschäftigen und dessen Ergebnisse über einen engen Kreis hinaus nur selten rezipiert werden. Es ist aus diesem Grund äußerst begrüßenswert, dass sich das vorliegende Heft der „Zeithistorischen Forschungen“ mit dem Thema „Männlichkeiten“ befasst.

Das Anliegen des Themenhefts beschreiben Cornelia Brink und Olmo Gölz, die das Heft gemeinsam mit Nina Verheyen herausgegeben haben, in einem einleitenden Beitrag.[3] Im Fokus stehen demnach „hegemoniale Vorstellungen von Männlichkeit“ von jenen „Gruppen von Männern, die spezifische Erfahrungen von Marginalisierung und Subordination“ gemacht haben (S. 442). Die Formulierung weist darauf hin, dass sich die Beiträge des Hefts – wie die große Mehrheit der Studien in der Männlichkeitsgeschichte – Raewyn Connells Theorie der hegemonialen Männlichkeit bedienen. Connells Konzept liegt die Überlegung zugrunde, dass in der Gesellschaft ein dominantes Männlichkeitsideal existiert, auf das Vorstellungen von Weiblichkeit(en), aber auch von anderen Männlichkeiten hin geordnet sind. Für die Geschichtswissenschaft ist an Connells Überlegungen interessant, dass hegemoniale und alternative Männlichkeiten und Weiblichkeiten keine statischen Elemente darstellen. Was sie inhaltlich auszeichnet und welche Stellung sie in der Gesellschaft innehaben, ist stets von sozialen (und kulturellen) Faktoren abhängig und historisch wandelbar. Vier Aspekte dieses Wandlungsprozesses stehen im Fokus des vorliegenden Heftes: die Intersektionalität von Männlichkeit, die Internationalität des Wandels, die Bedeutung des (männlichen) Körpers und mögliche Diskrepanzen zwischen Idealen und sozialen Praktiken.

Wie Connells Konzept in der historischen Forschung angewendet werden kann, machen vier Aufsätze im Hauptteil des Themenhefts deutlich. Der Mitherausgeber Olmo Gölz zeichnet am Beispiel des Ringers Gholamreza Takhti eindrücklich nach, wie dessen Verehrung als ‚authentischer‘ iranischer Mann mit der „Erfahrung der Subordination aller iranischen Individuen unter eine[r] westliche[n] Hegemonie“ zusammengeht (S. 459 unter Bezug auf Jamal Al-e Ahmad). Jan-Markus Vömel arbeitet in seinem Artikel für die Türkei ähnliche strukturelle Zusammenhänge heraus. Er untersucht, wie sich Männlichkeitsvorstellungen in der dortigen islamistischen Bewegung in den Jahren zwischen 1950 und 2000 gewandelt haben. Anders gelagert war die Situation im Fall des britischen Bergmannes – einer Sozialfigur, der sich Jörg Arnold in seinem Beitrag zuwendet. Entgegen dem heutzutage gern gepflegten Klischee, dass Bergmänner tief in den eigenen (Geschlechter-)Traditionen verhaftet waren, zeigt Arnold, dass sie in den 1970er- und 1980er-Jahren häufig ein progressives männliches Selbstbild pflegten, das im Einsatz für die Rechte von Frauen und ethnischen Minderheiten Ausdruck fand. Ebenso überraschende Einsichten bietet der Aufsatz von Britta-Marie Schenk, die den Männlichkeitsrepräsentationen von Obdachlosen in der Bundesrepublik seit den 1980er-Jahren nachgeht. Sie zeigt auf, dass diese zwischen „Protestmännlichkeit“ (S. 546) und „komplizenhafter Männlichkeit“ (R. Connell) changierten. Wie auch anderswo wird hier deutlich, dass „nicht in allen Fällen marginalisierter und subordinierter Männlichkeit [...] die jeweils hegemoniale Vorstellung kritisch herausgefordert“ wird, wie die Herausgeber:innen in ihrer Einleitung betonen (S. 450).

Wie in den Themenheften der „Zeithistorischen Forschungen“ üblich, werden die thematischen Aufsätze von weiteren Beiträgen flankiert, die sich unter anderem mit theoretischen und methodischen Fragen befassen. Vera Marstaller und Mona Leinung setzen sich beispielsweise mit dem Quellenwert der westdeutschen Illustrierten „Er. Die Zeitschrift für den Herren“ beziehungsweise von Plakaten zur Aids-Prävention auseinander. Anke Ortlepp unternimmt eine Relektüre des Werkes „Black Macho and the Myth of the Superwoman“ (1979) der US-amerikanischen Schriftstellerin und Feministin Michele Wallace. Darüber hinaus diskutieren der Psychoanalytiker Mostafa Kazemian, der Historiker Jürgen Martschukat und die Soziologin Sylka Scholz in einem Debattenbeitrag die Frage, „wie [...] Arbeit und Geschlecht, Erfahrungen marginalisierter Männlichkeit und die Möglichkeiten des Zugangs zu (Erwerbs-)Arbeit zusammen[hängen]“ (S. 562). Die Mitherausgeberin Cornelia Brink setzt sich schließlich in ihrem Essay mit dem Gebrauch von geschlechtersensibler Sprache in der deutschsprachigen historischen Forschung auseinander. Am Beispiel der historischen Entwicklung des Wortfeldes ‚Student/Studentin, Studierende, Student:in‘ diskutiert sie die aktuellen Implikationen, welche die Thematik für das Schreiben und Reden von Historiker:innen hat. Es gelingt ihr hierbei, die Leser:innen mit beeindruckender Leichtigkeit für die Problemstellung zu sensibilisieren.

Sehr ans Herz zu legen ist darüber hinaus der Beitrag von Benno Gammerl, der es sich zur Aufgabe macht, das Werk „Epistemology of the Closet“ (1990) der viel zu früh verstorbenen queeren Vordenkerin Eve Kosofsky Sedgwick neu zu lesen. Sedgwick setzte sich in ihrem Buch, das bis heute nicht ins Deutsche übersetzt worden ist, mit der „Sichtbarmachung des lange verheimlichten gleichgeschlechtlichen Begehrens“ auseinander und entlarvte dadurch zugleich heterosexuelle „Struktur[en] der Unterdrückung“ (S. 645). Sie zog sich hierbei allerdings nicht auf eine einfache Dichotomie von Hetero- und Homosexualität zurück. Vielmehr hinterfragte sie diese ebenso wie andere Großkategorien wie Klasse oder Nationalität und kritisierte sie als unterkomplex und „irreführend“ (S. 645). In der Folge äußerte Sedgwick schon Anfang der 1990er-Jahre „Zweifel an allzu festgefahrenen Vorstellungen von individueller und kollektiver Identität“ (S. 645). Im Gegensatz zu den Befürworter:innen und Gegner:innen der heutigen Identitätspolitik unterlief sie allerdings, wie Gammerl herausarbeitet, in wohltuender Weise eine eindeutige Vorfestlegung auf das eine oder andere. Denn Sedgwick hinterfragte zwar vermeintlich eindeutige Kategorisierungen und forderte eine detailgenaue Beschreibung. Sie verwies aber zugleich darauf, dass es trotz der Unterschiede, die der Einzelne gegenüber ‚den anderen‘ ausmacht, möglich und notwendig bleiben muss, sich für diese zu interessieren und zu engagieren.

Sedgwicks stark von ihrem persönlichen Aktivismus geprägter Ansatz mag auf den ersten Blick irritieren. Er birgt aber nicht nur Lösungsansätze für die aktuelle identitätspolitische Diskussion, sondern bietet auch Impulse für die Männlichkeitsgeschichte. Er mahnt uns als Historiker:innen, stets die Eigen- und Fremdzuschreibungen historischer Akteure genau in den Blick zu nehmen und allzu schnelle kategoriale Zuordnungen zu unterlassen. Das gilt gerade auch für die Einteilung in hegemoniale, komplizenhafte, marginale oder alternative Männlichkeiten. Sie ist zwar hilfreich, Machtverhältnisse und Abhängigkeiten sicht- und nachvollziehbar zu machen, wie die Beiträge des vorliegenden Themenheftes belegen. Sie geht aber stets auch mit der Gefahr einher, die Komplexität und Widersprüchlichkeit einer historischen Situation zu verschleiern.

Anmerkungen:
[1] John Tosh, What Should Historians Do with Masculinity? Reflections on Nineteenth-Century Britain, in: History Workshop 38 (1994), S. 179–202.
[2] Eine knappe und sehr gut lesbare Einführung in den Stand der Männlichkeitsgeschichte bieten auf Deutsch: Jürgen Martschukat / Olaf Stieglitz, Geschichte der Männlichkeiten, 2., aktualisierte Aufl. Frankfurt am Main 2018.
[3] Brink und Gölz arbeiten gemeinsam im Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen. Transformationen und Konjunkturen von der Antike bis zur Moderne“ der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg: https://www.sfb948.uni-freiburg.de/de/profil/?page=1 (22.01.2023).