D. Möller: Endlagerung radioaktiver Abfälle in der Bundesrepublik

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Titel
Endlagerung radioaktiver Abfälle in der Bundesrepublik Deutschland. Administrativ-politische Entscheidungsprozesse zwischen Wirtschaftlichkeit und Sicherheit, zwischen nationaler und internationaler Lösung


Autor(en)
Möller, Detlev
Reihe
Studien zur Technik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte Bd. 15
Erschienen
Frankfurt am Main 2009: Peter Lang/Frankfurt am Main
Anzahl Seiten
390 S.
Preis
€ 56,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anselm Tiggemann, Landtag Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

Das Problem der Endlagerung radioaktiver Abfälle hat im letzten Jahr besonders im Hinblick auf das niedersächsische Salzbergwerk Asse II für überregionale Schlagzeilen gesorgt. Anlass war der schon seit längerem bekannte Laugenzutritt in das Bergwerk, insbesondere das Handling radioaktiv kontaminierter Laugen ohne ausreichende Beachtung der Strahlenschutzverordnung. Ein besonderes Problem bleibt die Frage, wie lange das Grubengebäude noch standsicher ist und wie stärkere Wasserzutritte vermieden werden können.

Detlev Möller weist in seiner Dissertation zur Geschichte der Endlagerung in der Bundesrepublik darauf hin, dass die Langzeitsicherheit der Asse bereits in den 1960er-Jahren schwer abzuschätzen war. Die Planungen sahen trotz dieses Risikos bis in die 1970er-Jahre hinein vor, die Grube bis zum Jahr 2000 als Endlager zu nutzen. Der Pilotcharakter und die begleitende Forschung erlaubten es, für den Betrieb zwischen 1967 und 1978 die Begrifflichkeiten "Forschungsbergwerk" und "versuchsweise Endlagerung" zu verwenden. Erst seit dem Wechsel des Betreibers zum 1. Januar 2009 ist offiziell von einem bundesdeutschen Endlager die Rede. Der Hauptteil von Möllers Arbeit fragt danach, wie es zu diesem Endlager kam, wie sich das Atomministerium und seine Nachfolger sowie die Forschung in den 1950er- und 1960er-Jahren um die Endlagerung bemühten. Hier schöpft der Autor aus dem Vollen: Er kann Zusammenhänge herausarbeiten und differenzieren, die bisher nur vermutet werden konnten.

Die Quellengrundlage bilden die Akten der beteiligten Bundesressorts, insbesondere des Atomministeriums und seiner Nachfolger. Im Mittelpunkt stehen dabei die Ministerialbeamten vom Hilfsreferenten bis zum Gruppenleiter, deren Wirken mit handwerklicher Akribie bis ins Detail nachgezeichnet wird. Auf dieser Ebene wurde vieles diskutiert, was zum Teil erst Jahrzehnte später verwirklicht werden sollte. Leider ist die Quellenlage für die Abteilungsleiter-, Staatssekretärs- und Ministerebene sehr dünn. Durch die Auswertung von Nachlässen und Deposita in den Archiven der Parteien hat sich Möller hier um Abhilfe bemüht. Außerdem werden Aktenbestände des Anlagenbetreibers, der Gesellschaft für Strahlenforschung, herangezogen; bedauerlicherweise beschränkt sich dies auf Archivalien der "Zentrale" und nicht des Standortes selbst, obwohl diese zugänglich sind.

Die Arbeitsebene des Ministeriums stellt auch den Großteil der befragten Zeitzeugen. Möller zieht ein halbes Dutzend Ministerialbeamte zu Rate, die aus der Erinnerung "aushelfen", wenn Aktenbelege fehlen. Bis auf wenige Ausnahmen hat er es aber versäumt, Handelnde der 1970er-Jahre aus Verwaltung, Wirtschaft und Politik anzusprechen, die noch zahlreich für Auskünfte zur Verfügung stehen. Möller bleibt hingegen hauptsächlich der Perspektive der Bundesministerien und der beginnenden Endlagerforschung verhaftet. Aspekte, die darüber hinausgehen, kommen quantitativ und qualitativ zu kurz. Am augenfälligsten wird dieser Mangel immer dann, wenn es um Widerstände und Proteste geht. Sie werden aus dem ministerialen Blickwinkel unter der Rubrik "Öffentlichkeit" oder "Öffentlichkeitsarbeit" abgehandelt und nur am Rande wahrgenommen. Eine eingehende Analyse der Motive und Akteure unterbleibt.

Das ist besonders bedauerlich, wo es um die Endlagerung in den 1970er-Jahren geht, und zwar in zweifacher Hinsicht: Zum einen werden die gesellschaftlichen Entwicklungen ignoriert. Das gilt besonders für die Anti-AKW-Bewegung, deren Entwicklung in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre eng mit den Widerständen gegen die Endlagerprojekte verknüpft ist. Ihre Schriften und Quellen, die inzwischen gut zugänglich sind[1], werden von Möller unzureichend berücksichtigt. Zum anderen fehlen infolge des Blicks durch die Brille der Bundesministerien aber auch wichtige Aspekte der technisch-wissenschaftlichen Endlagerdiskussion. Die Protokolle des "Gorleben-Hearings" 1979 tauchen im Quellen- und Literaturverzeichnis nicht auf, obwohl diese Anhörung eine wichtige Zäsur auch in der Geschichte der Endlagerung darstellt.[2] Aus der Weigerung des Bundes, an der Veranstaltung teilzunehmen, lässt sich keineswegs schließen, dass die Ereignisse rund um das Symposium während des Kernkraftwerksunfalls im amerikanischen Harrisburg vernachlässigbar sind.

Der eingeschränkte Blick Möllers zeigt sich auch, wenn es um das Zusammenwirken der verschiedenen Handlungsebenen geht: Das Atomgesetz bestimmt, dass die Länder im Gesetzesvollzug tätig werden. Ihre wichtige Rolle wird von Möller jedoch nicht gewürdigt. Er übernimmt stattdessen die Meinung der Bonner Ministerialbeamten, wenn er beispielweise die Haltung der niedersächsischen Landesbehörden als "unkonstruktiv" (S. 301) bezeichnet. Ähnlich verhält es sich mit der Kernenergiewirtschaft. Ihre jeweilige Interessenlage geht unter, was einen eklatanten Mangel insbesondere bei der Erörterung des geplanten gigantischen "Nuklearen Entsorgungszentrums" darstellt. Die Genese der Konzeption für diesen Anlagenkomplex, der neben einem Endlager die größte zivile Wiederaufarbeitungsanlage der Welt vorsah, wird zwar dargestellt. Zu umstrittenen Punkten, etwa zur Standortauswahl, bringt Möller jedoch nur Altbekanntes. Gemäß dem bundesministeriellen Verständnis handelt es sich beim Standort Gorleben laut Möller um eine "nicht beabsichtigte Konkretisierung der Planungen" (S. 18). Diese Wertung verstellt den Blick auf die großtechnische Dimension und die gesellschaftliche Bedeutung: "Gorleben" ist seit der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre Schnittpunkt lokaler, regionaler und bundesweiter Entwicklungen auf dem Gebiet der Endlagerung, der Kernenergie insgesamt und des Protestes gegen sie – so wie kein anderer kerntechnischer Standort in der Bundesrepublik.[3]

Möllers Fazit zur Endlagerung in den 1960er-Jahren lautet, dass die Anstrengungen in der Bundesrepublik "zu jedem Zeitpunkt mehr als angemessen" (S. 346) waren. Er widerspricht somit der Auffassung von Historikern, welche die gesamte Kerntechnik in ihre Forschungen einbeziehen, wonach sich die Endlagerforschung in der Bundesrepublik erst aus bescheidenen Anfängen in den 1950er- und 1960er-Jahren heraus entwickelte.[4] Das Gesamturteil über die Arbeit fällt zwiespältig aus: Den eindrucksvollen Ergebnissen bei der Rekonstruktion der 1950er- und 1960er-Jahre stehen Schwächen bei der Einordnung in größere Zusammenhänge und in den Abschnitten zu den 1970er-Jahren gegenüber, deren Komplexität Möllers Ansatz nicht gerecht wird.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zum Beispiel <www.gorleben-archiv.de> (29.07.2009).
[2] Anselm Tiggemann, Deutliche Absage - Wie sich Ministerpräsident Ernst Albrecht gegen das "Nukleare Entsorgungszentrum" entschied, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.9.2004.
[3] Anselm Tiggemann, Die "Achillesferse" der Kernenergie in Deutschland. Zur Kernenergiekontroverse und Geschichte der Entsorgung von den Anfängen bis Gorleben 1955 bis 1985. Lauf an der Pegnitz 2004. Vgl. Christoph Schank: Rezension zu: Tiggemann, Anselm: Die "Achillesferse" der Kernenergie in Deutschland. Zur Kernenergiekontroverse und Geschichte der Entsorgung von den Anfängen bis Gorleben 1955 bis 1985. Lauf an der Pegnitz 2004, in: H-Soz-u-Kult, 10.11.2004, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2004-4-102>.
[4] Joachim Radkau, Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft, Reinbek 1983; Wolfgang D. Müller, Geschichte der Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland, Bd. II: Auf dem Weg zum Erfolg – Die sechziger Jahre, Stuttgart 1996.

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30.07.2009
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