Cover
Titel
The Politics of Jewish Commerce. Economic Thought and Emancipation in Europe, 1638-1848


Autor(en)
Karp, Jonathan
Erschienen
Anzahl Seiten
379 S.
Preis
€ 57,39
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tom Tölle, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

1794 erschien in der Jenaer Allgemeinen Literatur-Zeitung eine Rezension zweier Werke. Beide positionierten sich in der Debatte über die mögliche Gleichstellung von Juden und Christen. Karl Wilhelm Friedrich Grattenauer, ein vehementer Judenfeind, schrieb anonym gegen die Emanzipation der Juden an, Moses Hirschel verteidigte demgegenüber deren Menschenrechte. Der unbekannte Rezensent beider Pamphlete kam zu einem pessimistischen Schluss. Er nahm zwar den Haskalah-Autor Hirschel in Schutz und lehnte Grattenauers Invektiven als „gelehrten Schein“ ab.[1] Dennoch stellte er ernüchtert fest: „Für die Literatur ist auf diesem Distelfelde keine erspriesliche Aerndte zu erwarten.“ Dass aus der Perspektive des Historikers häufig das Gegenteil der Fall ist, beweist Jonathan Karp mit seiner Studie.

Den Associate Professor an der Binghamton University interessieren gerade die Spuren, die verschiedene Autoren über die Jahre im ökonomischen Diskurs hinterlassen haben. Diesen Fährten (früh-)neuzeitlicher Positionen zum „jewish commerce“ spürt Karp in acht Kapiteln auf der Grundlage von Quellen in fünf Sprachen nach. Er fragt, wie ökonomische Positionen sich in den Debatten über den Status der Juden vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Revolutionsjahr 1848 niederschlugen. Der Begriff „jewish commerce“ umgrenzt – und dies erschwert eine angemessene deutsche Übersetzung – eine Vielzahl an Positionen. Denn es geht dem Autor sowohl um die negative Deutung dieser vitalen Denkfigur in der europäischen Debatte über Ökonomie als auch um die ‚reale‘ Seite der Stereotypen, um philosemitische Positionen und die Reaktion jüdischer Autoren auf Kritik, die weit über den Wuchervorwurf hinausging.

Zentral vertritt Karp die These, man könne entlang der analysierten Werke Positionen zur politischen Ökonomie insgesamt ablesen, die in anderen Quellenarten verborgen blieben. Damit komme dem Diskurs über „jewish commerce“ eine Ventilfunktion zu. Die Dualismen zwischen Perfektion und Korruption, Klein- und Großhandel, Zunft und Freiberuf, spekulativen und nicht spekulativen Geschäften, Fertigung und Vertrieb, Tugend und Wucher, Produktivität und Unproduktivität seien nicht lediglich Konstruktionen zur Ausgrenzung der jüdischen Minderheit, sondern der Kern dessen, „what commerce is and does“ (S. 3): Ambivalenzen der Debatte über politische Ökonomie selbst.

Karp geht bei seiner Literatur- und Quellenauswahl von soliden Fundamenten aus. Methodisch lehnt er sich einerseits an die kontextualisierenden Ansätze der intellectual history, vor allem an John Pocock an. Andererseits integriert er beispielsweise mit Jonathan Israels Arbeiten zur Geschichte des europäischen Judentums Forschungen, die ihm eine fundierte Kontextualisierung erst ermöglichen.[2] Der Vergleich zwischen einzelnen Autorenpositionen im Licht wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und politischer Entwicklungen wird somit auch für diejenigen bereichernd, die traditionelle Ideengeschichte kaum fesselt. Weder reduziert sich der Vergleich auf große Linien noch verliert er sich im Klein-klein einzelner Positionen. Die Arbeit Derek Penslars zu Ökonomie und jüdischer Identität versteht Karp berechtigterweise als komplementär zu seiner eigenen Herangehensweise.[3] Während Penslar nämlich danach fragt, wie sich Juden als Wirtschaftssubjekte entwarfen, interessiert Karp sich vorrangig dafür, wie Positionen in der Ökonomie über die Figur ‚des Juden‘ oder genauer des „jewish commerce“ entworfen wurden.

Seine Quellen, die vor allem durch die überzeugend aufgedeckten Kontinuitäten und Brüche zwischen Einzelwerken argumentativ verbunden werden, stellen einen heterogenen Schnitt durch fast 200 Jahre und verschiedenste soziale Milieus dar. Die Studie verbindet vom venezianischen Rabbiner Simone Luzzato bis zur Debatte des jungen Karl Marx mit Bruno Bauer über dessen Werk Die Judenfrage zahlreiche im deutschen Sprachraum bekannte Autoren mit dem hiesigen Leser vielleicht weniger vertrauten europäischen Stimmen: ‚Whigs‘ wie John Toland und Josiah Tucker kommen ebenso zur Sprache wie der französische Kleriker Abbé Emmanuel Joseph Sieyès oder der Wiener Romantiker Adam Müller. Sie eine lediglich – dies gibt der Verfasser freimütig zu –, dass sie sich mit der Frage nach dem „jewish commerce“ beschäftigt hätten. Auch einige Defizite seiner Auswahl macht Karp transparent, denn sie umfasst – trotz im Untertitel nahegelegter europäischer Orientierung – nicht die Iberische Halbinsel, das Osmanische Reich oder Osteuropa.

Karps Herangehensweise lässt sich beispielhaft an seinen Ausführungen zum Vergleich zwischen Juden und Adel während und nach der Französischen Revolution verdeutlichen. Er stellt dar, dass sich eine Verbindung zwischen beiden Gruppen mit den Vergleichsmomenten Minderheitenstatus, internationales Netzwerk, Fremdheit und dem Parasitismusvorwurf herstellen ließ. Sieyès, der in Qu’est ce que le Tiers état? natürlich nicht über Juden, sondern über das Verhältnis der Stände schrieb, habe prominent die Produktivitätskategorie mit der der Nützlichkeit verschmolzen und dadurch sein Argument, der Dritte Stand sei ein „gefesseltes und unterdrücktes Alles“ befeuert – mit dem bekannten Ergebnis: „[A]lles ginge unendlich besser ohne die anderen“[4], Adel und Klerus, die einen weitgehend nutzlosen Staat im Staate bildeten. Dieses Bild des Staats im Staate fand in der französischen Emanzipationsdebatte – etwa bei Abbé Maury – Übertragung auch auf Juden.

Von hier verfolgt Karp die Spur nach Preußen, wo die Judenemanzipation untrennbar mit dem Revolutionsgeschehen verknüpft gewesen sei. Johann Gottlieb Fichte habe in seinem „Beitrag zur Berichtigung der Urtheile des Publikums über die französische Revolution“ Juden als Ausdruck der alten Feudalordnung und als Stütze von Adelsprivilegien betrachtet. Juden und Adel, imperia in imperio und ihre Privilegien, standen antithetisch zu Fichtes eigenem Ideal einer naturrechtlichen und kontraktionalistischen Gesellschaft. Letztlich war sein auf Arbeit und Besitz basierendes ökonomisches Modell aber von inneren Spannungslinien durchzogen, wie Karp zeigt: Dadurch, dass Fichte in revolutionärer Tradition den Adel mit dem seines Erachtens ablehnenswerten Freihandel identifizierte, scheint sein „geschlossener Handelsstaat“, der nur internen Warenaustausch erlaubt, zugleich vor- und rückwärtsgewandt. Für Fichte war und blieb Staatsangehörigkeit unvereinbar mit dem freien Spiel der Märkte.

Zwei Aspekte sind an Karps Darstellung dieser Episode positiv hervorzuheben: Erstens seine Fähigkeit, Maß zu halten. Anstatt Fichte auf dessen dreiseitige antisemitische Passagen zu reduzieren, finden die Passagen ihren Platz im Streit mit Konservativen wie Rehberg, Brandes und Möser, in seiner innerpreußischen Kritik der Feudalgesellschaft und seinem positiven Entwurf einer auf Arbeit und Landbesitz basierenden Ökonomie. Zweitens die genaue Analyse von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Fichte und Autoren wie Sieyès, Christian Wilhelm Dohm und Adam Smith (gar mit Seitenblicken auf Werner Sombart), die mühelos Kapitelgrenzen überspannt.

Zuletzt drei Kritikpunkte: Erstens liegt – wie auch Israel bemängelt – Karps Schwerpunkt auf englisch- und deutschsprachigen Autoren, die zentralen französischen Debatten kommen nur verkürzt vor.[5] Zweitens ist die Frage des Transfers, der Modi wechselseitiger Beeinflussung über den Textvergleich hinaus kaum ein Thema. Dies ist insofern ungewöhnlich, als erst die zugegeben schwierig nachzuvollziehende Rezeption (zum Beispiel Lektüre, Kontakt, Übersetzung) aus intellektuellen Bezügen ex post historische Verbindungen macht; ein Potenzial, das beispielsweise aufscheint, wenn Karp darauf hinweist, Fichte habe eine deutsche Ausgabe von Sieyès Werken editorisch betreut (S. 152). Drittens bleibt die Studie erklärtermaßen eine (manchmal sozialgeschichtlich informierte) intellectual history. Dies provoziert die Frage, welche – vielleicht altbekannten – Strukturprobleme der politischen und ökonomischen Systeme Europas die Debatte über „jewish commerce“ eigentlich adressierte.

Das eingangs eingeführte Distelfeld – der Streit zwischen Grattenauer und zahlreichen weiteren Autoren – ist ein solches Beispiel, das bis auf die Nennung einiger Namen leider unberücksichtigt bleibt. Bereits Heinrich Graetz wies in seiner Geschichte der Juden auf diesen öffentlichen Schlagabtausch über die Judenemanzipation hin, der die virulente französische Debatte mit dem Diskurs in Preußen verband.[6] Lazarus Bendavids deutschsprachige Ausgabe der Debatten der Nationalversammlung ist sogar die Übersetzungsleistung eines der Beteiligten.[7] Dies wäre ein Fall gewesen, an dem sich die Vorbehalte gegen jüdischen Handel auf das engste mit politischen Themen verbanden, ohne dass sich die wechselseitige Beeinflussung auf akribisch zu beweisende Spuren reduzierte.

Dennoch hat Jonathan Karp eine wegweisende Studie vorgelegt, der es durch systematische Verschränkung der Rekurrenzen auf „jewish commerce“ mit umfassenderen Entwicklungen der politischen Ökonomie gelingt, die heterogenen Rollen zu umreißen, die dieser Denkfigur in der europäischen Geschichte zukamen. Verbindet man diesen Ansatz mit den erwähnten Arbeiten Penslars, Israels oder Francesca Trivellatos, lassen sich Potenziale für weitere Forschung erkennen[8]: Über die europäische Denkfigur des „jewish commerce“ ist nicht nur eine Geschichte antijüdischer Vorurteile zu schreiben, sondern eine neu perspektivierte Geschichte europäischer Ökonomie, die bis in das 19. Jahrhundert untrennbar mit Religion und Politik verschmolz.

Anmerkungen:
[1] Anonym, Rezension: Ueber die physische und moralische Verfassung der heutigen Juden und Apologie der Menschenrechte, in: Allgemeinen Literatur-Zeitung 179 (30.05.1794), Sp. 553-556.
[2] Jonathan I. Israel, European Jewry in the Age of Mercantilism, 1550-1750, Oxford 1991.
[3] Derek J. Penslar, Shylock’s Children. Economics and Jewish Identity in Modern Europe, Berkeley 2001.
[4] Eberhard Schmitt / Rolf Reichardt (Hrsg.), Emmanuel Joseph Sieyès. Politische Schriften 1788-1790, Darmstadt 1975, S. 117-196, hier S. 123.
[5] Jonathan I. Israel, Review: Karp, Politics of Jewish Commerce, in: Journal of Interdisciplinary History 40,4 (2010), S. 589-590.
[6] Heinrich Graetz, Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart, Bd. 11, Leipzig 1900, S. 587-590.
[7] [Lazarus Bendavid], Sammlung der Schriften an die Nationalversammlung die Juden und ihre bürgerlichen Verhältnisse betreffend, Berlin 1789.
[8] Francesca Trivellato, The Sephardic Diaspora, Livorno, and Cross-Cultural Trade in the Early Modern Period, New Haven 2009.

Redaktion
Veröffentlicht am
10.04.2012
Autor(en)
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache der Publikation
Sprache der Rezension