S. Rindlisbacher Thomi: Botschafter des Protestantismus

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Titel
Botschafter des Protestantismus. Außenpolitisches Handeln von Zürcher Stadtgeistlichen im 17. Jahrhundert


Autor(en)
Rindlisbacher Thomi, Sarah
Reihe
Frühneuzeit-Forschungen
Erschienen
Göttingen 2022: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
591 S.
Preis
€ 59,90
Rezensiert für infoclio.ch und H-Soz-Kult von:
Hillard von Thiessen, Lehrstuhl für die Geschichte der Frühen Neuzeit, Universität Rostock

In Zürich war manches anders – jedenfalls im Hinblick auf die Außenbeziehungen des Ortes und die Bedeutung der führenden städtischen Geistlichen in diesen. Man könnte also meinen, die an der Universität Bern verfasste Dissertation von Sarah Rindlisbacher Thomi stelle eine Spezialstudie mit geringem Generalisierungspotenzial dar. Das aber wäre ein Trugschluss. Denn die Autorin bringt das Kunststück fertig, die in der Tat sehr speziellen Zürcher Verhältnisse in einer Weise aufzubereiten, in den Forschungsstand einzubetten und zu kontextualisieren, dass eine an Außenbeziehungen und dem Stellenwert des Religiösen im Handlungsfeld der (Außen)Politik interessierte Leserschaft sie bereichert aus der Hand legen dürfte.

Die Verfasserin geht methodisch und definitorisch sehr sorgfältig vor. Untersuchungszeitraum sind die Jahre von 1612 bis circa 1700. Im erstgenannten Jahr belebte die Stadt ihre Außenkontakte nach einer langen Zeit außenpolitischer Abstinenz wieder. Das war Ausdruck eines wachsenden konfessionellen Bedrohungsgefühls, zu dem wenige Jahre später auch die Erfahrung der Synode von Dordrecht als Katalysator eines transnationalen Calvinismus hinzukam. Die ältere Forschung sah hierin eine Fehlentwicklung, die konfessionellen „Hader“, Stagnation und Niedergang gebracht habe. Die Autorin hingegen baut auf einer mittlerweile unter anderem von André Holenstein, ihrem Betreuer, und Thomas Maissen vertretenen Neubewertung dieser Phase auf, welche anachronistische Maßstäbe ablegt und die Akteure im Werte- und Normenhorizont ihrer Zeit versteht. Sie rezipiert zudem das aus der Cambridge School of Intellectual History stammende Konzept der „politischen Sprache“ und kann auf Studien zu Geistlichen als Akteure der europäischen Außenbeziehungen zurückgreifen, die in jüngster Zeit wieder verstärkt in den Blick der Forschung gerückt sind. Insoweit darf ihre Arbeit auch als Beitrag zur „Neuen Diplomatiegeschichte“ gelten. Die Quellengrundlage ist breit und umfasst neben unterschiedlichen städtischen Akten auch Dokumente aus privaten Nachlässen und Gesandtenberichte. Untersucht wird das Wirken von sechs führenden Geistlichen in der Stadt – Antistes (Vorsteher der Geistlichen Zürichs) und/oder Professoren der Theologie, die sich beispielsweise als Prediger hervortaten: Caspar Waser (1565–1625), Johann Jakob Breitinger (1575–1645), Johann Jakob Ulrich (1602–1668), Johann Heinrich Hottinger (1620–1667), Johann Heinrich Heidegger (1633–1698) und Anton Klingler (1649–1713). Die Arbeit fragt nach der Art und Intensität der Beteiligung der Geistlichen an den Außenbeziehungen und in diesem Zusammenhang auch nach dem Verhältnis zwischen Geistlichen und Rat sowie nach der Funktion und Rolle des Engagements der Geistlichen für die Außenbeziehungen Zürichs insgesamt.

In der Hinführung zum Thema (Kapitel 2 und 3) erläutert die Autorin ausführlich die politische Verfasstheit Zürichs und stellt die mit den Außenbeziehungen befassten Amtsträger in der Stadt vor, insbesondere Bürgermeister und Stadtschreiber. Anschließend widmet sie sich den Außenbeziehungen der Stadt, wobei sie einem Modell konzentrischer Kreise folgt und zunächst die Beziehungen der Stadt zu anderen Orten der Eidgenossenschaft und danach die mit Gemeinwesen außerhalb der Eidgenossenschaft in den Blick nimmt. Schließlich wird die Zürcher Stadtgeistlichkeit vorgestellt und die sechs für die Untersuchung ausgewählten Geistlichen in Kurzbiographien präsentiert. Dabei wird eines der Spezifika Zürichs deutlich: Die führenden Stadtgeistlichen entstammten alle den Bürgergeschlechtern und waren entsprechend stark in der Stadtgesellschaft verankert. Die folgenden drei Kapitel stellen den eigentlichen Hauptteil der Untersuchung dar: Zunächst geht es um die Netzwerke und Praktiken der Geistlichen in den Außenbeziehungen, dann werden ihre politische Sprache, ihre Argumentationsweisen und Interessen dargestellt, um schließlich die Beziehungen zwischen Geistlichkeit und Rat zwischen den Polen Kooperation und Konflikt zu untersuchen.

Zu den Erträgen der Studie: Die Verfasserin betont, dass sich die Ziele der Geistlichen im Laufe des Jahrhunderts nicht grundlegend änderten. Es ging ihnen vor allem darum, die Abhängigkeit von der französischen Krone zu durchbrechen und protestantische Mächte als die besseren Verbündeten darzustellen. Auch ihre Sorge um bedrängte Konfessionsverwandte in der Ostschweiz und in verschiedenen Teilen Europas brachten sie wiederholt beim Rat vor. Dabei war ihr Verhältnis zu diesem alles in allem über eine lange Zeit von Kooperation geprägt. Das hing neben der bereits erwähnten sozialen Nähe zwischen Rat und Geistlichkeit auch damit zusammen, dass es die verbriefte Aufgabe der Geistlichen war, die politische Führung Zürichs zu beraten. Ihnen stand mittels der so genannten „Fürträge“ zu, Anliegen direkt beim Rat vorzubringen – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Diese direkte Einbindung der Geistlichen führte dazu, dass andernorts belegte Auseinandersetzungen über das „Wächteramt“ der Geistlichkeit in Zürich selten waren. Denn sie waren strukturell in der Gestaltung der Außenbeziehungen verankert. Sie befanden sich damit in der Rolle geistlicher Politikberater und wurden auch wiederholt angefragt, Gutachten zu erstellen oder, angesichts ihrer Sprachkenntnisse, lateinische Schreiben beziehungsweise Dokumente zu übersetzen. Auch ihre weitgespannten Briefkontakte stellten sie in den Dienst der Zürcher Außenbeziehungen. Ein Vergleich mit der Rolle katholischer Beichtväter von Fürsten, den die Verfasserin anregt, wäre in diesem Zusammenhang in der Tat von Interesse.

Zumeist überwog der Konsens zwischen ihnen und der dominanten Ratsfaktion, was allerdings auch die Frage aufkommen lässt, welches Gewicht sie überhaupt in der Gestaltung der Außenbeziehungen hatten. Zumindest scheinen sie die Annäherung Zürichs an die Niederlande und England beschleunigt zu haben. Inwieweit auch partikulare Interessen der Geistlichen – etwa die Förderung des Studiums ihrer Verwandten und Nachkommen durch Gesandte – für sie handlungsleitend waren, lässt sich laut der Verfasserin kaum entscheiden. Bemerkenswert ist aber, dass die strengen Bestimmungen gegen Korruption in Zürich, die Kontakte zwischen Ratsherren und auswärtigen Gesandten stark beschränkten, den Geistlichen ein Handlungsfeld öffneten: Sie waren informelle Anlaufstellen für Gesandte in Zürich und nahmen insofern eine Scharnierfunktion in den Außenbeziehungen der Stadt ein. Dieses geradezu harmonische Bild erhielt allerdings zum Ende des Jahrhunderts Risse, die sich während des Spanischen Erbfolgekrieges massiv vertieften. Eine wachsende Zahl von Ratsherren, vor allem Kaufleute, die am Handel mit Frankreich interessiert waren, zeigte sich nicht mehr bereit, das Gewicht religiöser Argumente in den Außenbeziehungen zu akzeptieren. Innerhalb eines kurzen Zeitraums – dem ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts – sah sich die Geistlichkeit auf diesem Feld marginalisiert.

Was die Studie zu einer sehr ergiebigen Lektüre macht, sind die zahlreichen Bezüge zu jüngeren Forschungsfragen hinsichtlich Außenbeziehungen, Verflechtung sowie Konfessions- und Kirchengeschichte, womit die Zürcher Ereignisse und Entwicklungen überzeugend in einen europäischen Rahmen eingeordnet werden. Die Verfasserin zeigt sich über den allgemeinen, über die Schweizer Geschichte hinausgehenden Forschungsstand sehr gut informiert und vermag Konzepte und Ergebnisse der Forschung für ihre Argumentation aufzugreifen. Das zeigt sich beispielsweise bei der Diskussion der Patronagebeziehungen der Geistlichen im Schlussteil. Die Verfasserin sieht weniger Parallelen zur „klassischen“ und eher höfischen Patronage, wie sie vor allem Wolfgang Reinhard in die Forschung eingeführt hat, als vielmehr im Verflechtungshandeln der Geistlichen eine besonders frühe Variante der von Jens Ivo Engels und Volker Köhler für die Moderne beschriebenen „Gesinnungspatronage“. Auch wenn das mit 542 Seiten recht lang geratene Buch einige Wiederholungen und mitunter Redundanzen beziehungsweise zu detailgesättigte Passagen aufweist und es auch nicht nötig gewesen wäre, ab Kapitel 3 jedes Unterkapitel mit einem zusammenfassenden Fazit zu beenden, so ist die Lektüre dieser Studie doch sehr zu empfehlen. Sie zeichnet ein sehr präzises, vielgestaltiges und instruktives Bild von der faktischen Entfaltung des Faktors des Religiösen in der politischen Kultur und der Außenbeziehungen einer reformierten Stadt. Die Studie lädt zum Vergleich mit anderen Beispielen ein (und zieht diese Vergleiche vor allem auch selbst) und schließt auch eine Lücke aus der Sicht der Schweizer Geschichte, waren doch bislang die Außenbeziehungen der Stadt Bern in der Frühen Neuzeit sehr viel besser untersucht als die der Stadt an der Limmat.

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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch http://www.infoclio.ch/
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