M. Lorenz: Vandalismus als Alltagsphänomen

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Titel
Vandalismus als Alltagsphänomen.


Autor(en)
Lorenz, Maren
Erschienen
Anzahl Seiten
158 S.
Preis
€ 12,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Georg Tschannett, Wien

Während zahlreiche geschichtswissenschaftliche Untersuchungen und Debatten zum Ikonoklasmus und zu historischen Formen des politischen Protests existieren, hält sich das Interesse für „Vandalismus als Alltagsphänomen“ innerhalb der deutschen Forschungslandschaft bislang in Grenzen. Scheinbar unpolitischen Phänomenen wie der anonymen Sachbeschädigung, die aus keinem erkennbaren ideologischen, politischen oder religiösen Grund begangen wurde, wurde von Historiker/innen bisher wenig Bedeutung zugemessen. Die Forschung, so Maren Lorenz in der hier vorzustellenden Studie, diskutiere dieses Phänomen vor allem unter dem Gesichtspunkt „der Abgrenzung zwischen politischem Protest als zielgerichteter Handlung und Vandalismus, dem landläufig unterstellt wird, zu zerstören um der Zerstörung willen“ (S. 7-8). An dieser Diskussion möchte sich die Historikerin nicht beteiligen. Sie interessiert sich vielmehr dafür, von wem das Phänomen des Vandalismus auf welche Weise wahrgenommen und gedeutet wurde. Vandalismus definiert sie dabei als „bewusste, Normen verletzende Beschädigung oder Zerstörung fremden Eigentums […], die – von außen betrachtet – zunächst ohne tieferes Motiv geschieht“ (S. 10).

In ihrer diskursanalytischen Studie gibt Maren Lorenz einen Überblick über die unterschiedlichen Deutungen und mannigfaltigen Erklärungen, die den vandalistischen Praktiken im Rahmen der intellektuellen und öffentlichen Diskurse zugeschrieben wurden. Sie fokussiert dabei auf die in Deutschland zwischen dem 17. Jahrhundert und der „Wiedervereinigung“ geführten Auseinandersetzungen, die primär von Juristen, Kriminologen, Pädagogen und Psychologen geführt wurden. Ein besonders Interesse legt Maren Lorenz in diesem Zusammenhang auf die „Zuschreibung von Verantwortung“, die „Ursachenanalyse“ und die „propagierten bzw. diskutierten Präventions- und Strafmaßnahmen“ (S. 10). Gleichzeitig interessiert sie sich für die Frage, inwieweit die Wahrnehmungen und Erkenntnisse des Phänomens Vandalismus „von normativen Setzungen geprägt sind“ und „von politischen Rahmenbedingungen abhängen“ (S. 10).

Lorenz beschreibt zu Beginn ihrer Untersuchung den Zuschreibungswandel, dem das Phänomen der anonymen Sachbeschädigung unterlag. Sie betont, dass sich für das Phänomen zu historisch unterschiedlichen Zeiten differente Bezeichnungen finden und diese bereits bestimmte Vorannahmen über die Handlungsmotive und die Täter beinhalten. Diese axiomatischen Vorannahmen seien wiederum „eng an die jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gebunden, gegen die sich die Akte der Zerstörung nach Vermutung der Diskutanten richten“ (S. 21). Der Begriff „Vandalismus“ taucht erstmals in einem 1794 verfassten Bericht des Bischofs von Blois auf, in dem er „das sinnlose Morden und die Zerstörungen von Kunstwerken durch radikale Jakobiner“ (S. 14) anprangerte. Den ersten Eintrag in einem deutschen Lexikon macht die Autorin 1850 aus, wobei der Terminus stellvertretend für die „Zerstörungswuth von Kunstwerken“ (S. 15) stand. Die Beschränkung des Begriffs auf die Zerstörung von elitärem Kulturgut hielt sich größtenteils bis ans Ende des 19. Jahrhunderts. Für anonyme Beschädigungen oder Zerstörungen von „Gegenständen von minderem ‚kulturellem‘ Wert“ wurden hingegen meist der Begriff des „Mutwillen“ oder des „Unfugs“ (S. 19) verwendet. Diese Art der Unterscheidung, so Maren Lorenz, findet sich nicht nur in den Lexikoneinträgen des 19. Jahrhunderts, sondern sowohl im aktuell gültigen Strafgesetzbuch als auch in der geisteswissenschaftlichen Forschung. Letztere bewertet bestimmte Praktiken zumeist nur dann als Vandalismus, wenn diese sich gegen Kunst oder Architektur richten. Andere Formen der anonymen Sachbeschädigung werden als „motivlose ‚Streiche‘“ (S. 13) von pubertierenden männlichen Jugendlichen beurteilt.

Den chronologischen Überblick über den Wandel der Deutungen und Erklärungen des Phänomens Vandalismus beginnt die Autorin mit dem Dreißigjährigen Krieg. Für das frühneuzeitliche Deutschland, so Maren Lorenz, könne nicht von einer öffentlichen Debatte über die möglichen Motive hinter den vandalistischen Praktiken gesprochen werden. Der obrigkeitliche Umgang mit und die Sicht auf das Phänomen ließen sich lediglich anhand der erlassenen Gesetze und Mandate analysieren. Ursachenanalyse und Präventionsmaßnahmen setzten erst zur Zeit der Aufklärung ein. Hierbei betont sie, dass die Argumente der Aufklärer primär darauf abzielten, ökonomische und soziale Missstände innerhalb der Gesellsaft aufzudecken.

Eine Verschiebung der dem Vandalismus zugeschriebenen Ursachen konstatiert Lorenz während des 19. Jahrhunderts. Nicht mehr die sozialen und ökonomischen Umstände der in Verdacht genommenen Täterschaft standen im Vordergrund, vielmehr wurden die Ursachen für die anonymen Sachbeschädigungen in einen kultur- und gesellschaftskritischen Zusammenhang gestellt: Der durch den Zerfall der bürgerlichen Kleinfamilie verursachte Verfall der Werte, so die Diskursträger, führe zu einer Verrohung der Jugend. Vandalismus wurde nun als sinnloses, mutwilliges Zerstören von fremdem oder öffentlichem Eigentum bewertet und herumziehenden männlichen Jungendbanden zugeschrieben. Diese Erklärungen des Phänomens blieben bis zum Ende der Weimarer Republik relativ konstant.

Für die Zeit des Nationalsozialismus bemerkt Maren Lorenz eine zwiespältige Sicht auf vandalistische Akte. Auf der einen Seite wurde jegliche Sachbeschädigung als „Sabotage“ am „Volkskörper“ gedeutet und non-konforme Jugendgruppen kriminalisiert sowie unliebsame Gruppen und Personen verfolgt. Auf der anderen Seite war Vandalismus ein elementarer Bestandteil der Aktionen diverser Organisationen innerhalb des NS-Herrschaftsapparats. Vandalistische Akte wurden primär im Zusammenhang mit Jugendkriminalität diskutiert. Die verdächtigten Täter wurden von linientreuen Juristen, die zunehmend „biologisierende[r] Erklärungsmuster“ (S. 81) anwandten, pathologisiert.

Zum Abschluss befasst sich Maren Lorenz mit den Deutungen des Phänomens in der DDR und der BRD. Sie betont, dass in der DDR ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Phänomen des Vandalismus und einem Angriff auf die Staatsordnung hergestellt wurde. Von den Diskursträgern wurde das Delikt bis zum Ende der DDR auf Jugendliche reduziert und als ein Erziehungs- und Pubertätsproblem gedeutet. Durch diese Argumentation konnte eine öffentliche Debatte über etwaige soziale oder politische Missstände vermieden werden. Auch in der BRD wurden anonyme Sachbeschädigungen als Jugendphänomen abgetan. In den 1950er-Jahren wurde Vandalismus als eine Gefahr für das Wirtschaftswunder gesehen und primär täterzentrierte und jugendpädagogische Debatten geführt. In den folgenden Jahrzehnten konzentrierten sich die Wortführer weniger auf die Ursachenforschung als auf die Frage, durch welche Maßnahmen der ökonomische Schaden verringert werden könnte. Ein neuer Aspekt innerhalb des Diskurses war, dass nicht mehr nur Jugendliche aus den Unterschichten des Vandalismus verdächtigt wurden. Im Zusammenhang mit dem Phänomen der „Luxusverwahrlosten“ (S. 103) richtete sich der Blick auch auf Kinder einkommensstarker Familien.

Für Maren Lorenz sind die Auseinandersetzungen über anonyme Sachbeschädigungen vor allem deswegen interessant, „weil die Schuldzuschreibungen der öffentlichen Meinungsbilder Rückschlüsse auf die aktuellen Probleme der jeweiligen Gesellschaft zulassen“ (S. 119). Unter dem Phänomen Vandalismus, so die These, wurden stets politisch und gesellschaftlich relevante Fragen verhandelt, wobei die Deutungen und Erklärungen der intellektuellen Eliten „mehr über Ängste, wahrgenommene Krisensymptome und gesellschaftliche Probleme aus[sagen] als über die tatsächlichen Dimensionen der vandalistischen Akte bzw. über die wahren Täter“ (S. 119). Die vandalistischen Praktiken, so Maren Lorenz, wurden allein männlichen Jugendlichen oder Erwachsenen zugeschrieben. Dass anonyme Sachbeschädigungen von Mädchen oder Frauen begangen werden konnten, bleibe bis in die Gegenwart undenkbar. Wenn die Kategorie Geschlecht thematisiert wurde, griffen und greifen die Wortführer zumeist auf axiomatische und biologistische Erklärungsmuster zurück.

In ihrer aspektreichen Untersuchung gelingt es Maren Lorenz, die vielfältigen Stimmen, die sich am „Vandalismus-Diskurs“ zwischen dem 17. Jahrhundert und der „Wiedervereinigung“ Deutschlands beteiligten, nachzuzeichnen. Sie betont, dass das Feld an möglichen Aussagen durch die sozialen und politischen Rahmenbedingungen der jeweiligen Zeit begrenzt war. Beim Sprechen und Schreiben über das Phänomen Vandalismus wurde von elitärer Seite stets versucht, grundsätzliche gesellschaftliche Probleme zu thematisieren und politisch-ideologische Reformen durchzusetzen. Die Studie von Maren Lorenz eröffnet einen ersten, schemenhaften Überblick über die Debatten zum omnipräsenten Phänomen Vandalismus und gibt zukünftigen Forschungen einen Anstoß, die vielschichtigen Aussagen und Praktiken genauer zu konturieren.