M. Sabrow (Hrsg.): Erinnerungsorte der DDR

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Titel
Erinnerungsorte der DDR.


Herausgeber
Sabrow, Martin
Erschienen
München 2009: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
619 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Günther R. Mittler, Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Seit seiner ersten Auflage im Jahr 2001 stellt das von Etienne François und Hagen Schulze herausgegebene dreibändige Werk zu den „Deutschen Erinnerungsorten“ ein Glanzlicht der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und Kultur dar. Angelehnt an Pierre Noras Konzept der „lieux de mémoire“ erklären hier Autoren unterschiedlicher Fachbereiche kompetent, was das kollektive Gedächtnis der Deutschen bis heute prägt, wie diese Erinnerungsorte entstanden, welche Entwicklungen sie durchliefen, zu welchen Irrtümern sie führten und von wem sie wozu missbraucht wurden.[1] Acht Jahre später nun, im zwanzigsten Jahr des Mauerfalls, knüpft der Berliner Zeithistoriker Martin Sabrow an das erfolgreiche inhaltliche Konzept des Standardwerks an und legt eine Anthologie von ausschließlich DDR-Erinnerungsorten vor. Werden diese in den „Deutschen Erinnerungsorten“ allenfalls randständig berücksichtigt (so etwa in Artikeln zu Staatssicherheit, Palast der Republik und Jugendweihe), richtet die von Sabrow herausgegebene Zusammenstellung den Blick alleine auf das DDR-Gedächtnis.

Sabrow, nicht erst seit seinem Vorsitz der Expertenkommission zur ‘Aufarbeitung der SED-Diktatur’ ein profunder Kenner des Umgangs mit der DDR-Vergangenheit[2], bringt in seinem einleitenden Essay die Schwierigkeiten in der Erinnerung an den zweiten deutschen Staat auf den Punkt: „In [ein]em tripolaren Kräftefeld zwischen Diktaturgedächtnis, Arrangementgedächtnis und Fortschrittsgedächtnis wird die DDR-Vergangenheit täglich neu verhandelt.“ (S. 20) Tatsächlich konkurriert in den Debatten über die Qualität der DDR-Vergangenheit das offizielle Gedenken an den Diktaturcharakter des SED-Regimes mit Erinnerungskonzepten, die einmal die alltägliche Selbstbehauptung des Einzelnen oder einer Gruppe unter der widrigen Diktaturerfahrung und einmal die Überhöhung des sozialistischen Staates als das fortschrittlichere Gesellschaftssystem betonen. Ohne sich in diesem Deutungskampf auf die eine oder andere Seite schlagen zu wollen, setzt sich die Anthologie „nicht zum Ziel die gängigen Vorstellungen von der historischen Wirklichkeit in der DDR zu überprüfen, sondern [sie] will vielmehr die Wirklichkeit dieser Vorstellungen untersuchen.“ (S. 25) Statt wissenschaftlicher Erkenntniswahrheit steht also gesellschaftliche Geltungswahrheit im Mittelpunkt. Auf diese Weise sollen die präsentierten Erinnerungsorte der DDR als eine „Momentaufnahme eines noch fluiden DDR-Gedächtnisses“ (S. 26) verstanden werden.

Unterteilt in sechs Abschnitte zu den Themen „Gesichter der Macht“, „Herrschaftsstruktur“, „Leben im Staatssozialismus“, „Kleine Fluchten“, „Gemeinsame Grenzen“ und „Aushalten und Aufbegehren“ werden insgesamt 49 in ihrer Bedeutung stark unterschiedliche Erinnerungsorte der DDR erörtert – von Antifaschismus bis Zensur, von Buchenwald bis zum Ost-Sandmännchen. Dabei erweisen sich die einzelnen Beiträge, verfasst von Publizisten und Zeithistorikern aus Ost und West, beinahe durchgehend als informative und fundierte Beschreibungen von wichtigen, aber auch auf den ersten Blick weniger wichtigen Orten der DDR-Erinnerung. In letzterem liegt dann auch die Stärke der Anthologie: Neben der zweifellos notwendigen Erinnerung an den Diktaturcharakter des SED-Regimes, wie es zum Beispiel in den Beiträgen zu Bautzen oder zur Staatssicherheit eindrucksvoll gelingt, wird auch der Alltagserfahrung in der DDR ausreichend Platz eingeräumt. Bückware, Plattenbau, Puhdys oder der Trabant haben einen festen Platz im DDR-Gedächtnis – übrigens auch, dies gilt es zu unterstreichen, in der westdeutschen Erinnerung an die DDR. Der zweite deutsche Staat war eben beides: Unrechtsstaat und Heimat für Millionen Ostdeutsche. Diesem Umstand trägt die Zusammenstellung der Erinnerungsorte Rechnung. Der Gefahr der Ostalgie erliegen die Autoren dabei freilich nicht. Statt romantisierender Erinnerungen an Kinderkrippe, Blauhemden und Fahnenappell bleiben die Autoren auf kritischer Distanz, stets die Instrumentalisierung dieser Institutionen durch das SED-Regime im Blick behaltend.

Eine besondere Erwähnung verdient der Abschnitt „Gemeinsame Grenzen“. Die hier versammelten Beiträge zu den Erinnerungsorten „Intershop“, „Mauer“, „Ständige Vertretung“, „Transitautobahn“, „Fluchttunnel“, „Westberlin“, „Westpaket“ und „Zone“ führen deutlich die Verflechtung der deutsch-deutschen Geschichte nach 1945 vor Augen. Als Orte, die die Aufeinanderbezogenheit zwischen der DDR und der alten Bundesrepublik symbolisieren – sei es, dass sich hier die DDR-Bevölkerung mit der eigenen Unfreiheit und der Sehnsucht nach Selbstbestimmung und Wohlstand konfrontiert sah oder sei es, dass hier für die Bundesbürger Begegnungsstätten mit dem anderen Deutschland bestanden –, sind sie weniger alleine Erinnerungsorte der DDR, sondern müssen vielmehr als Marksteine eines gesamtdeutschen Gedächtnisses verstanden werden.

Lediglich in Einzelfällen kommen Zweifel an der Relevanz der ausgewählten Erinnerungsorte auf. Ein kurzer Beitrag zum Erinnerungsort „Ostsee“ erklärt nur unzureichend die Bedeutung für das DDR-Gedächtnis und beschränkt sich weitgehend auf rudimentäre Erörterungen zur in der DDR beliebten Freikörperkultur. Hier handelt es sich tatsächlich einmal eher um ein „Erinnerungsstück“ denn um einen „hochsymbolische[n] Kristallisationsort der Selbstvergewisserung“ – wie Klaus-Dietmar Henke in seiner Rezension treffend beobachtet hat.[3] Überhaupt ist leider nicht klar, warum es der eine Erinnerungsort in den Kanon geschafft hat, ein anderer – mindestens ebenso wichtiger – jedoch überhaupt keine Berücksichtigung findet. Lässt sich das Fehlen eines Beitrags zu „Spreewaldgurken“ oder „Nudossi“ noch mit Blick auf die Ostalgiegefahr entschuldigen, vermisst man jedoch Artikel, die für das DDR-Gedächtnis durchaus von erhöhter Bedeutung sind. So bleibt beispielsweise der Bereich Sport mit Ausnahme des „Sparwasser-Tores“ unterbelichtet. Auch fehlen Bauwerke wie der Ost-Berliner Fernsehturm und die „Helden des Sozialismus“, allen voran der Radsportler Gustav-Adolf ‘Täve’ Schur und der erste Deutsche im Weltraum, Sigmund Jähn. Leider auch kein Wort zu Dissidenten wie Robert Havemann oder Wolf Biermann. Und leider ebenso ohne Berücksichtigung bleibt der Erinnerungsort „Kultur“. Kein Film, Gemälde oder literarisches Werk schafft es in den Kanon der DDR-Erinnerungsorte. Hier hätte man sich stärker an den „Deutschen Erinnerungsorten“ orientieren sollen, wo die Kultur doch eine wichtige Rolle spielt. Beispielsweise eine Erörterung Bertolt Brechts hätte die Anthologie bereichert.

Trotz dieser unvollständigen Erfassung der DDR-Erinnerungslandschaft soll der Wert der Zusammenstellung nicht in Frage gestellt werden. Als eine lesenswerte und in weiten Teilen erhellende Lektüre beschreibt die Anthologie wesentliche Bezugspunkte der Erinnerung an die untergegangene DDR und leistet damit einen wichtigen Beitrag für das historische, politische und gesellschaftliche Verständnis vom zweiten deutschen Staat.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Etienne François / Hagen Schulze (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte, 3 Bde., München 2009.
[2] Vgl. Martin Sabrow u.a. (Hrsg.): Wohin treibt die DDR-Erinnerung? Dokumentation einer Debatte, Göttingen 2007.
[3] Klaus-Dietmar Henke, Ein Unterkapitel deutscher Geschichte, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.11.2009, S. 10.

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Veröffentlicht am
11.12.2009
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