B. Stambolis: Leben mit und in der Geschichte

Cover
Titel
Leben mit und in der Geschichte. Deutsche Historiker Jahrgang 1943


Autor(en)
Stambolis, Barbara
Erschienen
Anzahl Seiten
439 S., 1 CD-ROM
Preis
€ 34,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Thomas, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Dieses bemerkenswerte Buch der Paderborner Historikerin Barbara Stambolis ist ein erster Versuch, der „Tradition selbstverständlicher Selbstverleugnung“ deutscher Berufshistoriker (S. 27) eine systematische Untersuchung autobiographischer Interviews entgegenzusetzen. Während in England, Frankreich oder den USA schon seit den 1970er-Jahren Interviewsammlungen mit Historikerinnen und Historikern existieren, ist eine vergleichbare Tendenz zur Selbstthematisierung in Deutschland erst in jüngerer Zeit zu beobachten.[1] Selbst für viele der Gesprächspartner „war die Beschäftigung mit sich selbst als Zeitgenosse, als Zeitzeuge und zugleich als Profi im Umgang mit Geschichte, das heißt der Reflexion über das eigene Leben ‚mit und in der Geschichte’, neu“ (S. 41). Auch für die Erforschung der jüngeren westdeutschen Nachkriegshistorie betritt diese Studie Neuland. Bislang dominieren hier Forschungen etwa zur Etablierung der Sozialgeschichte, die sich auf die 1950er- und 1960er-Jahre beziehen.[2] Die für den vorliegenden Band befragten Historiker waren damals noch Jugendliche. Sie wurden während ihres Studiums selbst angeregt durch die Arbeiten der Älteren, wie etwa Reinhart Koselleck, Thomas Nipperdey oder Jürgen Kocka.

Stambolis hat mit 44 männlichen, westdeutschen Geschichtsprofessoren des Jahrgangs 1943 zwei- bis dreistündige lebensgeschichtliche Interviews geführt. Der Leser begegnet etwa dem Zeithistoriker Horst Möller, den Neuzeitlern Joachim Radkau, Alf Lüdtke oder Dieter Langewiesche. Weniger häufig vertreten sind Mediävisten (Gerd Althoff) und Althistoriker (Hinnerk Bruhns); aus der Geschichtsdidaktik wurde Bodo von Borries befragt. Im Zentrum der Interviews stehen die Berufsbiographien der Historiker, wenn auch Privates dann und wann zu Tage tritt. Hinzu kommt das Interesse an der Reflexion der Gesprächspartner über die selbst erlebte Zeitgeschichte, zuletzt die 1989er-Revolution. Die Autorin stellt die Ergebnisse in drei Kapiteln über „Kindheit und Jugend“, „Studium und berufliche Weichenstellungen“ sowie die Zeit der Interviewpartner als etablierte Historiker dar. Hier werden die Antworten in die Forschungsliteratur zur Sozial- und Kulturgeschichte der Bundesrepublik eingeordnet. Zu Recht betont Stambolis die Vorläufigkeit ihrer Überlegungen, die noch keine belastbaren Schlüsse auf die Beziehung zwischen den Lebensläufen der einzelnen Historiker und dem Einfluss der Jahrgangsgruppe auf den Weg der westdeutschen Geschichtswissenschaft seit den 1960er-Jahren zulassen (S. 15). Der Umstand, dass sich in dem Sample keine Historikerin findet, ist selbst schon ein Befund zu den Geschlechterverhältnissen in der Geschichtswissenschaft der Nachkriegszeit (vgl. S. 39 bzw. S. 185-195).

Auf Anregung von Heinz Duchhardt und Christof Dipper (beide Jahrgang 1943) hat sich Stambolis für die Verknüpfung von Generationengeschichte und Wissenschaftsgeschichte entschieden.[3] Dabei bleibt die Frage zunächst offen, inwiefern die 1943 geborenen Historiker zu einer einheitlichen Generation mit verbindenden Erfahrungen und generationeller Selbstwahrnehmung gehören. Die Jahrgangsgruppen der vorangegangenen „skeptischen Generation“ wie die der nachfolgenden „68er“-Generation sind nicht nur in der historischen Forschung sehr viel stärker profiliert. Vielleicht gehören die „43er“ zu einer „Zwischen- und Brückengeneration“: „Wir glauben, zugleich kritisch wie begeisterbar, skeptisch wie experimentierfreudig zu sein.“ (Jürgen Reulecke, S. 20)

„Du bist der Erste aus der Familie, der das Abitur gemacht hat“, zitiert Elmar Schwertheim im Interview seinen Onkel. „[I]ch werde das nie vergessen“: Der Onkel „im schwarzen Anzug, silbergraue Krawatte, ehrte mich dadurch, dass er ein Frühstück gab.“ (S. 114) Schwertheim ist heute Spezialist für kleinasiatische Inschriften. Wie in seinem Fall handelt es sich bei den Historikern des Jahrgangs 1943 mehrheitlich um soziale Aufsteiger, die vom wirtschaftlichen Aufschwung in der frühen Bundesrepublik ebenso profitierten wie von der Expansion des Bildungswesens. Zugleich können sie zum großen Teil noch den „Kriegskindern“ zugerechnet werden. Aus dieser Konstellation ergaben sich handlungsleitende Prägungen: Pragmatismus, Vorsicht, hohe Leistungsbereitschaft. Kaum einer hat von Beginn an eine Universitätslaufbahn angestrebt. Dieter Langewische etwa absolvierte zunächst eine Lehre und ging dann zum Abendgymnasium. Er sagt, er habe es „Zufällen“ zu verdanken, „dass er Möglichkeiten, die außerhalb seiner Vorstellungswelt lagen, ergreifen konnte“ (S. 130). Auch eindeutige Antworten auf die Frage, „warum sie Historiker geworden sind“, fallen den Gesprächspartnern erstaunlich schwer (S. 98).

Selbst wenn die Jahrgangsgenossen der „43er“ zu den Protestformen der Studentenbewegung um 1968 mehrheitlich auf Distanz blieben bzw. selbst zum Ziel peinlicher Agitationen wurden („Möller kämpft gegen den Weltkommunismus“, S. 158), gestalteten sie doch den Wandel der Ordinarienuniversität zur Gruppenuniversität mit. Sie sammelten auch Auslandserfahrungen in Westeuropa oder den USA. Leider bleibt das Kapitel über die Karrierewege recht skizzenhaft, so dass kaum Rückschlüsse auf die begünstigenden und hemmenden Faktoren auf dem Weg ins Ordinariat möglich sind. Hier wirkt es sich nachteilig aus, dass mit Professoren lediglich die (in puncto Karriere) erfolgreichen Ausnahmen unter den Historikern des Jahrgangs befragt wurden. Die Erörterungen über die Mechanismen des beruflichen Ausschlusses von Frauen bleiben fast ohne Bezug zu den Interviews. Hier häufen sich ungeschickte Wendungen: „müssten darauf hin einmal genauer betrachtet werden“ (S. 194), „[d]iesen Fragen müsste nachgegangen werden“ (S. 193). Stambolis konzentriert sich in ihrer Auswertung vor allem darauf, wie die Befragten ihre eigenen Chancen erlebt haben. Trotz der vergleichsweise günstigen Situation nach dem Ausbau der westdeutschen Hochschulen in den 1960er-Jahren empfanden die meisten sehr wohl berufliche Unsicherheiten. Offenbar war schon wenige Jahre später „der Laden dicht“ (S. 200). Zehn der Historiker kamen nach Promotion und Habilitation rasch auf eine Professorenstelle – zwischen dem 31. und 37. Lebensjahr. Andere mussten sich 30-mal bewerben (S. 199). Tabellarische Übersichten zur Lebensgeschichte und zum Berufsweg der Historiker finden sich im Anhang des Bandes.

Abschließend behandelt Stambolis kurz die inhaltlichen Positionen der Historiker. Der wichtigste Befund ist die Distanz der Gruppe zu „Meistererzählungen“ oder Schulbildungen der älteren Generationen. Hier sind vielleicht die Impulse Alf Lüdtkes für die Alltagsgeschichte symptomatisch: Nachdem die akademischen Lehrer die „scharfen Kämpfe“ ausgefochten hatten (S. 225), ging es um eine pragmatische Fortentwicklung der Sozialgeschichte, um die Beteiligung an der „Ausdifferenzierung und Pluralisierung des Faches“ (S. 221) mit eigenen Fragestellungen. Die scheinbare methodische Unentschiedenheit konnte offenbar durchaus prinzipiellen, entdogmatisierenden Charakter tragen: „wir haben grundsätzlich gesagt, wir legen uns nicht fest“ (Dieter Dowe, S. 213). Vom „Historikerstreit“ 1986/87 zeigen sich Horst Möller, Hans-Ulrich Thamer und Reiner Pommerin emotional betroffen (S. 228ff.), aber auch die meisten anderen Gesprächspartner sind vor allem vom Tonfall der Kontroverse deutlich befremdet (S. 231).

Stambolis‘ Text folgt ein Abschnitt mit zum Teil recht knappen Kommentaren unterschiedlicher Qualität (Moshe Zimmermann, Richard Bessel, Christof Dipper, Heinz Duchhardt) sowie ein längeres Nachwort Jürgen Reuleckes. Die Entwicklungspsychologin Insa Foken hebt noch einmal die schwierigen Anfangsbedingungen hervor, die die Erfolgreicheren unter den Kriegs- bzw. Nachkriegskindern des Jahrgangs durch psychische Ressourcen wie „Resilienz“ oder „adaptive Funktionalität“ überwinden konnten (S. 283). Diese besonderen Verhaltensstile könnten auch die eher pragmatische spätere Positionierung im historiographischen Feld erklären. Für die Wahl des Historiker-Berufs wagt Foken ebenfalls eine Hypothese: Die Beschäftigung vor allem mit der neuesten Geschichte könnte Ausdruck der Ambivalenz einer Zwischengeneration gewesen sein, die die unterschiedlichen psychischen Bedürfnisse nach „einerseits Exploration“ der Hintergründe und „andererseits Bindung (an die Eltern)“ ausbalancieren musste (S. 290).

Dem Band liegt erfreulicherweise eine CD-ROM bei, auf der die Transkriptionen der meisten Interviews nachzulesen sind. Insgesamt ist diese Publikation ein wertvoller Fundus für die weitere Erforschung der Geschichte der jüngeren deutschen Geschichtswissenschaft.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Rüdiger Hohls / Konrad H. Jarausch (Hrsg.), Versäumte Fragen. Deutsche Historiker im Schatten des Nationalsozialismus, München Stuttgart 2000. Vgl. aber auch Sigfrid H. Steinberg (Hrsg.), Die Geschichtswissenschaft der Gegenwart in Selbstdarstellungen, 2 Bde., Leipzig 1925/26.
[2] Vgl. nur Thomas Etzemüller, Sozialgeschichte als politische Geschichte. Werner Conze und die Neuorientierung der westdeutschen Geschichtswissenschaft nach 1945, München 2001.
[3] Vgl. zur Vorgeschichte des Projekts: Christof Dipper, Tagungsbericht Jahrgang 1943 – zu den Konturen einer Historikerkohorte. 03.09.2008-05.09.2008, Evangelische Akademie Hofgeismar, in: H-Soz-u-Kult, 25.09.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2273> (23.07.2010).