Ashton, Paul; Kean, Hilda (Hrsg.): People and their Pasts. Public History Today. Basingstoke  2009. ISBN 978-0-230-54669-1

: Consuming History. Historians and Heritage in Contemporary Popular Culture. London  2009. ISBN 978-0-415-39946-3

Yerxa, Donald A. (Hrsg.): Recent Themes on Historians and the Public. Historians in Conversation. Columbia  2009. ISBN 978-1-57003-834-1

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Simone Rauthe, Historisches Institut, Universität zu Köln

Der anglo-amerikanische Begriff „Public History“ hat viele Bedeutungen: Als „history by the public“[1] bezeichnet er die Laienbewegung der 1970er-Jahre, die Lokal-, Alltags-, Familien- und Minderheitengeschichte von unten erforschte („Everyone a Historian“). Als Quellen dienten vor allem Zeitzeugeninterviews („Oral History“) und dingliche Überreste („Material Culture“). Das „Public History Movement“ war mit der schwedischen „Gräv-dar-du-står“-Bewegung („Grabe wo du stehst“, Sven Lindquist), dem britischen „History Workshop Movement“ (Raphael Samuel) und den westdeutschen Geschichtswerkstätten der 1980er-Jahre vergleichbar.

Als „history for the public“ steht der Begriff für über 50 Studiengänge an amerikanischen Universitäten, spezialisiert auf die Ausbildung von Historikern für Vermittlungsaufgaben und Dienstleistungen in der Öffentlichkeit, den „non teaching careers“. Die universitäre Public History versteht sich als angewandte Geschichtswissenschaft und beabsichtigt die Aufwertung alternativer Zugänge zur Geschichte in der Öffentlichkeit. Als Diskussionsforum dient besonders die seit 1978 erscheinende wissenschaftliche Zeitschrift „The Public Historian“.

Als „history about the public“ erscheint der Begriff nahezu synonym mit Jörn Rüsens theoretischen Überlegungen zur Geschichtskultur, definiert als „praktisch wirksame Artikulation von Geschichtsbewußtsein im Leben einer Gesellschaft“.[2] Public History lässt sich analytisch auch als Teil der politischen Kultur erfassen. Dies zeigten die Kontroversen zur amerikanischen Geschichtspolitik der 1990er-Jahre (zum Beispiel Columbus Quintencenary, National History Standards, Enola Gay, Disney’s America).

Public History umfasst keine elaborierte Theorie, sondern bezeichnet eher eine Haltung. Geschichte ist nicht das Privileg der akademisch gebildeten Historiker, sondern ein kommunikativer Prozess aller Menschen. Es geht um „People and their Pasts“ – so auch der Titel der ersten internationalen Public-History-Konferenz, die im Jahr 2005 am Ruskin College in Oxford als britisch-australische Kooperation stattfand. Im vergangenen Jahr haben Paul Ashton und Hilda Kean die Beiträge der dort Versammelten – alle akademisch ausgebildeten Public Historians verschiedener Disziplinen diverser westlicher Länder – publiziert.

Die Herausgeber fragen sich, wie aus Vergangenheit Geschichte wird, und betonen als Ziel des Sammelbands „[…] to explore the range of historiographical process that could lead to the possible creation of shared meaning and different understandings of the past between people with a keen interest in the role of the past in the present“ (S. 1). Sie interessieren sich demnach für das Geschichtsbewusstsein aller Menschen sowie die daraus folgende Multiperspektivität und Kontroversität im Prozess der Historisierung. Leider verzichten Ashton und Kean auf methodische Hinweise, wie Antworten auf diese so grundsätzliche und weit gefasste Fragestellung gefunden werden sollen.

Ihr Ziel ist die Überwindung der „rigid demarcation“ zwischen den Historikern und ihrem Publikum (S. 1) durch den Abbau von Wissensbarrieren, Aufwertung alternativer Quellen und die Wertschätzung des Engagements für Geschichte (S. 9). Die Herausgeber stellen die Publikation daher bewusst in die Tradition des „History Workshop Movement“ (S. 2ff.) und der ursprünglichen amerikanischen Public History (S. 4ff.). Sie schließen ihre Einleitung mit einem Zitat des amerikanischen Oral Historians Charles Hardy III: „[…] we are all historians“ (S. 15).

Die Beiträge der drei Sektionen „The Making of History“, „Presenting the Past in Place and Space“ und „Material Culture, Memory and Public Histories“ sind thematisch sehr disparat. Länderberichte wie „Connecting with History: Australians and their Pasts“ (Paul Ashton & Paula Hamilton) und „Shades of Grey: Public History and Government in New Zealand“ (Bronwyn Dalley) werden mit Analysen und Erfahrungsberichten über Museen, Denkmäler und Kulturlandschaften kombiniert.

Der Däne Bernard Eric Jensen skizziert unter dem Titel „Usable Pasts: Comparing Approaches to Popular and Public History“ theoretische Zugänge im anglo-amerikanischen und zentraleuropäischen Diskurs. Seine auf einem Missverständnis beruhende Kritik richtet sich besonders gegen Jörn Rüsens Theorie der Geschichtskultur, die eine Unterscheidung zwischen historischer und nicht-historischer Erinnerung impliziere und damit die Lebenserinnerungen der kleinen Leute abwerte (S. 52f.).

Die Beiträge der letzten Sektion bieten schließlich doch noch Einblicke in die gemeinsame Arbeit professioneller Historiker und Zeitzeugen. Die Mitherausgeberin Hilda Kean zeigt beispielsweise in ihrem Beitrag „A Nation’s Moment and a Teacher’s Mark Book: Interconnecting Personal and Public Histories“ (S. 187-202), wie das schulpolitische Thema des umstrittenen „Eleven Plus Exam“ in Großbritannien, ein Eignungstest für die weiterführende Schule in der Abschlussklasse der Primary School in den 1950er- und 1960er-Jahren, um die Perspektive der ehemaligen Schülerin und Mitautorin Brenda Kirsch erweitert und wiederum durch den privaten Quellenbestand ihres ehemaligen Lehrers korrigiert werden kann. Der Ansatz erinnert an die deutsche Alltagsgeschichte[3], die ebenfalls durch den Ausgleich von Quellendefiziten in der offiziellen Überlieferung die Innenseite der Geschichte zu rekonstruieren sucht(e).

Der Band versammelt interessante, internationale Praxisbeispiele, bleibt jedoch hinter seinem Anspruch weit zurück, das Verhältnis von wissenschaftlicher Geschichtsschreibung und persönlicher Erinnerung im Prozess der Historisierung zu charakterisieren. Zudem wäre es aufrichtig und konsequent gewesen, Amateure zu Wort kommen zu lassen, die nicht über eine akademische Bildung, genaue Kenntnisse der historischen Methode und eine kritische Distanz verfügen.

Jerome de Groot, Lecturer an der University of Manchester, offeriert den etablierten Historikern mit „Consuming History. Historians and Heritage in Contemporary Popular Culture“ weit mehr als ein Panorama der Repräsentation von Geschichte in der Öffentlichkeit. Er bezieht sich ebenfalls auf Raphael Samuel, der Geschichte als „social form of knowledge“ verstand und die Aufmerksamkeit der Historiker auf die populäre Überlieferung lenkte: „[…] scholars had to look at the often populist and unusal ways that historical knowledge was constructed, transmitted and perpetuated“ (S. 2). Als Ziel der Monographie formuliert de Groot: „It is crucial that the types of the ‚historical‘ that are being presented and sold are analysed initially to try to understand Samuel’s ‚social form of knowledge‘, and thence to begin to conceive of how History as a set of entities and discourses works in contemporary society: what it means, how it means, how it is consumed, and how people might use it.“ (S. 3)

Der Autor verfolgt seine Fragestellung konsequent und untersucht kenntnisreich, aber unvollständig das komplexe Feld britischer Public History in sechs eigenständigen Kapiteln, in denen er „key aspects“ (S. 13) thematisiert. So nimmt er den „Public Historian“ und den „Historian in Public“ in den Blick (Teil I), aber auch die Amateure (Teil II), die „Living Historians“ und die (Rollen-)Spieler (Teil III), die Geschichte im Fernsehen (Teil IV), das Historische als kulturelles Genre (Teil V) sowie die Artefakte und ihre Interpretation im Museum (Teil VI).

De Groot zeigt die Faszination für Geschichte jenseits der Geschichtswissenschaft und führt den etablierten Historikern in akademischer Sprache vor Augen, dass vor allem die kommerzialisierte Geschichte in der britischen Gesellschaft wirke. Wer als Historiker beabsichtige, Geschichtsbewusstsein zu bilden und die Öffentlichkeit vor den Fallstricken der Konsumgesellschaft zu bewahren, sei gefordert, die Kommunikations- und Konsumprozesse in der außerwissenschaftlichen Beschäftigung mit Geschichte detailliert wahrzunehmen (vgl. S. 5). Den Einflussverlust der Geschichtswissenschaft in der öffentlichen Vermittlung von Geschichte sieht der Autor nicht nur als Folge der Divergenz zwischen akademischen Zielen und öffentlichen Interessen, sondern auch im „increased enfranchisement“ des Publikums durch die Medienrevolution (S. 46ff.).

Das in der Einleitung formulierte Versprechen, „an agenda for further study of the ways that history ist presented and engaged with“ vorzulegen (S. 5), wird weitgehend eingelöst. De Groot bietet seinen Lesern eine anregende Lektüre, nicht zuletzt durch seine pointierte Argumentation, die kontrovers aufgenommen werden wird. Der Leitgedanke des Buches, die Geschichtswissenschaft habe kein Monopol auf die Geschichte („undermining of authorative, legitimised History in favour of multiple histories“, S. 249), wird den Leserinnen und Lesern sicher nicht verborgen bleiben. Darin liegt auch die Verbindung zum Sammelband von Paul Ashton und Hilda Kean.

Donald A. Yerxa, Co-Director der Historical Society und Herausgeber von deren Bulletin „Historical Speaking“, vertritt mit dem Sammelband „Recent Themes on Historians and the Public. Historians in Conversation“ die Perspektive der amerikanischen Geschichtswissenschaft: „There are encouraging signs that after decades of writing mainly for themselves academic historians are beginning to recognize the importance of engaging the general educated public.“ (S. 1) Er bedauert, dass angesichts des miserablen Geschichtsunterrichts in den Schulen zu viele Historiker die „History Education“ als zweitrangig betrachteten. Das Bild der Vergangenheit sei bei den jungen Erwachsenen wesentlich durch das Fernsehen, das Kino und das Internet geprägt. Zum Erstaunen der Rezensentin beklagt er: „What is most depressing is that so many are content to remain ignorant of history.“ (S. 1)

Die Kluft zwischen der Geschichtswissenschaft und dem gebildeten Publikum sei noch nicht überwunden. Nach Yerxa stellen die akademischen Anforderungen, die undurchsichtigen Fachkontroversen, die Überspezialisierung, die Fragmentierung der Disziplin und der unzugängliche Duktus des Historikers unnötige Barrieren zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit dar. Obwohl auf die Geschichtswissenschaft nicht verzichtet werden könne, sei es ein Fehler, das fachliche Ethos zu sehr zu betonen. So könnten auch Historiker ohne wissenschaftliche Legitimation vieles Nützliche zur Auseinandersetzung mit Geschichte beitragen. Der Herausgeber ermutigt die akademischen Historiker explizit, für ein breites Publikum zu schreiben, und sieht darin erstaunlicherweise keine wissenschaftlichen Einbußen. Er fordert ein Schreiben, das durch größere Klarheit, weniger Jargon und mehr Kunstfertigkeit charakterisiert sein müsse. Der Herausgeber übersieht hier das notwendige, nicht ohne weiteres vorhandene Talent der Autoren, komplexe wissenschaftliche Ergebnisse elementarisiert und zugleich spannend zu vermitteln. Schließlich fordert Yerxa: „[…] the conversation about academic history’s relationship to the educated public […] has the potential to reorient not only the historical profession but also the way history is taught and written“ (S. 3).

Die diskursiv angelegte Publikation beginnt mit dem Kapitel „On Historians“ und beinhaltet eine Rückschau auf die Historikergeneration des Zweiten Weltkriegs (Geburtsjahrgänge 1910–1922) von William Palmer sowie disziplingeschichtliche Einblicke von Ellen Fitzpatrick in die New History, deren Vertreter die Tradition der französischen Annales-Schule seit den 1960er-Jahren in den USA fortsetzten. Daniel Snowman erklärt, dass Geschichte zu einer Quasi-Religion geworden sei, und betrachtet Historiker mit einem Augenzwinkern als „VIPs“. Eric Arnsen hebt amerikanische Historiker hervor, die heute schon für ein Massenpublikum schreiben. Das zweite Kapitel („On the American Historical Profession in the Twenty-first Century“) umfasst verschiedene kurze Essays, darunter „The Future of the Profession“ von Bruce Kucklick und einen Kommentar dazu von Marc Trachtenberg. Hier geht es um die Auswirkungen der von Kucklick beschriebenen „Massenprofessionalisierung“ – gemeint sind die hohe Zahl promovierter Historiker und deren Publikationen.

Im dritten Kapitel („On Writing History for the General Public“) steht der Essay „Practicing History without a Licence“ von Adam Hochschild im Zentrum, einem mehrfach ausgezeichneten Journalisten und Schriftsteller. Als Charakteristika des historischen Schreibens für die Öffentlichkeit nennt er die Reduktion von Komplexität, die Vorliebe für heroische Stoffe und die Übernahme von Gedanken ohne Belege. Das Schreiben akademischer Historiker sei durch Präzision und Widersprüchlichkeit gekennzeichnet, „but their writing is always pedantic, dry as dust“ (S. 68). Hochschild erweist sich als genauer Kenner der Geschichtswissenschaft und verdeutlicht, dass das akademische Schreiben eine Folge der Professionalisierung der Beschäftigung mit Geschichte nach deutschem Vorbild im ausgehenden 19. Jahrhundert war. Um eine Synthese zwischen den beiden Genres historischen Schreibens herzustellen, schlägt er den Historikern das Handwerkszeug des Dramatikers vor: „The historian’s job is to use those classic narrative devices of plot, character, and scene-setting to tell the story – but without getting so seduced by the tools themselves that the story gets distorted.“ (S. 74) Schließlich plädiert er für eine Kooperation zwischen Historikern und Schriftstellern sowie für die Integration von Analyse und Narrativ (S. 76).

Im Folgenden antworten Adam Hochschild sechzehn Historikerinnen und Historiker mit kleinen, zwei- bis dreiseitigen Essays. Es entsteht eine lesenswerte, kontroverse Debatte, die von einer wachsenden Bereitschaft der akademischen Historiker zeugt, die Leser außerhalb der Geschichtswissenschaft stärker in den Blick zu nehmen. Eine kurze Replik von Hochschild rundet diesen Teil ab.

Alle drei besprochenen Bände beschäftigen sich auf sehr unterschiedlichen Ebenen mit dem Verhältnis der akademischen Historiker zur außeruniversitären Öffentlichkeit – mit dem Ziel, den alleinigen Anspruch der Geschichtswissenschaft auf die Geschichte zu überwinden. Aus diesem Kernproblem der Public History erwächst die Frage, wie angehende Historikerinnen und Historiker in ihrem Studium auf Vermittlungstätigkeiten in der Öffentlichkeit vorbereitet werden können: Das Erlernen von Darstellungsformen, die auf verschiedene Zielgruppen und Medien zugeschnitten sind, ist an deutschen Universitäten ein echtes Desiderat.

Public History erscheint in den drei Büchern als reflektierte Praxis. Dies hat manche Vorteile und bietet für deutsche Leser einige Anregungen, doch ist das Theoriedefizit im anglo-amerikanischen Diskurs immer noch offenkundig. Die deutsche Geschichtstheorie verfügt sehr wohl über die begriffliche Präzision, die unübersichtliche und dynamische Domäne Public History zu systematisieren, sie vom Begriff der Geschichtskultur abzugrenzen und an die Geschichtswissenschaft anzubinden.

Anmerkungen:
[1] Charles Cole fasst die Versuche, „Public History“ zu definieren, als Mischung aus „history for the public, about the public, and by the public“ zusammen. Charles C. Cole Jr., Public History: What difference has it made?, in: Public Historian 16 (1994) H. 4, S. 9-35, hier S. 11.
[2] Jörn Rüsen, Geschichtskultur, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 46 (1995), S. 513-520, hier S. 513.
[3] Siehe etwa Alf Lüdtke (Hrsg.), Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen, Frankfurt am Main 1989.