W. Krieger: Geschichte der Geheimdienste

Cover
Titel
Geschichte der Geheimdienste. Von den Pharaonen bis zur CIA


Autor(en)
Krieger, Wolfgang
Reihe
Beck'sche Reihe 1891
Erschienen
München 2009: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
362 S.
Preis
€ 16,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tim B. Müller, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Das Marketing von Sachbüchern (und das Einspruchsrecht von Autoren) muss auch einmal in einer Rezension angesprochen werden. Denken die Werbetexter des Verlages, sie könnten nur Leser gewinnen und keine verlieren? Halten sie sich für besonders witzig oder raffiniert, wenn sie ein Buch, das sich an ein breiteres Publikum wendet, aber immerhin mit Endnoten versehen ist und einen gewissen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, so einfallslos präsentieren? „Sein Name ist Krieger – Wolfgang Krieger. Und er gehört zu den besten Kennern der internationalen Geheimdienste und ihrer Arbeitsweisen.“

Glücklicherweise bestätigt der Band nicht die Befürchtungen, die von seiner Bewerbung geweckt werden. Er erweist sich vielmehr als solide, gemessen an seinen Absichten durchaus gelungen. Wolfgang Krieger hat einen verlässlichen Überblick zur Geschichte der Geheimdienste von der Antike bis in die Gegenwart vorgelegt. Der Marburger Professor ist durch einschlägige Publikationen seit langem ausgewiesen, auch zur amerikanischen Deutschland- und Besatzungspolitik. Nun also versucht er sich, nicht zum ersten Mal, im populären Fach, und man kann allen weniger sachkundigen, aber interessierten Lesern nur raten, mit Kriegers Band zu beginnen, wenn sie sich auf wissenschaftlicher Grundlage über die Geschichte der Geheimdienste informieren wollen. Krieger definiert schlüssig seinen Gegenstand, er weist auf die Funktion von Geheimdiensten im Kernbereich der politischen Macht hin, und er behält – vor allem in den Kapiteln zum 20. Jahrhundert – das Dilemma der Geheimdienstarbeit in demokratischen, Menschenrechte garantierenden Staaten im Blick.

Gerade im Ausloten dieses Dilemmas liegt eine besondere Stärke des Buches. Krieger zeigt, dass die so wissensbedürftige moderne Politik nicht ohne Nachrichtendienste auskommen kann, deren Einsatz aber permanent juristische und ethische Probleme aufwirft. Die Vorstellung, Geheimdienste überschritten ihre Kompetenzen, arbeiteten gar gegen ihre Regierungen, verweist Krieger aus guten Gründen ins Reich der Verschwörungstheorien. Wie Untersuchungskommissionen und die Forschung immer wieder zeigen, genießen sogar die problematischsten Geheimdiensteinsätze die Billigung von Regierungen, Parlamenten und, soweit die Grundrichtungen von Einsätzen bekannt sind, zumeist auch der Öffentlichkeit. Eine wirksame Kontrolle ist selbst in Demokratien zumeist erst post factum möglich, im Zusammenspiel von Geheimdienstinsidern und Presse. Krieger lässt seinen Band mit berechtigtem Zweifel ausklingen: Ob es angesichts der Sicherheitsrisiken und technischen Möglichkeiten erreichbar sei, „die politische Kontrolle der Geheimdienste zu intensivieren und gleichzeitig deren Leistungsfähigkeit zu verbessern, ist weit ungewisser, als man in der Öffentlichkeit der liberalen Demokratien gerne glauben möchte“ (S. 340). Wenn Krieger sein Publikum dergestalt zu kritischer Reflexion über die eigene Gesellschaft, über die Erwartungen an die Politik und die Komplexitäten des Politischen anregt, so ist ihm das hoch anzurechnen; darin besteht das „staatsbürgerliche“ Verdienst dieses Bandes.

Zur Forschung hingegen leistet diese „Geschichte der Geheimdienste“ keinen Beitrag. Nach einem ebenso rasanten wie riskanten Vogelflug über die Geheimdienstgeschichte der „Vormoderne“, wie er das nennt, kommt Krieger zum Schwerpunkt seiner Darstellung, der seit dem 19. Jahrhundert anhaltenden Professionalisierung der Geheimdienste. In diesem Hauptteil des Buches wiederum nimmt der Kalte Krieg den größten Umfang ein. Es gibt Einführungen und Überblicksdarstellungen, die dennoch neue Akzente setzen oder originelle Interpretationen wagen und darum auch von der Forschung zur Kenntnis genommen werden. Kriegers „Geschichte der Geheimdienste“ gehört nicht zu diesen Werken. Doch man darf die Leistung nicht unterschätzen, dass hier sachkundig, verlässlich, stets nüchtern abwägend ein historisches Feld vorgestellt wird, dessen Wahrnehmung zumeist von allerlei Fiktionen und Fantasien verzerrt ist.

Dass im Eifer des schnellen Schreibens der eine oder andere kleine Fehler stehen geblieben ist – so wird Franz von Papen zu Hitlers Außenminister –, ist wohl unvermeidlich. Doch ein wenig ärgerlich ist es, wie deutlich Krieger mitunter Helden und Schurken einander gegenüberstellt. Hier gibt er stärker als nötig die wissenschaftliche Perspektive auf – mehr noch, bei diesen Werturteilen kommt in mitunter etwas aufdringlicher Weise die Weltsicht des Autors zur Geltung. Helden gibt es im Westen, Schurken im Osten. Einige Passagen des Bandes sind so sehr von „Cold War Triumphalism“ geprägt, dass sie den Gegenstand entstellen. Wie Krieger etwa den McCarthyismus beschreibt, wie er sich dabei auf eine dezidiert konservative Literatur stützt, ohne den Mainstream der Forschung überhaupt wahrzunehmen, ist dafür symptomatisch. Auf welch komplexe Weise das Problem der Spionage mit der Gesellschaft und politischen Kultur Amerikas im New Deal und im frühen Kalten Krieg verwoben war – davon ist nichts zu lesen.

Nicht nur hier lässt Krieger sich die Chance entgehen, eine Geheimdienstgeschichte zu schreiben, die eigene Akzente setzt. Sein hervorragender Überblick zum Geheimdienstkrieg gegen Deutschland, zu den Nachrichtendienstapparaten der Sowjetunion und des NS-Systems, zu den geheimen Operationen und technischen Entwicklungen im Kalten Krieg hätte davon profitiert, seine Perspektive gelegentlich zu weiten. Gerade weil Krieger die Professionalisierung der Apparate betont, wünscht man sich, er hätte stärker die Mechanismen und Strukturen dieser Maschinerien der Wissensproduktion beschrieben. Völlig zutreffend stellt Krieger heraus, dass im Zweiten Weltkrieg eine neue Stufe der Professionalisierung erreicht wurde – mit der nun erst voll entfalteten und im Kalten Krieg fortgeführten Verwissenschaftlichung der Geheimdienstarbeit. Am stärksten prägte sich diese Entwicklung im amerikanischen Office of Strategic Services (OSS) aus; massenhaft wurden wissenschaftliche Experten für die Staatsapparate rekrutiert, darunter zahlreiche aus Deutschland emigrierte Gelehrte. Im Kalten Krieg, als mit der Gefahr der wechselseitigen Vernichtung der Wissensbedarf noch weiter anstieg, hielt der Trend zur Verwissenschaftlichung an. Doch Krieger nutzt diesen Befund nicht, um Geheimdienst- und Wissenschaftsgeschichte enger zu führen und damit einen anderen Blick auf die Rolle der Geheimdienste im 20. Jahrhundert zu werfen. So kann er auch kaum die wissenschaftlichen Innovationen würdigen, die aus den neuen epistemischen Strukturen hervorgingen.

Krieger bleibt sogar hinter dem Kenntnisstand seines Untersuchungsgegenstandes zurück, wenn er immer wieder ein monolithisches Bild der kommunistischen Seite entwirft. Die westliche Gegnerforschung in den Geheimdiensten war sich hingegen schon Ende der 1940er-Jahre bewusst, dass Moskau längst nicht alles steuerte, dass auch in der kommunistischen Welt starke nationalistische Gegenströmungen bestanden und dass die kommunistischen Parteien des Westens und der „Dritten Welt“ ihre eigenen Absichten verfolgten. Die CIA oder der Nachrichtendienst des State Department rechneten schon in den 1950er-Jahren mit einer langfristigen Liberalisierung im Ostblock und einer Reform von oben, die schließlich zum Zerfall der Sowjetherrschaft führen werde. Die faszinierende und widersprüchliche epistemische Dynamik der modernen Geheimdienstapparate entgeht Krieger, weil er die übliche Perspektive fortschreibt und sie zudem totalitarismustheoretisch auflädt.[1]

Auch wenn der Band die Forschung nicht weiterführt, handelt es sich insgesamt um eine überaus empfehlenswerte „Geschichte der Geheimdienste“ – vielleicht nicht unbedingt von den Pharaonen, so doch vom 19. Jahrhundert bis heute. Gerade den deutschen Besonderheiten, etwa der Kontinuität von NS-Personal in den bundesrepublikanischen Nachrichtendiensten, widmet Krieger erhellende Anmerkungen. Dass auch die Probleme und Skandale im Antiterrorkampf seit dem 11. September 2001 ausführlich zur Sprache kommen und kritisch-nüchtern analysiert werden, verleiht dem Band besonderen Reiz und erhöhte Aktualität.

Anmerkung:
[1] Einen Blick auf diese Wissensstrukturen werfen etwa Michael G. Fry / Miles Hochstein, Epistemic Communities. Intelligence Studies and International Relations, in: Intelligence and National Security 8 (1993), S. 14-28; David C. Engerman, Know Your Enemy. The Rise and Fall of America’s Soviet Experts, New York 2009; Tim B. Müller, Wandel durch Einfühlung. Zur Dialektik der amerikanischen Gegnerforschung im Kalten Krieg, in: Matthias Berg / Jens Thiel / Peter Th. Walther (Hrsg.), Mit Feder und Schwert. Militär und Wissenschaft – Wissenschaftler und Krieg, Stuttgart 2009, S. 287-312.

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Veröffentlicht am
23.03.2010
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