J. MacKay (Hrsg.): Four Russian Serf Narratives

Cover
Titel
Four Russian Serf Narratives.


Herausgeber
MacKay, John
Reihe
Wisconsin Studies in Autobiography
Erschienen
Anzahl Seiten
xii, 215 S.
Preis
$ 26.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia Herzberg, Rachel Carson Center, Ludwig-Maximilians-Universität München

Im Jahr 2011 feiert Russland den 150. Jahrestag der Bauernbefreiung. John MacKays Quellenpublikation „Four Russian Serf Narratives“ lässt sich als Einstimmung auf diesen Jahrestag lesen, der sowohl unter Zeitgenossen als auch unter Historikern in seiner Bedeutung umstritten war und ist. Feiern wir gar ein „überflüssiges Jubiläum“, wie der konservative Publizist M. O. Menschikow den Jahrestag 1911 bezeichnet hat? Wie stark haben die Leibeigenen überhaupt unter ihrer Abhängigkeit gelitten? Brachen mit der Freiheit tatsächlich bessere Zeiten an?

John MacKay, Literaturprofessor aus Yale, ist zuversichtlich, solche Fragen durch autobiografische Schriften von Leibeigenen beantworten zu können. Den übersetzten Texten, die teilweise schon mehrfach auf Russisch publiziert worden sind, stellt John MacKay ein Vorwort voran, in dem er die Texte vorstellt und erste Leseweisen anbietet. Sehr gelungen sind hier die Abschnitte über die Entstehung und Charakteristika der Leibeigenschaft in Russland sowie über ihre Historiografiegeschichte. Es wäre allerdings spannend gewesen, die in den Autobiografien beschriebenen Lebenswelten deutlicher mit dem in Beziehung zu setzen, was MacKay als gesichertes Wissen über die Leibeigenschaft präsentiert. So weist MacKay in seinem Vorwort darauf hin, dass im Gegensatz zur amerikanischen Sklaverei die Abhängigkeit der Leibeigenen nicht absolut gewesen ist. Leibeigene konnten ein Gewerbe betreiben, zudem standen sie nur selten in direktem Kontakt zu den Herrschaften. Ein Gutsherr besaß viel mehr Leibeigene als ein Pflanzer Sklaven, meist hielt er sich nur zeitweise auf den Gütern auf.[1] In den Texten, die John MacKay präsentiert, stehen Gutsherrschaften und Leibeigene in einem direkten Verhältnis, treibt die Schilderung der Leibeigenschaft als absolute Gewaltausübung und Willkür das Narrativ an. Zu wenig fragt MacKay, weshalb diese Widersprüche bestehen. Warum sind die Autobiografien der Leibeigenen in Form und Motiven den slave narratives so ähnlich? Es ist zu vermuten, dass die Leibeigenen an globale Sprach- und Schreibweisen über Sklaverei und Abhängigkeit anknüpften. Nicht nur die Kritiker der Ständeordnung stellten die Leibeigenen auf eine Stufe mit den Sklaven, auch die Leibeigenen begannen, wie MacKays Quellenauswahl zeigt, über sich als Sklaven zu sprechen, um soziale Ungerechtigkeit anzuprangern. Die Gleichsetzung von Sklaven und Leibeigenen war durch Romane wie Beecher Stowes „Onkel Toms Hütte“ im Zarenreich attraktiv geworden. Die Kampfschrift gegen die Sklaverei feierte sowohl als Publikation in der Zeitschrift Sowremennik als auch als Kinderbuch Erfolge.

Auch scheint nicht allein mangelnde Schreibfähigkeit, wie MacKay vorschlägt, der wichtigste Grund für fehlende Selbstzeugnisse zu sein. Vielmehr ist davon auszugehen, dass vor allem die schwierigen Überlieferungsbedingungen den eingeschränkten Quellenkorpus bedingen. Die Hinwendung zum autobiografischen Schreiben der unteren Schichten wurde erst in den 1880er-Jahren populär. Vor 1861 verhinderte die Zensur die Publikation dieser Texte. Davor hatten sich höchstens Polizei und Gericht für die Autobiografik der Leibeigenen interessiert.

Die erste in der Quellensammlung publizierte Autobiografie wurde 1785 von Nikolai Smirnow geschrieben. Er berichtet, dass sein Vater als Verwalter auf dem Gut der Golyzins arbeitete, so dass Smirnow mehrere Sprachen lernen und Studien betreiben konnte. Trotz seines Bildungseifers war es ihm wegen seines Standes nicht gelungen, Student der Moskauer Universität zu werden. Auch schlug ihm der Gutsherr die Bitte ab, ihn aus der Leibeigenschaft zu entlassen, obgleich Smirnows Familie große Summen bot. Im Gefängnis sitzend schreibt er, dass seine Sehnsucht nach Freiheit ihn zu „Verbrechen“ getrieben hätte. Er habe seinem Vater 3.500 Rubel gestohlen, bevor er sich als „italienischer Kaufmann Camporesi“ gen Westen begab. Gefasst wurde der Ausreißer schon in St. Petersburg. Sein autobiografischer Text lässt sich als erfolgreicher Versuch lesen, die Todesstrafe abzuwenden. Dabei ermöglichte erst die Strafverfolgung seiner Autobiografie die Überlieferung. Sie befindet sich heute im Archivfond der Geheimen Expedition, einer staatspolizeilichen Untersuchungsstelle, und gehört zu den frühesten bekannten Autobiografien von Leibeigenen.

Noch ungewöhnlicher ist die Überlieferungsgeschichte des zweiten Textes. Im August 1849 landete ein Paket im Petersburger Hauptpostamt. Es war an den Prinzen Pjotr Oldenburgski adressiert, wurde aber nicht zugestellt, da es verdächtig erschien. Bevor die Postbeamten das Paket vernichteten, öffneten sie es und fanden ein Notizbuch mit einem autobiografischen Gedicht. Darin gab der Schreiber an, die Verse für den Zaren Nikolai verfasst zu haben. Vorausschauend verschwieg der Verfasser seinen vollen Namen, so dass es der Dritten Abteilung, der Geheimpolizei, nicht gelang, ihn zu finden. In ihrem Archivbestand befindet sich das Gedicht bis heute. 1961, zum hundertsten Jahrestag der Bauernbefreiung, wurde es erstmals veröffentlicht.[2]

In dem autobiografischen Gedicht treten mehrere Sprecher auf, die Nebenerzählungen lassen keine lineare Handlung erkennen. Klar ist dagegen der Gegensatz zwischen Gutsherrschaften und Leibeigenen gezeichnet. Die Gutsherren nutzten jede Gelegenheit, um ihre Leibeigenen zu quälen. Der Erzähler schließt an weltweite Diskurse über Freiheit an, die auch die afroamerikanischen Sklaven in ihren narratives gebrauchten. Anders als Smirnow, der sich noch Knecht (cholop) nannte, bezeichnet das Gedicht die leibeigenen Bauern als Sklaven (raby). In der ansonsten überaus gelungenen Übersetzung wird diese Begriffsverschiebung leider nicht durch die Nennung der russischen Entsprechungen sichtbar gemacht.

Auch Nikolai Schipow, der Autor des dritten Textes, beschrieb sein Leben in den Semantiken der Sklaverei. Schipow stammte aus einer wohlhabenden Bauernfamilie, deren Wohlstand durch die Willkür des Gutsherrn gefährdet war. Alle Versuche scheiterten, ihn aus der Leibeigenschaft freizukaufen. Als das Gerücht entstand, dass sein gesamter Besitz konfisziert werden solle, floh er: „Anything can happen to an enserfed slave […].“ (S. 144) Nachdem er in einem Gesetzbuch gelesen hatte, dass Leibeigene frei werden, wenn sie Geiselnehmern entrinnen, provozierte Schipow diese Situation. Am 19. Februar 1845, genau 16 Jahre vor Aufhebung der Leibeigenschaft, gelang ihm die Flucht aus tschetschenischer Gefangenschaft, in die er, erhofft und doch gefürchtet, geraten war. Damit ließ er den ungeliebten Stand eines Leibeigenen hinter sich. Leider spricht MacKay nicht über die Adressaten von Schipows Lebensgeschichte. Schipow hatte die Autobiografie kurz nach Aufhebung der Leibeigenschaft für die Geografische Gesellschaft verfasst, die ihn dafür 1863 mit einer Silbermedaille bedachte. Erst 1881 erschien Schipows Autobiografie in der Zeitschrift Russkaja starina, die Schipows Text samt seiner Vorgeschichte präsentierte. Mit den Autobiografien der Leibeigenen sollte zwanzig Jahre nach ihrer Aufhebung an die Widrigkeiten der Leibeigenschaft erinnert werden. Die detaillierten ethnografischen und geografischen Beschreibungen, die sich in Schipows Darstellung finden, waren ein Mittel, den Ansprüchen der Geografischen Gesellschaft zu genügen. MacKays Auswahl zeigt, dass mit dem Sprechen über die Leibeigenschaft Autoren aus den unteren Schichten der Eintritt in die Journale der Bildungsschichten gelang. Ihre Texte befinden sich nach 1861 nicht mehr allein in den Archiven der Strafverfolgungsbehörden.

Auch der vierte Text erschien als Kommentar zum Jubiläum der Bauernbefreiung, im Jahr 1911. Mit seiner Überlieferungsgeschichte, dem Publikationszeitpunkt und der Motivwahl gehört er zusammen mit Schipows Autobiografie zu den typischen Texten, die als leibeigene Lebensgeschichten nach 1861 in der Publizistik erschienen. In ihm wird die Kindheit des Mädchens Akulka erzählt, das als Waise auf den Gutshof der Herrschaften kam. Dort sei sie den Gelüsten und Grausamkeiten der Herrschaften ausgesetzt gewesen. Während die Gutsherrin schamlos vor ihren Lakaien badete, setzte ihr Sohn Akulkas Haare in Brand und tötete ihre Katze, während die Tochter verlangte, dass die Leibeigene wie ein Hund neben ihrem Bett schlafe. Auf dem russischen Gutshof ließ sich wie im amerikanischen Herrenhaus der Gegensatz zwischen oben und unten, zwischen Freiheit und Unfreiheit am deutlichsten zeigen. Unter den publizierten Texten von Leibeigenen sind Lebensgeschichten von Bediensteten daher überrepräsentiert.

MacKays Quellenedition ermöglicht vergleichende Perspektiven auf das autobiografische Schreiben jener, die über ihr Leben als Unfreie sprachen. Die Übersetzung der bisher nur wenig beachteten Texte wird vor allem für die universitäre Lehre eine Bereicherung sein.

Anmerkungen:
[1] Peter Kolchin, Unfree Labor. American Slavery and Russian Serfdom, Cambridge, Ma. 1987, S. 51.
[2] T. G. Snytko (Hrsg.), Vesti o Rossii. Povest' v stichach krepostnogo krest'janina. 1830-1840 gg., Jaroslavl' 1961.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.05.2010
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