U. Päßler: Ein „Diplomat aus den Wäldern des Orinoko“

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Titel
Ein „Diplomat aus den Wäldern des Orinoko“. Alexander von Humboldt als Mittler zwischen Preußen und Frankreich


Autor(en)
Päßler, Ulrich
Reihe
Pallas Athene. Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte 29
Erschienen
Stuttgart 2009: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
244 S.
Preis
€ 45,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Helmreich, Département d'études germaniques, Université de Paris 8

Nicht zu Unrecht betont die jüngere Alexander-von-Humboldt-Forschung gerne, wie sehr der in Berlin geborene Weltreisende in seiner Biographie wie auch in seinen Schriften die positiven Aspekte der Globaliserung gleichsam zu verkörpern und vorwegzunehmen scheint. In der Tat begnügte sich Alexander von Humboldt nicht damit, die verschiedenartigsten Regionen Amerikas, Asiens oder Europas zu erkunden, die Wälder des Orinokogebietes, die Abhänge des Chimborazo, die Küsten des Pazifiks oder des Kaspischen Meeres, die Steppen Zentralasiens oder Südamerikas – er vermochte es darüber hinaus, die auf den Reisen gesammelten Daten zu verbinden und in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Nun ist die Tendenz, Fremdes miteinander zu verbinden, nicht nur greifbar in seinen großen Forschungsreisen und in der Vielzahl der in seinen Schriften behandelten geographischen Räume. Im Grunde genommen prägt der intellektuelle Kosmopolitismus seinen gesamten Lebensstil, seine Denkweise, seine wissenschaftliche und schriftstellerische Praxis. Aus diesem Grund orientierte sich Alexander von Humboldt sehr früh nach Frankreich. Er verbrachte insgesamt knapp 25 Jahre seines Lebens in Paris. Im Jahre 1818 glaubte Wilhelm von Humboldt gar feststellen zu müssen, sein Bruder habe „aufgehört […], deutsch zu sein“ und sei „bis in alle Kleinigkeiten pariserisch geworden“.[1] Auch wenn es letztendlich nicht ganz so schlimm kam wie Wilhelm befürchtete, muss die Bedeutung des Frankreich-Bezugs in dem Leben und Werk Alexander von Humboldts sehr hoch angeschlagen werden.

In seiner vor kurzem erschienenen, überaus sorgfältigen Arbeit beleuchtet Ulrich Päßler nun einen der wichtigsten Aspekte dieses lange Zeit vernachlässigten Themenkomplexes. Denn: sieht man von den relativ knappen Überblicken ab, die in den großen Humboldt-Biographien geliefert werden [2], so besitzen wir bezeichnenderweise noch nicht einmal eine präzise biographische Darstellung des langen Paris-Aufenthalts Alexander von Humboldts in der napoleonischen und nachnapoleonischen Zeit (1807-1827), seiner wissenschaftlich vielleicht produktivsten Periode. Päßlers Fokus liegt weniger auf den Schriften Humboldts, von denen bekanntlich mehr als die Hälfte ursprünglich auf französisch verfasst und in Paris gedruckt wurden, als auf seine Tätigkeit als Mittlerfigur zwischen Deutschland und Frankreich im wissenschaftlichen und politischen Bereich – eine Tätigkeit, die den berühmten Gelehrten hauptsächlich in den vier letzten Jahrzehnten seines langen Lebens beschäftigte und in der Zeit der französischen Julimonarchie ihren Höhepunkt erreichte.[3] Ulrich Päßlers Untersuchung beruht auf einem intensiven Quellenstudium. Ausgewertet wurden insbesondere die Berichte über die Sitzungen der Pariser Académie des Sciences oder Humboldts Briefwechsel mit französischen und deutschen Wissenschaftlern und Politikern, die zum Teil an entlegenen Stellen veröffentlicht wurden, zu einem nicht unbeträchtlichen Teil aber noch ungedruckt in den Bibliotheken und Archiven ruhen. Auch bei der Einordnung seines Materials in den wissenschaftshistorischen und politischen Kontext hat der Autor die vielfältigsten Primär- und Sekundärquellen auf eindrucksvolle Weise genutzt. Der französische Kontext wird zum Beispiel immer sehr präzise dargestellt; auch ein Spezialist der manchmal nicht einfach zu entwirrenden intellektuellen oder politischen Debatten Frankreichs aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird in Päßlers Arbeit keine Ungenauigkeiten entdecken.

In der Studie werden die verschiedenen Felder der Mittlertätigkeit Humboldts dargestellt. Sehr interessant ist es, zu beobachten, auf welchen Wegen Alexander von Humboldt versucht, wissenschaftspolitisch tätig zu werden. Dabei hilft ihm sowohl die Reputation, die er durch seine Amerikareise gewann als auch seine strategische Position in beiden Ländern. In Frankreich übt er einen gewissen Einfluss aus als Mitglied der Académie des Sciences, die ihn seit 1810 als „associé étranger“ führte, und als enger Freund des Physikers François Arago, „secrétaire perpétuel“ der Académie; in Preußen nutzt Humboldt seine Nähe zum Königshaus und auch hier seine Stellung in der Berliner Akademie. Humboldt weiß, wie man mit den Konventionen und Regeln des jeweils anderen Landes spielt und versucht nicht selten, den „Umweg“ über das Ausland zu nutzen, wenn er jüngere Wissenschaftler zu fördern sucht. Da zum Beispiel die in Paris akquirierte Reputation für einen deutschen Forscher karriereentscheidend sein kann, bemüht sich Humboldt bei seinen französischen Kollegen um wohlwollende Aufnahme der Arbeiten seiner deutschen Protégés (S. 55ff., 75ff., S. 117ff., S. 124ff.).

Da eine Analyse der Wissenschaftspolitik ohne eine eingehende Betrachtung der von den Wissenschaftlern verhandelten Fragen steril bliebe, begnügt sich Päßler nicht damit, die Strukturen offenzulegen, innerhalb deren sich Humboldts „Wissenschaftsmanagement“ entfaltet. Er gibt gleichzeitig einen konkreten Einblick in die Geschichte der verschiedenen Wissenschaftszweige, für die sich der Universalgelehrte Humboldt auch wissenschaftspolitisch einsetzte: es sind die Biologie und die Botanik (Humboldt als Förderer Karl Sigismund Kunths, Achille Valenciennes, Christian Gottfried Ehrenbergs), die Geologie, die Meteorologie, die Erforschung des Erdmagnetismus, die Chemie oder die Astronomie, aber auch die Altertumskunde und die Linguistik. Dabei vermag Päßler aufzuzeigen, dass es Humboldt nicht immer möglich ist, die Richtung vorzugeben, die die von ihm geförderten Wissenschaftler einschlagen: Jean-Baptiste Boussingaults landwirtschaftschemische Arbeiten entstehen zum Beispiel erst als Nebenprodukt eines in der Nachfolge Humboldts begonnenen, ganzheitlich ausgerichteten Amerika-Forschungsprojekts, das in den 1830er-Jahren allerdings nicht mehr zeitgemäß erschien. Ein exzellentes Kapitel am Schluss der Arbeit beschäftigt sich mit Alexander von Humboldts diplomatischen Aufträgen, die bisher nur von Jean Théodoridès untersucht und dokumentiert worden sind.

Insgesamt erweist sich Alexander von Humboldt als eine überaus spannende Figur in einer Zeit des Übergangs, die einerseits das traditionelle Ideal der universalen Gelehrtenrepublik (res publica literaria) hochhält, andererseits aber mit den Problemen des entstehenden Nationalismus konfrontiert ist: es sind nicht allein Sprachbarrieren, die zu Kommunikationsproblemen führen können (wiewohl gerade sprachliche Hindernisse nicht unterschätzt werden sollten: vgl. S. 27 u. 47), sondern in zunehmendem Maße die Unterschiede der jeweiligen Wissenschaftskulturen und der institutionellen Formen des Wissenschaftsbetriebs.[4] Und schließlich wird die Wissenschaft im 19. Jahrhundert zusehends auch zu einem der Schauplätze, auf dem die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Nationen ausgetragen wird.

Es ist schwer, in der gebotenen Kürze all die Qualitäten aufzuzählen, die Ulrich Päßlers detailreiche, aber nie langatmige Studie auszeichnen; sie ist ein Gewinn nicht nur für die Alexander-von-Humboldt-Forschung, für die sie an vielen Stellen Neuland betritt, sondern auch für die Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen sowie für die Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Anmerkungen:
[1] Anna von Sydow (Hrsg.), Wilhelm und Karoline von Humboldt in ihren Briefen, 7 Bde., Berlin 1906-1916, hier Bd. VI, S. 64.
Vgl. insbesondere Robert Avé-Lallemant, Alexander von Humboldt. Sein Aufenthalt in Paris (1808-1826), in: Karl Bruhns (Hrsg.), Alexander von Humboldt. Eine wissenschaftliche Biographie, 3 Bde., Leipzig 1872, Bd. 2, S. 1-92, sowie Hanno Beck, Alexander von Humboldt, 2 Bde., Wiesbaden 1959-1961. Die Literatur zu dem Thema Humboldt und Frankreich ist relativ spärlich: Zitiert seien einige wenige Studien: Ernest-Théodore Hamy, Alexandre de Humboldt et le Museum d'Histoire naturelle, in: Les débuts de Lamarck suivis de recherches sur Adanson, Jussieu, Pallas, Geoffroy Saint-Hilaire, Georges Cuvier, etc., Paris [1909], S. 255-305; Margarethe Vogt, Alexander von Humboldt in seinen Beziehungen zum französischen Geistesleben, Erlangen 1922; Erich Friedrich Podach, Alexander von Humboldt in Paris. Urkunden und Begebnisse, in: Joachim H. Schultze (Hrsg.), Alexander von Humboldt. Studien zu seiner universalen Geisteshaltung, Berlin 1959, S. 196-214; Heinz Balmer, Alexander von Humboldt und Frankreich, in Gesnerus 33, 1976, S. 235-252; Wolfgang-Hagen Hein, Humboldt und Frankreich, in: ders (Hrsg.), Alexander von Humboldt. Leben und Werk, Frankfurt am Main 1985, S. 109-118.
[3] Einen Überblick über diese Problematik liefert Kai Torsten Kanz, Nationalismus und internationale Zusammenarbeit in den Naturwissenschaften. Die deutsch-französischen Wissenschaftsbeziehungen zwischen Revolution und Restauration 1789-1832, Stuttgart 1997, in dem Humboldt naturgemäß eine wichtige Rolle spielt. Kanz konzentriert sich dabei mehr auf den Prozess des Wissenstransfers an sich als auf die im Laufe dieses Prozesses transportierten Wissensinhalte.
[4] Zu Recht weist Päßler auch auf die Rückschläge hin, die Humboldt bei einigen seiner wissenschaftspolitischen Unternehmungen hinnehmen muss (vgl. z.B. S. 67ff., 151ff.).