W. Nerdinger: Architektur in Deutschland im 20. Jahrhundert

Cover
Titel
Architektur in Deutschland im 20. Jahrhundert. Geschichte, Gesellschaft, Funktionen


Autor(en)
Nerdinger, Winfried
Reihe
Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung
Erschienen
München 2023: C.H. Beck Verlag
Anzahl Seiten
816 S., 251 Abb.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Clemens Zimmermann, Historisches Institut, Universität des Saarlandes

Das Spektrum dieses Werks reicht vom massiven Einfluss, den Wilhelm II. auf das Baugeschehen seiner Zeit nahm, bis zu jenen Bauhaus-Architekten im NS-Regime, die sich mit dem vermeintlich unpolitischen Industriebau beschäftigten, vom tschechischen Zlín als „sozial gelackter“ industrieller Modellstadt der 1920er-Jahre bis zur Diskussion „reflexiver Moderne“ in der Bundesrepublik, als die Zweifel am Konzept einer „Urbanität durch Dichte“ wuchsen (S. 506–508, S. 519). Winfried Nerdingers Buch, das sehr meinungsstark abgefasst ist, stellt im Kern eine politische Architekturgeschichte dar, bei der etliche sozial- und kunstgeschichtliche Akzente gesetzt werden. Demgegenüber werden die diskurs-, kultur- und wahrnehmungshistorischen Dimensionen des Themas nur angedeutet. Immer wieder treten die Fragen nach dem repräsentativen Charakter einzelner Bauten, nach den Zusammenhängen von Architektur- und Herrschaftsgeschichte sowie nach der professionellen Verfasstheit des Architektenberufs in den Vordergrund. In einem solchen Überblickswerk – das kleingedruckte Literaturverzeichnis umfasst allein 88 Seiten – kann man, der Logik des Genres folgend, keine bahnbrechenden Innovationen erwarten. Es geht vielmehr um breit fundierte Information für ein größeres Lesepublikum.

Die Darstellung setzt mit dem Jahr 1890 ein, als die „Suche nach einem neuen Stil“ (S. 67) intensiv begann und die hygienische Reformbewegung klare Mindestansprüche an den menschlichen Wohnraum formulierte. Impulse des Heimatschutzes liefen auf eine „Erfindung von Heimat“ hinaus; dadurch wurden „verlorengegangene Traditionen wiederbelebt“ (S. 105, S. 93). Es folgten die Bemühungen etwa von Peter Behrens, eine national konnotierte Moderne durchzusetzen. Im Ersten Weltkrieg standen aber militärische Bauprogramme im Zentrum, die auf der umfassenden Mobilisierung gesellschaftlicher Ressourcen basierten und technisiertes Bauen vorantrieben. Auch die weitere Periodisierung erfolgt aus deutscher Perspektive, wobei der Autor aber Seitenblicke auf internationale Entwicklungen wirft. Insofern geht es zunächst um die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus (beides ausführlich), sehr kurz um die frühe Nachkriegszeit 1945–1949, dann eingehender um die städtebauliche, bauwirtschaftliche und politische Entwicklung in den beiden deutschen Staaten. Für die Zeit nach der deutschen Einheit von 1990 bleiben nur noch elf Druckseiten als „Ausblick“ übrig. Das hat freilich zur Folge, dass diejenigen Leserinnen und Leser, die gerade zur Transformationszeit Einschätzungen suchen, enttäuscht werden. Ebenso läuft die Aussparung aktueller Probleme darauf hinaus, dass neuere methodisch-theoretische Gesichtspunkte nur punktuell aufscheinen. So kommen die Medialisierung und Vermarktung von Architekturen, die ökologische Dimension, die Digitalisierung der Bauentwurfsplanung oder die Rolle von sozialen Akteuren vor Ort kaum vor.

Mitunter werden kulturgeschichtliche Dimensionen einbezogen, wie im Kapitel zur Weimarer Republik beim Motiv des „Neuen Menschen“, der sich inmitten seiner gläsernen Architekturen und in den Genossenschaftsbauten radikal von überkommenen Bau- und Lebensformen abkehren sowie die moderne Technik voranbringen sollte (S. 207–212). Dieser im Werden begriffenen Hochmoderne lag „der Glaube an die Mach- und Planbarkeit der sozialen Welt“ (S. 213) zugrunde, die sich nach den Maximen rationalisierter und industrialisierter Produktion richtete.

Ausführlich wird das nationalsozialistische Regime behandelt: Hier herrschte ein ständiges Primat der „Leistungssteigerung“ und der „Wehrwirtschaft“; die Ankurbelung der Bauwirtschaft wurde auf Pump finanziert. Bei der Eroberung osteuropäischen „Lebensraums“ und mittels der „Landesplanung“ wurde die Vertreibung der dortigen Bevölkerungen in Angriff genommen, bis zur Deportation der jüdischen Menschen in Vernichtungslager. Während die Darstellung an dieser Stelle in die allgemeine Planungsgeschichte ausgreift, versäumt es Nerdinger nicht, die Tätigkeiten etwa der Starprofessoren Paul Bonatz und Paul Schmitthenner in Stuttgart kritisch zu beleuchten, die sich der „rassistischen Blut- und Boden-Ideologie“ annäherten (S. 293). Zugleich erfolgte der ideologische Generalangriff auf die westliche Architektur. Nach der Vertreibung jüdischer Architekten und Bauunternehmer fanden sich gleich andere, welche die Aufträge übernahmen. Der Autor hebt stark auf die maßgeblichen Maximen des „Führers“ hinsichtlich einer „heroischen“ Kunst und Architektur ab. Was aber ist mit Zwängen der Kriegsführung, überhaupt mit konkurrierenden Einflussgrößen und der intensiven Bautätigkeit von Privaten? Hätte es sich nicht auch angeboten, das stilistisch einheitliche Bauprogramm des italienischen Faschismus kontrastiv vorzustellen? Komparatistische Gesichtspunkte bleiben im Band generell rar.

Nachdem sich das Regime bei der Düsseldorfer Ausstellung „Schaffendes Volk“ 1937 attraktiv darstellte, eigentlich schon die Attraktivität einer kommenden Konsumgesellschaft verhieß, endete die Bautätigkeit mit den riesigen Rüstungsfabriken und den zehntausenden Lagern, in denen über 13 Millionen Menschen aus vielen Ländern Europas brutal zur Zwangsarbeit herangezogen wurden. Auch dies gehört zur Geschichte der Moderne, deren Gewaltpotenziale Nerdinger herausarbeitet.1

Wie Hannah Arendt 1949/50 feststellen musste, herrsche in Deutschland „eine irgendwie absichtliche Weigerung zu trauern“ oder aber der „Ausdruck einer echten Gefühlsunfähigkeit“ (vgl. S. 481). Während im Westen führende Architekten, „Mitläufer und Mittäter“ (S. 421) der NS-Zeit wieder in einflussreiche Ämter gelangten, vollzog sich im Osten eine Marginalisierung der privaten Architekten. Nach einer Phase der „nationalen Bautradition“ bereitete man programmatisch bereits 1955 (S. 487) den Übergang zum durchrationalisierten Plattenbau vor, bei dem die Spielräume und die Kreativität der Architekten massiv eingeschränkt wurden. In beiden politischen Systemen baute man weiterhin im Zeichen des „Fortschrittspathos der Moderne“. Im Westen richtete sich „die Kriegsgeneration […] in den geschichtslosen anonymen Neubauten ein, die den Weg zu einer besseren Zukunft zu weisen schienen“ (S. 435). Es wurde zwar das „Bauhaus“ beschworen, das auf dem Umweg über die USA in die Debatte zurückkehrte, um letztendlich die Wende zu einer „technisch funktionalen Architektur“ (S. 482) zu legitimieren. Allerdings wurde im Diskurs die Diversität der Bauaufgaben betont, so beim Berliner Hansaviertel (1955–1960), das sowohl eine anregende Konzeption modernen Städtebaus darstellte, als auch im Zuge der dominierenden Systemkonkurrenz eine Propagandaveranstaltung war (S. 491). Dass in derselben Periode, in der sich auf dem Höhenkamm der „international style“ durchsetzte, vielmillionenfache Eigenheimbauten einer Zersiedelung der Landschaft und einer Vereinheitlichung der Ortsbilder Vorschub zu leisten begannen, wird vom Verfasser wenig gewürdigt.

Verdienstvoll ist aber, dass Nerdinger die baulichen und systemischen Entwicklungen einschließlich der Architektenausbildung in Ost und West ausführlich und gleichgewichtig thematisiert. Zunächst werden die Kontraste betont: im Westen das wirkungsvolle Leitbild der „autogerechten Stadt“2, dessen fatale Dynamik kaum unterschätzt werden kann; im Osten sozialistische Zentrumsbildung und Betonung von Bildungsbauten. Nach einer Phase, in der man auch in der Bundesrepublik das Konzept der Großsiedlungen verfolgte, war man so weit, den Altbaubeständen mehr Aufmerksamkeit zu schenken – angestoßen durch Bewegungen an der gesellschaftlichen Basis. Schließlich setzte man auf eine „Ästhetik der Diversität“ (S. 586) und bei der Olympiade 1972 auf das schöne Bild eines „swinging Germany“; man begann auch ökologische Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Im Osten wurde vorrangig die Wohnungsversorgung betrieben, keine geringe Leistung, und man verfolgte den Denkmalschutz nach den Maßgaben antifaschistischer Geschichtskonstruktionen (S. 520ff.).

Insgesamt erweist sich der Band als außerordentlich informativ, auch zur Städtebau- und Stilgeschichte. Er ist mit zahlreichen Abbildungen ausgestattet, wenngleich die Qualität der Reproduktion gehobenen Ansprüchen nicht durchweg genügen kann. Positiv ist, dass bei den Metamorphosen architektonischer Gestaltung einige Male transnationale Bezüge hergestellt werden. Neben manchen explizit eingeführten theoretischen Passagen handelt es sich um einen deskriptiv-historischen Ansatz, mit dem sich ein weit gestrecktes Themenfeld überblicken lässt.

Anmerkungen:
1 Zu den Kontinuitäten und Diskontinuitäten vor und nach dem NS-Regime vgl. das vierbändige Werk „Planen und Bauen im Nationalsozialismus. Voraussetzungen, Institutionen, Wirkungen“, hrsg. von der Unabhängigen Historikerkommission „Planen und Bauen im Nationalsozialismus“, München 2023; siehe dazu die Rezension von Paul Jaskot, in: H-Soz-Kult, 19.10.2023, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-134535 (02.02.2024). Als Überblick zur Zwangsarbeit siehe etwa Stefan Hördler u. a. (Hrsg.), Zwangsarbeit im Nationalsozialismus. Begleitband zur Ausstellung, Göttingen 2016.
2 Vgl. Christoph Bernhardt, Längst beerdigt und doch quicklebendig. Zur widersprüchlichen Geschichte der „autogerechten Stadt“, in: Zeithistorische Forschungen / Studies in Contemporary History 14 (2017), S. 526–540, https://zeithistorische-forschungen.de/3-2017/5527 (02.02.2024).