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Titel
Diskussionslust. Eine Kulturgeschichte des "besseren Arguments" in Westdeutschland


Autor(en)
Verheyen, Nina
Reihe
Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 193
Erschienen
Göttingen 2010: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
371 S., 7 Abb.
Preis
€ 59,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Elberfeld, Bielefeld School in History and Sociology, Universität Bielefeld

„Du, lass uns drüber reden.“ Häufig dominiert heutzutage eine Karikatur der „68er“ als geschwätziger Generation, die bei Rotwein und Joints ganze Nächte über Orgasmusschwierigkeiten im Spätkapitalismus schwadroniert habe. Umso erfreulicher ist es, dass Nina Verheyen das Phänomen der „Diskussionslust“ für die Bundesrepublik einer fundierten historischen Analyse unterzieht. Das vorliegende Buch, welches auf einer 2008 an der Freien Universität Berlin abgeschlossenen Dissertation bei Jürgen Kocka und Volker Berghahn beruht, spannt den Bogen von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die 1970er-Jahre. Im Sinne einer Kultur- und Sozialgeschichte des Sprechens gilt das Erkenntnisinteresse der Autorin den Konjunkturen alltäglicher Diskussionsbereitschaft sowie der Differenzierung nach verschiedenen sozialen Räumen und Gruppen. Im Zentrum steht weniger der Inhalt als die Form der Kommunikation – und deren Wandel. Hierzu bedient sich die Autorin sozialkonstruktivistischer Theorien des Sprechens als institutionalisierter Face-to-Face-Interaktionen, die mit Erving Goffman und Thomas Luckmann als „Kommunikationsmuster“ und „kommunikative Handlungen“ begriffen werden. Im Anschluss an Konzepte Pierre Bourdieus und Angelika Linkes sollen ferner soziale Ungleichheiten und sozialsymbolische Dimensionen des Sprechens Berücksichtigung finden.

Die Untersuchung setzt sich aus Fallstudien zu drei zeithistorischen Komplexen zusammen, bei denen explizit eine Aufwertung der Diskussion im Alltag der gesamten Gesellschaft anvisiert wurde: die US-amerikanische Reeducation, der „Internationale Frühschoppen“ und die 68er-Bewegung. Drei allgemeine Thesen liegen der Arbeit zugrunde: Erstens habe bis in die 1970er-Jahre eine Aufwertung, Formalisierung und Institutionalisierung von Diskussionen als sozialer Praxis stattgefunden. Zweitens sei dies begünstigt worden durch Handlungen verschiedener sozialer und politischer Akteursgruppen mit unterschiedlichen Motiven. Drittens sei es zu Konflikten um legitime Formen argumentativer Gespräche gekommen.

Den so bezeichneten „ersten Akt“ eröffnet eine begriffsgeschichtliche Sondierung, in der die Herausbildung des Terminus „Diskussion“ lange vor 1945 dargelegt wird. Allerdings beschränkte sich dieser auf Inhalt und Sachebene eines Gesprächs. Demgegenüber bezeichnete der Begriff „Konversation“ Gespräche auf Beziehungsebene. Idealtypisch und basierend auf Sekundärliteratur wird der Wandel in der Kommunikationspraxis im Verlauf des „langen“ 19. Jahrhunderts skizziert, vom Assoziationswesen der Aufklärung über die bürgerliche Geselligkeit bis zur Arbeiterbewegung. Die deutsche Besonderheit habe nicht in einem zu geringen Ausmaß an Diskussion bestanden, sondern in deren enger Verbindung mit Politik. Demgegenüber galt es bei Konversationen in privaten oder semiöffentlichen Räumen wie dem bürgerlichen Salon Meinungsunterschiede von vornherein zu vermeiden, und sei es durch Schweigen. Etwas aufgesetzt im Rahmen der ansonsten überzeugenden Argumentation wirkt indes die en passant versuchte Revision der Deutung des Kaiserreichs als Untertanengesellschaft.

Im „zweiten Akt“ betreten die Amerikaner die Bühne. Ihre Demokratisierungspolitik ab 1945 habe sich der Diskussion als Methode bedient, mittels derer man die Handlungsdispositionen der Deutschen verändern wollte. Am Beginn der Reeducation stand die Diagnose einer zu großen Befehlshörigkeit der Deutschen. Mit Hilfe von Diskussionen sollte der Bevölkerung beigebracht werden, Dissens offen zu kommunizieren und Meinungspluralismus als Wert anzuerkennen. Zu institutionalisieren versuchten die Amerikaner dies im Gemeindeleben, im Bildungswesen, in den Massenmedien sowie in der Kulturpolitik. Diskussionen bedeuteten dabei keine herrschaftsfreie Kommunikation. Insbesondere die Furcht vor einem politischen Missbrauch durch Kommunisten ließ die subtile Kontrolle durch geschulte Moderatoren in den Augen der Besatzungsbehörden notwendig erscheinen. Deutsche Akteure eigneten sich die US-amerikanischen Konzepte unter anderem dadurch an, dass sie Diskussionen in eine abendländische Traditionslinie seit der Antike rückten. Nachhaltige Effekte zeitigte die Reeducation demzufolge erst mit der Unsichtbarmachung und dem Vergessen des amerikanischen Einflusses.

Entgegen landläufiger Annahmen stellte die Nachkriegszeit, so Verheyen, eine Epoche des Gesprächs dar. Zur Untermauerung der These wird im „dritten Akt“ der Studie zunächst Werner Höfers wöchentlicher „Internationaler Frühschoppen“ analysiert. Diese sonntagvormittags über Radio und Fernsehen ausgestrahlte öffentliche Diskussionsrunde zählte nicht nur zu den langlebigsten Sendeformaten (1952/53–1987), sondern brachte einem großen Publikum auch die Gepflogenheiten und Vorzüge des politischen Meinungsaustauschs näher. Ein wichtiger Grund für den Erfolg der Sendung lag in der anfangs neuartigen Verbindung von inhaltlicher Debatte und unterhaltendem Gespräch, von Diskussion und Konversation, wozu der demonstrativ kredenzte Weißwein seinen Teil beitrug. Dagegen wurde seit Ende der 1950er-Jahre in linksliberalen Medien erste Kritik am Gesprächsstil der Männerrunde sowie an der als autoritär und selbstgefällig wahrgenommenen Moderation Höfers laut.

In den „68er-Jahren“ wurde die Forderung nach Diskussionen omnipräsent; sie war Indikator und Faktor einer strukturellen und habituellen Demokratisierung in allen Bereichen der Gesellschaft. In den politischen Auseinandersetzungen, etwa bei der Sprengung öffentlicher Veranstaltungen oder bei Sit-ins und Teach-ins, wurde sowohl von Seiten der studentischen Protagonisten als auch von ihren Gegnern die Kommunikationsform der Diskussion prinzipiell anerkannt. Freilich nahmen alle Seiten jeweils für sich in Anspruch, als einzige deren demokratische Gestalt zu repräsentieren. Im Unterschied zur frühen Bundesrepublik diente das Kommunikationsmuster der Diskussion nicht mehr zur Einübung von zivilem Umgang mit Pluralismus und Ambivalenz, sondern wurde, so Verheyens These, zum Instrument der Durchsetzung eigener Positionen. Die Neuartigkeit der 68er-Bewegung bestand darin, auf metakommunikativer Ebene die konventionellen Diskussionsregeln in Frage zu stellen. Zwar wird angedeutet, dies sei Teil einer alternativen, auch körperlichen Arbeit am Selbst gewesen, doch leider wird dieser interessante Aspekt nicht weiter ausgeführt. Schlussendlich habe ein im Grunde nicht erfüllbarer Erwartungsüberschuss der 68er-Bewegung beinahe zwangsläufig enttäuscht werden müssen. Auf „Diskussionslust“ sei „Frust“ gefolgt (S. 299), weshalb in den 1970er- und 1980er-Jahren die Hochkonjunktur der kommunikativen Gattung nachgelassen habe.

Nina Verheyen ist es gelungen, einen schwer zu fassenden, aber faszinierenden Gegenstand methodisch souverän und stilistisch anspruchsvoll zu untersuchen. Gerade die verschiedenen Analyseebenen und das breite Quellenkorpus ermöglichen ihr eine differenzierte Darstellung. An verschiedenen Stellen arbeitet sie Ungleichheiten bezüglich der Kategorien Klasse, Geschlecht und Generation heraus – auf der Mikroebene der konkreten Interaktion ebenso wie auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Diskussionsbedarf sehe ich indes bei der Einbettung in den zeitgeschichtlichen Kontext. Die in der Einleitung formulierte Absicht, die Kontinuitäten über das Jahr 1945 hinweg zu betonen und die Zäsur von 1968 zu relativieren, wird nur bedingt umgesetzt. Denn auch wenn in beiden Fällen Vorläufer und Verbindungen aufgezeigt werden, beweist die Arbeit insgesamt eher das Gegenteil, da sich genau an diesen historischen Wegmarken grundlegende Veränderungen ereigneten. Nicht ganz plausibel wirkt zudem der Ausblick auf die 1970er- und 1980er-Jahre, in denen es zu Sättigungs- und Ermüdungserscheinungen gekommen sei. Tatsächlich mag die politische Diskussions-Euphorie nachgelassen haben; blickt man jedoch auf die soziale Praxis, kann man mit guten Argumenten von einer massiven Verbreitung sprechen. Das Handlungsmuster der Diskussion wurde in verschiedenen sozialen Feldern aufgegriffen und angewandt, zum Beispiel als therapeutische Technik oder als Lenkungsinstrument im postfordistischen Arbeitsregime.[1] Wie verhält es sich zudem mit Phänomenen wie dem Boom des religiösen Dialogs seit den 1960er-Jahren?[2] Welche Rolle spielte die Entstehung von Kybernetik und Informationswissenschaft seit Mitte der 1940er-Jahre für das zeitgenössische Verständnis von Begriffen wie Kommunikation, Interaktion und Information?[3] Dass Nina Verheyens Arbeit in dieser Weise die Diskussionslust anregt, darf man zu den Verdiensten des Buches zählen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. etwa Eva Illouz, Die Errettung der modernen Seele. Therapien, Gefühle und die Kultur der Selbsthilfe, Frankfurt am Main 2009; Benjamin Ziemann, Zwischen sozialer Bewegung und Dienstleistung am Individuum. Katholiken und katholische Kirche im therapeutischen Jahrzehnt, in: Archiv für Sozialgeschichte 44 (2004), S. 357-393; Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt am Main 2007.
[2] Vgl. Pascal Eitler, „Gott ist tot – Gott ist rot“. Max Horkheimer und die Politisierung der Religion um 1968, Frankfurt am Main 2009.
[3] Vgl. Claus Pias (Hrsg.), Cybernetics – Kybernetik. The Macy-Conferences 1946–1953, 2 Bde., Zürich 2004; Michael Hagner / Erich Hörl (Hrsg.), Die Transformation des Humanen. Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik, Frankfurt am Main 2008; Philipp Aumann, Mode und Methode. Die Kybernetik in der Bundesrepublik Deutschland, Göttingen 2009.