H. Hockerts u.a. (Hrsg.): Soziale Ungleichheit im Sozialstaat

Cover
Titel
Soziale Ungleichheit im Sozialstaat. Die Bundesrepublik Deutschland und Großbritannien im Vergleich


Herausgeber
Hockerts, Hans G.
Reihe
Zeitgeschichte im Gespräch 8
Erschienen
München 2010: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
140 S.
Preis
€ 16,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Kramper, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Soziale Ungleichheit ist zurück – und zwar nicht nur als tagespolitisches Problem, sondern auch als Gegenstand der historischen Forschung. Spätestens das Leitthema "Ungleichheiten" des Dresdener Historikertages 2008 dürfte das deutlich gemacht haben. Aus dieser Veranstaltung ist denn auch der hier zu besprechende Sammelband hervorgegangen, der die Beiträge der Sektion "Soziale Ungleichheit im Sozialstaat. Großbritannien und die Bundesrepublik im Vergleich" vereint.

Ausgehend von der Feststellung, dass das "Grundversprechen moderner Sozialstaatlichkeit" keineswegs "Gleichheit, sondern Sicherheit" (S. 10) sei, umreißt Hans Günter Hockerts in seiner Einleitung das Anliegen des Buches. Es geht ihm im Kern um die Frage, inwieweit der Sozialstaat "soziale Ungleichheit nicht nur reduzieren und limitieren, sondern auch konservieren, ja sogar selber produzieren und legitimieren" (S. 11) kann. Die folgenden fünf Beiträge bearbeiten diese Fragestellung in vergleichender Perspektive auf (West-)Deutschland und Großbritannien – eine klassische Konstellation, die aber, wie Hockerts überzeugend argumentiert, angesichts der in jüngster Zeit wieder zunehmenden Bedeutung historisch-individualisierender Betrachtungen von Wohlfahrtsstaatlichkeit immer noch ihre Berechtigung hat.

Den Vergleich nehmen die Autoren anhand von fünf ausgewählten Themenfeldern vor. Winfried Süß betrachtet das in der deutschen Debatte lange Zeit vernachlässigte Thema der "Armut im Wohlfahrtsstaat". Zunächst geht er den Konjunkturen der Armutsdebatten in Deutschland und Großbritannien nach und konstatiert für beide Länder ein ähnliches Muster des Verschwindens von armutspolitischen Diskursen in den 1950er- und 1960er- und ihrer Wiederkehr seit den 1970er-Jahren. Sodann untersucht er – in methodisch sehr reflektierter Weise – die "materielle" Geschichte der Armutsverhältnisse, und zwar anhand der Sozialhilfebedürftigkeit und der Einkommensungleichheit. Aufgrund der unterschiedlichen sozialstaatlichen Konstruktionsprinzipien in den beiden Ländern ergibt der erste Indikator unterschiedliche Befunde und verweist insofern, wie Süß zurecht konstatiert, eher auf die politische Aufmerksamkeitsschwelle als auf materielle Bedürftigkeit. Anhand der zweiten Messgröße lassen sich verlässlichere Ergebnisse erzielen. So zeigt sich für die 1950er- und 1960er-Jahre ein leichter Rückgang, seit dem Ende der 1970er-Jahre jedoch ein deutlicher Anstieg relativer Armut, der in Deutschland allerdings stärker als in Großbritannien durch das Sozialsystem abgefedert wurde. Schließlich betrachtet Süß das Phänomen der unterschiedlichen Politisierbarkeit des Themas in Deutschland und Großbritannien und erläutert in überzeugender Weise die Gründe dafür, dass die britische Öffentlichkeit trotz höherer Sensibilität gegenüber dem Thema in der gesamten Nachkriegszeit eine geringer ausgeprägte Unterstützung für "auf Strukturveränderungen angelegte armutspolitische Handlungsstrategien" (S. 38) an den Tag legte.

Im zweiten Beitrag widmet sich Wilfried Rudloff "Ungleichen Bildungschancen als sozialpolitische[r] Herausforderung". Im Anschluss an eine theoretische Reflexion des Zusammenhangs von Bildungs- und Sozialpolitik stellt er zunächst fest, dass Bildung und soziale Ungleichheit in Großbritannien unter dem Einfluss sozial- statt geisteswissenschaftlich unterfütterter Diskurse seit den 1950er-Jahren in einen sehr viel engeren Zusammenhang gerückt worden seien als in der Bundesrepublik. Für die Phase der Bildungsexpansion in den 1960er- und 1970er-Jahren konstatiert Rudloff eine teilweise Annäherung der deutschen an die britischen Diskurse, seit Mitte der 1970er-Jahre eine in beiden Ländern zu beobachtende wachsende Skepsis gegenüber den Möglichkeiten eines bildungspolitischen "social engineering". Im Ergebnis seien schließlich in beiden Ländern die Niveaueffekte der Bildungspolitik bedeutsamer gewesen als die Struktureffekte. Das britische Modell habe jedoch einen geringeren Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsbeteiligung sowie eine bessere Beteiligung von Migrantenkindern aufgewiesen, das deutsche eine bessere berufliche Ausbildung.

Christiane Kuller geht im dritten Beitrag des Bandes auf die Frage nach den "gender regimes" sozialer Sicherungssysteme, das heißt nach den diesen zugrundeliegenden Idealbildern der Geschlechterverhältnisse ein. Sie kann zunächst – besonders am Beispiel der Alterssicherung – zeigen, dass die Grundstrukturen sozialer Sicherung in Deutschland wie in Großbritannien in den 1950er-Jahren in hohem Maße auf der Vorstellung des "Ernährer-Hausfrau-Modell[s] mit einem männlichen Familienernährer und einer 'Nur-Hausfrau'" (S. 66) aufbauten. Für die 1960er- und 1970er-Jahre konstatiert sie eine Diversifizierung der Geschlechterregime, die auf die Herausbildung eines "moderaten Ernährermodells" (S. 81) hinauslief – eine Entwicklung, die sie in überzeugender Weise an soziokulturelle Veränderungstendenzen rückbindet. Überwiegen hier noch die Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Großbritannien, konstatiert Kuller für die 1980er-Jahre eine starke Auseinanderentwicklung, die allerdings seit Mitte der 1990er-Jahre wiederum einem gemeinsamen Trend zu einem "adult-worker-model" gewichen sei.

Alle diese Ausführungen sind, wie auch bei Süß und Rudloff, solide recherchiert und bieten insgesamt einen souveränen Überblick über zentrale Entwicklungslinien in beiden Ländern. Gelegentlich kommt angesichts dieser beinahe handbuchartigen Zusammenstellung allerdings die Fokussierung der eingangs angeführten Problemstellung gegenüber dem Vergleich ein wenig zu kurz. Insbesondere für den Beitrag von Winfried Süß wäre eine etwas explizitere Auseinandersetzung mit der Frage, inwiefern der Sozialstaat selbst soziale Ungleichheiten produziert, wünschenswert gewesen. Diesem geringfügigen Defizit steht allerdings die starke sozialgeschichtliche Fundierung aller dieser Beiträge gegenüber, die gegenüber dem Großteil der bisherigen Literatur einen echten Erkenntnisfortschritt bedeutet.

Gerade dieser Vorzug ist allerdings auch der Grund dafür, dass der vierte Beitrag des Bandes, in dem sich Lutz Leisering und Christian Marschallek der Frage nach dem Zusammenhang von Alterssicherung und sozialer Ungleichheit zuwenden, gegenüber den drei zuerst genannten ein wenig abfällt. Die grundsätzlichen Befunde, die hier präsentiert werden – insbesondere bezüglich der länderspezifischen Unterschiede bei der Einhegung von Altersarmut – sind zwar im Kern kaum zu bestreiten. Doch die Autoren verbleiben in ihrer Analyse sehr stark auf der Ebene der sozialpolitischen Entscheidungsfindung und der sozialpolitischen Steuerungsinstrumente. Die konsequente Rückbindung an langfristige sozialstrukturelle Entwicklungstendenzen und politische "Großwetterlagen", die gerade die Stärke der anderen Beiträge ausmacht, fehlt hier, und die im engeren Sinne historische Dimension des Problems bleibt unterbelichtet.

Eine gänzlich neue Ebene erschließt dann der abschließende Beitrag von Cornelius Torp, der "Gerechtigkeitsprinzipien in der Konstruktion sozialer Sicherung" untersucht. Dem Autor geht es in seinen Ausführungen um die Frage, inwiefern deutschen und britischen Sicherungssystemen in der Nachkriegszeit unterschiedliche Prinzipien von Gerechtigkeit eingeschrieben waren. In einem konzeptionellen Teil unterscheidet Torp zunächst zwischen drei Grundprinzipen distributiver Gerechtigkeit (Bedarfsgerechtigkeit, Leistungsgerechtigkeit und Gleichheit). In den folgenden Abschnitten versucht er dann, deren relative Bedeutung sowie eventuelle Bedeutungsverschiebungen in den deutschen und britischen Sicherungssystemen gegen Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit zu identifizieren. Was zunächst nach einem recht akademischen Problem klingt, erweist sich in der Durchführung als nützliches Instrument, um einige langfristig wirksame Veränderungen in der Architektur der staatlichen Sicherungssysteme auf den Begriff zu bringen. So leuchtet nicht nur die Bedeutung der von Torp festgestellten deutsch-britischen Konvergenzen im Gesundheitswesen und Divergenzen in der Arbeitslosen- und Alterssicherung ein, sondern auch die der in Großbritannien seit Ende der 1970er-Jahre, in Deutschland erst in jüngster Zeit zu beobachtenden Verschiebung hin zum Bedürftigkeitsprinzip bei den Leistungen. Daran anschließend ließen sich gleich eine ganze Reihe von Fragen formulieren, die Potential für weitere Forschungen bieten – etwa die von Torp nicht wirklich in Angriff genommene Frage nach den Ursachen für diese Verschiebungen, die Frage, inwiefern die genannten Gerechtigkeitsprinzipien in zeitgenössischen Debatten aktiv reflektiert wurden oder auch die Frage, ob sich diese Prinzipen nicht für die Etablierung einer umfassenderen Typologie einzelner Bereiche von sozialer Sicherung eignen könnten.

Ein abgerundetes Ganzes ergeben die Beiträge des Sammelbandes, das dürfte bei der Vorstellung ihrer unterschiedlichen Stoßrichtungen deutlich geworden sein, nicht. Wohl auch deshalb haben die Herausgeber auf eine zusammenfassende Schlussfolgerung verzichtet. Das ist allerdings im vorliegenden Fall kein allzu großes Defizit. Denn das Buch bietet auf knappem Raum sowohl solide Überblicke für ausgewählte Themenbereiche als auch Denkanstöße für die weitere Forschung. Für eine Zeitgeschichtsschreibung, die sich, wie der Reihentitel "Zeitgeschichte im Gespräch" das nahelegt, nicht als abgeschlossenen Prozess, sondern als offene Debatte versteht, ist das eine ganze Menge.

Redaktion
Veröffentlicht am
15.03.2011
Beiträger
Redaktionell betreut durch