A. Moritz: Interim und Apokalypse

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Titel
Interim und Apokalypse. Die religiösen Vereinheitlichungsversuche Karls V. im Spiegel der magdeburgischen Publizistik 1548 - 1551/52


Autor(en)
Moritz, Anja
Erschienen
Tübingen 2010: Mohr Siebeck
Anzahl Seiten
348 S.
Preis
€ 89,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Harald Bollbuck, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

Die Zeit des „Augsburger Interims“ nach den Schmalkaldischen Kriegen und die Religionspolitik Kaiser Karls V. waren schon häufig Gegenstand von Forschungen. Zuletzt untersuchte Thomas Kaufmann die antikaiserliche „Herrgottskanzlei“ in Magdeburg als wichtigsten Gegner des Interims an Hand ihres reichen Schrifttums.[1] Anja Moritz wendet sich in ihrer Dissertation den Wechselwirkungen von kaiserlicher Politik und ihrem publizistischen Widerhall in Magdeburg zu, indem sie die unterschiedlichen politischen und religiösen Positionen der verschiedenen Interessengruppen kommunikationswissenschaftlich und handlungslogisch analysiert. Angesichts der Forschungssituation fußt die Arbeit nicht allein auf zeitgenössischen Quellen, einem Korpus von etwa 80 Schriften, sondern diskutiert intensiv den Stand der bisherigen Forschung. Das Buch besteht aus sieben Kapiteln inklusive Einleitung und knappem Fazit. Bibelstellen-, Personen- und Sachregister runden die Arbeit ab.

Die ersten drei Kapitel sind analytisch angelegt. Die Einleitung diskutiert relevante Begrifflichkeiten (S. 20-30). Apokalyptik wird als „aktive[s] Bekenntnis in der Welt“ im „Vertrauen auf das göttliche Heilsversprechen“ (S. 27) verstanden, „Krise“ gegen Rudolf Vierhaus’ objektivistischen Begriff als ein „subjektives Bewusstseinsphänomen, das die institutionalisierten Regelungsmechanismen als dysfunktional wahrnimmt“ (S. 28). Im folgenden Kapitel, das sich dem Verhältnis von Druck, Schrifttum, Reformation und publizistischer Öffentlichkeit widmet, plädiert Moritz für die Berücksichtigung mündlicher, schriftlicher und visueller Ausdrucksformen der Kommunikation und den Einbezug Illiterater als Adressaten (S. 32f.). Öffentlichkeiten für den Untersuchungszeitraum sind in Teilöffentlichkeiten zu differenzieren, die unterschiedliche, intendierte Adressaten und potentielle Rezipienten besaßen (S. 34f.). In der Flugschriftendefinition rückt die Autorin, angelehnt an Volker Leppin[2], vom allein propagandistischen Zuschnitt des Mediums ab und sieht deren Ziel in der Vermittlung von Orientierungswissen (S. 36).

Ihre Forschungssynthesen wendet Moritz auf das Schaffen der Magdeburger „Herrgottskanzlei“ und die publizistische Situation in der über ein Jahr belagerten Stadt mit apokalyptisch geprägtem Horizont an (S. 38-57). Magdeburg befand sich als Stadt im Ausnahmenzustand, das eigene politische und religiöse Handeln wurde endzeitlich legitimiert (S. 39f.). Die apokalpytische Botschaft wurde vor der Folie der lutherischen Drei-Stände-Lehre zur zentralen Aufgabe der Geistlichkeit, um die Obrigkeit an ihre Schutzfunktion und den Erhalt der inneren Eintracht zu gemahnen.

Das Kapitel über die Religionsgespräche im Vorfeld des Schmalkaldischen Krieges befasst sich weniger mit den dialogischen und disputativ-konfrontativen Elementen der Kolloquien,[3] sondern arbeitet die politischen und theologischen Interessenlagen sowie den Anteil an der evangelischen Bekenntnisbildung heraus. Den Verästelungen der jüngst erschienenen, umfassenden Studie von Lothar Vogel zum zweiten Regensburger Kolloquium von 1546[4] kann die Autorin im Detail nicht folgen, kommt aber zu dem ähnlichen Ergebnis, dass die Ansätze beider Parteien nahezu gegenläufig waren und die Gespräche eine selbstzerstörerische Eigendynamik entwickelten (S. 75f.). Im folgenden Abschnitt zum Verlauf des Schmalkaldischen Krieges (S. 79-108) wird die publizistische, öffentlichkeitswirksame Legitimation des Krieges bzw. des antikaiserlichen Widerstandes erläutert, die zur Grundlage für die Argumentationsmuster der Magdeburger wurde.

Die Annahme des Interims war von verschiedenen Faktoren abhängig. Die weltlichen Obrigkeiten handelten nach politischen Maßstäben (Gemeinwohl, Friedenswahrung), die „Politikberatung der Prediger hatte dann Erfolg, wenn beide Handlungsmaximen in Kongruenz zueinander gebracht wurden.“ (S. 147). Ein einheitliches Bekenntnis konnte das politische Gemeinwesen stützen, in den Hansestädten stimmte die Zurückweisung des Interims durch die Prediger mit kirchenpolitischen Autonomiebestrebungen der Räte überein, in Reichsstädten und Süddeutschland aber konnte das Gemeinwohl ein stärkeres Fundament bieten als ein konfessionell motiviertes corpus Christianum. Die Religion war in die Pluralität der politischen Entscheidungsfindung eingebunden. Religion und Politik blieben verflochten, doch wurde zunehmend ihre Eigenlogik erkannt. Das Interim sorgte für einen Konfessionalisierungsschub, statt die Spaltung als indirekte Folge des Augsburger Religionsgesetzes aufzuheben.

Zentral sind die Analysen des „Bollwerks“ Magdeburg (S. 149-210) und der Funktion der Apokalyptik, die argumentativ im Kampf um den Erhalt der Schöpfungsordnung eingesetzt wurde (S. 211-275). Das Interim als existentielle Gefährdung der jungen Kirche wurde zu dem apokalyptischen Zeichen, das als Signum der Endzeit gedeutet wurde. Die Magdeburger Drucke boten Orientierungswissen angesichts der Krise, dienten der Motivation und gesamtprotestantischen Solidarisierung, hatten aber auch eine politische Ordnungsfunktion zur Stärkung und Homogenisierung nach innen. Die intermediale Inszenierung des Selbstbildes als Hort des Widerstandes zeigte sich in Holzschnitten der anti-interimistischen Ratsausschreiben, die das Stadtwappen mit der Lutherrose verbanden oder von Engeln gestützt darstellten und ihre Motti den Psalmen entnahmen.
In der semiotisch aufgeladenen Kommunikation wurde einst Nebensächliches, Adiaphora wie etwa der Chorrock, zum sichtbaren Zeichen des Bekenntnisses, da jede interimistische Zeremonienänderung als Glaubensirritation interpretiert wurde (S. 246f.). Die Widerstandstheorie, die nun in Magdeburg entwickelt wurde, rezipierte Luthers Zirkulardisputation von 1539 und die Wittenberger Notwehrkonzeption von Justus Menius und Georg Major zur Legitimation des Schmalkaldischen Krieges von 1546. Dass sie sich, wie Moritz meint, wie die Wittenberger auf eine Verbindung aus göttlichem, natürlichem und positivem Recht berief (S. 203f.), darf bezweifelt werden, denn Matthias Flacius und Nikolaus von Amsdorf als Magdeburger Cheftheologen standen den Naturrechtskonzeptionen kritisch gegenüber.[5] Zum Ende des Bundes zwischen Rat und Geistlichkeit führte die pragmatische Politik des Rates, der verantwortungsethisch für eine Beendigung der Belagerung im Sinne des Gemeinwohls plädierte (S. 208-210). Er erkannte, dass eine Versöhnung nur durch Ausblendung der Religion aus den Verhandlungen entstehen konnte.

Überraschen muss bei einer Arbeit, die sich extensiv der Klärung ihrer leitenden Begrifflichkeiten hingibt, die Verwendung des Begriffes der „exules Christi“ für die gesamte Gruppe der Magdeburger Publizisten. In dieser Zeit bezeichnete sich nur Amsdorf so, Flacius, Johannes Wigand und andere dagegen erst nach ihrer Vertreibung aus Jena 1561.[6] Die kirchenhistorischen Zenturien suchten in erster Linie nicht, den „Verfall nach Jahrhunderten gegliedert nachzuweisen“ (S. 51), sondern, im Gegenteil, den Erhalt der mit der eigenen übereinstimmenden wahren Lehre zu dokumentieren. Auch wenn die Belagerung durch Herzog Moritz halbherzig durchgeführt wurde, kann nur aus heutigem Abstand behauptet werden, dass der „Widerstand der Stadt Magdeburg in den Jahren 1548 bis 1551 […] hauptsächlich ein medial vermittelter“ war (S. 200). Eine durch Bombardierung zerstörte Kirche, abgebrannte Vorstädte und zahlreiche Tote sprechen dagegen. Bei dem „amico Plato“ (S. 275) handelt es sich um einen der wenigen Redaktionsfehler, im Zitat kurz darauf findet sich die richtige Form (S. 279 Anm. 353).

Abgesehen von diesen Beanstandungen hat Anja Moritz eine instruktive Studie verfasst, die das Interim in die kontinuierliche Politik Kaiser Karls V. einordnet. Die Annahme des Reichstagsbeschlusses war pragmatisch von der auf das Gemeinwohl und die Friedenssicherung ausgerichteten territorialen Politik abhängig. Die Magdeburger entwickelten ein konditioniertes Konzept der Adiaphora, die Apokalyptik diente der Deutung von Krieg und Interim. Aus dieser Diagnose erwuchsen Orientierungswissen und Handlungsmaximen. Den eigenen Widerstand ‚verkauften’ sie publizistisch als Erfolgsgeschichte, wobei der Kampf gegen Erzbischof und Kaiser nur eine Konsequenz ihrer nach Selbständigkeit und Autonomie strebenden Politik war.

Anmerkungen:
[1] Thomas Kaufmann, Das Ende der Reformation. Magdeburgs „Herrgotts Kanzlei“ (1548-1551/2), Tübingen 2009.
[2] Volker Leppin, Antichrist und Jüngster Tag. Das Profil apokalyptischer Flugschriftenpublizistik im deutschen Luthertum 1548-1618, Gütersloh 1999, S. 29.
[3] Diese Unterscheidung bei Thomas Fuchs, Konfession und Gespräch. Typologie und Funktion der Religionsgespräche in der Reformationszeit, Köln 1995, S. 29.
[4] Lothar Vogel, Das zweite Regensburger Religionsgespräch von 1546, Gütersloh 2009.
[5] Vgl. Merio Scattola, Naturrecht vor dem Naturrecht. Zur Geschichte des „ius naturae“ im 16. Jahrhundert, Tübingen 1999, S. 60-62.
[6] Vgl. Irene Dingel, Die Kultivierung des Exulantentums im Luthertum am Beispiel des Nikolaus von Amsdorf, in: Irene Dingel (Hrsg.), Nikolaus von Amsdorf (1483-1565). Zwischen Reformation und Politik, Leipzig 2008, S. 153-175.

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Veröffentlicht am
28.01.2011
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