G. Haug-Moritz (Hrsg.): Adel im "langen" 18. Jahrhundert

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Titel
Adel im "langen" 18. Jahrhundert.


Herausgeber
Haug-Moritz, Gabriele; Hye, Hans Peter; Raffler, Marlies
Reihe
Zentraleuropa Studien 14
Anzahl Seiten
324 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Wieland, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Dieser Band – eine Hommage an Grete Klingensteins 1975 erschienene Studie zum „Aufstieg des Hauses Kaunitz“[1] – besteht aus fünfzehn Beiträgen, in denen mehrheitlich Aspekte der Geschichte des Adels der Habsburgermonarchie behandelt werden; lediglich drei Artikel sind anderen europäischen Adelslandschaften gewidmet, nämlich der Grafschaft Lippe, Großbritannien und Frankreich. Von den verbleibenden zwölf Aufsätzen sind neun im Kontext des hohen höfischen sowie des höchsten Adels angesiedelt, zwei von ihnen sogar im Umfeld des Kaiserhauses selbst. Das andere Ende des Spektrums bilden die Viten ambitionierter Gelehrter, die mit der Nobilitierung Anschluss an die traditionelle Geburtselite fanden, das Patriziat Oberitaliens oder die in ökonomischer und sozialer Hinsicht tendenziell marginalisierten Rittergeschlechter Österreichs. Der räumliche Schwerpunkt auf dem Gebiet der „composite monarchy“ der Habsburger ist in erster Linie der Herkunft der Verfasser geschuldet. Aufschlussreich ist einerseits, dass hier baronisierte homines novi gemeinsam mit Angehörigen des regierenden Hochadels der Habsburger und Wettiner unter der Kategorie „Adel“ subsumiert werden; und dass andererseits im Rahmen dieses sehr weiten, inklusiven Adelsbegriffs das eigentliche Interesse auf den Repräsentanten der kleinen, ökonomisch jedoch überaus potenten Elite innerhalb des Adels liegt, nämlich auf den gräflichen (und teilweise fürstlichen) Geschlechtern, die den Kern der Wiener Hofgesellschaft bildeten.

Zwei in der Einleitung thematisierte Probleme bestimmen die gegenwärtige Beschäftigung mit dem Adel des 18. Jahrhunderts: Zum einen geht es um das Verhältnis des Zweiten Standes zum sich entwickelnden Staat. Mehr noch als im 16. und 17. Jahrhundert stellten die Zentralisierung von Regierung, Verwaltung und Rechtsprechung, die Bemühungen der Monarchen um die Erschließung neuer Einnahmequellen und die Versuche, aus einer ständisch gegliederten Bevölkerung eine homogene Gruppe von Staatsbürgern zu machen, eine grundlegende Herausforderung für den Führungsanspruch und das Selbstverständnis des Adels dar. Zum anderen stellt sich die Frage, inwieweit der Adel des 18. Jahrhunderts überhaupt als Einheit betrachtet werden kann. Die Entwicklungen auf dem Feld der Staatlichkeit bewirkten zusammen mit wirtschaftlichen Veränderungen eine wachsende Fragmentierung der Aristokratie. Leidtragender war vor allem der ritterschaftliche Adel. Ihm gegenüber standen auf der einen Seite die Magnaten, die das höfische Leben dominierten, großen Einfluss auf Regierung und Verwaltung ausübten und von den wirtschaftlichen Konjunkturen des 18. Jahrhunderts profitierten, auf der anderen Seite die ambitionierten Bürger und Neuadligen, die auf beinahe allen Feldern (sogar dem der Anciennität!) das Monopol der alten Oberschicht in Frage stellten. Im Kern der Veränderungen, mit denen sich der Adel in dieser Zeit konfrontiert sah, steht die Bildung, die Frage also, inwieweit sich der Adel der Aufklärung öffnete. Dieser Komplex bildete bereits den Ausgangspunkt von Grete Klingensteins Untersuchung über Wenzel Anton Kaunitz, und er bildet auch eine Art von basso continuo der hier versammelten Beiträge.

Dabei fällt auf, wie groß das Maß der Übereinstimmung zwischen den Forderungen von nicht-adligen Adelskritikern, aufgeklärten adligen Reformern und hochrangigen Politikern war: Sie alle befürworteten eine Neuausrichtung der Adelsbildung auf die Bedürfnisse des Staates, eine „Nationalisierung“ des Adels und eine kritische Überprüfung der Adelsprivilegien. So konfrontierte der evangelische Pfarrer Johann Ludwig Ewald, dessen Denkschrift „Was sollte der Adel jetzt tun?“ von 1793 Harm Klueting beschreibt, die auf dem Herkommen basierenden Vorrechte des Adels mit den Verdiensten des Bürgertums und rief die lippische Ritterschaft zum freiwilligen Verzicht auf die Steuerfreiheit auf. Graf Franz Joseph Kinský verfasste in den Jahren 1773 und 1776 zwei Schriften zur adligen Privaterziehung, die von Teodora Shek Brnardić analysiert werden. In der Abkehr vom französischen Modell forderte Kinský eine auf die slawische Kultur und die gesellschaftliche und politische Struktur Böhmens ausgerichtete Bildung. Am Beispiel der gräflichen Familie Károlyi beschreibt Olga Khavanova die Erziehung eines ungarischen Adelssprosses, der sich sowohl in den Kreisen seiner ungarischen Standesgenossen als auch im Dienst des habsburgisch-österreichischen Staates souverän bewegte. Es scheint fast, als hätten die Károlyis die in den 1760er-Jahren verfassten Programmschriften des Staatskanzlers Kaunitz über die Rolle des Adels in der Monarchie, die das Thema von Franz Sazbos Ausführungen bilden, bereits verinnerlicht: Kaunitz war daran gelegen, die regionalen Differenzierungen einzuebnen, den Adel gleichsam zu nationalisieren und zu verstaatlichen; gleichzeitig maß er dem Adel „an sich“ nur noch geringes Gewicht für die Führung der politischen Geschäfte zu. Nicht Herkunft, sondern Leistung, nicht Geblüt, sondern Bildung sollten die Kriterien für Führungsämter sein – der Staatsdienst sollte in Kaunitz‘ Perspektive nicht mehr als die Ausübung angestammter Privilegien, sondern als Verpflichtung zum Dienst an der Allgemeinheit begriffen werden.

Für den alten Adel wurde die neu konzipierte Bildung zum zentralen Instrument zur Aufrechterhaltung seines Führungsanspruchs, für den ambitionierten Dritten Stand und den Kleinadel geriet sie zunehmend zum Vehikel des Aufstiegs. Deutlich wird dieses Phänomen am Beispiel des Hauses Pergen, dem der Beitrag von William D. Godsey gewidmet ist: Aus der bescheidenen Wiener Gelehrtenfamilie wurde zwischen 1600 und 1709 das gräfliche Geschlecht von Pergen, das durch Konnubium, Güterbesitz und Teilnahme an den Ständeversammlungen Niederösterreichs allmählich mit dem Herrenstand der Habsburgermonarchie verschmolz. Ausschlaggebend für diese bemerkenswerte soziale Mobilität waren die juristische Schulung, das Bekenntnis zum tridentinischen Katholizismus und die Loyalität zum Herrscherhaus. Auch der aus einer Trienter Patrizierfamilie stammende Johann Benedikt Gentilotti und der Straßburger Gelehrte Johann Christoph Bartenstein, deren Biographien in dem Beitrag von Ines Peper und Thomas Wallnig vorgestellt werden, verdankten ihre Karrieren primär ihren Bildungsanstrengungen. Mit der Transformation von akademischen Kontakten in Beziehungen zur Wiener Hofgesellschaft ließ sich intellektuelles in soziales Kapital umwandeln. Wie sehr sich die Muster adliger Statussicherung oder des Aufstiegs in den europäischen aristokratischen Gesellschaften des 18. Jahrhunderts glichen, zeigt der Aufsatz von Hamish Scott über die Geschicke der Murrays, Viscounts Stormont und Earls von Mansfield. Scott verweist selbst auf Parallelen zu Österreich und macht so Grundstrukturen einer adligen Familienstrategie am Ende des Ancien Régime deutlich. Im Falle der ursprünglich schottischen Familie der Murrays bedeutete das: die offensive Bejahung der von der regierenden Dynastie favorisierten Variante des Christentums (Anglikanismus), überhaupt die fraglose Unterordnung unter die Herrschaftsfamilie der Hannoveraner; Ausbildung und Studium an den etablierten Zentren der adligen Elite, die auch die politischen Geschicke des Landes bestimmte (Westminster School, Christ Church College Oxford, juristische Ausbildung an den Inns of Court), und Staatsdienst im Parlament und als Mitglied der Regierung. Mit dem Neffen und Erben des ersten Earls von Mansfield, David Murray, der als britischer Gesandter in Wien und Versailles wirkte, gelang der Familie der endgültige Aufstieg in die Spitzenränge eines Adels, der sich zunehmend als „britisch“ (und nicht mehr primär englisch oder schottisch) begriff.

Trotz aller Zentralisierungs- und Homogenisierungsvorgänge waren die Lebenswelten des europäischen Adels im 18. Jahrhundert nach wie vor durch seine regionalen und ständischen Kontexte geprägt. Auf diesen Aspekt verweist der vorzügliche Aufsatz von Petr Maťa über den oberösterreichischen Landtag in der Zeit Karls VI.: Auffällig ist nicht nur die vergleichsweise große Disziplin vor allem des mittleren Herrenstandes bei der Teilnahme an den landständischen Versammlungen, sondern auch das große Gewicht, das zentralen Entscheidungen der Ständeversammlung und speziell der Besetzung von Ämtern beigelegt wurde. Für den vornehmen und begüterten Adel bildeten zwar die einzelnen Regionen der Monarchie und ihre Repräsentativorgane keine exklusiven Betätigungsfelder mehr, doch als Foren adliger Distinktion und als Ressourcen der standesgemäßen Versorgung waren sie auch im 18. Jahrhundert keine quantité négligeable.

Die Aristokratien Europas wurden im Laufe des 18. Jahrhunderts in ihren höheren Rängen tatsächlich zunehmend zu einer Einheit, zu einem „europäischen Adel“, dessen Karrieren, Heiratsmuster und vor allem Bildungswege einander immer mehr glichen und dessen Verkehrskreise sich einander annäherten. Doch diese Vorgänge hießen eben nicht, dass die verschiedenen „nationalen“ Aristokratien und Adelslandschaften ihre Eigenarten verloren hätten. Dazu blieben die Bindungen der Oberschicht an einzelne Regionen zu stark, während gleichzeitig die Kommunikation zwischen den verschiedenen Rängen des Adels nie völlig abbrach. Es ist das Verdienst dieses Sammelbandes, den Blick für den Zusammenhang dieser bei flüchtiger Betrachtung nur schwer miteinander zu vermittelnden Phänomene zu schärfen. Weitere Forschungen zur Adelsgeschichte des 18. Jahrhunderts werden sich an den Polen von Regionalismus und Nationalismus, adliger und bürgerlicher Bildung, Standesinteresse und Staatsdienst zu orientieren haben.

Anmerkung:
[1] Grete Klingenstein, Der Aufstieg des Hauses Kaunitz. Studien zur Herkunft und Bildung des Staatskanzlers Wenzel Anton, Göttingen 1975.

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14.10.2011
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