A. Horstmann u.a. (Hrsg.): Archiv – Macht – Wissen

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Titel
Archiv – Macht – Wissen. Organisation und Konstruktion von Wissen und Wirklichkeiten in Archiven


Herausgeber
Horstmann, Anja; Kopp, Vanina
Erschienen
Frankfurt am Main 2010: Campus Verlag
Anzahl Seiten
252 S., 11 Abb.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anke Löbnitz, Bundesarchiv, Koblenz

Die Beiträge dieses Sammelbands gehen einer Grundsatzfrage nach, mit der jede(r) historisch Forschende unweigerlich konfrontiert ist: der geschichtlichen Bedingtheit von Archivgut und Überlieferungswegen. Der von Anja Horstmann und Vanina Kopp herausgegebene Band stellt Promotions- und Habilitationsprojekte vor, die im Rahmen des von 2005 bis 2010 bestehenden Graduiertenkollegs „Archiv – Macht – Wissen. Organisieren, Kontrollieren, Zerstören von Wissensbeständen von der Antike bis zur Gegenwart“ in der Abteilung Geschichtswissenschaft der Universität Bielefeld bearbeitet wurden. Die Beiträge sind breit gefächert: Sie reichen vom Mittelalter über die Frühe Neuzeit bis ins 19. und 20. Jahrhundert; dabei behandeln sie Themen der deutschen, europäischen und außereuropäischen Geschichte. Nur zwei Aufsätze ragen in die jüngere Zeitgeschichte hinein, weshalb die Frage unbeantwortet bleibt, wie nach 1945 und 1989/90 mit Archivbeständen beispielsweise der NS- bzw. der SED-Diktatur umgegangen wurde.

Das Inhaltsverzeichnis, das die thematisch vielfältigen Beiträge in die Rubriken „Archive als Orte der Herrschaftspraxis“, „der Wissenskonstruktion“ sowie „der (Re-)Präsentation und der Wandlung“ gliedert, verspricht eine spannende Lektüre. Dies gilt auch für die leitenden Fragestellungen. In der Einleitung betonen die Herausgeberinnen, es solle untersucht werden, „was für Formen und Ausprägungen Archive in unterschiedlichen Zeiten angenommen und wie Gesellschaften Wissen über sich gespeichert, geordnet und genutzt haben“ (S. 11). Daneben gehe es um die Erforschung dessen, „was diese Archive abbilden und welche Auswahlmechanismen nicht nur das Wissen und das Material, sondern auch die Zugänglichkeiten und Kontrolle desselben konditionierten“ (ebd.).

Wer jedoch in den Band hineinliest, wird weitgehend enttäuscht[1], was zunächst einmal dem gewählten „weiten Archivbegriff“ (S. 13) geschuldet ist. In Anlehnung an abstrakte Definitionen von Michel Foucault und Jacques Derrida analysieren die Autorinnen und Autoren unter dem Begriff „Archiv“ Verwaltungsschriftgut von Registraturen, Bestände in Archiven, Sammlungen in Bibliotheken und Museen aus unterschiedlichen Epochen, daneben aber auch Informationsträger (Fotos, Filme, „Dingarchive“) sowie „Archivkonstruktionen“ (S. 13), worunter spezifische Wissensbestände zu verstehen sind.[2]

Dieser von der Wissenschaftsgeschichte des Sammelns, Ordnens und Bewahrens inspirierte, aber nicht hinreichend konkretisierte Ansatz führt dazu, dass so ziemlich alles untersucht wird, was in irgendeiner Form Informationen aus der Vergangenheit enthält. Die Folge sind nach meinem Eindruck ziemlich abwegige Interpretationen: Zeitungen werden – anstelle von Bildarchiven – als „primäre Archive“ definiert, in denen Pressefotografien „abgelegt sind“ (Maren Tribukait, S. 181). Oder es wird ein „Kollektiv“ aus den deutschen Ostgebieten in der Zeit des Zweiten Weltkriegs vertriebener „Facharbeiter […] als Archiv konstruiert“ (Yaman Kouli, S. 223).[3] Überdies bleiben etliche Erkenntnisse, zu denen die Autorinnen und Autoren gelangen, bekannte Allgemeinplätze der Geschichtswissenschaft.

Erster Allgemeinplatz: Aufgrund des festgestellten Konstruktionscharakters von Archiven wird immer wieder darauf verwiesen, es sei wichtig, auch jenen des Materials zu berücksichtigen – eine Binsenweisheit jeglicher Quellenkritik.[4] „Archiviertes“ wird also nicht nur als „Zeugnis der Vergangenheit“ begriffen, sondern ebenso als „Zeuge seiner Entstehung“ (S. 11). Verschiedentlich fällt den Autoren auf, dass die Archivträger ihr Material für eigene Zwecke nutzen wollten und es dementsprechend strukturierten, neu ordneten oder zur Benutzung (nicht) zur Verfügung stellten. Einem ebenfalls wichtigen Faktum wird allerdings kaum Beachtung geschenkt: dass auch die Geschichte des Archivs berücksichtigt werden sollte – wie also das Material bis in die heutige Zeit verändert wurde, warum und mit welchen Intentionen.

Zweiter Allgemeinplatz: In Registraturen versuchte man insbesondere im Zuge von Verwaltungsmodernisierungen, Probleme, die mit der steigenden Produktion von Schriftstücken einhergingen, durch eine Professionalisierung der Ordnungssysteme sowie der Zugriffsinstrumente zu lösen. So konnte der ansteigenden Arbeitsbelastung im Archiv, den Platzproblemen, einer inadäquaten und zeitverzögerten Be- und Verwertung von Informationen, der Unauffindbarkeit oder gar dem Verlust von Dokumenten begegnet werden. Archive erfüll(t)en damit eine herrschaftsstützende Funktion.

Dritter Allgemeinplatz: Bereits bei der Entstehung des Materials und nicht erst bei der Archivierung wird entschieden, was relevant ist und was nicht, weshalb es sich immer um eine ausschnitthafte, subjektive und interessengeleitete Aufzeichnung bzw. Verarbeitung von Informationen handelt. Außerdem sind die Informationen, die heute im Archiv aufbewahrt werden und benutzbar sind, im Laufe der Zeit verändert worden, sei es durch beabsichtigte oder unbeabsichtigte Vernichtung oder durch Veränderungen in der Struktur.

Ein weiteres Manko des Sammelbandes ergibt sich aus der teilweise unzureichenden, für eine Veröffentlichung wenig ausgereiften Qualität der mit jeweils rund 15 Seiten recht kurzen Beiträge. Einigen mangelt es an einer wirklichen Leitfrage und damit einhergehend an einer klaren Struktur. Manche bieten nicht mehr als eine grobe Projektskizze, und etliche zeichnen sich durch einen sehr umständlichen Sprachstil aus. Zum Teil wird lediglich das zu untersuchende Archiv beschrieben; eine fundierte Analyse und wissenschaftliche Einordnung bleibt aus. Bedauerlich ist, dass einige Arbeiten nur dürftig bzw. überhaupt nicht auf Quellen basieren. Hinzu kommt ein äußerst schlechtes Lektorat; der Band strotzt vor Tippfehlern, Satzungetümen und falschen Formulierungen. Es wäre mühselig, diese einzeln aufzuführen.[5] Letztlich muss man sagen, dass unter diesem negativen Gesamteindruck auch die besseren Beiträge leiden, so etwa jene von Marc-André Grebe über die Archive in Simancas zur Zeit des spanischen Königs Philipp II. oder von Karsten Wilke über die Quellen des Białystoker Judenrats aus den Jahren 1941–1943.

Anmerkungen:
[1] Unverständlich ist mir deshalb die ausschließlich positive Rezension von Alexander Kraus (in: Kult_online 25 [2010], <http://cultdoc.uni-giessen.de/wps/pgn/home/KULT_online/25-8/> [31.3.2011]).
[2] Dabei steht leider in keinem Beitrag ein Datenerhebungsprojekt oder eine Dokumentation im Mittelpunkt, was bereichernd gewesen wäre. Als interessante Forschungsobjekte zu nennen wären hier etwa Arbeitsprodukte und Tätigkeiten des Dokumentationszentrums der Staatlichen Archivverwaltung der DDR oder – für die Bundesrepublik – der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen.
[3] Letzteres lässt sogar den Beiträger selbst einräumen, dies könne „wie eine Überstrapazierung des Begriffs ‚Archiv‘ erscheinen“ (S. 223).
[4] Unbedingt lesenswert zu diesem Thema, allerdings vor allem bezogen auf Einzeldokumente: Raul Hilberg, Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und Interpretieren, 2. Aufl. Frankfurt am Main 2003, Tb.-Ausg. 2009.
[5] Eine Stilblüte sei an dieser Stelle allerdings erwähnt. Yaman Kouli merkt an, dass Studien zu niederschlesischen Unternehmen vor 1945 fehlten, und bezeichnet solche Studien als „ein unschätzbares Desiderat“ (S. 228).