A. Velková: Grausame Obrigkeit, arme Untertanen?

Cover
Titel
Krutá vrchnost, ubozí poddaní?. Proměny venkovské rodiny a společnosti v 18. a první polovině 19. století na příkladu západočeského panství Št’áhlavy [Grausame Obrigkeit, arme Untertanen? Veränderungen der ländlichen Familie und Gesellschaft im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jhd.]


Autor(en)
Velková, Alice
Reihe
Práce Historického ústavu AV ČR – Opera Instituti historici Pragae, Řada A, Monographia 27
Erschienen
Anzahl Seiten
586 S.
Preis
CZK 380,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Markus Cerman, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien

Die überarbeitete Druckfassung der 2004 an der Prager Karls-Universität abgeschlossenen Dissertation ist eine mikrohistorische Studie par excellence, die umfangreiche Quellenstudien mit mehreren zentralen Fragestellungen der neueren sozialhistorischen Forschung verknüpft. Die Quellengrundlage umfasst Bestände aus den National-, Kreis- und Bezirksarchiven in der Tschechischen Republik zur westböhmischen Gutsherrschaft Šťáhlavy unweit von Plzeň. Um 1700 lebten circa 900 Personen in den vier Gemeinden der ausgewählten Pfarre Stary Plzenec, 1850 waren es rund 2.800. Der umfangreichen quantitativen Auswertung liegen nicht nur staatliche Bevölkerungs- und Steuererhebungen zugrunde, sondern vor allem die Pfarrmatriken und die herrschaftlichen Grundbücher, die den Transfer untertäniger Güter verzeichnen. Ebenfalls einbezogen wurden beispielsweise herrschaftliche Gerichtsakten.

Auf dieser Grundlage erstellte die Autorin eine Familienrekonstitution für die Bevölkerung der Pfarre. Die Datenbank besteht aus Einträgen zu 15.000 Personen über den Zeitraum zwischen 1700 und 1850. Das zweite Kernstück der quantitativen Analyse ist die detaillierte Rekonstruktion des ländlichen Besitztransfers. Durch die Verknüpfung mit den Daten der Familienrekonstitution kann Velková im Einzelnen Verwandtschaftsgrad und -verhältnisse der jeweiligen Vertragspartner untersuchen und damit eine der zentralen Fragestellungen der Arbeit verfolgen (S. 51-57, 86ff.).

Obwohl die Bevölkerung vornehmlich in der Landwirtschaft tätig war, zog die expandierende herrschaftliche Eisenproduktion seit dem 17. Jahrhundert Arbeitskräfte an sich, was innerhalb der ausgewählten Pfarre vor allem den Ort Sedlec betraf. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts bestanden drei Hammerschmieden und drei Hochöfen, 1859 gründeten die Sedlecer Eisenhütten eine Filiale in Plzeň, aus der später die Škoda-Werke hervorgingen. Insbesondere das 18. Jahrhundert war neben der Ausbreitung anderer Gewerbe auch durch eine starke Differenzierung der Sozialstruktur und die Zunahme von landlosen Hausbesitzern, den Häuslern, gekennzeichnet (S. 57-76).

Obgleich die arbeitsaufwendige Methode der Familienrekonstitution mit dem Ausklingen einer (auch) quantitativ orientierten bzw. der historischen Demographie zugewandten Sozialgeschichte weitgehend aus der Mode gekommen ist, die Autorin also schon allein für ihre erfolgreiche Durchführung gebührende Anerkennung finden muss, erschließt die vorliegende Arbeit im Besonderen Neuland, indem sie ein klassisches Problem der Mikrogeschichte, nämlich Einflüsse der ‚großen‘ Zusammenhänge im ‚Kleinen‘ zu suchen, gekonnt aufgreift und systematisch umsetzt: Velková stellt sich keinem geringeren Problem als der Diskussion der Frage, wie und wann herrschaftliche bzw. staatliche Normierung in Haushaltsentscheidungen umgesetzt wurde.

Ein von Joseph II. erlassenes Patent vom 3. April 1787 zur Nachfolge auf untertänigem Besitz änderte die bisherigen Gewohnheiten des Jüngstenerbrechts, das in Böhmen die Regel war, auf das Ältestenerbrecht. Mit der Fokussierung auf diese Frage ist gleichzeitig der Kern der Arbeit erschlossen. Im zweiten Teil des Buches wird anhand von mehr als 1.700 Übergabeverträgen auf die ländliche Familie und die Grundlagen und Praxis des ländlichen Besitztransfers in der Region eingegangen (S. 96-303). Hier werden Fragen wie das Alter bei der Übernahme, die Dauer der Wirtschaftsführung, die Veränderung von Transfermustern innerhalb der Familie und die Rolle von Familienstrategien und der einzelnen Verwandten in diesem Prozess behandelt, um abschließend auf das Problem des Interimsbesitzes – der Wirtschaftsführung bis zur Volljährigkeit des eigentlichen Besitznachfolgers – und das Ausgedinge einzugehen. Die Umstellung auf die neuen Besitzregelungen hatte bedeutende Auswirkungen auf die Transfermuster und die Familienstrategien, wie zum Beispiel auf die Verteilung zwischen post mortem- und inter vivos-Übergaben. Schließt man jene Familien aus, die keinen oder nur einen Sohn hatten, sank der Anteil der Übernahmen durch den Jüngsten von drei Vierteln (1691-1787) über 56,5 Prozent (1788-1819) auf ein Viertel (1820-1850) der Fälle. Die Verkäufe an den ältesten Sohn erhöhten sich von knapp zehn Prozent am Beginn des 18. Jahrhunderts auf 44,8 Prozent zwischen 1821 und 1850. Dies bedeutet nach 1788 eine klare Umstellung für jene Familien, die tatsächlich ‚die Wahl‘ hatten, wenn auch nur graduell und in Schritten (S. 124-134, 190-211).

Langfristige Veränderungen gab es auch unabhängig vom Patent, wie etwa hinsichtlich der Besitzmobilität, die im 18. Jahrhundert gegenüber der Vorperiode abnahm, und eines weiteren Schnittes um 1800, in dem steigende Güterpreise die wohlhabenderen Schichten stärker an spekulativen, kurzfristigen Käufen und Verkäufen teilnehmen ließen. Im Zusammenhang mit diesen Trends erreichten die Besitztransfers zwischen nicht verwandten Personen nach 1720 ein Minimum, bis sie 1821-1850 wieder auf ein Drittel anwuchsen. Im Spannungsfeld des Besitztransfers zwischen ‚Markt‘ und ‚Familie‘ war das 18. Jahrhundert auf den Familienbesitz zentriert.[1] Diese Änderungen, so die Autorin, produzierten in der Summe eine ländliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, die sich von jener des 17. und 18. Jahrhunderts stark unterschied.

Sichtbar sind auch deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen in dieser Hinsicht. Es waren vor allem die landbesitzenden Bauern, die im 18. Jahrhundert regelrechte Besitzdynastien und systematisch Familienbesitz aufbauen wollten. Derartiges ‚Verwandtschaftsdenken‘ wich im 19. Jahrhundert aber einer stärkeren Zentrierung auf die unmittelbare Kernfamilie. Diese diachronen Veränderungen und Unterschiede sollen aber nicht über Velkovás eindeutigen Befund hinwegtäuschen, dass der Verkauf bzw. die Übergabe an ein Kind stets dominierte, und zwar insgesamt in 56 bis 62 Prozent der Fälle. In der großen Mehrheit war ein Sohn der Übernehmende, immerhin in einem Fünftel dieser Fälle aber eine Tochter (bzw. ihr Ehemann, der Schwiegersohn der Besitzerfamilie).

Der dritte Teil der Arbeit widmet sich auf der Grundlage einer Kombination der demographischen Rekonstruktion mit jener des Besitztransfers den individuellen Lebensläufen und der sozialen Mobilität (S. 304-441). Dieser Abschnitt basiert auf der Analyse von 1.671 Personen aus drei Geburtskohorten: 1691-1700, 1741-1750 und 1791-1800. Hier geht die Autorin auf Fragen wie regionale Mobilität, Illegitimität, lebenszyklischer Gesindedienst, Altersphase, Heiratsverhalten und soziale Endogamie ein.

Die detaillierte Fallstudie schließt zwei weitere Analyseebenen mit ein, die in der wieder auflebenden sozialhistorischen Diskussion um die ‚ostelbische Gutsherrschaft’ eine prominente Stellung einnahmen: die Frage des Einflusses der Gutsherrschaft und der ländlichen Gemeinde. Die tschechischen Länder nahmen im Hinblick auf eine eindeutige Verortung innerhalb eines agrardualistischen Konzepts stets eine Art Sonderrolle ein, und dies wurde anhand der Themen, die die vorliegende Arbeit untersucht, seit den 1990er-Jahren in langfristigen Forschungsprojekten (siehe unten) bestätigt. Die Besonderheit bestand unter anderem in der Existenz sicherer erblicher Besitzrechte der Untertanen. Der untertänigen Gemeinde und ihren Organen kamen in Bezug auf die Abwicklung von Besitztransfers wichtige Kompetenzen wie Vertragsabschlüsse, Aufsicht, Schätzungen, Zeugenschaft und Testierung zu. Die Herrschaft Šťáhlavy blieb von klassischen gutsherrschaftlichen Konflikten – wie etwa dem Ausbau der Gutswirtschaft oder langwierigen Prozessen um die Robotleistungen (Arbeitsrenten) – nicht verschont. Im Hinblick auf die Besitztransfers schätzt Velková die Herrschaft als „pragmatisch“ ein, das heißt eine Intervention konnte dann schlagend werden, wenn wirtschaftliche Interessen, wie etwa eine Gefährdung der Abgaben durch schlechte Betriebsführung, auf dem Spiel standen, wenngleich die Suche nach Lösungen mitunter der Ausübung von Zwang auch vorgezogen wurde (S. 100-124).

Die umfangreiche Quellengrundlage gestattet im Übrigen die Detaildarstellung individueller Lebensläufe bzw. Besitzfolgen einzelner Anwesen (zum Beispiel S. 178ff., 343ff.) Die reichhaltige Ausstattung des Buches mit Abbildungen und Karten bietet zusätzliche ‚anschauliche‘ Informationen zur untersuchten ländlichen Gesellschaft.

Einen Teil der Forschungen für ihr Buch führte Velková im Rahmen eines internationalen Forschungsprojekts „Soziale Strukturen in Böhmen, 16.-19. Jahrhundert“ durch, das mehrere Fall- und Regionalstudien zur Sozialgeschichte der Familie und zum ländlichen Besitztransfer im frühneuzeitlichen Böhmen umfasste.[2] Mit dem Buch von Alice Velková liegt eine weitere erfolgreiche Teilstudie vor, die grundlegende Mechanismen frühneuzeitlicher ländlicher Gesellschaften und ihre Veränderungen in einer detaillierten und äußerst materialreichen mikrohistorischen Vertiefung analysiert. Das Buch stellt durch umfangreiche Literaturverweise den komparativen Zusammenhang zu vergleichbaren Forschungen in anderen Regionen her und bietet nicht nur zahlreiche neue Forschungsergebnisse, sondern auch wichtige Anknüpfungspunkte und Impulse für eine weiterführende Diskussion.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Stefan Brakensiek, Grund und Boden – eine Ware? Ein Markt zwischen familialen Strategien und herrschaftlichen Kontrollen, in: Reiner Prass u.a. (Hrsg.), Ländliche Gesellschaften in Deutschland und Frankreich, 18.-19. Jahrhundert, Göttingen 2003, S. 269-290; Georg Fertig, Äcker, Wirte, Gaben. Ländlicher Bodenmarkt und liberale Eigentumsordnung im Westfalen des 19. Jahrhunderts, Berlin 2007; Josef Grulich, Populační vývoj a životní cyklus venkovského obyvatelstva na jihu Čech v 16. až 18. století [Bevölkerungsentwicklung und Lebenszyklus der ländlichen Bevölkerung in Südböhmen im 16. bis 18. Jahrhundert], České Budějovice 2008, S. 276-322; Dana Štefanová, Erbschaftspraxis, Besitztransfer und Handlungsspielräume von Untertanen in der Gutsherrschaft. Die Herrschaft Frýdlant in Nordböhmen, 1558-1750, Wien 2009, S. 49-166.
[2] Grulich, Populační vývoj; Štefanová, Erbschaftspraxis; Hermann Zeitlhofer, Besitztransfer, Generationenbeziehungen und sozialer Wandel im südlichen Böhmerwald, 1640-1840, Wien 2011 (im Druck).