K.-J. Hölkeskamp (Hrsg.): Eine politische Kultur (in) der Krise?

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Titel
Eine politische Kultur (in) der Krise?. Die „letzte Generation“ der römischen Republik


Herausgeber
Hölkeskamp, Karl-Joachim
Reihe
Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien 73
Erschienen
München 2009: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
XII, 222 S.
Preis
€ 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sven Page, Institut für Geschichte, Technische Universität Darmstadt

Seit 1980 vergibt das Historische Kolleg in München Forschungsstipendien an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich als Experten ihres Faches ausgewiesen haben. Die einjährige Förderung erging 2005/2006 an Karl-Joachim Hölkeskamp, der sich somit in die Reihe von insgesamt 87 namhaften Historiker/innen eingliedern durfte. Dies ist umso mehr eine Auszeichnung, als Hölkeskamp einer von nur sieben Althistorikern ist, denen diese Anerkennung zuteilwurde.[1] Während seines Kollegjahres hat Hölkeskamp, zweifelsohne einer der besten Kenner der republikanischen Geschichte Roms, in einem Kolloquium („Eine politische Kultur (in) der Krise? Die ‚letzte Generation‘ der römischen Republik“) eines seiner Forschungsfelder erneut zur Diskussion gestellt. Angesichts zahlreicher Publikationen Hölkeskamps hierzu [2] verwundert dies kaum, doch muss gefragt werden, ob die hier zu rezensierende Veröffentlichung der Kolloquiumsergebnisse überhaupt etwas Neues bieten kann. Eine kurze Antwort vorweg: Ja, das kann sie.

Zu Beginn gibt Hölkeskamp („Eine politische Kultur (in) der Krise? Gemäßigt radikale Vorbemerkungen zum kategorischen Imperativ der Konzepte“, S. 1-25) einen Überblick über das Konzept der politischen Kultur. Er zeigt, dass sich die Ordnung der Republik sowie ihre Krise durch eine „Vernetzung von Strukturen und Kontingenzen, Voraussetzungen und Bedingungen, Ursachen und Anlässen“ (S. 7f.) auszeichnet und dass es nicht ausreicht, dies lediglich zu konstatieren. Es kommt darauf an, „die Voraussetzungen und Grundbedingungen, gewissermaßen die Konditionen und die Konditionierungen von Politik […] schärfer in den Blick zu nehmen“ (S. 18). Hölkeskamp betont besonders die Multidimensionalität der politischen Kultur: „Sie hat zeremonielle und rituelle, performative, symbolische und auch ästhetische Dimensionen“ (S. 20). Unter Hinweis auf den Kommunikationsaspekt sowie das Spannungsverhältnis von Konsens und Konkurrenz innerhalb des „meritokratisch-oligarchischen Regimes“ (S. 22) [3] fragt er, „wie und auf welchen Ebenen der politischen Kultur der res publica […] sich Symptome einer ‚Krise‘ feststellen“ lassen (S. 3).

Uwe Walter setzt sich mit dem Erklärungsmodell der Krise ohne Alternative auseinander („Struktur, Zufall, Kontingenz? Überlegungen zum Ende der römischen Republik“, S. 27-51), das er um zwei Kategorien erweitert: Das Durchbrechen bestehender Strukturen sowie die Erschließung neuer Handlungsoptionen kann durch die Anwendung des Zufalls- und Kontingenzbegriffes erklärt werden. Am Beispiel des angenommenen Scheiterns Caesars, Octavians und Marc Antons sowie dem daraus entstehenden Kontingenzspielraum zukünftiger Handlungsoptionen kann dieses Konzept erfolgreich angewandt werden. Die Bedeutung von Walters Text liegt nach Meinung des Rezensenten neben seiner Relevanz für das Thema der späten römischen Republik vor allem im Verweis auf das Potential, welches das Zufalls- und Kontingenzkonzept dem Historiker bieten kann.

Hans Beck („Die Rollen des Adligen und die Krise der römischen Republik, S. 53-71“) widmet sich der Existenz der römischen Aristokratie, die unter Zuhilfenahme des Rollenbegriffs als äußerst polyvalent identifiziert wird.[4] Der aristokratische Habitus war bis ins 2. Jahrhundert v.Chr. von der Erfüllung verschiedener Prominenzrollen geprägt, wurde jedoch in der späten Republik von der Rolle des großen Militärs überlagert. Die Krise (in) der politischen Kultur lässt sich somit auch als das Auseinanderfallen aristokratischen Rollenverhaltens einerseits und als die Wirkungslosigkeit der Wiedereingliederungsversuche herausragender Individuen ins Kollektiv des Senats andererseits verstehen.

Jean-Michel David wendet sich dem Patronatswesen zu („L'exercice du patronat à la fin de la République. Entre la compétition des pairs et la hiérarchie des puissances“, S. 73-86). Durch die herausgehobene Stellung einzelner Machthaber in der späten Republik konnten diese das Patronatswesen dominieren und Einfluss auf die patronalen Beziehungen ihrer Standesgenossen nehmen. Die Folge: Jene Männer standen bald außerhalb dieses Beziehungsgeflechts und demontierten durch ihre Größe sowie ihren Einfluss seine Anpassungsfähigkeit. Letztlich wurde das Patronatswesen so zerstört und somit auch die dadurch ganz wesentlich definierte republikanische Ordnung in die Krise gestürzt.

Anhand begriffsgeschichtlicher Betrachtungen sowie der Heranziehung zahlreicher Fallbeispiele fragt Wilfried Nippel, wie die Vielzahl der Regeln und Gesetze der römischen Republik zustande kam („Gesetze, Verfassungskonventionen, Präzedenzfälle“, S. 87-97). Er kann dabei auf Präzedenzfälle verweisen, die nach bestimmten Mustern für den jeweiligen zeitgenössischen Kontext nutzbar gemacht wurden. Insbesondere der Verweis auf die vermeintlich allzeit geltende und stabilisierende Wirkung des mos maiorum kann nur wenig Erklärungspotential bieten. Es kam stattdessen vor allem darauf an, über die Angemessenheit alter sowie die Etablierung neuer Regeln immer wieder einen Konsens herzustellen.

Frank Bücher („Die Erinnerung an Krisenjahre. Das Exemplum der Gracchen im politischen Diskurs der späten Republik“, S. 99-114) untersucht die kommunikative Ebene des politischen Diskurses. Er weist nach, dass Bewertung und Kontext konkreter exempla von politischen Akteuren situativ variiert wurden. Exempla waren gegenwartsbezogen und wurden in der Kommunikation der spätrepublikanischen Aristokratie vielseitig und scharf eingesetzt. Dieses habituelle Verhalten ließ die Aristokratie die Unterschiede zu früher (und somit die Anzeichen der Krise) nicht mehr erkennen. Die Krise muss daher als integraler Bestandteil der politischen Kultur der Republik verstanden werden.

Robert Morstein-Marx betont („Dignitas and res publica. Caesar and Republican Legitimacy“, S. 115-140), dass jede Untersuchung der politischen Kultur die Kommunikation zwischen Aristokratie und Volk beachten muss.[5] Grundlegend hierbei ist das aristokratische Streben nach dignitas sowie das Recht des Volkes, die Möglichkeiten zum Erwerb hierzu zu vergeben. Caesars zweites Konsulat zu verhindern bedeutete daher, dessen unbestrittene Erfolge zu ignorieren und das erwähnte Recht des Volkes zu missachten. Als Konsequenz wurde Caesar in den Bürgerkrieg getrieben, um seine dignitas zu verteidigen und „to liberate [the republic] from a faction“ (S. 139).

Martin Jehne betont („Caesars Alternative(n). Das Ende der römischen Republik zwischen autonomem Prozeß und Betriebsunfall“, S. 141-160), dass komplexe soziale Entwicklungen niemals gänzlich unabänderlich sind. So besaßen alle spätrepublikanischen Parteien mehrere Handlungsoptionen, die aber nicht immer tatsächliche Alternativen waren. Man hätte Caesars zweites Konsulat hinnehmen können, doch nur zum Preis der ungeminderten Einzigartigkeit seiner Person. Allerdings: Weder ein anderer Caesar noch dessen zufällige Niederlage hätten die Republik stabilisieren können, sodass deren Untergang zwar als autonomer Prozess, die Ermordung Caesars jedoch als „Betriebsunfall“ (S. 160) verstanden werden kann.

Tonio Hölscher („Denkmäler und Konsens. Die sensible Balance von Verdienst und Macht“, S. 161-181) und Giuseppe Zecchini („Die öffentlichen Räume des Dictators Caesar“, S. 183-194) widmen sich beide der Gestaltung öffentlicher Räume. Während Hölscher die Anerkennung herausragender Leistungen durch gemeinschaftliche Denkmalerrichtung auf öffentlichem (in der späten Republik auch auf privatem) Grund aufzeigt, behandelt Zecchini das architektonische Wirken Caesars in Rom. Beide machen deutlich, dass die spätrepublikanische Aristokratie die (Um-)Gestaltung öffentlicher Räume im politischen Kampf zu nutzen wusste und dadurch einem wesentlichen Element der Kultur (in) der Krise Ausdruck verlieh: Der Transgression und Normüberschreitung bei der individuellen Selbstdarstellung.

Zum Schluss fragt Egon Flaig, weshalb der erste princeps im Augustusforum gerade dem Motiv der Rache eine zentrale Bedeutung zukommen ließ („Neugründung der res publica und Racheritual“, S. 195-213). Er kann zeigen, dass Rache in der römischen Geschichte immer zugleich mit dem Ende nicht länger legitimierter Herrschaft verbunden war. Augustus offenbart sich in seinem Handeln und in seinem Forum als Rächer und wahrer Nachfolger Caesars. Die Rache wurde zum positiv konnotierten Gründungsakt der Monarchie, welcher die in die Krise geratene Republik neu gründen und ins Lot zurückbringen konnte.

Die elf Beiträge des hier besprochenen Sammelbandes, der durch ein Register abgeschlossen wird, stellen nur einen Teil dessen dar, was das Konzept der politischen Kultur abgedeckt – dies haben die Forschungen der letzten Jahren eindeutig gezeigt. Es gelingt Hölkeskamp und den anderen Autoren mit der vorliegenden Publikation jedoch – und dies macht den besonderen Wert des Sammelbandes aus – die soziopolitische Ordnung der späten Republik als ein multidimensionales Phänomen herauszuarbeiten, das nicht nur in seiner Gesamtheit, sondern auch in seinen einzelnen Elementen eine politische Kultur (in) der Krise war.

Anmerkungen:
[1] Neben Hölkeskamp waren dies Kurt Raaflaub, Werner Eck, David Cohen, Frank Kolb, Aloys Winterling sowie im aktuellen Kollegjahr Egon Flaig.
[2] Vgl. stellvertretend: Karl-Joachim Hölkeskamp, Senatus Populusque Romanus. Die politische Kultur der Republik. Dimensionen und Deutungen, Stuttgart 2004; ders., Rekonstruktionen einer Republik. Die politische Kultur des antiken Rom und die Forschungen der letzten Jahrzehnte, München 2004.
[3] Vgl. zu diesem Konzept, welches den Kerngedanken von Hölkeskamps Verständnis der politischen Kultur der späten Republik vielleicht am besten zusammenfasst: Karl-Joachim Hölkeskamp, Konsens und Konkurrenz. Die politische Kultur der römischen Republik in neuer Sicht, in: Klio 88 (2006), S. 360-396; Hans Beck, Karriere und Hierarchie. Die römische Aristokratie und die Anfänge des cursus honorum in der mittleren Republik, Berlin 2005.
[4] Beck stützt sich in seiner Argumentation ganz wesentlich auf den Rollenbegriff Niklas Luhmanns. Vgl. hierzu Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Darmstadt 2002.
[5] Morstein-Marx bezieht sich hierbei auf die grundsätzliche Debatte, die von Fergus Millar angestoßen wurde. Vgl. hierzu Fergus Millar, The Crowd in Rome in the Late Republic, Ann Arbor 1998; ders., The Roman Republic in Political Thought, Hanover 2002.

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Veröffentlicht am
01.11.2010
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