S. Mende: "Nicht rechts, nicht links, sondern vorn"

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Titel
"Nicht rechts, nicht links, sondern vorn". Eine Geschichte der Gründungsgrünen


Autor(en)
Mende, Silke
Reihe
Ordnungssysteme - Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit 33
Erschienen
München 2011: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
XII, 541 S.
Preis
€ 64,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kathrin Knödler, Mannheim

Die Grünen gelten als die erste bundesrepublikanische Parteineugründung, die sich längerfristig etablieren konnte. In ihrer ausgezeichneten Tübinger Dissertation[1] fragt Silke Mende aus der Perspektive der Neuen Ideengeschichte nach den mittel- und langfristigen Prozessen im sozio-kulturellen Gefüge der Bundesrepublik, die in die Entstehung der Partei mündeten. Die Autorin sucht dabei vor allem nach den integrativen Elementen, die die einzelnen Strömungen unterschiedlicher geistiger Prägung zu einem „ebenso auffälligen wie wirkungsmächtigen Zusammenschluss“ geführt hätten (S. 6).

Der erste Teil der Arbeit widmet sich den Trägergruppen der grünen Parteigründung. Umsichtig werden die grundlegenden ideengeschichtlichen Traditionen auf Basis einer Vielzahl vor allem archivalischer Quellen jeweils in einem Kapitel bestimmten „Denk- und Handlungskollektiven“ (S. 19) zugeordnet. Dabei folgt Mende nicht dem für das grüne Selbstverständnis konstitutiven Gründungsmythos einer „Bewegungspartei“, die als parlamentarischer Arm der Neuen Sozialen Bewegungen entstanden sei. Zwar stellt sie im ersten Kapitel dezidiert das alternative Bewegungsmilieu als „wichtiges Rekrutierungsfeld“ dar (S. 38), als bedeutungsvollen Impulsgeber und Katalysator für die Parteigründung, aber sie nimmt nicht allein die Neuen Sozialen Bewegungen in den Blick. Als treibende Kräfte der „Gründungsgrünen“ treten auch konservative Strömungen hervor: zum einen die in griffiger Typologie unter dem Terminus der „Bewahrer“ subsumierte, „zutiefst bürgerlich-bieder“ (S. 85) auftretende Gruppe um den ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Herbert Gruhl, die ein „durchweg konventionelles Politikverständnis“ besaß (S. 92) und inhaltlich vor allem für den Schutz der Natur eintrat; zum anderen die in der Frühzeit des Nationalsozialismus politisch sozialisierte Fraktion der „Gemeinschaftsdenker“. Einige der ideellen Grundlagen der „Gründungsgrünen“, so wird deutlich, reichen also bis in die Anfänge der Weimarer Republik zurück. Die „Gemeinschaftsdenker“ verband inhaltlich vor allem die Idee des „Dritten Wegs“ mit den „antiautoritären Anthroposophen“, einem weiteren „Denkkollektiv“, dessen gedankliches Fundament in erster Linie die Gesellschaftslehre Rudolf Steiners bildete. Mende schildert pointiert, dass auch deren Gründungspersonal (unter anderem Joseph Beuys und Wilfried Heidt) seine ideellen Konzepte zwar bereits vor dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hatte, sie allerdings durch die Nähe zu den Neuen Sozialen Bewegungen der 1960er- und 1970er-Jahre modifizierte – im Gegensatz zu den „Gemeinschaftsdenkern“.

Zwei weitere Kapitel fragen nach der „Bedeutung der ‚Neuen Linken‘ für die Formierung der Grünen“ (S. 168). Die exemplarische Analyse des Sozialistischen Büros und der Frankfurter Spontiszene zeigt, wie sich trotz unterschiedlichstem Habitus und politischem Handeln der Akteure das Gedankengebäude eines gemeinsamen politischen Milieus konstituieren konnte, nämlich des Milieus der „undogmatischen Linken“. Deren direktes, dezentrales Politikverständnis sowie deren Kritik am staatlichen Gewaltmonopol und der parlamentarischen Demokratie prägten die Vorstellungswelt der grünen Partei in ihrer Formationsphase nachhaltig. Der Weg der so genannten K-Gruppen zu den Grünen stehe, so formuliert es die Autorin, „für einen Entwicklungsprozess innerhalb der westdeutschen dogmatischen Linken“ (S. 239). Auf den Versuch, die Gründungsinitiativen zu instrumentalisieren, folgte schließlich die Erosion dieses politischen Milieus – ohne letztlich großen Einfluss auf die Entwicklung der „Gründungsgrünen“ gehabt zu haben. Trotz der vorgenommenen Typisierungen entsteht nicht das Bild exklusiver, geschlossener Zirkel. Mende präpariert an verschiedenen Stellen die vielfältigen personalen und inhaltlichen Vernetzungen der unterschiedlichen Strömungen heraus – Vernetzungen, die es trotz erheblicher ideeller Differenzen durchaus gab.

Was hier bereits angedeutet wird, konkretisiert die Autorin im zweiten Teil der Arbeit. Anhand der „für die Gründung relevanten Themenzusammenhänge“ (S. 33) richtet sie den Fokus auf die vielfältigen personalen und inhaltlichen (Des-)Integrationsprozesse. Dabei erweist sich der diskursanalytische Zugriff als besonders fruchtbar. Die Aushandlungsverfahren treten mittels einer dichten Untersuchung von Sprache und Begrifflichkeiten plastisch hervor, so dass der in den Sozialwissenschaften viel beschworene Wertewandel der 1970er- und 1980er-Jahre greifbar wird. Mende stellt dezidiert dar, wie die verschiedenen Ideen im Austausch der „Denkkollektive“ rezipiert und modifiziert wurden. Umweltbewusstsein und Wachstumskritik entstanden seit dem Ende der 1960er-Jahre auf konservativ-kulturkritischer Seite. Die Linke tat sich zunächst schwerer, „die ökologische Perspektive in eine sozialistische Weltsicht zu integrieren“ (S. 321), näherte sich dann aber über das gemeinsame Moment der Kritik an der modernen Industrie- und Konsumgesellschaft den Konservativen an. Integrativ wirkten darüber hinaus vor allem „die für die grüne Bewegung zentralen Überlebensthemen“ (S. 364): Atomenergie und Kernwaffen. Die Erfahrung der Konfrontation im Ringen um die zivile Nutzung der Atomkraft auf der einen Seite und die Friedensbewegung auf der anderen Seite mündeten in eine tiefe Skepsis gegenüber dem Staat und seinen Institutionen. Zudem sieht Mende den „Krisendiskurs“ der späten 1970er-Jahre als strukturgebend für die Aushandlung des grünen Gründungskonsenses: Alte Vorstellungs- und Erklärungsmodelle wurden als nicht mehr ausreichend wahrgenommen und folglich abgelehnt. Vor diesem Hintergrund erklärt sich dann auch der Gründungsslogan der Grünen, der als Zitat den Haupttitel der Arbeit bildet. Der Slogan „Nicht rechts, nicht links, sondern vorn“ verweist zugleich jedoch auf die „Unsicherheiten gegenüber der Konkretion des Neuen“ (S. 489): Was „vorn“ bedeuten sollte, blieb vage. Dies illustriert auch das letzte Kapitel, in dem mittels einiger „thematische[r] Probebohrungen“ (S. 446) ein Ausblick auf die weitere Entwicklung der Partei gegeben wird.

Die Arbeit reiht sich in einen größeren Forschungskontext ein. Sie versteht sich „als Beitrag zur Erschließung eines Jahrzehnts, das die Geschichtswissenschaft zunehmend bewegt“ (S. 8), und verweist damit auf die Debatte um den Zäsurcharakter der 1970er-Jahre in den westlichen Industriegesellschaften.[2] In Bezug auf die Grünen relativiert Mende die „Strukturbruch“-These. Sie nennt dafür drei Gründe: erstens die Entstehung vieler für die Formationsphase konstitutiver ideeller Konzepte in der Zeit vor 1970, zweitens die allmähliche Annäherung der Grünen an die Konventionen der bundesrepublikanischen Parteiendemokratie sowie drittens die gesellschaftlichen und parlamentarischen Veränderungen, die die Grünen initiierten.[3] Somit „stehen die Gründungsgrünen für gewichtige Verschiebungen im politisch-ideellen Koordinatensystem der Bundesrepublik, für die sie einerseits Indikator, andererseits Auslöser und Folge zugleich waren“ (S. 13). Darüber hinaus erweist es sich als gewinnbringend, Silke Mendes Buch parallel zu Saskia Richters politikwissenschaftlicher Dissertation über das Leben Petra Kellys zu lesen.[4] Anders als Mende stellt Richter die visuellen und symbolischen Elemente in den Vordergrund, die für die Entstehungsgeschichte der grünen Partei ähnlich wichtig gewesen sein dürften wie die ideengeschichtliche Seite.

Silke Mende liefert mit ihrer Dissertation die erste geschichtswissenschaftliche Monographie zur Formationsphase der Grünen. Dies mag bei einem für die deutsche Zeitgeschichte und die aktuelle Politik so naheliegenden Thema zunächst verwundern; andererseits ist die Fülle von Archivalien, Egodokumenten sowie zeitgenössischen Analysen ein nicht unerhebliches Hindernis. Der Autorin gelingt es jedoch eindrücklich, die ideellen und personellen Entstehungszusammenhänge der grünen Partei auf breiter Quellenbasis kenntnisreich darzustellen, ohne sich dabei in Details zu verlieren. Sowohl inhaltlich als auch methodisch ist die Arbeit ein überaus gewinnbringender und impulsgebender Beitrag zur bundesrepublikanischen Gesellschaftsgeschichte der 1970er- und 1980er-Jahre. Und stärker noch, als Silke Mende es bei Beginn ihres Dissertationsprojekts selbst geahnt haben dürfte, ist daraus zugleich ein zeithistorischer Beitrag zum politischen Gegenwartsverständnis geworden.

Anmerkungen:
[1] Die Autorin erhielt für ihre Arbeit den Dr. Leopold Lucas-Nachwuchswissenschaftler-Preis 2011: <http://www.ev-theologie.uni-tuebingen.de/nachrichtenordner/nachrichtendetails/article/dr-leopold-lucas-preis-2011-prof-dr-avishai-margalit.html> (20.07.2011).
[2] Vgl. z.B. Anselm Doering-Manteuffel / Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008; Konrad H. Jarausch (Hrsg.), Das Ende der Zuversicht? Die siebziger Jahre als Geschichte, Göttingen 2008.
[3] Vgl. Helge Heidemeyer, (Grüne) Bewegung im Parlament. Der Einzug der Grünen in den Deutschen Bundestag und die Veränderungen in Partei und Parlament, in: Historische Zeitschrift 291 (2010), S. 71-102.
[4] Saskia Richter, Die Aktivistin. Das Leben der Petra Kelly, München 2010 (rezensiert von Astrid Mignon Kirchhof, 15.4.2011: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-2-043> [20.7.2011]).

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05.08.2011
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