L. Schorn-Schütte (Hrsg.): Intellektuelle

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Titel
Intellektuelle in der Frühen Neuzeit.


Herausgeber
Schorn-Schütte, Luise
Reihe
Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel 38
Erschienen
Berlin 2010: Akademie Verlag
Anzahl Seiten
221 S.
Preis
€ 69,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Norman Domeier, Historisches Institut, Universität Stuttgart

Die Intellektuellenforschung ist nach wie vor eines der lebendigsten interdisziplinären Forschungsfelder.[1] Die geschichts-, politik- und sozialwissenschaftlichen Studien der letzten Jahre und Jahrzehnte haben unser Verständnis von der Entstehung, Professionalisierung und auch Demontage spezifischer intellektueller Deutungsklassen in den europäischen Gesellschaften der Neuzeit erweitert. Die lange Zeit mit Verve geführten Auseinandersetzungen, wann historisch der „erste Intellektuelle“ ausgemacht werden kann – ob mit Zola, Rochefort oder Voltaire in Frankreich oder mit Harden, Heine oder Lessing in Deutschland –, haben sich als Spiegelfechtereien erwiesen, die allerdings interessante Forschungen stimuliert haben.

Immer deutlicher wird, dass es bei der Frage nach den Intellektuellen weniger um die – je nach historischem Kontext – mit spezifischem Prestige ausgestatteten Deutungsklassen geht, sondern in erster Linie um die kommunikativen Sinngebungsprozesse politischer, religiöser, sozialer und kultureller Ereignisse, Strukturen und Entwicklungen, nach denen jede menschliche Gesellschaft lechzt. Bei einem weniger personenfixierten, stärker diskursgeschichtlichen Ansatz ist es überdies gleichgültig, dass sich der Begriff des Intellektuellen erst Ende des 19. Jahrhunderts durchsetzte und für alle vorherigen Epochen einen Anachronismus darstellt: Die Frage nach den Intellektuellen ist identisch mit der Frage nach den Sinngebungsprozessen in Gesellschaften, nach der Ausübung von Deutungsmacht und natürlich auch nach denen, die sie ausüben können. Da keine menschliche Gesellschaft seit der Prähistorie ohne Deutungsmacht und Deutungsmächtige ausgekommen ist, handelt es sich um eine klassische transhistorische Frage.

Der von Luise Schorn-Schütte herausgegebene Sammelband unterwirft sich dennoch der Leitfrage „Gab es Intellektuelle in der Frühen Neuzeit?“, als ob diese Epoche wirklich unmittelbar zu Gott stünde. Zwar will der Band die überflüssige Frage „nachdrücklich“ mit Ja beantworten, was der guten Einführung von Schorn-Schütte und dem klugen Überblickstext von Isabella von Treskow auch gelingt. Die ausgewählten Aufsätze zu Juristen und Geistlichen des 16. und 17. Jahrhunderts berühren die Leitfrage, wenn überhaupt, jedoch allenfalls pflichtschuldig.

Besonders enttäuschend ist, dass der Leser im Grunde nichts über frühneuzeitliche Varianten des Intellektuellen, zeitgenössische Deutungskämpfe und gesellschaftliche Sinngebungsprozesse erfährt. Einerseits sind die Fallstudien inhaltlich zu disparat und mitunter bis ins Absurde detailverliebt. Die Abhandlungen über Nürnberger Prediger und Juristen (Anja Kürbis, Patrizio Foresta), elisabethanische Theologen (Elisabeth Natour), pommersche Pastoren (Maciej Ptaszynski), württembergische Juristen (Sabine Holtz) und italienische Jesuiten (Markus Friedrich) stehen unvermittelt nebeneinander. Andererseits sind die Beiträge methodisch zu eng und konzeptionell zu engstirnig. Durchweg weigern sich die Autoren, transhistorische Grundüberlegungen zum Intellektuellen – Vorstellungen von Öffentlichkeiten, Netzwerkbildungen, Deutungskämpfen, Prestigestreitigkeiten – auch nur aufzunehmen, ergehen sich im Klein-Klein überkommener Gelehrtenforschung oder bestreiten sogar brüsk den Nutzen des Intellektuellenbegriffs für die frühneuzeitliche Geschichte überhaupt (A. Kürbis, S. 52), entgegen der Proklamation der Herausgeberin.

Ein Grund dürfte die nach wie vor extreme Personenzentrierung frühneuzeitlicher Geschichtswissenschaft sein. Die Autoren des Bandes haben zu mal mehr, meist aber weniger bedeutenden Persönlichkeiten geforscht und sind dann offenkundig gefragt worden, ob sich bei ihren ausschließlich auf lokaler Ebene tätigen Geistlichen und Juristen Züge des modernen Intellektuellentypus à la Zola finden lassen, der in einer (trans-)nationalen Öffentlichkeit Missstände anklagt, die über das Lokale, Individuelle und Temporäre hinausgehen und im Anschluss an das „J’accuse!“ von einer pluralistisch strukturierten Massenmediengesellschaft verhandelt werden.

Dieser Zugriff ist in der Tat inhaltlich anachronistisch und konzeptionell verfehlt. Stattdessen könnte zunächst nach Ereignissen, Strukturen und Entwicklungen in der Frühen Neuzeit gefahndet werden, in denen intellektuelle Deutungsmacht in besonderem, auch transnationalem Maße ausgeübt wurde. Um nur gängige Beispiele aus der hohen europäischen Politik und Kultur zu nennen: Die Entdeckung der Neuen Welt, die epochale Rivalität Karls V. und Franz I., die Bauernkriege, die Reformation und Gegenreformation, der Dreißigjährige Krieg, der wirtschaftliche Aufstieg des Bürgertums, die Aufklärung – all das ist ohne zeitgenössische Deutungskämpfe und spezifische Deutungsklassen, welche die Flugblätter, Traktate, Gutachten, Hagiographien, Theaterstücke, Spottgedichte, Lieder, Romane und schließlich auch die ersten Zeitungsberichte hervorbrachten, kurz: ohne Intellektuelle, nicht vorstellbar. Gerade aus der Frühen Neuzeit könnten sich so noch viele Erkenntnisse über das Verhältnis von Geist und Macht, das punctum saliens jeder Intellektuellenforschung, destillieren lassen. Denn zweifellos besaß die Frühe Neuzeit, wie jede Epoche, ihre Intellektuellen. Sie in intellektuellen Ereignissen, Strukturen und Entwicklungen zu entdecken, bleibt jedoch nach wie vor ein Desiderat.

Anmerkung:
[1] Vgl. Gangolf Hübinger: Rezension zu: Bering, Dietz: Die Epoche der Intellektuellen. 1898–2001. Geburt, Begriff, Grabmal. Berlin 2010, in: H-Soz-u-Kult, 16.05.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-2-125> (27.05.2011).

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Veröffentlicht am
29.06.2011
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