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Titel
Das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof und seine Außenkommandos an Rhein und Neckar 1941-1945.


Autor(en)
Steegmann, Robert
Erschienen
Berlin 2010: Metropol Verlag
Anzahl Seiten
584 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ulrich Opfermann, Aktives Museum Südwestfalen, Siegen

Bereits 2005 erschien in Straßburg die hier zu besprechende, nun übersetzte Untersuchung des französischen Historikers Robert Steegmann zu dem im Elsaß gelegenen KZ Natzweiler-Struthof.[1] Sie bildet die Essenz aus Steegmanns Dissertation, die in sieben Bänden nicht ganz 2.000 Seiten umfasste.

Der Verfasser bearbeitete ein Desiderat – eine Überblicksdarstellung zum KZ-Komplex Natzweiler gab es bisher nicht –, und zwar von besonderer Bedeutung. Natzweiler war das am weitesten westlich gelegene Konzentrationslager. Das Stammlager hatte in einem weiten französisch-südwestdeutschen Raum zwischen Lothringen im Westen und dem Ostrand der Schwäbischen Alb, zwischen Frankfurt am Main im Norden und Mulhouse im Süden zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung (1944) 70 fest eingerichtete Außenlager.

Natzweiler wurde erst spät – im Mai 1941 – errichtet, das heißt, als die Konzentrationslager „über ihren repressiven Charakter hinaus“ Träger „eines breit angelegten wirtschaftlichen Projekts“ wurden (S. 17). Es bestand aufgrund des Vormarschs der Alliierten nur bis September 1944. Nach der Auflösung der elsässischen Zentrale, die nun wechselnde rechtsrheinische Standorte hatte, entwickelten sich die Außenlager zu relativ selbständigen Größen. An die 52.000 Menschen aus ganz Europa wurden in dem vom Verfasser so genannten „Natzweiler-Komplex“ festgehalten.

Steegmann gliedert nicht nach der Chronologie. Er arbeitet in vier großen Abschnitten wesentliche inhaltliche Aspekte ab. Unter der Überschrift „Die Insassen des Konzentrationslagers“ ermittelt er akribisch anhand von Lagerlisten, Transportlisten und einer Reihe weiterer Quellen die statistische Aufgliederung der Häftlingspopulation nach Alter, Geschlecht, sozialer Zuordnung, Herkunftsland und Häftlingskategorie. Er benennt ausführlich nach Zahl, Ziel und Motiv die ständigen Häftlingstransporte zwischen Natzweiler, den Außenlagern und den anderen Konzentrationslagern. Er geht ausführlich auf die Todesmärsche in der Endphase des Regimes ein. Sie führten die Gefangenen nicht nur durch offene Landschaft, sondern auch durch Ortschaften unterschiedlicher Größe und ermöglichten so der Mehrheitsbevölkerung einen Blick auf den Zustand der Häftlinge und den Umgang mit ihnen. Steegmann kann seine Aussagen mit einem seltenen Dokument, einem ausführlichen Auszug aus einem Marschtagebuch eines anonymen Häftlings, illustrieren (S. 171-174). Dieser notierte, dass eine „Gruppe junger Deutscher“ von den SS-Bewachern verlangte, alle Häftlinge zu töten (S. 173).[2]

Leider sind Steegmanns Angaben zumeist summarisch, die Häftlinge bleiben ohne Gesicht. Symptomatisch für diese Arbeitsweise ist der Abschnitt „’Fluchtversuche’ und Ausbrüche“. Er würde Gelegenheit bieten, einmal näher auf solche ungewöhnlichen Häftlingspersönlichkeiten einzugehen, die mit größtem Risiko aus der Opferrolle heraustraten. Der Verfasser schildert zum Beispiel die einzige gelungene Flucht aus dem Stammlager. Als „ein Deutscher, ein Österreicher, ein Tscheche, ein Pole und ein Elsässer“ bleiben die Geflüchteten mit Ausnahme des Elsässers im Gegensatz zu verantwortlichen SS-Offizieren namenlos und ohne eine nähere Charakteristik, während die Episode ansonsten bis ins Wetter hinein detailliert wiedergegeben ist (S. 199f.).

Der zweite Teil ist der „Arbeit im Konzentrationslager“ gewidmet. Steegmann stellt zunächst den Wechsel in der vorrangigen Aufgabenbestimmung des Lagers dar, die Wende von der repressiven zur ökonomische Funktion und deren Intensivierung ab 1944. Natzweiler entstand 1941 zur Bereitstellung von Arbeitskraft für einen Steinbruch mit ausgesuchtem rosa Granit für Repräsentativbauten. In der weiteren Folge entwickelte sich ein Netz von Außenlagern und Arbeiskommandos, die zunächst für SS-Wirtschaftsunternehmen, dann meist für die Privatwirtschaft tätig waren. Darüber hinaus wurden die Häftlinge auf Anfrage lokaler Behörden in den zerbombten Städten zur Trümmerbeseitigung, zur Bergung von Leichen und zur höchst risikoreichen Bombenentschärfung eingesetzt. Steegmann wendet sich eingehend jedem der Außenlager zu. Wieder und wieder findet der Leser bekannte Namen unter den Nutznießern der Sklavenarbeit: BMW, Daimler-Benz, Württembergische Metallwarenfabrik (WMF), Friedrich Krupp Eisenwerke, Siemens & Halske etc. pp. Angelernt und bei ihren Zwölf-Stunden-Schichten beaufsichtigt wurden die Häftlinge von Belegschaftsmitgliedern. In der Regel gab es so viel Nähe zu den Beschäftigten aus der deutschen „Volksgemeinschaft“, dass diese sich durch Beobachtung und Gespräche ein gutes Bild von der Verfassung und Gesamtsituation der KZ-Häftlinge machen konnten. Über Beispiele solidarischen Verhaltens berichtet Steegmann mit einer Ausnahme – eine Häftlingsbriefe versendende Elsässerin – nicht (S. 397). Die in ihrer Rolle privilegierten betrieblichen Aufseher und Aufseherinnen hatten keine grundsätzlich andere Haltung gegenüber den Häftlingen als die SS-Angehörigen. Zu sehen sei, resümiert Steegmann, dass die Arbeit in den Außenlagern „noch mörderischer“ als im Stammlager gewesen sei (S. 321). Zwar sei nicht explizit „Vernichtung durch Arbeit“ bezweckt, wohl aber die unvermeidliche Folge gewesen (S. 290).

Im dritten Teil wendet der Verfasser sich dem Thema „Lageralltag“ zu. Er schildert die räumlichen und funktionellen Details des Stammlagers von den Barackenblöcken bis zu der medizinischen Versuchen dienenden Gaskammer und die völlig unzureichenden Formen der Unterbringung der Häftlinge in den Außenlagern und deren Lage. Die meisten Lager, stellt Steegmann fest, seien „inmitten der Zivilbevölkerung angesiedelt“ gewesen (S. 344). Wiederum geht er auf die zahlreichen Kontaktsituationen ein: „Sowohl bei der Unterbringung als auch bei der Arbeit“ sei es „zu vielfältigen Begegnungen mit der Bevölkerung“ gekommen (S. 344).

Während er kurze Porträts der Lagerkommandanten vorlegt, die er in eine aus der Literatur gewonnene Typologie von KZ-Kommandanten einordnet, und einige weitere hervorgehobene SS-Funktionsträger näher beschreibt, bleiben die Häftlinge erneut durchweg ohne individuelle Züge. Steegmann beschreibt auch in diesem Abschnitt kollektiv jeweils Gruppen, wie die KZ-Terminologie sie konstituierte („Berufsverbrecher“, „Asoziale“, „Politische“, „Nacht-und-Nebel“-Gefangene usw.). Sehr selten nur erfährt der Leser Individuelles, vielleicht einmal einen Namen und ein paar dürftige Angaben zu einer Häftlingsbiographie. Solche Ausnahmen sind die spärlichen Hinweise auf die so hilfreichen wie riskanten Aktivitäten des kommunistischen Lagerältesten Willy Behnke oder der Häftlingsärzte Fritz Leo, Leif Poulsen und Georges Boogaerts. Steegmann schließt den Abschnitt ab mit einer gründlichen Darstellung der verheerenden Versorgungsbedingungen in den Krankenrevieren bis hin zum Außenlager Vaihingen, das als Krankenlager firmierte und ein Sterbelager war.

Der vierte und abschließende Teil handelt von den Menschenversuchen im Stammlager. Den institutionellen Rahmen bot die Medizinische Fakultät der neubegründeten Reichsuniversität Straßburg. In den Mittelpunkt stellt Steegmann die führend beteiligten Straßburger Professoren August Hirt, Otto Bickenbach und Eugen Haagen, der letzte ein Nobelpreiskandidat. Haagen publizierte die Ergebnisse seiner Typhusexperimente 1944 in einer deutschen Fachzeitschrift. Dabei erklärte er unverhohlen, dass es sich bei einem Teil seiner Probanden um die Angehörigen einer unerwünschten Minderheit gehandelt habe, die er vorsätzlich dem Risiko ausgesetzt habe, nicht zu überleben („40 nicht geimpfte Zigeuner“).

Steegmann spricht schließlich zwei Forschungsdesiderate zum KZ Natzweiler an. Eins ist die postnationalsozialistische Lagergeschichte: Nach der Befreiung wurde aus dem KZ bis 1948 eine Haftstätte für französische Kollaborateure. Das zweite ist die öffentliche Wahrnehmung der Lagergeschichte: Wie gestaltete sich der erinnernde und gedenkende Umgang mit ihr? Hinzuzufügen wäre drittens die Frage nach der justiziellen Bearbeitung der Natzweiler-Verbrechen durch französische, britische und deutsche Gerichte in den 1940er- und 1950er-Jahren, die zu einem Vergleich herausfordert. Die genannten Lücken betreffen die Nachgeschichte des Lagers. Es gilt jedoch vor allem, dass Robert Steegmann der Forschung zu den nationalsozialistischen Konzentrationslagern eine mit großer Sorgfalt und außerordentlicher Genauigkeit erarbeitete umfassende Studie hinzugefügt hat.

Anmerkungen:
[1] Robert Steegmann, Struthof. Le KL-Natzweiler et ses kommandos: une nébuleuse concentrationnaire des deux cotés du Rhin 1941-1945, Strasbourg 2005.
[2] Zu den Todesmärschen jetzt ausführlich: Daniel Blatman, Die Todesmärsche 1944/45. Das letzte Kapitel der nationalsozialistischen Massenmordes, Reinbek 2011.

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Veröffentlicht am
17.05.2011
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