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Titel
Pliny’s Women. Constructing Virtue and Creating Identity in the Roman World


Autor(en)
Carlon, Jacqueline M.
Erschienen
Anzahl Seiten
270 S.
Preis
£48.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sven Page, Institut für Geschichte, Technische Universität Darmstadt

Plinius der Jüngere ist eine der wichtigsten Quellen für die frühe und hohe Kaiserzeit. Sein Werk ist in den vergangenen Jahrzehnten und verstärkt in den letzten 15 Jahren in zahllosen historischen Arbeiten als Materialbasis herangezogen worden, und auch in seiner Person und aristokratischen Existenz wird er zunehmend häufiger in den Fokus altertumswissenschaftlicher Studien gerückt.[1] Die zahlreichen Forschungspositionen und Erkenntnisse dieser Untersuchungen – etwa zu den Wert- und Normvorstellungen, der politischen Bedeutung, den literarischen Ambitionen oder auch den Aspekten der Selbstdarstellung bei Plinius dem Jüngeren – können und sollen hier nicht dargelegt werden, sodass der Verweis auf eine kontrovers geführte Debatte genügen muss.[2]

In diese Diskussion hat sich auch Jacqueline M. Carlon mit ihrer Studie „Pliny’s Women. Constructing Virtue and Creating Identity in the Roman World“ eingebracht. Die sozial- und mentalitätsgeschichtliche Arbeit aus dem Jahr 2009 ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass dem plinianischen Briefcorpus auch nach jahrzehntelangen intensiven Auswertungen immer noch neue Informationen entnommen und der Konstruktion seines Lebensentwurfes wichtige und bislang sogar kaum beachtete Elemente hinzugefügt werden können. Gleich vorneweg: Es geht in der hier zu rezensierenden Studie weder in erster Linie um Frauen bei Plinius in einem engeren[3], noch um Aspekte der kaiserzeitlichen Gender-Studies in einem weiteren Sinne. Sicherlich, Frauen kommen in Carlons Arbeit in starkem Maße vor und deren epistolographisches Auftreten wird auch einer intensiven Analyse unterzogen, aber sie stellen nicht den eigentlichen Forschungsgegenstand dar. Der Untertitel des Werkes zeigt bereits an, dass es Carlon stattdessen vielmehr um das übergeordnete Thema der Wert- und Normkonstruktion vor dem Hintergrund der spezifisch aristokratischen Identität des jüngeren Plinius geht.[4] Die Untersuchung von Frauen muss daher vor allen Dingen als ein Mittel zum Zweck verstanden werden: Sie interessieren nur „[in] the ways in which they serve Pliny’s primary goals – preserving his gloria and securing aeternitas“ (S. 4). Thema und Methodik bringen es freilich mit sich, dass Carlon an zahlreichen Stellen ihrer Arbeit grundlegendere Ausführungen zur Stellung und Bedeutung von Frauen in trajanischer Zeit unternimmt – so etwa in Bezug auf ihre rechtliche und finanzielle (Un-)Abhängigkeit (S. 137), ihre Relevanz für kaiserzeitliche exempla (S. 182) und nicht zuletzt auch ihren hohen sozialen Stellenwert als Ehefrauen und Mütter (S. 99 und 184).

Ihr eigentliches Thema – die bewusste briefliche Instrumentalisierung von Frauen für die Konstruktion des Bildes der plinianischen Existenz und Identität – geht Carlon nach einigen einleitenden Bemerkungen (Thema, Quellenkritik, Methodik, S. 1-14) in fünf Kapiteln an, welche sie entlang mehrerer strukturell unterscheidbarer ‚Frauentypen‘ entwirft: Jene, die mit Männern der sogenannten stoischen Opposition in Verbindung standen; jene, die im Zusammenhang mit Plinius’ Förderer Corellius Rufus genannt werden; jene, die durch Plinius selbst fürsorgliches Verhalten erfahren haben; jene, die sich zur Konstruktion des Bildes der idealen Ehefrau eigneten; sowie jene, die in den Augen des Plinius unangebrachtes Verhalten gezeigt haben.[5]

Im ersten Kapitel („Pliny: Enemy of Tyrants“, S.18-67) untersucht Carlon das von Plinius so stark und häufig stilisierte Bild seiner angeblichen Zugehörigkeit zur Opposition unter der Regentschaft Domitians. Es gelingt Carlon elf Frauen zu identifizieren (etwa Verulana Gratilla, Anteia oder Clodia Fannia), die Plinius in unterschiedlicher Intensität für diesen Zweck herangezogen hat und die alle in einer Beziehung zu Vertretern der stoischen Opposition standen. Plinius gibt dabei nur wenige Informationen über sein konkretes, angeblich oppositionelles Verhalten. Nur durch die stattdessen stark gemachte Verbindung zu diesen Frauen gelingt es Plinius, zum Freund der Stoiker zu werden und sich als potentielles, aber heroisches Opfer zu stilisieren, das sich nach dem Sturz des Tyrannen zum Rächer der verfolgten Stoiker aufschwingen konnte.

Kapitel Zwei („Pliny: Model Protégé“, S. 68-99) thematisiert die Bedeutung der Frauen um Q. Corellius Rufus im größeren Gefüge der plinianischen Selbstdarstellung. Obwohl Plinius seinem Freund und Förderer viel verdankt und dessen Lebensentwurf auch als geradezu vorbildlich erachtet, muss er doch zugleich eine gewisse Distanz zu ihm, „whose career was so closely connected with the past under Domitian“ (S. 96), herstellen. Dieser Spagat gelingt Plinius einzig mit Hilfe der Frauen in der Umgebung seines bereits verstorbenen amicus (etwa dessen Ehefrau, Tochter oder Schwester). Sie ermöglichen Plinius nicht nur die Konstruktion einer vorbildlichen Norm- und Wertewelt an seinem Beispiel, sondern auch die Aufrechterhaltung zahlreicher Sozialbeziehungen im Rahmen von amicitia und clientela, zu denen sich die genannten Frauen in herausragendem Maße qualifiziert zeigen und als dessen Interaktionspartner sie wie selbstverständlich Plinius erwählen.

Es schließt sich das dritte Kapitel („Pliny: Champion of the Vulnerable“, S. 100-137) an, in dem Carlon umfassende Ausführungen zu Plinius’ fürsorglichem Verhalten macht, welches er im Kontext seiner Familie (zum Beispiel Ehefrau, Schwiegermutter, Mutter) sowie seines non-familiären amicitia-Netzwerkes (etwa Sabina, Attia Viriola, Domitia Lucilla) vor allen Dingen Frauen gegenüber zeigt. Trotz einer gewissen Selbstständigkeit (S. 99 und 137) waren diese als moralisch und materiell herausragend geschilderten Frauen zur Sicherung ihrer finanziellen und rechtlichen Situation auf die Unterstützung durch einen männlichen Fürsprecher angewiesen. Plinius kann hierbei helfend einspringen und sich nicht nur als „a proper provider and caretaker of the women under his tutelage“ (S. 102) zeigen, sondern auch seine Integrität, seinen Einfluss und seine Fähigkeiten demonstrativ in Szene setzen.

In Kapitel Vier („Pliny: Creator of the Ideal Wife“, S. 138 – 185) gelingt es Carlon, die Konstruktion der idealen Ehefrau durch Plinius und das dadurch entstehende Potential zur individuellen Selbstdarstellung eindrucksvoll nachzuzeichnen. Es wird deutlich, dass Plinius die ideale Ehefrau in erster Linie als eine mit männlichen Tugenden (unter anderem pietas, gravitas, sanctitas, constantia, concordia) ausgestattete Begleiterin an der Seite eines Mannes begreift, welche diesen unterstützt, ihn vervollständigt und sich dabei zu herausragenden exempla fähig zeigt. Vor diesem Hintergrund verwundert es auch kaum, dass Carlon im plinianischen Werk ein dreistufiges System zu entdecken vermag, nach dem ein römischer Aristokrat seine Tochter erziehen (Minicia Marcella), seine Braut auswählen (Calpurnia) und seine Ehefrau fördern (Clodia Fannia) soll. Das bisherige Leben der Calpurnia etwa lässt sich problemlos in diese Systematik einfügen und ihr Ehemann Plinius hofft, dass sie eventuell nach seinem eigenen Tode seine gloria und letztlich auch aeternitas sicherstellen und sogar noch vergrößern werde.

Das fünfte Kapitel („Pliny: Arbiter of Virtue“, S.186-213) schließlich vervollständigt das entwickelte Bild durch eine Gegenüberstellung: Auf der einen Seite die bislang durchweg positiven weiblichen Erscheinungen um Plinius herum und auf der anderen Seite das in den Augen des erfolgreichen Senators unangebrachte Verhalten einiger weniger Frauen, mit denen Plinius (ebenso wie mit nicht-aristokratischen Frauen) jedoch im Regelfall kaum Umgang zu haben vorgibt. Plinius’ dichotomes Weltbild (außerordentlich integer versus moralisch verkommen) offenbart sich hier als Ausdruck eines der markantesten Bestandteile seines aristokratischen Sozialprofils als (be-)wertender Verteidiger traditionell römischer Tugenden, die ‚seine‘ Frauen und insbesondere er selbst in herausragendem Maße besitzen.

Die Arbeit wird durch eine kurze Zusammenfassung (S. 214-220) sowie einen Anhang abgeschlossen, von dem besonders die Stammbäume (S. 221f.) sowie die Auflistung aller bei Plinius vorkommender Frauen und der dazugehörigen Briefe (S. 223-226) für weiterführende Untersuchungen nützlich sein werden. Obgleich Carlons Studie einige methodische Unsicherheiten aufweist (einerseits: „Letters open a door through which the reader may look into the author’s heart and mind“, S. 9; andererseits: „Pliny’s collection of letters enables him both to permit access to every aspect of his life […] and to exert full control over the impressions gained through that access“, S. 218), stellt sie doch einen fortan zu beachtenden Beitrag in der kontrovers geführten Debatte um Plinius den Jüngeren dar. Ihrem Thema und Ziel – für das die Frauen bei Plinius eben nur das Mittel zum Zweck darstellen – ist die Autorin umfassend und nach Meinung des Rezensenten auch erfolgreich nachgekommen. Carlon konnte auf einem bislang unbearbeiteten Feld zeigen – und dadurch erlangt ihre Arbeit weit über die simple Beschäftigung mit den Frauen im plinianischen Briefcorpus hinaus Bedeutung –, dass Plinius sein Werk eben nicht nur zu der auf seine eigene aeternitas ausgerichteten Selbstinszenierung nutzte. Vielmehr wird deutlich, dass er mindestens ebenso stark auf seine Gegenwart und aristokratische Umwelt bezogen war. Diese trachtete Plinius durch die Konstruktion eines umfassenden Norm- und Wertekanons sowie durch die Bekanntmachung seiner eigenen Meisterschaft bei der Erfüllung dieser Richtlinien zu beeinflussen und zu gestalten. Dieser charakteristische Aspekt seiner Briefe wurde Plinius jedoch erst durch jene Frauen ermöglicht, die Carlon zu Recht als Pliny’s Women bezeichnet hat.

Anmerkungen:
[1] Vgl. stellvertretend für zahlreiche andere Arbeiten: Jan Radicke, Die Selbstdarstellung des Plinius in seinen Briefen, Hermes 125 (1997) S. 447-461; Matthias Ludolph, Epistolographie und Selbstdarstellung. Untersuchungen zu den ‚Paradebriefen‘ Plinius des Jüngeren, Tübingen 1997; Frank Beutel, Vergangenheit als Politik. Neue Aspekte im Werk des jüngeren Plinius, Frankfurt am Main 2000; John Henderson, Pliny’s Statue. The Letters, Self-Portraiture and Classical Art, Exeter 2002; Ruth Morello / Roy K. Gibson, Re-Imagining Pliny the Younger, Arethusa 36 (2003), Heft 2, Sonderausgabe; Luigi Castagna / Eckard Lefèvre (Hrsg.), Plinius der Jüngere und seine Zeit, München 2003; Gunnar Seelentag, Taten und Tugenden Trajans. Herrschaftsdarstellung im Principat, Stuttgart 2004; Nicolas Méthy, Les Lettres de Pline le Jeune. Un répresentation de l’homme, Paris 2007; Ilaria Marchesi, The Art of Pliny’s Letters. A Poetics of Allusion in the private Correspondence, Cambridge u.a. 2008; Eckhard Lefèvre, Vom Römertum zum Ästhetizismus. Studien zu den Briefen des jüngeren Plinius, Berlin 2009.
[2] Einen guten Überblick zum Stand der Forschung am Ende des 20. Jahrhunderts bietet Anthony R. Birley, Onomasticon to the Younger Pliny. Letters and Panegyric, München 2000.
[3] Vgl. hierzu auch Elizabeth S. Dobson, Pliny the Younger’s Depiction of Women, CB 58 (1982) S. 81-85; Jo-Ann Shelton, Pliny the Younger and the Ideal Wife, C&M 41 (1990) S. 163-186.
[4] Deutlich macht dies auch die sorgfältig erstelle Auflistung und Auswertung der in Bezug auf Plinius relevanten Personalpronomen und Possessivadjektive im Anhang von Carlons Studie (S. 227-239).
[5] Insgesamt sind Frauen in 72 Briefen mehr oder weniger prominent vertreten. Die Angaben der namentlich identifizierbaren Frauen im plinianischen Briefcorpus schwanken bei Carlon jedoch zwischen 33 (S. 11), 38 (S. 8) und 43 (S. 223ff.).

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Veröffentlicht am
20.06.2011
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