E. Lefèvre: Vom Römertum zum Ästhetizismus

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Titel
Vom Römertum zum Ästhetitzismus. Studien zu den Briefen des jüngeren Plinius


Autor(en)
Lefèvre, Eckhard
Reihe
Beiträge zur Altertumskunde 269
Erschienen
Berlin 2009: de Gruyter
Anzahl Seiten
332 S.
Preis
€ 89,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sven Page, Institut für Geschichte, Technische Universität Darmstadt

Was macht Plinius den Jüngeren so interessant? Seine politische Karriere ist schnell erzählt, berühmte Nachfahren kann er nicht aufweisen, sein (überliefertes) literarisches Oeuvre beschränkt sich auf lediglich zwei Werke und seine epigraphischen Hinterlassenschaften sind – mit einer Ausnahme (CIL V, 5262) – kaum der Rede wert. Dennoch übt er immer wieder eine unwiderstehliche Faszinationskraft auf Althistoriker, Archäologen und vor allen Dingen Philologen aus, die ihm allesamt unterschiedliche soziale Rollen zuschreiben: Plinius wurde so etwa als kühl berechnender Selbstdarsteller oder mittelmäßig erfolgreicher Literat, zuweilen auch als schöngeistiger Lebemann oder friedliebender Humanist sowie seltener als wenig ruhmreicher Mitläufer oder loyaler senatorischer Untertan beschrieben und verstanden.[1]

Dieser Reihe von Charakterisierungen fügt Eckard Lefèvre in seiner jüngsten Studie „Vom Römertum zum Ästhetizismus. Studien zu den Briefen des jüngeren Plinius“ eine weitere hinzu, indem er sich dafür stark macht, den Autor in erster Linie als Ästheten zu verstehen. Lefèvre hat diese Ansicht schon mehrfach vertreten.[2] Es muss daher die Frage erlaubt sein, welchen Mehrwert die hier zu rezensierende Publikation zur Diskussion über den jüngeren Plinius beizusteuern vermag. Lefèvre selbst versteht seine Arbeit als „einen Beitrag zu der Erhellung der Gedankenwelt des jüngeren Plinius“, die dabei „die künstlerische Bedeutung der Briefe“ herausstellen soll (S. 19). Die „überraschend lebhafte Plinius-Forschung“ (S. 7) wird kurz vorgestellt (S. 13-19) mit dem (unbefriedigt wirkenden) Schluss, dass die Verfechter verschiedenster Lesarten der plinianischen Existenz es sich zum „Ziel machten, dem Individuum Plinius ‚zu Leibe zu rücken‘“ (S. 16). Dem Verfasser geht es in seiner Studie daher auch darum, Plinius, der „ihm sofort als ein Ästhet eigenen Rangs entgegen[trat]“ (S. 8) und der „gar nicht angebohrt und decouvriert“ (S. 14) werden müsse, sowie sein Briefcorpus in ein positives Licht zu rücken.[3] Lefèvre geht diesem Ziel in sechs Kapiteln nach:

Kapitel A („Exempla antiquitatis“, S. 23-47) und B („Verfall der alten Formen“, S. 49-109) präsentieren die These, dass Plinius in seiner Gesinnung republikanisch orientiert gewesen sei (S. 23, 80, 95) und den Prinzipat auch unter Trajan letztlich nicht verinnerlicht habe (S. 28, 78, 280), da ihm unter einem Alleinherrscher dauerhafter Ruhm in der Politik verwehrt gewesen sei (S. 77, 89, 102) und er stattdessen auf den Bereich der studia habe ausweichen müssen (S. 30). Es schließen sich die Kapitel C („Vom Römertum zum Ästhetizismus“, S. 111-168) und D („humanitas“, S. 169-221) an, in denen Lefèvre auf der Grundlage zahlreicher Vergleiche des Plinius mit Cicero, Plinius dem Älteren oder auch Tacitus den titelgebenden Wertewandel vom Römertum zum Ästhetizismus stark macht und ihn um die humanitas Pliniana – etwa gegenüber den Christen (S. 176-180), Sklaven (S. 181-194) oder Frauen (S. 195-212) – als essentiellen Bestandteil seines Persönlichkeitsbildes erweitert. Den Abschluss bilden Kapitel E („Der Lebensraum des Ästheten“, S. 223-272) mit den Themenkomplexen Villa und Natur als Orte des otium, der studia und der humanitas sowie Kapitel F („Tableau“, S. 273-310), welches zwar „nicht [als] ein Résumé der bisher erzielten Ergebnisse“ gedacht ist, sondern vielmehr versucht „diese in größere Zusammenhänge zu stellen“ (S. 273), weitgehend jedoch zusammenfassenden Charakter besitzt.

Da alle sechs Kapitel auf den bekannten Plinius-Studien des Verfassers beruhen[4] erscheint es gerechtfertigt, die Kapitel im Folgenden nicht im Einzelnen zu diskutieren, sondern stattdessen drei Kernaussagen herauszugreifen:

1. In seiner Einleitung identifiziert Lefèvre einige grundlegende Tendenzen der jüngeren Pliniusforschung. In diesem Zusammenhang kritisiert er das Bestreben, „Plinius […] Berechnung und Unaufrichtigkeit nachzuweisen“ (S. 14). Der Verfasser plädiert stattdessen dafür, den Aussagen im Briefcorpus ein Grundvertrauen entgegen zu bringen. Zwar ist Lefèvre bewusst, dass die Briefe „von vornherein zur Publikation vorgesehen“ waren (S. 303), aber dennoch geht er davon aus, dass das Briefcorpus einem Tagebuch vergleichbar sei und „Einblick in sein [Plinius’] Denken und Empfinden“ zu geben vermag (S. 304). Diese Lesart ist nicht unproblematisch: Die jüngere Forschung hat dargelegt, dass es einer methodischen Unterscheidung des plinianischen Verhaltens in eine Verfasser- und einer Herausgeberebene bedarf.[5] Andernfalls verschleiert der briefliche Charakter die Instrumentalisierung des Briefcorpus zum Zwecke der Sicherung der eigenen immortalitas, was dazu führt, den plinianischen Aussagen mehr Wahrheitsgehalt zuzusprechen, als sie tatsächlich besaßen. So bleibt denn Lefèvres Lesart der plinianischen Taten unter Domitian, welche „ein aufrechtes Verhalten erkennen lassen“ würden (S. 49) und Plinius in unmittelbare Lebensgefahr gebracht hätten (S. 53ff.), zu nah an den brieflichen (Selbst-)Aussagen. Ähnliches gilt für Lefèvres Interpretation der humanitas Pliniana: Mit den umfangreichen Schreiben zur Würdigung berühmter Männer und Frauen wolle Plinius in erster Linie „klagen und rühren“ (S. 204); und gegenüber den – von ihm häufig zum Tode verurteilten – Christen verhalte sich Plinius human und werbe für dieses Verhalten sogar bei Trajan, „was dem Kaiser gegenüber kühn ist“ (S. 177).

2. Die für die historische Analyse notwendige, nach strukturellen Gesichtspunkten orientierte Zusammenstellung einzelner Textstellen beklagt Lefèvre aus philologischer Sicht. Er nimmt „die Briefe als Ganze“ in den Blick und untersucht dabei vor allen Dingen Intention, Komposition und sprachliche Gestaltung (S. 19). Lefèvre konzentriert sich auf die ästhetische Dimension einzelner Briefe, blendet zugleich aber häufig Bezüge zu anderen Briefen weitestgehend aus. Er geht dabei sowohl von der monothematischen Ausrichtung (S. 19, 24, 49, 91, 113, 126, 217, 306), als auch der inneren Abgeschlossenheit einzelner Briefe aus. Dieser Ansatz mag seinen Ursprung im philologischen Interesse am in sich abgeschlossenen Einzelbrief haben, bedeutet jedoch für die historische Auswertung des Gesamtcorpus eine prekäre Einschränkung: Zweifelsohne ist jeder Brief von einem Primärthema geprägt, hinter dem sich aber normalerweise eine multithematische Intention verbirgt. Alle Briefe bieten jenseits des Hauptthemas immer auch Informationen zu zahlreichen anderen Bereichen. Ein Beispiel: Bei ep. 3,16 handelt es sich, so Lefèvre, um einen historiographischen Bericht über die Taten berühmter Männer und Frauen, in erster Linie jenen der Arria maior, der Ehefrau von Caecina Paetus und der Schwiegermutter von Thrasea Paetus. Der Brief besitzt nach Meinung des Rezensenten jedoch darüber hinausgehend die grundlegende Intention, Plinius in personelle und ideelle Nähe zu Mitgliedern der stoischen Opposition zu rücken. Er zeigt, wie Plinius konkrete Wertvorstellungen kommuniziert, hält Informationen über die Lebenswelt römischer Aristokratinnen bereit und informiert über Usurpationen oder die römische familia. Lefèvres Konzentration auf ein Kernthema führt folglich dazu, nur einen Teil des Briefes zu erfassen.[6]

3. An mehreren Stellen seiner Untersuchung bezeichnet Lefèvre Plinius als Republikaner (S. 23, 80, 198, 212) oder schreibt ihm eine republikanische Gesinnung zu (S. 28, 95, 146, 200, 277). Damit verleiht er einer Lesart des Briefcorpus Ausdruck, welche die plinianische Existenz als entpolitisiert oder zumindest entmachtet begreift. Ihr Träger wende sich den literarischen studia als Ersatz zu, da er sich zwar nach der res publica libera sehne, diese aber unwiderruflich verloren sei. Dieses Verständnis der kaiserzeitlich-aristokratischen Lebenswelt erscheint problematisch: Der Prinzipat war bei Plinius’ Geburt schon beinahe ein Jahrhundert politische Realität und selbst sein Adoptivvater Plinius der Ältere kannte die Republik nur noch aus Erzählungen – Lefèvre selbst betont, dass die Alten „nicht Selbsterlebtes [berichten], sondern das, was sie von Vätern und Großvätern über die noch länger zurückliegende Republik gehört haben“ (S. 95). Es erscheint daher wenig wahrscheinlich, dass Plinius, der unter der Herrschaft mehrerer principes aufwuchs und erzogen wurde, in seinem Selbstverständnis einem politischen System verhaftet blieb, welches er selbst niemals kennengelernt hatte.

Obwohl also die Studie einige methodische und inhaltliche Probleme aufwirft, kann sie für den Pliniusforscher dennoch ein hilfreiches Instrument sein. Lefèvre steuert der kontrovers geführten Debatte über Plinius den Jüngeren zwar kaum grundlegend neue Erkenntnisse bei, vermag aber seine bekannte Position mit der detaillierten Besprechung von insgesamt 67 Briefen auf eine breitere Grundlage zu stellen und zu systematisieren. Entstanden ist dadurch ein Auswahlkommentar, der sich auf die künstlerische Ausgestaltung der Briefe konzentriert und in dem Lefèvre mit sicherem philologischem Zugriff und detailreicher Quellenkenntnis wieder einmal den Ästheten Plinius in den Mittelpunkt gerückt hat.

Anmerkungen:
[1] Vgl. aus jüngerer Zeit: Luigi Castagna / Eckard Lefèvre (Hrsg.), Plinius der Jüngere und seine Zeit, Leipzig 2003; Gunnar Seelentag, Taten und Tugenden Trajans. Herrschaftsdarstellung im Principat, Stuttgart 2004; Nicolas Méthy, Les Lettres de Pline le Jeune. Un répresentation de l’homme, Paris 2007; Jacqueline M. Carlon, Pliny’s Women. Constructing Virtue and Creating Identity in the Roman World, Cambridge, u.a. 2009.
[2] Am deutlichsten: Eckard Lefèvre, Plinius-Studien V. Vom Römertum zum Ästhetizismus. Die Würdigungen des älteren Plinius (3,5), Silius Italicus (3,7) und Martial (3,21), in: Gymnasium 96 (1989), S. 113-128. Vgl. darüber hinaus: Ders., Plinius-Studien I. Römische Baugesinnung und Landschaftsauffassung in den Villenbriefen (2,17; 5,6), in: Gymnasium 84 (1977), S. 519-541; Ders., Plinius-Studien II. Diana und Minerva. Die beiden Jagd-Billette an Tacitus (1,6; 9,10), in: Gymnasium 85 (1978), S. 37-47; Ders., Plinius-Studien III. Die Villa als geistiger Lebensraum (1,3; 1,24; 2,8; 6,31; 9,36), in: Gymnasium 94 (1987), S. 247-262; Ders., Plinius-Studien IV. Die Naturauffassung in den Beschreibungen der Quelle am Lacus Larius (4,30), des Clitumnus (8,8) und des Lacus Vadimo (8,20), in: Gymnasium 95 (1988), S. 236-269; Ders., Plinius-Studien VI. Der große und der kleine Plinius. Die Vesuv-Briefe (6,16; 6,20), in: Gymnasium 103 (1996), S. 193-215; Ders., Plinius-Studien VII. Cicero das unerreichbare Vorbild (1,2; 3,15; 4,8; 7,4; 9,2), in: Gymnasium 103 (1996), S. 333-353.
[3] Deutlich wird dies an mehreren Stellen: „Ungeachtet einer Tendenz zur Harmonisierung ist die Lektüre [von Méthy 2007, vgl. Anm. 1] für den Plinius-Freund eine Erholung nach dem Studium der selbstgerechten Darstellungen mancher unmittelbarer Vorgänger“ (S. 18f.); „Möge der Leser Plinius mit Sympathie begegnen!“ (S. 21); „1,5 ist ein beliebtes Objekt für Forscher, die Plinius nicht wohl gesonnen sind“ (S. 59).
[4] Anm. 2 ist zu ergänzen um Eckard Lefèvre, Plinius’ Klage über die verlorengegangene Würde des Senats (Epist. 3,20; 4,25), in: Castagna / Lefèvre 2003 [vgl. Anm. 1], S. 189-200.
[5] Vgl. hierzu grundlegend Frank Beutel, Vergangenheit als Politik. Neue Aspekte im Werk des jüngeren Plinius, Frankfurt am Main 2000; Matthias Ludolph, Epistolographie und Selbstdarstellung. Untersuchungen zu den ‚Paradebriefen‘ Plinius des Jüngeren, Tübingen 1997. Lefèvre kennt diese Studien selbstverständlich, hält ihre Ergebnisse aber für nicht unbedingt relevant (S. 16).
[6] Besonders deutlich: „Es geht in der Schilderung [von ep. 1,5] nicht um Plinius’ Rolle als Gegner Domitians, sondern um die Rolle des Anklägers Regulus unter Domitian“ (S. 59); „Thema des Briefes [ep. 9,13] sind weder Helvidius’ Schicksal noch Plinius’ Aktionen oder Reaktionen im Jahr 93, sondern die scelera nach Domitians Tod“ (S. 67).

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29.08.2011
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