T. Penter: Kohle für Stalin und Hitler

Cover
Titel
Kohle für Stalin und Hitler. Arbeiten und Leben im Donbass 1929 bis 1953


Autor(en)
Penter, Tanja
Reihe
Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen. Schriftenreihe C: Arbeitseinsatz und Zwangsarbeit im Bergbau 8
Erschienen
Anzahl Seiten
467 S.
Preis
€ 54,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Meier, Osteuropäische Geschichte, Humboldt-Universität zu Berlin

Mit ihrer Habilitationsschrift über den Donbass legt Tanja Penter eine ambitionierte Studie zur Geschichte dieser wichtigen Bergbau- und Industrieregion in der stalinistischen Sowjetunion und unter deutscher Besatzung vor. Ausgehend von einem Verständnis der Region als „Wirtschafts-, Kultur- und Erfahrungsraum“ (S. 14) untersucht sie Herrschaftspraktiken, Alltag, Erfahrungen und Verhalten der Bewohner des Donbass. Anhand der sinnvoll gewählten Untersuchungskategorien „Loyalität“ und „Disloyalität“ versucht Penter den Zusammenhang von herrschaftlicher Durchdringung und gesellschaftlicher Akzeptanz zu ergründen. Beide Herrschaftssysteme werden einander in demselben räumlichen Kontext gegenübergestellt, um stalinistische und deutsche Herrschaft aus erfahrungsgeschichtlicher Perspektive miteinander zu vergleichen.

Nach Einleitung und einem kurzen Prolog, in dem die Entwicklung des Bergbaus und die Herausbildung einer lokalen Gesellschaft kurz skizziert werden, erzählt das Buch in drei chronologisch aufeinanderfolgenden Teilen von den vielen Katastrophen, die seit Ende der 1920er-Jahre in regelmäßigen Abständen in Form von Hungersnöten, Terror, Verfolgung, Zwangsarbeit, Deportationen, Zerstörung und Massenmord über die Menschen hereinbrachen. Das alltägliche Leben, das Penter anschaulich und auf breiter Quellenbasis beschreibt, war sowohl unter sowjetischer als auch unter deutscher Herrschaft ein Leben voller Elend und Entbehrungen.

Für die sowjetische Führung war der Donbass seit Anfang der 1920er-Jahre die zentrale Bergbau- und Modernisierungsregion. Er sollte zum Vorzeigeobjekt bei der Industrialisierung des Landes avancieren und eine Vorreiterrolle bei der Schaffung einer sozialistischen Gesellschaft und Kultur einnehmen. Von den Propagandalosungen vom Donbass als „Schaufenster des Sozialismus“, vom „gesamtsowjetischen Kesselhaus“ oder gar von der „mütterlichen Fürsorge der Partei“ (S. 159f.) war in der Wirklichkeit jedoch wenig zu spüren. Obwohl die Region einen Sonderstatus bei der Versorgung mit Lebensmitteln innehatte und von der Hungersnot 1932/33 deutlich weniger betroffen war als andere Teile des Landes, lebten die Menschen in elenden Verhältnissen, die mitunter noch schlechter waren als in der Zarenzeit. Sie erfuhren die Jahre der Industrialisierung als eine Zeit des permanenten Mangels. Überhöhte Planvorgaben setzten Grubenleitungen und Bergleute unter enormen Druck und konnten auch mit Zwang und unter Vernachlässigung von Arbeitssicherheit und materieller Versorgung kaum erreicht werden. Eindrücklich schildert Penter den tristen Alltag der Bevölkerung. Genauso wenig wie es zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse kam, wurde die Schaffung einer homogenen Arbeitergesellschaft und „Neuer Menschen“ erreicht. Eine breite Masse von Bergarbeitern meist bäuerlicher Herkunft behielt ihre alten Lebensgewohnheiten bei und interessierte sich kaum für die Ziele von Bergwerksleitungen und Sowjetmacht. Während der großen Säuberungen der Jahre 1937/38 wurden die verhassten Ingenieure und Stoßarbeiter als „Volksfeinde“ und „korrupte Saboteure“ denunziert. Vom Großen Terror wurde der Donbass stärker als alle anderen Gebiete der Ukraine heimgesucht, die Säuberungen forderten hier besonders viele Opfer.

Angesichts solcher Erfahrungen hielt sich das Entsetzen über das scheinbare Ende der sowjetischen Herrschaft 1941 zunächst in Grenzen. Anfangs verbanden viele Bewohner des Donbass mit der deutschen Besatzung die Hoffnung auf ein besseres Leben, die jedoch schnell durch brutale Herrschaftsmethoden zunichte gemacht wurde. Das oberste Ziel der Besatzer bestand in der rücksichtlosen Ausbeutung von Kohlevorkommen und einheimischen Arbeitskräften. Die Arbeit unter Tage wurde nach der Wiederinbetriebnahme der von der Roten Armee bei ihrem Rückzug zerstörten Bergwerke unter Aufsicht deutscher „Spezialisten“ fortgesetzt, wobei das sowjetische Rationisierungssystem in Form von höheren Löhnen für gute Arbeitsleistungen beibehalten wurde. Eine wichtige Voraussetzung für das Funktionieren der Bergwerke war die Mitarbeit einheimischer Ingenieure und Techniker, die – entgegen sowjetischen Nachkriegsmythen – kaum Widerstand leisteten, und sich wie manch andere Funktionsträger freiwillig in den Dienst der Deutschen stellten. Zu Recht weist Penter darauf hin, dass sowohl aktive Kooperation wie auch Widerstand eher Randphänomene waren und die Reaktion der meisten Einwohner in einer „Grauzone“ dazwischen lag.

Die Alltagserfahrungen unter deutscher Besatzung waren durch ein überraschend hohes Maß an Kontinuität gekennzeichnet, denn Mangel, Zwangsarbeit und eingeschränkte persönliche Freiheitsrechte gehörten zur „normalen“ Erfahrung der Menschen. Und auch die gewaltsame Hierarchisierung der Gesellschaft war nichts Neues, nur dass die deutschen Besatzer in rassistischen Kategorien dachten. Ukrainer wurden zur Mitarbeit aufgefordert und ihnen ein Überleben auf niedrigem Niveau ermöglicht, wohingegen viele Russen, sowjetische Kriegsgefangene, Kommunisten und Juden nicht ernährt oder ermordet wurden. Die Landbevölkerung wurde aufgrund ihrer Bedeutung als Nahrungsmittellieferant besser als vor dem Krieg versorgt, die Städte hingegen wurden gezielt ausgehungert. Der brutale Terror und die massenhafte Vernichtung von Menschen innerhalb kürzester Zeit erreichten qualitativ und quantitativ ungekannte Dimensionen und waren eine neue Erfahrung für die Bewohner des Donbass, wie die Erinnerungen der von Penter befragten Zeitzeugen belegen.

Zeit, sich von den Schrecken der deutschen Herrschaft zu erholen, hatten die Menschen nach der Rückeroberung des Donbass durch die Rote Armee nicht. In der unmittelbaren Nachkriegszeit gehörten für die „armen Sieger“ (S. 357) Hunger, Zwangsarbeit und Repressionen weiter zum Alltag, die Versorgungslage war oft schlechter als im Krieg. Um zu überleben und Kräfte zu sparen, griffen viele auf bewährte Überlebensstrategien zurück: Flucht auf das Land, Schwarzmarkthandel, Verlassen des Arbeitsplatzes, Verkürzung der Arbeitszeit. Um die dieses Mal von den Deutschen zerstörten Bergwerke wieder in Gang zu bringen, setzte die sowjetische Führung ein Heer von Zwangsarbeitern ein, die die Förderleistungen wieder auf das Vorkriegsniveau bringen sollten.

Anschaulich zeichnet Penter nach, wie das Regime versuchte, mit dem alten Rezept von Repression und Mobilisierung die Bevölkerung wieder unter Kontrolle zu bringen. Diesmal scheiterte es aber, weil sich die Menschen durch die Kriegserlebnisse verändert hatten, neue Erfahrungen besaßen und über Vergleichsmöglichkeiten verfügten. Aus der deutschen Besatzungspresse hatten die Bewohner vom ganzen Ausmaß des Terrors in der Vorkriegszeit erfahren. Die sowjetische Führung reagierte auf diesen Loyalitätsverlust mit einem Generalverdacht gegen alle, die während des Krieges Kontakt mit den deutschen Besatzern hatten. Viele unter ihnen wurden als „Vaterlandsverräter“ stigmatisiert und blieben ein Leben lang Bürger zweiter Klasse ohne soziale und berufliche Aufstiegschancen.

Der Herrschaftswechsel stellte also keine Befreiung, sondern die Fortsetzung von Gewalt und Terror, von Elend und Hunger unter veränderten politischen Vorzeichen dar. Das führt das Buch von Tanja Penter eindrucksvoll vor Augen. Das interessanteste Ergebnis dieser Studie sind wohl die zahlreichen Gemeinsamkeiten zwischen der sowjetischen und nationalsozialistischen Herrschaft bei der Umsetzung ihrer politischen und wirtschaftlichen Pläne und die ähnlichen Anpassungs- und Überlebensstrategien der Einwohner. Durch die Wahl der Analysekategorien „Erfahrung“ und „Loyalität“ kommt Penter zu dem Ergebnis, dass sich die meisten Menschen trotz Propaganda und Gewalt nicht für politische oder nationale Ziele einspannen ließen. Ihr Ziel bestand im Überleben und in der Bewahrung traditioneller Verhaltensweisen; sie passten sich den veränderten Bedingungen an so gut es ging. Die Fronten wurden häufig gewechselt, Loyalität gegenüber den jeweiligen Machthabern wurde zur Verhandlungssache. Es dominierte eine Kultur des Sich-Entziehens und der Schaffung kleiner Freiräume, aktiv mitgearbeitet wurde nur, wenn daraus materielle Vorteile resultierten. Dieser „Eigensinn“ war kein Angriff auf das jeweilige Herrschaftssystem, sondern eher Ausdruck einer latenten Alltagsresistenz, wie sie typisch für das Verhalten vieler Menschen in Diktaturen ist. Das mag keine bahnbrechend neue Erkenntnis sein, aber die dichte und lebendige Beschreibung des Alltags und die umsichtige Argumentation machen das Buch unbedingt lesenswert. Denjenigen, die Antworten auf die Frage nach den Reaktionen von Menschen auf die Zumutungen diktatorischer Regime suchen, ist Tanja Penters Buch deshalb sehr zu empfehlen.

Redaktion
Veröffentlicht am
16.04.2012
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