Cover
Titel
Aby Warburg. Werke in einem Band


Herausgeber
Treml, Martin; Weigel, Sigrid; Ladwig, Perdita
Erschienen
Berlin 2010: Suhrkamp Verlag
Anzahl Seiten
913 S.
Preis
€ 68,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernhard Schulz, Der Tagesspiegel, Berlin

In einem zentralen Text von Aby Warburg, der später unter dem Titel „Schlangenritual“ bekannt geworden ist und über die Reise des Verfassers zu den Indianern Neu-Mexikos berichtet[1], findet sich ein erstaunlicher Satz (im hier besprochenen Buch auf S. 570): „Ein paar tausend jüdische Offiziere mehr, und wir hätten vielleicht die Schlacht an der Marne gewonnen.“ In diesem Satz, niedergeschrieben im Frühjahr 1923 und damit gut vier Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, findet sich die ganze Tragik seines Autors wieder. Aby Warburg (1866–1929), Sohn aus einer höchst wohlhabenden Hamburger Bankiersfamilie, war Jude und deutscher Patriot. Er selbst bezeichnete sich als „Hamburger im Herzen, Jude von Geburt, Florentiner im Geiste“. Seine psychische Erkrankung, deren Ausbruch mit dem Kriegsende zusammentraf, zwang ihn für fünfeinhalb Jahre in Sanatorien, aus denen er erst im Sommer 1924 „zur Normalität beurlaubt wurde“, wie er selbstironisch sagte.

Als Kunsthistoriker bewegte sich Warburg auf völlig neues Gelände, irrlichternd zwischen den seinerzeit etablierten Disziplinen bis hin zu Psychologie und Biologie. Erst nach seinem Tod festigte sich die Übereinkunft, in ihm den Begründer der Ikonologie zu sehen, der Deutung von Bildern und symbolischen Formen gleich welcher Art. Er selbst hat den Begriff erstmals 1912 benutzt, doch sah er sich am Ende seines Lebens vor allem als „Psychohistoriker“, der eine umfassende Kulturgeschichte zu begründen suchte.

Der Name Aby Warburg ist heute geläufig und in den Kulturwissenschaften längst inflationär gebräuchlich. Seine Schriften hingegen sind es nicht – allein schon deshalb, weil bisher keine breit angelegte und hinreichend kommentierte Werkausgabe existierte. Schlimmer noch: Von Warburg gab es zu Lebzeiten nur drei schmale, längst vergriffene Bücher, hingegen Vorträge, Notizblätter, nochmals und nochmals korrigierte und abweichende Versionen. So bedeutet es einen Meilenstein, dass mit der von Martin Treml, Sigrid Weigel und Perdita Ladwig am Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung erarbeiteten Ausgabe der „Werke in einem Band“ nun ein Korpus von 25 textkritisch edierten Schriften zur Verfügung steht, das geeignet ist, den ausufernden, in vielen Fällen mehr raunenden denn wissenden Verweis auf Warburg einzudämmen und seine Forschungsimpulse präziser in den Blick zu rücken. „Die Grenzen zwischen der Warburg-Forschung“, schreiben die Herausgeber in der Einleitung[2], „und einer Tendenz zur einfühlenden, mimetischen Warburg-Exegese“ seien „fließend“ (S. 25). Wer dächte da nicht sofort an den ganz ähnlichen – und ähnlich ärgerlichen – Umgang mit Walter Benjamin?

Mit dem Iconic Turn, der Hinwendung zu einer über die Kunstgeschichte hinausreichenden Bildwissenschaft, hat sich das Interesse in ganz neuer Weise auf Aby Warburg fokussiert. Die Neu- und teilweise Erstausgabe seiner Schriften wurde dringlich. Die Edition, so Mitherausgeberin Sigrid Weigel, „verfolgt mehrere Ziele: erstens durch Edition etlicher bisher unveröffentlichter Manuskripte aus dem Nachlass die Kenntnis der Schriften Warburgs […] zu erweitern, zweitens durch die Komposition der Edition das heterogene Werk Warburgs in seiner methodisch-theoretischen Genese zu rekonstruieren, drittens mit Hilfe von Sachkommentaren und der Übersetzung der zitierten Quellentexte Warburgs Schriften zugänglich zu machen, viertens seine Texte ohne die Bearbeitungen durch fremde Hand lesbar zu machen und fünftens mit 179 Illustrationen eine Fülle der besprochenen Bildquellen zu zeigen, die in bisherigen Publikationen oft kaum erkennbar sind, weil es sich dort um Abbildungen der Mnemosyne-Tafeln handelt, also um Reproduktionen von Reproduktionen“.

Warburgs fragmentarisch gebliebener „Bilderatlas“, dem er den Namen der Göttin der Erinnerung und Musen-Mutter, Mnemosyne, gegeben hatte, versammelt etwas für die heutige Bildwissenschaft sehr Aktuelles: visuelle Beispiele verschiedener Zeiten und Gattungen, die – zunächst einmal – motivische Ähnlichkeiten aufweisen. Warburg sammelte Bilddokumente aller Art bis hin zu Zeitungsausschnitten und Briefmarken. Vor allem jedoch ging es ihm (über zahllose Haupt- und Nebenwege) um das „Nachleben der Antike“. Anders als es eine vereinfachende, nicht zuletzt durch Warburgs Schüler Erwin Panofsky bewirkte angelsächsische Rezeption meint, lief dies nicht unbedingt auf eine entwicklungsgeschichtliche Reihe hinaus, an deren Ende strahlend die Florentiner Hochrenaissance stehe. Warburgs berühmte Dissertation von 1891 über die beiden Hauptwerke Sandro Botticellis, „Frühling“ und „Geburt der Venus“, konnte noch ihrem Untertitel gemäß gelesen werden: „Eine Untersuchung über die Vorstellungen von der Antike in der italienischen Frührenaissance“ – mithin als Studie über einen der tatsächlichen Anfangsmomente der Renaissance, nämlich die Wiederaufnahme der römischen Literatur und ihre Verwandlung in Malerei. Doch schon damals interessierte Warburg über die sorgfältige Textexegese hinaus der Aufweis versteckter Bildmotive, die sich aus antiken Vorbildern über die Zeiten hinweg bis in Botticellis Formenvorrat hinein erhalten hatten.

Später dann spielte für ihn die Nachtseite der Antike, spielten Astrologie und Kosmologie eine gleichberechtigte Rolle. „Die klassisch-veredelte, antike Götterwelt“, schrieb Warburg 1920, „ist uns seit Winckelmann […] so sehr eingeprägt, dass wir ganz vergessen, dass sie eine Neuschöpfung der gelehrten humanistischen Kultur ist.“ Vor allem aber: „Diese ,olympische‘ Seite der Antike musste ja erst der althergebrachten ,dämonischen‘ abgerungen werden; denn als kosmische Dämonen gehörten die antiken Götter ununterbrochen seit dem Ausgang des Altertums zu den religiösen Mächten des christlichen Europa.“ (S. 428)

Um zu solchen Perspektiven und Erkenntnissen zu gelangen, musste Warburg verschüttete, tiefere Schichten freilegen. „Philologisch betrachtet stehen wir vor dem denkbar schwierigsten Objekt: ein Palimpsest, dessen Text – selbst wenn man ihn herausbringt – kontaminiert ist.“ (S. 572) Warburg betrachtete Bilder, gleich ob es sich um Gemälde oder populäre Drucke handelte, als Palimpseste, als überschriebene, von ihrer Zeitlichkeit geprägte Bedeutungsträger, deren Sinnschichten es zu entschlüsseln galt, um jenem geheimnisvollen „Nachleben“ auf die Spur zu kommen, das oft genug ein Weiter- oder gar Überleben bedeutet. Das parallel zur vorliegenden Warburg-Edition acht Jahre nach der französischen Erstveröffentlichung auf Deutsch erschienene Buch von Georges Didi-Huberman über das „Nachleben der Bilder“ betont zudem, dass Warburg keinerlei Entwicklung im Sinn hatte, sondern dass für ihn „die Gegenwart aus zahlreichen Vergangenheiten zusammengesetzt“ war. Und Didi-Huberman verweist in seiner ungemein sorgfältigen Studie geradezu beschwörend auf Warburgs rätselhaftes Wort von der „Gespenstergeschichte für ganz Erwachsene“. Sind die unbewussten, doch zählebigen und vielfach sich wandelnden Symbolformen der Vergangenheit die Gespenster der Kultur, aller Kulturen?[3]

Warburg ging mehr als skrupulös mit seinen Texten um, und vor Überfülle der Gedanken blieben viele Manuskripte Fragment, wenn nicht gar ungeschrieben. Es hat sich eingebürgert, als Warburgs Lebensleistung vor allem die von ihm mit den reichen Mitteln seiner Familie geschaffene „Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg“ (KWB) in Hamburg zu betrachten. Das eigens errichtete Bibliotheksgebäude bildete einen „Denkraum“, wie eine von Warburgs zahllosen Wortschöpfungen lautete, einen Freiraum der geistigen Entdeckungsreisen. Die damals rund 65.000 Bände konnten noch Ende 1933 – auch dank der Devisen amerikanischer Verwandter – glücklicherweise nach London gerettet werden. Dort ist die Bibliothek in ihrem einzigartig assoziativen Aufbau derzeit jedoch dadurch bedroht, dass die Londoner Universitätsbibliothek sie in die eigenen Bestände eingliedern will.[4] Jetzt gilt es, die KWB in ihrer bisherigen, von Warburg geschaffenen Form zu bewahren – oder aber, wenn sich dies als undurchführbar erweisen sollte, nach Hamburg zurückzuholen, als einzigartiges Dokument deutsch-jüdischen Geisteslebens vor dessen Vernichtung.

Warburg blieb nicht beim Nachleben der Antike in der Renaissance stehen. Aber er machte ihre Wirkungen und Überlieferungswege kenntlich. Sein in der Werkausgabe vollständig wiedergegebener Aufsatz über Edouard Manets skandalträchtiges Gemälde „Frühstück im Freien“ (1863) zeigt, dass die Neuartigkeit des Malers gerade nicht auf Voraussetzungslosigkeit beruhte. Zu Manet bemerkte Warburg, „dass Teilhabe am geistigen Gesamterbgut erst die Möglichkeit schafft, einen neue Ausdruckswerte schaffenden Stil zu finden, weil diese ihre Durchschlagskraft nicht aus der Beseitigung alter Formen, sondern aus der Nuance ihrer Umgestaltung schöpfen“ (S. 647). Und so ist Manets Gemälde auch ein Belegstück „zum Problem der überlebenden Kraft antikisierender Vorstellungen“ (S. 655).

Dieser Aufsatz sollte das Schlussstück werden im „Bilderatlas Mnemosyne“, dessen montageartig komponierte Bildtafeln 1933 verloren gingen und nur in Fotografien dokumentiert sind. So blieb der Atlas Fragment. Vielleicht ist es gerade die für Warburgs Arbeiten insgesamt charakteristische Unabgeschlossenheit und Vorläufigkeit, die seine besondere Attraktivität für die heutigen Kulturwissenschaften ausmacht. Die sorgfältig edierte Werkausgabe stellt die Beschäftigung mit Warburg auf eine neue Grundlage.

Anmerkungen:
[1] Aby M. Warburg, Schlangenritual. Ein Reisebericht. Mit einem Nachwort von Ulrich Raulff, Berlin 1988.
[2] Diese ist verfügbar unter <http://www.zfl.gwz-berlin.de/fileadmin/bilder/Publikationen/Weitere_Publikationen/2010/warburg_werke_einleitung> (25.01.2011).
[3] Vgl. Georges Didi-Huberman, Das Nachleben der Bilder. Kunstgeschichte und Phantomzeit nach Aby Warburg, Berlin 2010.
[4] Vgl. Anthony Grafton / Jeffrey Hamburger, Save the Warburg Library!, in: New York Review of Books, 30.9.2010, online unter <http://www.nybooks.com/articles/archives/2010/sep/30/save-warburg-library/> (25.01.2011).