L. Patterson: Kinship Myth in Ancient Greece

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Titel
Kinship Myth in Ancient Greece.


Autor(en)
Patterson, Lee E.
Erschienen
Anzahl Seiten
XIV, 255 S.
Preis
$ 60,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Maria Osmers, SFB 584 „Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte“, Universität Bielefeld

Mit der vorliegenden Monographie schließt der Autor an die intensive Forschung der letzten Jahre zur Funktion und Bedeutung der Erinnerung in der hellenischen Welt an[1] und widmet sich dabei dem Phänomen der „kinship-diplomacy“.[2] Die Bezugnahme auf gemeinsame, zumeist legendäre Vorfahren, um diplomatische Kontakte zwischen zwei oder mehr Parteien zu fördern oder zu ermöglichen, war in der antiken griechischen Außenpolitik weit verbreitet. Um die Gründe für diese Praxis zu erhellen, untersucht Lee E. Patterson die Bedingungen der zwischenstaatlichen Beziehungen, die jeweiligen Inhalte der Verweise und die Wirkungen sowie die Reaktionen auf ihre Verwendung. Der Autor bezieht sich dabei auf Quellen aus klassischer und hellenistischer Zeit und analysiert sowohl literarische als auch epigraphische Zeugnisse.

In der Einleitung verortet Patterson seine Untersuchung im Kontext der Forschungen zur Identitätsstiftung durch mythische Erzählungen. Dabei grenzt er seine Studie durch den Blick auf die diplomatische Praxis zum einen gegenüber Arbeiten ab, die Begriffe wie die syngeneia terminologisch untersuchen. Zum anderen unterscheidet sich das Werk durch die Konzentration auf legendäre Erzählungen von solchen, die im Sinne der antiken Wahrnehmung auf eine Trennung von Mythos und Geschichte verzichten. Leider bleibt Pattersons Definition von Identitätsmythen vage („I am concerned with the construction and articulation of identity by means of a putative ancestor“, S. 11), so dass die Abgrenzung gegenüber anderen Vergangenheitsbezügen, die wie beispielsweise Verweise auf Oikisten ebenfalls auf die Ausbildung von Identitäten zielen, weitestgehend unklar bleibt. Ebenso schade ist es, dass der Autor auf die Auswertung deutschsprachiger Forschungen zu dem Thema fast vollständig verzichtet und so gerade deren theoretische Konzepte – wie etwa die „Intentionale Geschichte“ – nicht für sich nutzbar machen kann.

Im zweiten Kapital fragt Patterson nach der Glaubwürdigkeit, die den mythischen Erzählungen von antiken Zeitgenossen zugestanden wurde. Anhand der Geschichte über die Rückkehr der Herakliden und der Überführung der Gebeine von Heroen demonstriert er so einerseits die Variabilität und Modifizierbarkeit der mythischen Traditionen. Andererseits betont er, dass die Erzählungen trotz kritischer Stimmen, die aufgrund koexistierender Berichte im Kreis der intellektuellen Elite insbesondere im Zuge der Verschriftlichung und der Suche nach einer konsistenten Geschichte aufkamen, eine hohe Autorität in den Gemeinschaften besaßen und als deren frühe Geschichte betrachtet wurden. Gerade dieser ambivalente Charakter der Mythen ermöglichte ihre Verwendung im Sinne gegenwärtiger Realitäten und machte sie so zu gängigen Argumenten in der politischen Praxis.

Im Folgenden analysiert der Autor die literarischen Quellen und wendet sich dabei im dritten Kapitel der Bezugnahme auf Verwandtschaftsmythen in der Bündnispolitik zu. Durch die Diskussion der Beziehung von Xerxes und Argos bei Herodot sowie von Athen und Thrakien bei Thukydides zeigt er die Bedeutung auf, die Verweise auf gemeinsame Vorfahren bei Vertragsschlüssen (auch mit Nicht-Griechen) für die hellenische Seite besaßen. Dass diese Mechanismen auch von der Gegenpartei aufgegriffen wurden, dabei allerdings die hellenischen Genealogien als Grundlage gewählt werden mussten, offenbart der Blick auf die gescheiterten Versuche Jonathans, eine Verwandtschaft zwischen Juden und Spartanern über Abraham abzuleiten. Die Bedeutung von mythischen Bezügen in Territorialstreitigkeiten demonstriert der Autor im vierten Kapitel am Beispiel des Konflikts zwischen Athen und Megara um Salamis. Beide Gemeinwesen brachten Erzählungen vor, die ihre Ansprüche auf die Insel untermauern sollten, so in die Geschichte ihrer jeweiligen Gemeinschaft eingingen und teilweise auch darüber hinaus rezipiert wurden. Ähnliches galt in Sparta: Mittels der Verweise auf Herakles konnten hier sowohl Individuen als auch die gesamte Polis verschiedene Territorialansprüche oder auch Annexionen begründen. Im fünften Kapitel untersucht Patterson die Bedeutung von Verwandtschaftsmythen in der Politik Alexanders des Großen. Dieser griff als Personifikation des Staates ebenfalls auf „kinship-myths“ zurück und setzte sich so über mehrere für sich in Anspruch genommene Vorfahren mit verschiedenen griechischen Gemeinwesen in Beziehung, um Bündnisse zu schließen. Außerhalb des hellenischen Raumes verzichtete er allerdings weitgehend auf diese Praxis; eine Ausnahme bildet das Verhältnis zu Indien, das durch eine Verbindung über Dionysos abgesichert wurde. Diese Erzählung entstammte aber wahrscheinlich einer griechischen Perspektive.

In den nächsten Kapiteln wendet sich Patterson den epigraphischen Zeugnissen und damit auch der hellenistischen Zeit zu, in der die Zahl der Inschriften, die sich auf eine syngeneia als Grundlage eines Vertragsschlusses beziehen, stark anstieg. Patterson verweist im sechsten Kapitel zunächst auf epigraphische Hinweise zur konkreten Praxis der „kinship-diplomacy“ durch einen Rhapsoden vor Ort. Anschließend zeigt er anhand einer Inschrift aus Magnesia, wie lokale Heroen genealogisch mit der Figur des Hellen in Verbindung gesetzt wurden, um so eine Beziehung zu anderen Gemeinwesen herzustellen. Ebenso demonstriert er anhand eines epigraphischen Zeugnisses aus Xanthos, wie bekannte Geschichten manipuliert und so den aktuellen Bedürfnissen, in diesem Fall einem Hilfegesuch an Kytenion, angepasst werden konnten und dabei erfolgreich waren. Im siebten Kapitel wendet sich der Autor den vielen Inschriften aus hellenistischer Zeit zu, die Hinweise auf eine „kinship-diplomacy“ enthalten, die dahinter stehende verwandtschaftliche Beziehung aber nicht näher bestimmen, und versucht, diese durch einen Blick auf die von Pausanias gesammelten lokalen Erzählungen zu erhellen. Dabei wird deutlich, wie uneindeutig die mythischen Überlieferungen waren. So lassen sich etwa zwei verschiedene Personen namens Phokos identifizieren, die jeweils andere Ansprüche repräsentieren. Weitere Beispiele – etwa die Beziehung zwischen Tegea und Pergamon – demonstrieren, dass eigene lokale Traditionen durch Manipulationen mit denen anderer Gemeinwesen verbunden werden konnten, ohne dass die daraus resultierenden Widersprüche die Wirksamkeit beeinträchtigten. Anhand von Inschriften aus ionischen Poleis vollzieht Patterson überzeugend nach, wie sich die einzelnen Gemeinschaften – hier Milet, Samos und Priene – auf verschiedene Vorfahren und damit auch auf unterschiedliche Genealogien beziehen konnten, um bestimmte Bündnis- oder Vertragsschlüsse zu erreichen.

Gerade das letzte Kapitel offenbart, wie fruchtbar eine vergleichende Analyse der epigraphischen und literarischen Zeugnisse für das Verständnis der „kinship-diplomacy“ ist. Der Erfolg der Bezugnahme auf gemeinsame Vorfahren beruht so auf der hohen Bedeutung des Mythos innerhalb der Gemeinschaft und findet seinen Ausdruck in einer Vielzahl von Inschriften. Dabei waren die Variationen und Modifikationen der traditionellen Erzählungen, die häufig genealogisch an Hellen anschlossen, der Mehrzahl der Bevölkerung sicher nicht bewusst. Vielmehr macht Pattersons Studie deutlich, dass alle Mythen, die im griechischen Raum kursierten, in diesem Sinne zunächst einmal Konstrukte waren. Während sich einige aber als weniger erfolgreich oder lokal gebunden erwiesen und nur in den Inschriften oder vielleicht bei Pausanias begegnen, fanden andere Eingang in gesamtgriechische Diskurse und so auch in die historiographischen Werke.

Auch wenn man einige der von Patterson im Fazit vorgelegten Ergebnisse, etwa den Grund für die Verwendung und den Erfolg der Verwandtschaftsmythen primär in ihrer Fähigkeit zur Inklusion zu sehen, mit dem Autor diskutieren möchte, bietet seine Studie einen guten Überblick zum Phänomen der „kinship-diplomacy“. Trotz der oben erwähnten theoretischen und bibliographischen Mängel sei sie daher gerade aufgrund der fundierten Einzelanalysen und der umfangreichen Indices allen an dieser Thematik Interessierten empfohlen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. stellvertretend Lin Foxhall / Hans-Joachim Gehrke / Nino Luraghi (Hrsg.), Intentional History. Spinning Time in Ancient Greece, Stuttgart 2010; Jonas Grethlein, The Greeks and Their Past. Poetry, Oratory and History in the Fifth Century BCE, Cambridge 2010.
[2] Diesen Begriff etablierte Christopher Jones in seiner 1999 erschienen Monographie. Das Werk stellt zudem die letzte umfassende Untersuchung zu diesem Thema da, widmete sich dabei aber der gesamten Antike, vgl. Christopher P. Jones, Kinship Diplomacy in the Ancient World, Cambridge 1999.

Redaktion
Veröffentlicht am
05.09.2011
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