M. Lutz: Siemens im Sowjetgeschäft

Cover
Titel
Siemens im Sowjetgeschäft. Eine Institutionengeschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen 1917–1933


Autor(en)
Lutz, Martin
Reihe
Perspektiven der Wirtschaftsgeschichte 1
Erschienen
Stuttgart 2011: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
391 S.
Preis
€ 59,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Mick, Department of History, University of Warwick

Vor fünfundzwanzig Jahren hatte der Umbau der sowjetischen Wirtschaft und Gesellschaft gerade begonnen. Experten in aller Welt diskutierten, ob und wie Privatwirtschaft und sozialistische Planwirtschaft koexistieren können. Die Neue Ökonomische Politik der 1920er-Jahre wurde in dieser Phase zum beliebten Untersuchungsgegenstand, besonders nachdem Gorbačev sie ausdrücklich als Vorbild seiner Reformen gepriesen hatte. Die deutsche Wirtschaft hatte sich davor schon lange mit dem sowjetischen Außenhandelsmonopol abgefunden und sah sich nun mit ähnlichen Schwierigkeiten konfrontiert wie deutsche Firmen nach der Oktoberrevolution: Sie musste sich auf neue Rahmenbedingungen einstellen und die Möglichkeiten ausloten, die ihnen die neue Politik gab.

Dieser Anpassungsprozess ist Gegenstand dieses Buches. In seiner Konstanzer Dissertation untersucht Martin Lutz das Sowjetgeschäft der Firma Siemens zwischen der Russischen Revolution und dem Ende der Weimarer Republik. Die Arbeit in dieser Form zu schreiben, wäre vor 25 Jahren nicht möglich gewesen. Die sowjetische Sicht hätte nur aus zeitgenössischen Publikationen oder aus Aufsätzen sowjetischer Historiker rekonstruiert werden können. Lutz hat die neuen Möglichkeiten genutzt und nicht nur das Archiv der Firma Siemens, sondern auch Bestände des Russischen Staatlichen Wirtschaftsarchivs ausgewertet.

Studien zu den deutsch-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen der 1920er-Jahre konzentrieren sich meist auf deren staatliche Rahmenbedingungen oder auf Verbände wie den Russlandausschuss der Deutschen Wirtschaft.[1] Lutz gibt jetzt in seiner Fallstudie erstmals am Beispiel eines deutschen Unternehmens einen Einblick in den konkreten Ablauf dieser Beziehungen. Der Elektrokonzern Siemens hatte bereits vor dem Ersten Weltkrieg in Russland investiert und bemühte sich nach der Oktoberrevolution darum, an dieses Geschäft anzuknüpfen.

Im ersten Kapitel stellt Lutz ausführlich seinen theoretischen Rahmen vor. Als Ausgangspunkt dient ihm die Neue Institutionenökonomik, welche "die subjektive Handlungsrationalität von Akteuren berücksichtigt und die Wechselwirkung zwischen Akteuren und institutionellen Strukturen analytisch erfassbar macht" (S. 17). Lutz untersucht Siemens als transnationalen Akteur, der im Russlandgeschäft seine eigenen Ziele verfolgte. Er zeigt, dass Siemens' Aktivitäten in den 1920er-Jahren nicht in das Bild eines imperialistischen "Deutschen Drangs nach Osten" passen oder in der Kontinuität deutscher Kriegszielpolitik des Ersten Weltkrieges stehen. Die Siemens-Manager wollten Geld verdienen und akzeptierten nach einigem Hin und Her und firmeninternen Konflikten das Außenhandelsmonopol als Rahmenbedingung, auch wenn sie bis zum Beginn des ersten Fünfjahrplans darauf hofften, dass die Sowjetunion sich kapitalistisch entwickeln könnte.

Im zweiten Teil stellt Lutz die persönlichen Beziehungen zwischen Repräsentanten des Sowjetstaates und der Firma Siemens sowie die Geschäftsbeziehungen des Unternehmens mit sowjetischen Behörden und Unternehmen dar. Er untersucht, was beide Seiten motivierte, in Geschäftsbeziehungen zu treten, diskutiert die Probleme der Zusammenarbeit und präsentiert die Ergebnisse. Er zeigt, wie stark auch noch nach der Oktoberrevolution der Kontakt zwischen Siemens und den ehemaligen Fabriken und Mitarbeitern in Russland war. Diese Mitarbeiter wurden von Siemens über mehrere Jahre sogar finanziell unterstützt. Leider verfolgt Lutz diese Linie nicht weiter und man erfährt nicht, was aus den ehemaligen russischen Mitarbeitern während des Ersten Fünfjahrplans und während der Terrorjahre wurde, als jede Art von Auslandskontakten lebensgefährlich wurde.

In den Anfangsjahren war Leonid B. Krasin, der Volkskommissar für Außenhandel (1920-1924), wichtigster Akteur auf sowjetischer Seite. Er hatte vor dem Krieg für die russische Niederlassung von Siemens gearbeitet und knüpfte nach der Revolution an die Kontakte mit dem Stammhaus in Deutschland an. Krasin war ein überzeugter Bolschewik, genoss aber auch das Vertrauen des Siemens-Direktors Hermann Görz. Krasin informierte Görz in persönlichen Gesprächen über seine Sicht auf die weitere Entwicklung in Sowjetrussland bzw. der Sowjetunion und half bei der Anbahnung von Geschäftsbeziehungen. Lutz führt immer wieder das Beispiel Krasins an, wenn er die Bedeutung persönlicher Beziehungen und den Aufbau von Vertrauen als wichtige Faktoren in Wirtschaftsbeziehungen diskutiert. Selbst wenn – wie in diesem Fall – beide Akteure in ihren Weltanschauungen fundamental differierten, half dieses Vertrauenskapital bei der Anbahnung und Durchführung von Geschäften.

Siemens agierte durchweg sehr vorsichtig und versuchte größere Aufträge durch staatliche Ausfallbürgschaften abzusichern. Die Firma unterhielt ein Technisches Büro Ost, das sich seit 1926 ausschließlich um die Abwicklung des Sowjetuniongeschäfts kümmerte. Der Anteil dieses Büros am Gesamtumsatz von Siemens lag vor 1930 (mit Ausnahme des Finanzjahres 1927/28, als er 2,9 Prozent betrug) unter zwei Prozent. Größere Bedeutung gewann das Sowjetuniongeschäft aber während der Weltwirtschaftskrise, die mit dem Ersten Fünfjahrplan zusammenfiel. 1931/32 entfielen immerhin 6,5 Prozent des Umsatzes von Siemens auf das Technische Büro Ost.

Der dritte Teil der Studie wendet schließlich die Neue Institutionenökonomik auf die Geschäftsbeziehungen von Siemens mit sowjetischen Behörden an. Im ersten Kapitel geht es noch einmal um die Zielpräferenzen von Siemens, danach untersucht Lutz die Kommunikation mit anderen Akteuren einschließlich des Auswärtigen Amtes und der sowjetischen Handelsvertretung in Deutschland. Zum Schluss beschäftigt sich Lutz mit den Transaktionskosten und dem Wandel, dem die Zielpräferenzen von Siemens im Untersuchungszeitraum unterlagen.

Das Buch enthält zahlreiche neue Informationen über die deutsch-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen der 1920er-Jahre. Es ist bewundernswert, wie konsequent Lutz seinen Ansatz durchhält und anhand seines Fallbeispiels durchdekliniert. Die Frage ist allerdings, ob dies wirklich so viel Erkenntnisgewinn bringt, denn der Ansatz wurde entwickelt, um Wirtschaftsbeziehungen in Marktwirtschaften zu untersuchen. Die Anwendung auf die Wirtschaftsbeziehungen zur Sowjetunion wirkt manchmal etwas bemüht. Durch die Aufteilung in einen Übersichts- und einen Analyseteil kommt es zwangsläufig zu zahlreichen Wiederholungen. Lange Passagen mit umfangreichen Zitaten aus der theoretischen Literatur zur Institutionentheorie werden immer wieder eingestreut. Diese methodischen Ausführungen sind sicherlich für Politikwissenschaftler/innen und Soziologen/innen interessanter als für Historiker/innen, die allerdings damit getröstet werden, dass im darstellenden Teil viel Neues über die deutsch-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen gesagt wird. Abgerundet wird die Arbeit durch zahlreiche Abbildungen, Schaubilder und Tabellen sowie ein umfangreiches Register.

Anmerkung:
[1] Hans-Jürgen Perrey, Der Rußlandausschuß der Deutschen Wirtschaft. Die deutsch-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen der Zwischenkriegszeit. Ein Beitrag zur Geschichte des Ost-West-Handels, München 1985.

Redaktion
Veröffentlicht am
01.03.2012
Beiträger
Redaktionell betreut durch