M.J. Philipp: "Hitler ist tot, aber ich lebe noch"

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Titel
"Hitler ist tot, aber ich lebe noch". Zeitzeugenerinnerungen an den Nationalsozialismus


Autor(en)
Philipp, Marc J.
Erschienen
Berlin 2010: be.bra Verlag
Anzahl Seiten
577 S.
Preis
€ 49,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Linde Apel, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

Die Mainzer Dissertation von Marc J. Philipp basiert auf über 1.624 Interviews mit 1.435 Personen, die innerhalb der Redaktion Zeitgeschichte des ZDF für Produktionen des Senders entstanden sind und die nun einem Verein namens „Die Augen der Geschichte“ unter der Leitung von Guido Knopp zur Verfügung stehen. Es handelt sich um themenzentrierte, leitfadengestützte Interviews, die explizit nicht narrativ angelegt waren, damit die Fernsehredakteure nicht, wie Philipp erläutert, zu viele Informationen erhalten, „die für den Interviewer nicht von Interesse sind“ (S. 86). Ein methodisch heikles Verfahren – die Interviewer scheinen von vornherein gewusst zu haben, was für sie von Belang ist. Dies steht im Widerspruch zur Methode der Oral History, geht es dabei doch genau darum, eine vom Gesprächspartner nach dessen eigenen Relevanzkriterien gestaltete Erzählung zu erhalten. Aber mit Oral History hat das Buch wohl weniger zu tun, auch wenn sich der Autor in seinem Forschungsüberblick mit einigen geschichtswissenschaftlichen Arbeiten auseinandersetzt, die unter anderem auch Interviews als Quellen verwendet haben oder der Methode der Oral History verpflichtet waren. Bei etlichen hat er die zugrundegelegten Interviews durchgezählt (vgl. S. 18f., Fußnote 47), um sie anschließend für ihre geringe Anzahl und fehlende Repräsentativität zu kritisieren. Diese Argumentation liegt nahe, wenn, wie Philipp es tut, überwiegend quantitativ argumentiert wird – wofür gerade mündliche Quellen und der methodische Ansatz der Oral History nicht sonderlich gut geeignet sind.

Mit der Auswertung der von ZDF-Mitarbeitern geführten Interviews möchte Philipp „die Lücke zwischen der Demoskopie einerseits und einer exemplarischen Zusammenstellung individueller Erinnerungsberichte ohne jegliche Verallgemeinerbarkeit andererseits schließen helfen“ (S. 21). Bisher sei „nicht in hinreichendem Maße berücksichtigt [worden], wie der Nationalsozialismus von der Zeitzeugengeneration, die ihn tatsächlich erlebt hat, erinnert wird“ (S. 13). Hier deutet sich bereits an, dass die zentralen Begriffe „Zeitzeugen“, „Generation“ und „tatsächliches Erleben“ erstaunlich unreflektiert bleiben.

Das überbordende Material wurde inhaltsanalytisch erschlossen, wobei es sich um eine Mischung aus quantitativen und qualitativen Verfahren handelt. Dazu musste das Untersuchungsmaterial in gewisser Weise simplifiziert werden, um es freizuhalten „von störenden Nebeneffekten, wie semantischen Differenzierungen und Singularitäten oder sozialen Beziehungen, sowie allem, was sich zwischen den Zeilen abspielt“ (S. 106). In qualitativer Hinsicht wurde die Methode der Objektiven Hermeneutik zugrunde gelegt. Da diese angesichts des Umfangs der Interviews aber einen „nicht mehr zu bewältigend[en] Aufwand“ bedeutet hätte (S. 107), wurden lediglich jene Interviews qualitativ ausgewertet, die den quantitativ erhobenen Kategorien entsprachen. Es wurde also eine Auswahl vorgenommen, deren Kriterien mir jedoch nicht ganz klar geworden sind, ebenso wie die Grundannahme der Empirie. „Empirisch bedeutet, dass das auszuwertende Material, im vorliegenden Fall Zeitzeugeninterviews, die tatsächlichen Gegebenheiten exakt abbildet.“ (S. 105) Um welche „tatsächlichen Gegebenheiten“ handelt es sich hier? Dies bleibt leider offen. Ausgewertet wurden die Interviews nach den Oberbegriffen „Personen“, „Ereignisse“ und „Erfahrungen“. Hin und wieder wird aus den Interviews zitiert. Man erfährt häufig nicht, wer spricht, ob es sich um Mann oder Frau handelt, zu welcher Altersgruppe die Befragten gehören, ob sie aus eigener Anschauung sprechen oder Angelesenes, Gehörtes oder Sonstiges aus dritter Hand berichten.

Problematisch und nicht überzeugend an Philipps Ansatz ist besonders, dass er den Anspruch auf Repräsentativität seiner Quellen über alles stellt. Diesen Anspruch müsste er eigentlich schnell einschränken, da heute kein als repräsentativ geltender Bevölkerungsdurchschnitt, der den Nationalsozialismus erlebt hat, mehr am Leben ist. Zweitens drängt sich dabei die Frage auf, welche Konsequenzen dieses Argument für die Geschichtswissenschaft haben könnte, würde man es ernsthaft auf andere Themen und Bereiche ausdehnen. Denn für die Geschichtsschreibung insgesamt ist ja charakteristisch, dass Quellen letztlich nie in repräsentativer Auswahl zur Verfügung stehen.[1] Philipp gesteht ein, dass auch seine Arbeit die Kriterien sozialwissenschaftlicher Repräsentativität nicht erfüllt, weil „die Zeitzeugen nicht nach statistischen Normen, sondern nach ihrer Fernsehtauglichkeit ausgesucht“ worden seien (S. 90). Er begründet die Verwendung dieser Quellen damit, dass es ihm nicht um exakte quantitative Befunde gegangen sei, sondern darum, „ein qualitatives Erinnerungsbild zu zeichnen, das verschiedene Einzelschilderungen zu einem Mosaik zusammenfügt“ (S. 90). Und schließlich argumentiert er – etwas überraschend – damit, dass die Aussagen trotz der Nichtrepräsentativität eine hohe Aussagekraft besäßen, weil das Sample sozial heterogen sei und die geäußerten Einstellungen „in ihrer grundlegenden Tendenz mit demoskopischen Erhebungen des Allensbacher Instituts für Demoskopie übereinstimmen“ (ebd.).

Alle, die selbst einmal Interviews geführt und sie für eine wissenschaftliche Arbeit ausgewertet haben, wissen, dass es sich dabei um ein zeitlich und inhaltlich sehr anspruchsvolles Verfahren handelt. Dies ist häufig der Grund, weswegen Historikerinnen und Historiker auf Interviews lieber verzichten oder sich auf wenige, exemplarische Gespräche beschränken. Die Quellenbasis lag in diesem Fall aber bereits vor, und wie im Buch häufig erwähnt wird, bestand sie aus knapp 40.000 Manuskriptseiten. Um wie viele Interviewstunden es sich handelt, hat sich mir nicht erschlossen. Es gibt auch keine Angaben darüber, wie lang die einzelnen Interviews waren. Im Anhang findet sich lediglich eine Liste mit den Nummern der Interviews sowie dem Reihen- und Sendetitel des Fernsehbeitrags und der Angabe des Jahres, in dem das Interview geführt, oder vielleicht genauer: der Film gedreht wurde. Charakterisiert werden die Quellen also vor allem durch ihren unmittelbaren Entstehungs- und Verwendungskontext, die Fernsehtauglichkeit. Leider hat der Autor davon abgesehen, dieses grundlegende Kriterium zu problematisieren oder in seine Analyse einzubeziehen. Da es seit längerem en vogue ist, Personen als „Zeitzeugen“ zu bezeichnen und ihre Aussagen audiovisuell aufzuzeichnen, wäre es anregend und methodisch notwendig gewesen, dieses besondere Quellenformat kritisch zu würdigen[2]: Warum gibt es solche Quellen überhaupt, und wie wirken sich die Produktions- und Distributionsbedingungen auf die Erzählinhalte aus?

Marc J. Philipps Dissertation ist ein Versuch, mit für das Fernsehen gedrehten Massenquellen wissenschaftlich umzugehen. Der Autor folgt der populären Annahme, dass mündliche Aussagen von zu „Zeitzeugen“ geadelten Personen per se wertvoll und aussagekräftig seien.[3] Die Lücken dieses Ansatzes werden sehr deutlich. Von Oral History sollte man besser nur dann sprechen, wenn zumindest die Interviews so erhoben wurden, dass es dieser anspruchsvollen Methode gerecht wird. Audiovisuelle Quellen bedürfen einer umfangreichen Deutung, bei der auch ihre Materialität und ihr Entstehungskontext einzubeziehen sind. Dies leistet das vorliegende Buch nicht.

Anmerkungen:
[1] Siehe z.B. den klassischen Aufsatz von Arnold Esch, Überlieferungs-Chance und Überlieferungs-Zufall als methodisches Problem des Historikers, in: Historische Zeitschrift 240 (1985), S. 529-570.
[2] Vgl. etwa die Dissertation von Judith Keilbach, Geschichtsbilder und Zeitzeugen. Zur Darstellung des Nationalsozialismus im bundesdeutschen Fernsehen, Münster 2008 (rezensiert von Frank Bösch, in H-Soz-u-Kult 17.4.2009: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-2-041> [16.11.2011]).
[3] Vgl. dazu exemplarisch die „Videobotschaft“ von Christian Wulff: „Das ist ein Projekt von nationalem Rang.“ Siehe <http://www.gedaechtnis-der-nation.de> (16.11.2011).

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Veröffentlicht am
13.12.2011
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