W. Kühlmann (Hrsg.): Reuchlins Freunde und Gegner

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Titel
Reuchlins Freunde und Gegner. Kommunikative Konstellationen eines frühneuzeitlichen Medienereignisses


Herausgeber
Kühlmann, Wilhelm
Reihe
Pforzheimer Reuchlinschriften Bd. 12
Erschienen
Tübingen 2010: Jan Thorbecke Verlag
Anzahl Seiten
283 S.
Preis
€ 29,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tilman Moritz, Historisches Institut, Universität Paderborn

Kommunal geförderte Forschung ist keineswegs selbstverständlich. Umso beachtlicher sind daher die fortgesetzten Bemühungen der Stadt Pforzheim um die wissenschaftliche Erschließung von Leben und Werk ihres „berühmtesten Sohnes“[1], des Humanisten Johannes Reuchlin. Eine Institution dieses Bemühens, die Pforzheimer Reuchlin-Forschungsstelle, fand leider 2007 ihr Ende, immerhin nachdem eines der wesentlichen Projekte, die kritische Neuedition der Korrespondenzen Reuchlins, zum Abschluss gebracht werden konnte.[2]

Insofern handelt es sich bei dem anzuzeigenden Band, der in schönem Format Beiträge des im Juni 2008 abgehaltenen 7. Pforzheimer Reuchlin-Kongresses versammelt, auch um ein Vermächtnis. Gewissermaßen als dessen Sachwalter fungiert hier der Herausgeber Wilhelm Kühlmann. Somit ist die Stoßrichtung der Publikation klar: Es geht um den Blick nach vorn. Schon die titelgebenden Begriffe der „kommunikativen Konstellationen“ und des „Medienereignisses“ lassen an Konzepte der Netzwerk- und Systemtheorie sowie der Kommunikations- bzw. Mediengeschichte denken, verweisen also auf durchaus aktuelle Forschungstrends. Im Anschluss daran detailliert das Vorwort in einer dichten Folge stichwortartig formulierte Fragestellungen. Hiermit sind weitreichende Bezüge angedeutet, ist ein größeres Potential umrissen.

In diesem Erwartungshorizont bewegen sich die insgesamt zwölf Beiträge. Die Aufsätze erscheinen in der Reihenfolge des Tagungsprogramms, auf eine Neustrukturierung durch Überschriften wird verzichtet. Die vom Herausgeber angebotenen Kategorien der „denkgeschichtlichen Filiationen“, der „diverse[n] Formen, auch Werkgruppen und Einzelpublikationen jener […] ‚Streitkultur’“ sowie der „intellektuellen Porträts namhafter Zeitgenossen“ (S. 7) – zu übersetzen in Diskurse, Medien und biographische Abrisse – sind als Leitmotive freilich weit gefasst. Gleichwohl mag sich darin die Absicht ausdrücken, der Forschung ein breit angelegtes Arbeitsfeld vorzustellen.

Erfreulicherweise führt Kühlmann in einem eigenen Beitrag vor, wie der Umgang mit den so eröffneten Möglichkeiten aussehen kann. Aus Rezensentensicht handelt es sich nicht zuletzt deshalb um einen der aufschlussreichsten und interessantesten Texte der Sammlung. Gegenstand ist der „Triumphus Capnionis“, ein 1514 erschienenes Druckwerk, das den erwarteten Sieg Reuchlins und seiner Parteigänger im „Bücherstreit“ feiert. Es vereint Prosa und Lyrik, Text und Bild in enger Bezugnahme aufeinander, stellt also einen regelrechten Medienverbund dar. Die Untersuchung beleuchtet Darstellungstraditionen, analysiert mit philologischer Genauigkeit Struktur sowie Inhalte der Texte und lotet die Wirkungsabsichten des anonymen, doch wohl mit Ulrich von Hutten zu identifizierenden Urhebers aus. Die konzentrierte, quellennah argumentierende Fallstudie zeigt nicht nur, wie die Auseinandersetzungen um den Umgang mit jüdischen Schriften sich zu einem tatsächlichen Medienereignis auswachsen konnten. Sie zeigt auch, wie der Streit – nicht zuletzt durch Reuchlins Zutun – publizistisch ausgeschlachtet und für andere Zwecke, konkret: die humanistische Positionierung gegenüber römischer Dogmatik instrumentalisiert wurde. Und darin erweist die Studie schließlich auch die Stärken eines qualitativen Ansatzes.

Von zumindest ähnlichem Zuschnitt sind die Beiträge von Tino Licht und Reimund Leicht: Mit den „Epistolae obscurorum virorum“ behandelt Licht das wahrscheinlich bekannteste Produkt des publizistischen Schlagabtauschs zwischen den Parteigängern und Gegnern Reuchlins. Angesichts dieser Bedeutung gerät die Engführung auf einen einzelnen Brief bzw. die darin enthaltenen Spott-Epitaphien etwas kleinteilig – zumal als Autor noch einmal Ulrich von Hutten erscheint. Doch unterstreicht der Beitrag, wie sich die mediale Orchestrierung der Auseinandersetzungen in ungekannter Weise verschärfte und zugleich verselbständigte. In gewisser Weise eine Hinführung darauf bietet Reimund Leicht. Seine Erörterung der Positionen im „Bücherstreit“ auf Basis der Gutachten, Mandate und weiterer Schriften, die den offenen Konflikt in Johannes Pfefferkorns „Handt Spiegel“ (1511) und Reuchlins „Augenspiegel“ (1512) vorbereiteten, verdeutlicht, dass die Kontrahenten unter den „Büchern der Juden“ jeweils etwas ganz anderes verstanden und sich deshalb „selbst in ihrem Dissens nicht trafen“ (S. 68). Die Entwicklung von Eigendynamiken des Streits war absehbar.

Ergänzend führt Matthias Dall’Asta in seinem Überblick zur Disputationsliteratur, die schließlich den Streit befeuerte, vor Augen, dass gerade die Träger der Diskussion zwar dialogisch argumentierten, an einem intellektuellen Austausch mit der Gegenseite aber wenig Interesse zeigten – von einer selbständigen, unmittelbaren Beteiligung der Juden ganz zu schweigen. Immerhin, das weite Spektrum an Beiträgern und Rezipienten mag in der Tat zum „Aufweichen überkommener mittelalterlicher Denkschemata zum Verhältnis von Juden und Christen einerseits und Laien und Klerikern andererseits“ (S. 43) beigetragen haben. Für jene Neubestimmung aber wäre ein Akzent auf die mediale Aktivierung von Laien, verstanden als Nichtgeistlichen wie Nicht-Experten, zu setzen. Letztlich scheint die inhaltliche Auseinandersetzung mit jüdischen Schriften Teil einer Expertenkultur geblieben zu sein. Das unterstreichen die Aufschlüsselung der komplexen Argumentationsstrategien in Reuchlins „Liber de verbo mirifico“ durch Maximilian Bergengruen ebenso wie die quellengesättigten Diskursanalysen zu Parallelschauplätzen, auf denen Paulus Ricius (Bernd Roling) und Pietro Galatino (Saverio Campanini) für die Möglichkeit einer christlichen Auslegung der Kabbala stritten.

Gerade in der Zusammenschau mit den übrigen, vornehmlich personengeschichtlich ausgerichteten Beiträgen fällt auf, dass Abhandlungen über theologisch-mystische Texte des Judentums zwar einen humanistischen Leserkreis erreichten. Zu eigener Beschäftigung mit diesen Texten aber regten sie offensichtlich selten an. Umso bemerkenswerter ist das Beispiel des Benediktinermönchs Nikolaus Ellenbog, vorgestellt von Helmut Zäh. Mit dem Impetus des Dilettanten bemühte Ellenbog sich an mehreren Stellen, unter anderem bei Reuchlin selbst, um Unterstützung für seine Hebräischstudien. Der weitgehend auf das Kloster begrenzte Wirkungsbereich, die Tatsache also, dass der Mönch „[a]ls Gegenleistung […] nur seine unbedingte Loyalität bieten“ (S. 276) konnte, machte ihn zu einem unattraktiven Gewährsmann. Am Kontakt zu Männern wie Willibald Pirckheimer oder auch Mutianus Rufus, deren Vernetzungen Gerald Dörner und Fidel Rädle aus den Quellen referieren, musste Reuchlin auf der Suche nach Kommunikatoren und Multiplikatoren seines Anliegens ungleich mehr gelegen sein.

Das verweist auf zweierlei: Zum einen war die Fraktion der Humanisten keineswegs geschlossen. Humanistische Interessen allein waren nicht hinreichend, um in diesen Kreis aufgenommen zu werden, ebenso wenig wie es im konkreten Fall eine einzige Stoßrichtung gab, der alle Humanisten verpflichtet waren. Zum anderen bietet der „Bücherstreit“ eine viel deutlichere Folie für die Reformation als es der Abriss, in dem Barbara Mahlmann-Bauer die von Reuchlin gesuchte Identifikation mit dem geduldigen Kirchenreformer Athanasius herausarbeitet, erfassen kann. Zwar schätzte Reuchlin Umfang und Art des Echos, das er hervorrufen wollte, vielleicht falsch ein; als Labor des gezielten Medieneinsatzes aber hatte der Streit eine neue, letztlich wegweisende Qualität.

Hier zeichnet sich die eigentliche Schwäche des Bandes ab. Viele Beiträge sind konventionellen Begriffsbildungen, Perspektivierungen und Methoden verhaftet, die auch dann nicht kritisch reflektiert werden, wenn man an ihre Grenzen stößt. So bleibt zum Beispiel fraglich, ob der Öffentlichkeitsbegriff Habermasschen Zuschnitts, wie ihn Jan-Dirk Müller in seinem Eröffnungsbeitrag allem Folgenden voranstellt, Adressatenkreise und Publikum des frühneuzeitlichen „Bücherstreits“ angemessen beschreibt. Ebenso hätte eine Erörterung verdient, was eigentlich unter jenen „Medien“, insbesondere hinsichtlich ihrer Materialität und Pragmatik, zu verstehen ist, die das „Ereignis“ – und zugleich seine „Öffentlichkeit“ – überhaupt erst zu konstituieren scheinen. Schließlich bleibt auf der Ebene „kommunikativer Konstellationen“ unklar, was diese, – jenseits bloßer Verbindungslinien zwischen Ideen und Personen, – bedeuteten und wie sich das Wechselspiel mit den zwar titelgebenden, aber hier deutlich unterrepräsentierten Gegnern Reuchlins gestaltete.

Ansätze zur Beantwortung solcher Fragen finden sich freilich, dank der präsentierten und zum Teil umfänglich zitierten Materialfülle, in allen Beiträgen. Insofern erfüllt sich die mögliche Bestimmung des Bandes, das von der Forschungsstelle Zusammengetragene einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung weiter und vielleicht auch wieder relevant zu machen. Es gibt noch viel zu tun.

Anmerkungen:
[1] Vgl. die Formulierung auf der Onlinepräsenz der Stadt: <http://www.pforzheim.de/kultur-bildung/geschichte/johannes-reuchlin.html> (03.04.2012).
[2] Johannes Reuchlin, Briefwechsel, bearb. v. Matthias Dall’Asta / Gerald Dörner, 3 Bde., Stuttgart 1999-2007. Anders als von Wilhelm Kühlmann angegeben (S. 7) wird ein ursprünglich angekündigter vierter Band nun erst 2012 erscheinen.

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13.04.2012
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