J. Scholz: Landschulreform und Elementarlehrerbildung

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Titel
"Die Lehrer leuchten wie die hellen Sterne". Landschulreform und Elementarlehrerbildung in Brandenburg-Preußen


Autor(en)
Scholz, Joachim
Erschienen
Bremen 2011: Edition Lumière
Anzahl Seiten
266 S.
Preis
€ 39,80
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Esther Berner, Institut für Gymnasial- und Berufspädagogik, Universität Zürich

Die Institutionalisierung der Volksschule im 19. Jahrhundert stellt ein bereits gut bearbeitetes Feld der historischen Bildungsforschung dar, das gilt insbesondere für Preußen in der Reformära. Über die Frage, welche Instanzen und Akteure, Initiativen und Prozesse auf welcher Ebene des ‚Systems’ Impuls gebend waren und es deshalb verdienen, in die ‚Erzählung’ aufgenommen zu werden, lässt sich aber dennoch weiterhin diskutieren.[1] Joachim Scholz rührt mit der vorliegenden Dissertation an diese Frage und belegt seine Ergebnisse mit umfassenden Archivstudien. Bezugspunkt seiner Untersuchung sind die Schulreformen in der Kurmark Brandenburg mit Fokus auf die Aktivitäten im Bereich der Elementarlehrerbildung in den Jahren nach 1808 bis zur Restauration. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der Initiierung von Schullehrerkonferenzen durch den Prediger und Verwaltungsbeamten Ludwig Natorp (1774-1846), die, wie es Scholz darzustellen gelingt, tatsächlich mehr als eine nur ephemere Erscheinung in der Geschichte der Professionalisierung der Elementarlehrer darstellen.

Folgende Thesen motivieren die regionalgeschichtliche Darstellung: In Abgrenzung zu Forschungsergebnissen, die den preußischen Unterrichtsreformen unter Wilhelm von Humboldt einen maßgeblichen Einfluss auf das Niedere Schulwesen absprechen, gibt es durchaus Hinweise darauf, dass die staatlichen Impulse innovativ wirkten. Scholz verweist dabei auf die (erfolgreiche) Strategie, pädagogisch engagierte und erfahrene Geistliche als Beamte innerhalb der Schulorganisation zu rekrutieren, die auf Humboldt zurückgeht. Damit verbindet sich die zweite These, dass den ‚Kirchenmännern’ in dieser frühen Phase der Entstehung der staatlichen Volksschule eine bzw. die zentrale Rolle als Akteure der Schulentwicklung auf Provinz- wie lokaler Ebene zukam. Die staatliche Reformpolitik und ihre Verwaltung konnten nach 1808 auf diesen Typus des volkserzieherisch interessierten (Land-)Pfarrers, wie er sich bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu konstituieren begann, zurückgreifen.

Scholz beginnt seine Argumentation im Anschluss an die Einleitung mit einer Skizze der Situation des Niederen Schulwesens in Brandenburg-Preußen vor der Staatsreform (Kapitel 2). Demnach behielten die Schulen auf dem Land bis weit ins 18. Jahrhundert ihren geringen Stellenwert. Erst kurz vor der Jahrhundertwende zeichneten sich (staatliche) Schulreformen ab, welche dann nach dem politischen Umbruch unter neuen Vorzeichen Programm wurden. Zwar übernahm Humboldt die Leitung der Sektion für den Kultus und öffentlichen Unterricht 1809 erst, nachdem einige Richtungsentscheide bereits durch den Interimschef Nicolovius getroffen worden waren; dennoch, so hebt Scholz hervor, blieb es Humboldt überlassen, eigene Reformakzente zu setzen. Vor dem Hintergrund seines Planes, schulpraktisch erfahrene und mit den Realitäten vor Ort vertraute Schulmänner in die Verwaltung einzubinden, steht denn auch die Wahl des westfälischen Pfarrers Ludwig Natorp zum beratenden Mitglied der Sektion. Gleichzeitig sollte Natorp als Mitglied der Schuldeputation der Kurmark eine wichtige Scharnierfunktion auf der mittleren Verwaltungsebene einnehmen. Die Rolle Natorps im Reformprozess wurde durch einen weiteren Entscheid Humboldts besiegelt: Dieser war sich der Schwierigkeit, zentrale politische Entscheide auf lokaler Ebene durchzusetzen, bewusst und schlug den Weg über die Musterprovinz ein; die Wahl fiel auf die Kurmark Brandenburg.

Dem Wirken Natorps in der Kurmark Brandenburg und seiner Biografie ist das umfangreichere dritte Kapitel gewidmet. Es zeigt den Protagonisten als klassische Figur des aufgeklärten Predigers, Schulmannes und Verwaltungsbeamten. Natorp war bestens informiert über laufende pädagogische Reformbestrebungen (Pestalozzi, Rochow, Zeller) und griff in typisch eklektischer Manier auf das Wissen und die Erfahrungen seiner Zeit zurück. Noch während des Studiums machte sich sein pädagogisches Interesse bemerkbar, das in die Einsicht mündete, die Lehrerbildung müsse der Ausgangspunkt jeder Schulreform sein. Mit ausschlaggebend für sein pragmatisches Programm einer hauptsächlich von Geistlichen getragenen Lehrerbildung waren die Eindrücke, die er während ausgedehnter Inspektionsreisen durch die Kurmark gesammelt hatte.

Das vierte Kapitel kann als das zentrale bezeichnet werden. Es ist der empirischen Untersuchung der Schullehrerkonferenzen und anderer von Pfarrern initiierten vorseminaristischen Lehrerbildungseinrichtungen gewidmet. Schullehrerkonferenzen bezeichnen die regelmäßige Zusammenkunft von Lehrern unter der Leitung eines Pfarrers, bei denen pädagogische Gegenstände und Methoden theoretisch und zum Teil praktisch behandelt wurden. Dabei lässt sich mit Scholz zweierlei vorausschicken: Den Schullehrerkonferenzen vergleichbare Einrichtungen können bereits für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts nachgewiesen werden; hinzu kommt, dass die Grenzen zwischen Lesezirkeln, Kursen und Konferenzgesellschaften fließend sind. Typisch für sämtliche Formen ist, dass es sich – entgegen älteren Darstellungen – um von Pfarrern, und nicht von Lehrern ins Leben gerufene Einrichtungen handelte. Der Weg bis zur Herausbildung eines Lehrerstandes mit dem dazugehörigen Berufsverständnis zog sich bekanntlich noch einige Jahrzehnte hin.

Für die untersuchten Lehrerbildungseinrichtungen dürfte die Asymmetrie, die dem Pfarrer-Lehrer-Verhältnis zugrunde lag, prägend gewesen sein – und sie verweist auf eine umfassende strukturelle Problemlage: Erstens ging der Wunsch nach Professionalisierung nicht in erster Linie von den Lehrkräften selber aus; zweitens fehlten die Mittel, um eine berufsständische Lehrerschaft angemessen zu entschädigen. Daraus folgte, drittens, dass sich die Gratifikation des erwarteten professionellen Engagements vor allem auf symbolische Angebote beschränken musste. Dazu gehörte die Betonung des besonderen Wertes der Lehrertätigkeit, eine ideelle Statuserhöhung also, die sich schließlich auf Seiten der Pfarrer auch im Anerbieten eines vermehrt kollegialen statt hierarchisch geprägten Umgangs zeigte. Interessante Einblicke unter anderem in diese Problemlage gibt das aus einer Diözese überlieferte Gesellschaftsbuch, das in verschiedenen Einträgen von beteiligten Lehrpersonen den Professionalisierungsprozess aus deren Binnenperspektive wiedergibt.

Natorp war, so lässt sich mit Scholz folgern, die treibende Kraft der Lehrerbildungsinitiative der Kurmark. Und betrachtet man die Reichweite des Konzepts, die Zahl der unterwiesenen Lehrer, so kann man es als durchaus erfolgreich bezeichnen. Bis 1815 hatten wohl mehr als die Hälfte der Schullehrer der Provinz Anleitung erhalten. Mit der Restauration und der Gründung des Potsdamer Lehrerseminars (1817) zerfiel das dezentrale Lehrerbildungsnetz wieder, behielt jedoch eine gewisse Vorbildfunktion für später bzw. andernorts vorfindliche Formen vorseminaristischer Lehrer(weiter)bildung.

Wie Scholz zeigt, war Natorp offenbar darum bemüht, die Schulreform und besonders die Lehrerbildung als eine Initiative ‚von unten’ darzustellen. Dies verschleiert allerdings die tatsächliche Bedeutung der behördlichen Regie und damit auch von Natorps Beamtenfunktion(en). Die über die Zirkulation pädagogischer Schriften, Reisen, Kurse und Schullehrerkonferenzen initiierte Netzwerkbildung wäre ohne die neuen Verwaltungsstrukturen und andere vom Staat bereit gestellte Ressourcen nicht zustande gekommen. Zugleich zeigen sich die Grenzen staatlicher Schulpolitik deutlich im fünften Kapitel, das auf knappem Raum und eher kursorisch die gleichzeitig laufenden schulorganisatorischen Reformen behandelt. Einschränkend wirkten vor allem die materiellen Bedingungen auf Seiten des Staates und der adressierten Bevölkerungsschichten (Schulgeldfrage und Schulbesuchsquote) sowie mentale Voraussetzungen, die einem nur langsamen Wandel unterworfenen waren.

Das Buch von Joachim Scholz versorgt die Leserin bzw. den Leser mit einer Menge historisch interessanter und relevanter Informationen hinsichtlich der frühen Phase der Institutionalisierung der Lehrerbildung. Die Rolle, die ausgerechnet den Pfarrern in diesem als Modernisierung zu fassenden Prozess zukam, kann nicht genügend betont werden und verdient die weitere sozialhistorische Erforschung. In der vorliegenden Studie geht es aber über weite Strecken nicht um ‚die’ Pfarrer, sondern um Natorp und sein siebenjähriges Wirken in der preußischen Verwaltungshierarchie. Diese stattete ihn mit außerordentlichen Kompetenzen und Ressourcen aus und macht ihn (und die Provinz Kurmark) eher zum Spezial- denn zum exemplarischen Fall. Die Studie selber oszilliert zuweilen zwischen beiden Positionen sowie zwischen einem im engeren Sinn sozialhistorischen und einem an der Person Natorps orienterten Zugriff auf das Thema und das Material.

Anmerkung:
[1] Vgl. z.B. Wolfgang Neugebauer, Bildungsreformen vor Wilhelm von Humboldt. Am Beispiel der Mark Brandenburg, in: Eckart Henning / Wolfgang Neugebauer (Hrsg.), Dona Brandenburgica. Festschrift für Werner Vogel zum 60. Geburtstag, Berlin 1990, S. 226-249; Reinhart Siegert, Die „Volkslehrer“. Zur Trägerschicht aufklärerischer Privatinitiative und ihren Medien, in: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 1 (1999), S. 62-86; Heinz-Elmar Tenorth, Schulmänner, Volkslehrer und Unterrichtsbeamte: Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg, Friedrich Wilhelm Dörpfeld, Friedrich Dittes, in: Ders. (Hrsg.), Klassiker der Pädagogik, Bd. 1, München 2003, S. 224-245.

Redaktion
Veröffentlicht am
10.01.2012
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/
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