C. Schröer: Republik im Experiment

Cover
Titel
Republik im Experiment. Symbolische Politik im revolutionären Frankreich (1792–1799)


Autor(en)
Schröer, Christina
Reihe
Symbolische Kommunikation in der Vormoderne
Erschienen
Köln 2014: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
763 S.
Preis
€ 89,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Susanne Lachenicht, Universität Bayreuth

Um die Französische Revolution ist es in der deutschen historischen Forschung im letzten Jahrzehnt ruhig geworden. Viel zu ruhig, möchte man meinen, ist doch die Französische Revolution immer auch ein Arbeitsfeld gewesen, von dem aus vergleichende Protest- und Revolutionsforschung betrieben wurde. Trotz historischer Spezifität, trotz der Tatsache, dass vergangene Ereignisse und Prozesse sowie Erkenntnisse über mögliche Ursachen und Funktionsweisen nicht auf die Jetztzeit übertragbar sind, ist eine Beschäftigung mit früheren Revolutionen für eine kritische und differenzierte Reflexion gegenwärtiger Umbrüche notwendig – nicht zuletzt wegen der bewussten oder unbewussten Konstruktionen von Geschichte durch heutige Akteure sowie der tradierten und transformierten Symbolsprachen und Memorialkulturen mit ihren Wirkungen auf aktuelles politisches Handeln.

Christina Schröers Dissertation „Republik im Experiment. Symbolische Politik im revolutionären Frankreich (1792–1799)“, die im Münsteraner Sonderforschungsbereich 496 „Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution“ entstand, bietet einen willkommenen Beitrag zu einem Thema, das in der Forschung zur Französischen Revolution freilich alles andere als neu ist. Zu symbolischem Handeln in der Französischen Revolution und zu einer Kulturgeschichte des Politischen erschienen vor allem seit den 1980er-Jahren einschlägige Studien zum revolutionären Fest (Mona Ozouf, Roger Chartier), zur Symbolik der Bastille (Hans-Jürgen Lüsebrink, Rolf Reichardt) oder auch zum republikanischen Kalender (Bronislaw Baczko). Zu nennen wären hier ebenso die Arbeiten von François Furet, Michel Vovelle, Lynn Hunt, Hans-Ulrich Thamer – der die vorliegende Studie mit betreut hat – oder von Annie Jourdan. Schröer baut auf diesem Forschungsstand auf und wendet Theorien und Instrumentarien des SFB 496 auf ein Sujet an, das man geradezu als klassisch für eine solche Analyse bezeichnen könnte. Hervorzuheben ist, dass die Untersuchung mit der Prämisse von der Französischen Revolution als einer Kulturrevolution bzw. mit einer kulturwissenschaftlichen Perspektive auf das Revolutionsjahrzehnt den internationalen Forschungsstand konsequent aufarbeitet. Positiv ist auch, dass Schröer eingangs zunächst ihre begrifflichen Konzepte – unter anderem das der „symbolischen Politik“ – klar erläutert.

Auf eine lange Einleitung folgen drei Hauptkapitel: (1) die Darstellung revolutionärer Prinzipien und Institutionen unter anderem in den Bereichen Hoheitszeichen, Architektur und Festkult; (2) „Gesellschaft als Projekt“, in dem es um die Erziehung des Staatsbürgers mittels Riten, Festen, Geschichtspolitik, Religion und Kalender geht; und (3) „Gegenmacht als Erfahrung“, das sich mit „Kommunikations- und Aktionsformen von gesellschaftlichen Bewegungen zwischen ‚Reaktion‘ und ‚Opposition‘“ befasst. Die einzelnen Kapitel weisen manche Überschneidungen und damit auch Redundanzen auf, beispielsweise bei den Passagen über revolutionäre Festkultur, die zwar zum Teil der gewählten Struktur der Arbeit geschuldet sind, wo sich der Leser aber etwas mehr Stringenz bzw. Verweise auf das bereits in vorangegangenen Kapiteln Dargelegte gewünscht hätte (siehe u.a. Kapitel 2.2.2, 2.4, 3.4, 3.5).

Liest man die Kapitel vor dem Hintergrund der existierenden Forschung zur symbolischen Politik der Französischen Revolution, so lässt sich zweierlei konstatieren: Schröers Buch bietet zunächst eine gelungene Synthese der Forschung zu mehreren Teilgebieten symbolischer Politik, erweitert und ergänzt durch eigene Arbeiten, die Periodika, administratives Schriftgut, Memoiren und Werke der bildenden Kunst als Quellen nutzen. Wo allerdings auf schon Bekanntes zugegriffen wird und wo das Eigenständige, Innovative anfängt, hätte man sich verschiedentlich – und vor allem in den Ergebnissen – klarer markiert gewünscht. Eigenständiges und Innovatives sind in der Arbeit durchaus vorhanden, beispielsweise in der konsequenten Verbindung von politikgeschichtlichen und kulturwissenschaftlichen Paradigmen und Methoden. Inwieweit diese einen anderen, neuen Blick auf den Untersuchungsgegenstand ermöglichen – dazu hätte man mehr Explizites lesen wollen. Was auf den Seiten 639 bis 661 als Resultate zu den Bereichen „Symbolpolitik als Instrument politischen Durchsetzungswillens“ und „Funktionswandel politischer Symbole und Rituale“ präsentiert wird, ist für den/die Kenner/in allerdings nichts wirklich Neues. Hier wäre es notwendig gewesen, dass die Autorin klar darlegt, was ihre Studie an Neuem für das Forschungsfeld bietet, dies gerade auch bei den Punkten 1 bis 9 (S. 652–655), wenn es um die Frage des Bruchs zwischen „Herrschaftsritualen der Vormoderne und den politischen Inszenierungen der beginnenden Moderne“ geht. Der Bruch, den die Revolutionszeit auf der Ebene der politischen Kultur darstellte, ist gerade von der französischen Forschung der letzten Jahrzehnte, unter anderem bei Michel Vovelle, immer wieder Thema gewesen. Ähnliches gilt für die Frage der „Einheit“ bzw. „Integration“ des republikanischen Elements zwischen 1792 und1799: Auch hier gibt es neuere und neueste Studien, die in Opposition zu den marxistischen und revisionistischen Schulen Kontinuität belegen, unter anderem die von der Autorin erwähnten französischen Kollegen Bernard Gainot und Pierre Serna. Bestätigt und verstärkt die Arbeit also nur jüngere Forschungsergebnisse, wie sie in den letzten drei Jahrzehnten in Frankreich, Großbritannien, den USA und in Deutschland (u.a. Rolf Reichardt, Hans-Jürgen Lüsebrink) bereits erbracht wurden? Dieser Eindruck entsteht leider immer wieder. Man hätte vielleicht von Seiten der Betreuer der Dissertation die Autorin ermutigen sollen, das Neue, Eigenständige der Arbeit in Abgrenzung zum vorhandenen internationalen Forschungsstand klarer und selbstbewusster herauszuarbeiten bzw. aufgezeigte neue Wege (siehe den letzten Absatz dieser Rezension) konsequenter zu verfolgen.

Gleichzeitig fragt man sich, ob die Aktionsräume und Organisationsformen republikanischer Symbolpolitik so strikt voneinander zu trennen sind, wie die Autorin es im Resümee noch einmal betont. Aus heuristischer Sicht ergibt die Abgrenzung gewiss Sinn, aber vielleicht hätte man an dieser Stelle dann doch einen stärker akteurszentrierten Blickwinkel einnehmen und die einzelnen Stränge synthetisieren sollen. Und war Symbolpolitik tatsächlich ein „eigenständiger Politikbereich“ (S. 639) oder nicht, wie die Studie vielfach zeigt, unauflösbar mit jeglichem politischen Handeln – auf den Ebenen der Diskurse und der Praktiken – verbunden?

Das Forschungsdesign lässt darüber hinaus eine Anknüpfung an Michel Foucault bzw. an das Instrumentarium der Diskursanalyse vermissen, wie sie beispielsweise Achim Landwehr entwickelt hat. Diese hätte zusammen mit Bezügen auf Jacques Derrida sicherlich geholfen, die Konturierung des Verhältnisses von Symbolen und dem Politischem, die etwa auf den Seiten 35 bis 38 in Ansätzen erfolgt, zu schärfen. Zu begrüßen gewesen wäre damit in Einleitung und Fazit auch eine konzisere Diagnose dessen, was die Autorin als „Schein oder Sein“ (S. 3) einführt: der Relation zwischen dem, was immer wieder als „Symbol“, und dem, was als „Wirklichkeit“ bezeichnet wird (S. 3), nicht nur in der vorliegenden Studie. Hier liegt enorm viel Innovationspotential. Es geht um den Kern historischer Forschung, die Frage nach Konstruktivität, Repräsentation und „Wirklichkeit“ – nach dem, was wir Historiker/innen eigentlich tun, wenn wir uns mit Vergangenheit und Gegenwart beschäftigen: Rekonstruieren wir Wirklichkeiten oder doch eher Konstruktionen derselben – und deren Wirkungen?