M. Stuber u.a.: Hüeterbueb und Heitisträhl

Cover
Titel
Hüeterbueb und Heitisträhl. Traditionelle Formen der Waldnutzung in der Schweiz 1800 bis 2000


Autor(en)
Stuber, Martin; Bürgi, Matthias
Reihe
Bristol-Schriftenreihe 30
Erschienen
Bern 2011: Haupt Verlag
Anzahl Seiten
302 S. + DVD
Preis
€ 38,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johann Kirchinger, Fakultät für Katholische Theologie, Universität Regensburg, selbstständiger Landwirt im niederbayerischen Holztraubach

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war der Wald nicht nur Holzlieferant, er befriedigte darüber hinaus zahlreiche agrarische, hauswirtschaftliche und kleingewerbliche Bedürfnisse. Diese so genannten Nebennutzungen am Beispiel der Schweiz zu dokumentieren bevor sie vergessen werden, haben sich der Berner Historiker Martin Stuber und der an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) beschäftigte Ökologe Matthias Bürgi, beide ausgewiesene Waldgeschichtsexperten, mit dem vorliegenden Band zum Ziel gesetzt. Dabei ging es ihnen um alle Waldnutzungen außer der bisher ohnehin im Mittelpunkt der konventionellen Forstgeschichte stehenden Stammholzgewinnung für Bau- und Brennstoffzwecke. Sie wollen den Blick lenken auf die vielfältigen Waldnutzungen der ortsansässigen Bevölkerung, die von der Forstwissenschaft nicht nur aus dem Wald, sondern über die ihr folgende Forstgeschichte weitgehend auch aus dem historischen Gedächtnis verdrängt wurden. Während sowohl Forstwissenschaft als auch Forstgeschichte dabei die Außensicht professioneller und selten ortskundiger Akademiker einnahmen, wollten Stuber und Bürgi die Perspektive der mit dem Wald lebenden ortsansässigen Bevölkerung zeigen. Damit stellt der Band eine konsequente Fortführung der seit den 1970er-Jahren verstärkt in die historiographische Beschäftigung mit dem Wald einziehenden sozialgeschichtlichen Betrachtungsweise dar. Dabei wählten Stuber und Bürgi die historiographische Methode der Oral History, weshalb sich der zeitliche Schwerpunkt der Untersuchungen im 20. Jahrhundert befindet. Sie führten 56 Interviews mit Landwirten oder auf einem Bauernhof aufgewachsenen Personen. Auf diese Art und Weise will die Studie „einen Beitrag leisten zur Bewahrung des kulturellen Erbes, das im traditionellen Wissen zur Waldnutzung enthalten ist“ (S. 24). Die Ergebnisse werden im notwendigen Zusammenhang mit reichhaltigem Bildmaterial und einem Film, der auf DVD dem Band beigefügt ist, präsentiert.

Nach einer Einleitung, in der Methode und Forschungsstand vorgestellt werden (S. 13 bis 22), folgt ein Überblick über die Waldnutzungen in der Schweiz seit 1800 auf Grundlage der Forschungsliteratur und subsidiär herangezogener Quellen (S. 23 bis 82). Dieses Kapitel ist gegliedert in: „Futter“ (Waldweide, Waldheu, Nadel- und Laubfutter), „Unterlage“ für Tier und Mensch (Laub- und Nadelstreu, Lische, Bettlaub), „Nahrung“ für den Menschen (Beeren, Buchnüsse, Eicheln, Kastanien, Zapfen, Pilze, Waldfeldbau), „Wirkstoff“ (Aschenlauge, Gerberrinde, Harz, Heilmittel), „Brennstoff“ (Äste, Zapfen, Schwemmholz, Holzkohle) und „Werkstoff“ (Schindeln, Zäune, Werkholz, Moos, Rinde, Bast). Dieses Kapitel bildet die Grundlage zum Verständnis der folgenden fünf Fallstudien, was durch die identische Gliederung erleichtert wird. Auf das Beispiel des Saanenlandes (S. 83 bis 112) folgen das Vordere Vispertal (S. 113 bis 148), der Fankhausgraben (S. 149 bis 176), das Schächental (S. 177 bis 212) und der Prättigau (S. 213 bis 253). Die Beschränkung auf das Alpengebiet und das Voralpenland ergibt sich aus der Methode. Denn außerhalb dieser Gebiete wurden die Nebennutzungen wegen günstigerer natur- und verkehrsräumlicher Lage, was eine frühere Kapitalisierung der Wald- und Landwirtschaft bewirkte, bereits im 19. Jahrhundert aufgegeben. Die Fallstudien basieren überwiegend auf den Interviews, schriftliche Quellen wurden nur subsidiär zur Verdeutlichung von Entwicklungen verwendet. Abschließend findet sich in dem Band eine vergleichende Analyse der Ergebnisse aus den Fallstudien (S. 255 bis 272), Quellen- und Literaturverzeichnis, ein Verzeichnis der Gewährsleute und die Klassifikation der erwähnten Waldnutzungen in Tabellenform.

So sehr sich die Studie auf die Erfassung vergangener Waldnutzungen konzentriert, wird doch deutlich, dass sie sich im Spannungsfeld von Dokumentation und dem Darbieten von waldbaulichen Handlungsalternativen für die Gegenwart bewegt. Dies geschieht vor dem Hintergrund der Tatsache, dass der Umweltschutz mittlerweile die ökologischen Vorteile einst von der Forstwissenschaft bekämpfter Nebennutzungen erkannt hat. Denn da die Wälder nach Aufgabe der Waldweide und der Laubnutzung dichter und dunkler geworden sind, bieten sie auch keinen Lebensraum mehr für bestimmte Pflanzen- und Tierarten wie den Tagfalter, weshalb die Wiederaufnahme von agrarischen Waldnutzungen im Rahmen naturschützender Maßnahmen mittlerweile gefördert wird. Gerade in diesem Zusammenhang ist festzustellen, dass das Unterfangen Stubers und Bürgis, den noch schwachen Dialog zwischen Forst- und Agrargeschichte zu befördern, gelungen ist.

Ihr Ziel, den historischen Wald im „Strom der Modernisierung“ aus der „Sicht der ortsansässigen Bevölkerung“ zu rekonstruieren (S. 264), ist ihnen jedoch nur zum Teil gelungen. Zu kurz kommt die kulturgeschichtliche Interpretation der Handlungen der Befragten, da die Dokumentation im Vordergrund steht. So wird etwa die Widersetzlichkeit der Bevölkerung gegen forstwirtschaftliche Anordnungen nur als Tatsache festgehalten, die Möglichkeit einer eventuellen Widerstandskultur nicht angesprochen. Zu kritisieren ist auch die häufige Verwendung des unscharfen Begriffs der „traditionellen“ Waldnutzung für die Gesamtheit der behandelten Nutzungen, zumal nicht alle traditionell genannt werden können. So wird doch ganz deutlich, dass das Sammeln von Pilzen in den Untersuchungsgebieten keineswegs üblich und „traditionell“ war. Außerdem besitzt die auf Stammholz orientierte forstwirtschaftliche Nutzung mittlerweile ebenfalls Tradition. Es wäre vielleicht besser gewesen, hier von vergangenen ökonomischen Nebennutzungen zu sprechen. Trotzdem ist ein positives Fazit zu ziehen. Stuber und Bürgi präsentieren eine umfassende Darstellung agrarischer, hauswirtschaftlicher und kleingewerblicher Waldnutzungen, die als Grundlage weitergehender kulturwissenschaftlicher Forschungen zu dienen in der Lage ist. Es ist zu wünschen, dass der Band entsprechenden Untersuchungen in anderen Regionen als Anregung dient.

Redaktion
Veröffentlicht am
15.03.2012
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