Cover
Titel
Cold War and After. History, Theory, and the Logic of International Politics


Autor(en)
Trachtenberg, Marc
Reihe
Princeton Studies in International History and Politics
Erschienen
Anzahl Seiten
XI, 317 S.
Preis
$ 27.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Bernd Greiner, Hamburger Institut für Sozialforschung

Auf den ersten Blick fragt man sich, warum dieses Buch veröffentlicht wurde. Alle dort versammelten Aufsätze hat Marc Trachtenberg seit 1999 an anderer und durchweg prominenter Stelle bereits publiziert, sei es im „Journal of Cold War Studies“, in „Security Studies“ oder aber in seiner viel beachteten Monographie „A Constructed Peace. The Making of the European Settlement, 1945–1963“ (Princeton 1999). Alsbald aber wird der doppelte Hintersinn des Sammelbandes deutlich: Der Autor möchte seine scharfsinnigsten Analysen zum Kalten Krieg und dessen Hinterlassenschaften im Zusammenhang präsentieren und mit dieser konzertierten Aktion zugleich einen Beitrag leisten zur politischen Debatte über die künftige Ausrichtung westlicher Außen- und Sicherheitspolitik. Um den Gesamteindruck vorwegzunehmen: Es hat sich gelohnt. In jedem einzelnen Aufsatz schöpft Trachtenberg seine Gabe aus, mit provokanten Fragen zu verunsichern und zu neuem Nachdenken anzuregen. Davon profitieren alle Leser – am meisten jene, die nicht immer seiner Meinung sind.

Besonders gelungen sind Trachtenbergs Anmerkungen zum politischen Stellenwert von Nuklearwaffen. An unterschiedlichen Beispielen ruft er in Erinnerung, dass die absolute Waffe den archimedischen Punkt des Kalten Krieges definiert – wer ihn übersieht, versteht diese Epoche nicht. Die Wiederbewaffnung Westdeutschlands, der Krieg in Korea, die Raketenkrise um Kuba, das europäisch-amerikanische Zerwürfnis im Gefolge des Jom-Kippur-Krieges vom Herbst 1973: Diese wie die meisten anderen Wegemarken des Kalten Krieges waren, so das überzeugende Fazit, atomar grundiert. Auch die Entspannungspolitik ab Mitte der 1960er-Jahre und die Anfänge des „zweiten Kalten Krieges“ ein Jahrzehnt später waren von der politischen Grammatik des Atomzeitalters bestimmt, nämlich von der nie gelösten Frage nach der Verteidigung Europas. Dass die Supermächte einen Krieg regional begrenzen wollten, lag auf der Hand – das Territorium des jeweils anderen zu attackieren, hätte in Zeiten einer gesicherten Zweitschlagsfähigkeit den eigenen Untergang bedeutet. Um das Risiko einer atomaren Selbstvernichtung zu minimieren, konnte Europa zwischen zwei Auswegen wählen: Entweder man betrieb im Sinne Willy Brandts eine neue Ostpolitik der Annäherung und des Vertrauens. Oder man setzte auf die militärstrategische Option, genauer gesagt auf eine Aufstockung der in Europa stationierten Mittelstreckenraketen – in der Hoffnung, der sowjetischen Führung auf diesem Weg den bloßen Gedanken an einen Krieg in Mitteleuropa zu vergällen. Ob die Rücknahme oder der Ausbau der militärischen Drohung größeren Gewinn abwerfen würde, war indes nicht ausgemacht. In anderen Worten: Politisch unwägbare Risiken eingehen zu müssen, war und blieb eine unhintergehbare, vom Militärpotenzial der Zeit diktierte Regel.

Indem er diese Zusammenhänge souverän herausarbeitet, erinnert Trachtenberg daran, wie verletzlich Frieden und Stabilität nach 1945 auch auf der nördlichen Halbkugel waren. Dass das System der beiderseitigen Abschreckung gleichwohl funktionierte, schreibt er den politischen Akteuren gut, die mehrheitlich über eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Selbstbeschränkung verfügten. Mit nüchternem Blick auf Machtverhältnisse und Machtressourcen ausgestattet, zähmten sie in der Regel Ressentiments und Emotionen, jene Einstellungen und Verhaltensmuster also, die wie politische Brandsätze wirken können. Derlei historische Lektionen sind nicht zuletzt an die heute einflussreiche Schule der „Neorealisten“ in den USA adressiert, deren Wortführer um John Mearsheimer einem Hobbesianischen Pessimismus huldigen und folglich zu einer aggressiven, rücksichtslosen Konfrontationspolitik als einzigem Mittel der Selbstbehauptung raten. Die Rede von der Alternativlosigkeit dieser Strategie ist für Trachtenberg nichts weiter als Gefasel; sie zeuge nicht von Weisheit, sondern beglaubige eine intellektuelle Kapitulation vor Komplexität. Hätte man ihr zur Zeit des Kalten Krieges nachgegeben, so der Tenor seines Buches, wäre ein heißer Krieg der Supermächte kaum zu vermeiden gewesen. Und wer heute als Großmacht glaube, auf Zurückhaltung und Bescheidenheit verzichten zu können, spiele ebenfalls mit dem Feuer. Trachtenberg versieht diesen Hinweis mit einem Ausrufezeichen, weil er entweder daran zweifelt, dass die politische Klasse seines Landes genügend Talente hervorbringt, die einer Politik der Selbstbeschränkung etwas abgewinnen können – oder weil ihm die historische Erfahrung signalisiert, dass die Bereitschaft zur Mäßigung wie alle anderen zivilisatorischen Tugenden stets aufs Neue entwickelt werden muss.

Damit wird die zweite Ebene des Buches sichtbar, die Intervention in zeitgenössische Debatten. Von den Verwerfungen im Zuge des „Krieges gegen den Terror“ und dem Einmarsch im Irak ausgehend, beschäftigt sich Trachtenberg in erster Linie mit der Zukunft der westlichen Allianz. Als Historiker wundert er sich über die Geschichtsvergessenheit der europäischen Kritik an George W. Bush. Wieso wurde und wird behauptet, diese Administration habe durch ihr Plädoyer für den Präventivkrieg mit der traditionellen Militärstrategie des atlantischen Bündnisses gebrochen? Die von Trachtenberg ausführlich gewürdigten Quellen sprechen eine andere Sprache: Von 1945 bis in die frühen 1960er-Jahre wurde die Präventivkriegsoption bei amerikanischen Politikern und Militärs hoch gehandelt – mit Wissen und Billigung der europäischen Verbündeten, die angesichts der Zerstörungskraft von Nuklearwaffen gleichermaßen nervös waren und deshalb Gefallen an der Idee fanden, potenzielle Aggressoren lieber eine Minute zu früh zu entwaffnen als eine Sekunde über die Zeit zu warten. Bill Clintons Verteidigungsminister William Perry reaktivierte diese Gedanken mit Blick auf Nordkorea, und zwar mit Argumenten, die mit George W. Bushs Einlassungen deckungsgleich sind. Gewiss war es ein Novum, dass ein Präsident sich in aller Öffentlichkeit für einen Angriffskrieg aussprach. Aber, so Trachtenbergs Nachfrage an die Adresse europäischer Kritiker, hätte man nicht wissen müssen, dass die USA die UNO-Charta seit jeher gänzlich anders interpretieren? Dass sie das dort ausgesprochene Verbot von Präventivkriegen zu keinem Zeitpunkt als rechtlich bindend ansahen? Dass sie – wie alle anderen ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates – für sich in Anspruch nehmen, im Zweifel das Votum der Weltgemeinschaft ignorieren zu dürfen und reale oder imaginierte Bedrohungen ihrer Sicherheit mit Mitteln zu beantworten, die sie für richtig halten?

Mit diesen historisch fundierten Hinweisen will Trachtenberg die Kritik an der amerikanischen Anti-Terror-Politik keineswegs delegitimieren. Vielmehr warnt er davor, es sich intellektuell und politisch zu einfach zu machen. Sind beispielsweise rechtliche Selbstbindungen wie das Verbot von Angriffskriegen wirklich sinnvoll, wenn sie am Ende darauf hinauslaufen, selbst Regime zu schützen, die Terroristen Unterschlupf und andere Hilfe gewähren? Dass Saddam Hussein keinen Kontakt zu Al Qaida unterhielt, ändert an der Brisanz der Frage nichts. Und eigentlich kommt man schon jetzt nicht mehr daran vorbei, offen über die Implikationen des transatlantischen Dauerstreits zu reden. Es sei denn, man sitzt dem populärsten Irrtum in der Politik auf – dem Glauben nämlich, einer längst untergegangenen Welt neues Leben einhauchen zu können. Also drängt Trachtenberg zur Diskussion über das Eingemachte: Ist die NATO noch zeitgemäß? Was könnte und sollte an ihre Stelle treten? Wie sähe ein von den USA abgekoppeltes Europa aus? Gibt es neue Wege zur Eindämmung von Terror und zur Kontrolle von Massenvernichtungswaffen? Die Diskussionen des letzten Jahrzehnts, so Trachtenbergs berechtigtes Resümee, haben zur Klärung wenig beigetragen. Im Gegenteil: Bisweilen schienen sie eher darauf ausgelegt zu sein, sich das Brisante vom Leib zu halten. Wer als Historiker diese Beobachtung ernst nimmt, wird sich wohl oder übel wieder Themen, Methoden und Fragen in Erinnerung rufen müssen, die während der langen Hochkonjunktur der „Cultural Studies“ fast in Vergessenheit geraten sind. Auch deshalb gehört Marc Trachtenbergs Buch zur Pflichtlektüre unserer Tage.

Redaktion
Veröffentlicht am
20.08.2012
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