B. Eisenfeld u.a.: Bausoldaten in der DDR

Cover
Titel
Bausoldaten in der DDR. Die „Zusammenführung feindlich-negativer Kräfte“ in der NVA


Autor(en)
Eisenfeld, Bernd; Schicketanz, Peter
Erschienen
Anzahl Seiten
628 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Henning Schluß, Institut für Bildungswissenschaft, Universität Wien

Um es vorweg zu nehmen: Dieses Buch hat gefehlt! Auf 627 eng bedruckten Seiten mit zahlreichen Fußnoten und beigegebenen Dokumenten wird hier die Geschichte der Bausoldaten und darüber hinaus der Wehrdienstverweigerung in der DDR umfassend und multiperspektivisch dargestellt und interpretiert. Beide Autoren sind ausgewiesene Insider. Peter Schiketanz, in der Evangelischen Kirche der DDR vor allem durch die Gemeindepädagogenausbildung in Potsdam bekannt, war auch lange Jahre in der Beratung von Wehrdienstverweigerern tätig. Bernd Eisenfeld, der während der Arbeit an diesem Buch gestorben ist und so seine Veröffentlichung nicht mehr erleben konnte, war selbst Bausoldat. Aber auch seine Tätigkeit als Sachgebietsleiter bei der BStU kommt dem Buch zugute. Gleichwohl ist es kein Betroffenheitsbuch, voller persönlicher Erinnerungen und Anekdoten, sondern hat das Zeug zum Standardwerk zum Thema Bausoldaten in der DDR.

In den ersten drei Kapiteln ist das Buch chronologisch angelegt. Während im ersten Kapitel auf 20 Seiten die Wehrpolitik der DDR bis zum Mauerbau dargelegt ist und dabei auf wenigen Seiten geschildert wird, wie schnell die Militarisierung der DDR-Gesellschaft trotz der Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg „Kein Deutscher nimmt mehr eine Waffe in die Hand“ wieder einsetzte, widmet sich das zweite Kapitel auf 34 Seiten der eigentlichen Vorgeschichte der Bausoldaten in der Zeit zwischen Mauerbau und der Einführung des waffenlosen Dienstes im Rahmen der NVA 1964. Die Reaktionen in den Blockparteien und die kirchenpolitische Situation nach Einführung der Wehrpflicht werden hier ebenso reflektiert wie die Lage der Wehrdienstverweigerer.

Das dritte Kapitel beschreibt auf 120 Seiten die Zeit, in der die Bausoldaten ein Teil der Nationalen Volksarmee waren, und ist selbst in drei Perioden unterteilt. Die erste Periode bis 1975 widmet sich den Auswirkungen und Reaktionen sowie der ersten Praxis des waffenlosen Dienstes in der NVA. Immer wieder werden die strukturellen Analysen durch Schilderungen von Einzelschicksalen verständlich und nachvollziehbar gemacht. Es wird deutlich, in welcher rechtlosen Lage sich die Bausoldaten befanden. Urteile von 26 Monaten Gefängnis bei Verweigerung der Mitarbeit an militärischen Objekten sollten abschrecken. Beispiele für Zwangspsychatrisierungen bei Wehrdienstverweigerung können die Autoren ebenso nachweisen. Mit einer selbstorganisierten Sammlung zum Kauf von Medikamenten, die an den Chefarzt der Chirurgie der Berliner Charité, Prof. Dr. Dr. Serfling, übergeben wurde, setzten Bausoldaten ein Friedenszeichen und ein Signal ungebrochener Eigenständigkeit zugleich.

Die zweite Periode ist mit den Jahreszahlen 1975 und 1982 abgegrenzt und thematisiert Änderungen, die ab Oktober 1975 wirksam wurden. Bedeutsam waren hier insbesondere eine „zeitlich reduzierte und militärisch entschärfte Grundausbildung“, die „Dezentralisierung des Einsatzes der Bausoldaten“ und die Verlagerung der „Tätigkeit vornehmlich in den Bereich der Rückwärtigen Dienste der NVA“ (S. 145). Obgleich diese Maßnahmen eine nicht unwesentliche Begrenzung des militärischen Bezuges des Bausoldatendienstes darstellten – wenngleich auch die Realisierung eines wirklichen Zivildienstes kategorisch ausgeschlossen blieb – so wurden sie staatlicherseits dennoch nicht publik gemacht. Die Autoren begründen dies mit der Erinnerung an ein Gespräch des Militäroberstaatsanwaltes der DDR, Pilz, im Konsistorium der Kirchenprovinz Sachsen in Magdeburg damit, dass die NVA sich den „Einsatz von Bausoldaten an militärischen Objekten vorbehalte“ (S. 149). Selbst die wenigen Schritte hin zu einer Entmilitarisierung des waffenlosen Dienstes in der DDR waren keineswegs gesichert und standen unter dem Damoklesschwert dauernder Rückholbarkeit.

Die dritte Periode umfasst die 1980er-Jahre bis zur friedlichen Revolution. Am Beginn dieser Periode stand diesmal eine Verschärfung der Regelungen des Bausoldateneinsatzes, die, wie die unter anderem herangezogenen Dokumente der BStU belegen, eng mit dem MfS abgestimmt war (S. 167). Das Ende dieser Periode wurde erst mit dem Ende der DDR eingeläutet. Im November 1989 erklärte endlich der neue Generalsekretär der ZK der SED Egon Krenz, dass der „von den Kirchen geforderte ‚zivile Wehrersatzdienst‘ ermöglicht werden solle“ (S. 201). Freilich gab es bereits vorher Initiativen, die den sogenannten „SOFD“ (Sozialer Friedensdienst) nicht nur forderten, sondern realisierten. Im Buch genannt ist eine Dresdener Initiative, die am 1. November 1989 in einer Absprache mit dem Wehrbezirkskommando den Zivildienst in einem Krankenhaus einführte (S. 201). Gut um ein Jahr vertun sich die Autoren allerdings bei der Datierung einer Initiative aus dem Jungmännerwerk Sachsen-Anhalt und der Diakonie in der KPS, die in einem Fall einen „Diakonischen Friedensdienst“ bereits im November 1988 in Neinstedt im Harz startete.[1]

Im fünften Kapitel wird die chronologische Ordnung zugunsten der Bearbeitung periodenübergreifender Themenfelder aufgegeben. Hier werden die sich wandelnden Motive der Bausoldaten, ihr Eingebundensein in die Strukturen der NVA, ihre (zurückhaltende) Reflexion in den Medien beider deutscher Staaten ebenso thematisiert wie politische Aktivitäten der Bausoldaten. Als politische Aktivität wird dabei zu Recht bereits die Diskussion in den obligatorischen Polit-Schulungen der NVA gewertet mit ihren im Nachhinein oft grotesk wirkenden Weiterungen, die in der Situation allerdings alles andere als komisch waren. Immer wieder sind die reichlich vorhandenen und gesichteten Unterlagen des MfS hier die zugrundegelegten Quellen, da außer den Augenzeugenberichten kaum weiteres Material zur Verfügung stand. So macht sich bezahlt, dass mit Bernd Eisenfeld einer der Autoren mit dieser Quellengattung beruflich vertraut war. Als zweiter Konfliktherd werden die Wahlen lokalisiert und weitere Konfliktfelder in einem Teil zusammengefasst. Es wundert nicht, dass die Beschäftigung des MfS mit den Bausoldaten in einem eigenen Teilkapitel materialreich dargestellt ist (immerhin hatte die zuständige Hauptabteilung I des MfS 1988 ca. 2.500 Mitarbeiter – S. 301). Seit ihrem Bestehen wurden die Bausoldaten nicht etwa als eine normale Einheit der Armee betrachtet, sondern die HA I beargwöhnte sie als Störenfriede. Sie galten als die „negative Konzentration feindlich negativer Kräfte“ (S. 301) – woher sich auch der Buchtitel erklärt. Der Begleitung der Bausoldaten durch die Kirchen, den Zahlenverhältnissen und den Reservisten sind weitere Unterkapitel gewidmet.

Diskriminierungen, die Bausoldaten auch noch nach ihrer Dienstzeit zu erleiden hatten, aber auch gesellschaftspolitisches Engagement wie die Initiative eines 19. Monats, der als Symbol für einen wirklichen Friedensdient gedacht war, werden im sechsten Kapitel des Buches beschrieben. Sinnvoll ist, dass dem Buch auch ein Exkurs zur Totalverweigerung beigegeben ist, auch, weil die Grenzen zwischen beidem fließend waren. Ein Recht zur Wehrdienstverweigerung kannte die DDR nicht, und so war eine Verurteilung von Totalverweigerern fast unausweichlich, wenn Anklage erhoben wurde. Sehr aussagekräftig ist allein die Auflistung der Zahlen. Ab 1982 gingen die Verurteilungen wegen Wehrdienstverweigerung dramatisch zurück, mit einem nochmaligen Spitzenwert von 103 Verurteilungen in den Jahren 1983/84 (S. 428). Die Erfahrung in Totalverweigererkreisen, dass ab Mitte der 1980er-Jahre faktisch kaum noch Totalverweigerer einberufen wurden, kann durch diese Auflistung in der Tendenz zwar unterstützt, jedoch zu keinem Zeitpunkt absolut gesetzt werden.

Zum hilfreichen Dokumentenanhang steuerten die reichhaltigen Privatarchive der Autoren ebenso bei, wie die Dokumente aus der BStU, der Presse und weiterer Archive. Im Wesentlichen wird hier dem kritischen Leser das Material dargeboten, das die Interpretationen des Buches fundiert. Zugleich wird insbesondere mittels der persönlichen Dokumente aus den Privatarchiven deutlich, dass vermutlich noch viele ähnliche Erfahrungen geschildert werden könnten. Insofern dürfen diese Berichte als exemplarisch gelten.

Die wissenschaftliche Arbeit mit dem Buch wird durch das beigefügte Sach- und Personenregister wesentlich erleichtert. Das Abkürzungsverzeichnis dagegen ist auf den letzten Buchseiten schwer zu entdecken. Geübte DDR-LeserInnen werden es kaum benötigen, für noch nicht „Eingelesene“ wäre es am Anfang des Buches besser platziert gewesen.

Insgesamt bleibt als Urteil: Ein Buch, das den Spagat zwischen einschlägigem Handbuch und subjektiv gefärbten Erinnerungsbuch schafft. Die vielfältigen Bezüge der Autoren ermöglichten es, die Auflistung der Daten durch die Schilderung von Einzelfällen plastisch werden zu lassen und durch die weitreichende Recherche und den systematischen Anspruch des Buches, aber auch die gründliche Auswertung der bereits vorhandenen Literatur, nie ins Anekdotenerzählen abzugleiten. Dieses Buch ist das Standardwerk zum Thema „Bausoldaten“.

Anmerkung:
[1] In der von den Autoren zitierte Quelle sind die Daten freilich zutreffend angegeben: Henning Schluß, Der Diakonische Friedensdienst. Ein Experiment am Ende der DDR, in: HuG, 13. Jg. (2004), H. 46, D. 45f.

Redaktion
Veröffentlicht am
24.05.2012
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