S. Reichardt: Authentizität und Gemeinschaft

Cover
Titel
Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren


Autor(en)
Reichardt, Sven
Reihe
Suhrkamp Taschenbücher Wissenschaft 2075
Erschienen
Berlin 2014: Suhrkamp Verlag
Anzahl Seiten
1018 S.
Preis
€ 29,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jörg Neuheiser, Seminar für Neuere Geschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen

Was bedeutete es, in der Bundesrepublik vor 1989 ein ‚alternatives Leben‘ zu führen? Welche Vorstellungen von Politik und Alltag, von Arbeit und Sexualität gehörten dazu? Wie musste man sich kleiden, in welche Kneipen hatte man zu gehen, wie wohnte man in der ‚Szene‘? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der Konstanzer Habilitationsschrift von Sven Reichardt, die auf fast 900 Textseiten „die übergreifenden soziokulturellen Gemeinsamkeiten, das Verhaltensrepertoire und den Habitus“ (S. 15) einer linken Protestgeneration schildert, deren politische Praxis sich in der Umwelt-, Anti-AKW- und Frauenbewegung ebenso widerspiegelte wie im Linksterrorismus der Roten Armee Fraktion oder im militanten Kampf der Hausbesetzer-Szene. Bei allen politischen Differenzen, konträren Handlungsformen und widersprüchlichen Vorstellungen formierte sich, so Reichardt, zwischen etwa 1970 und 1985 ein mehr oder weniger klar abgrenzbares Milieu, das linke Vorstellungen von Emanzipation, antikapitalistischer Konsumkritik und sozialer Gerechtigkeit mit dem Anspruch verband, gesellschaftliche Veränderungen nicht nur über politische Aktionen zu erkämpfen, sondern Selbstbestimmung, Selbsttätigkeit und Selbstverwirklichung über neue alltägliche Lebensformen unmittelbar zu realisieren. Im Kern handelt das Buch vom zutiefst ambivalenten Charakter dieser Suche nach dem ‚richtigen Leben im falschen‘: Angeregt von Foucaults Konzept der Gouvernementalität beschreibt Reichardt nüchtern und detailliert, wie der Versuch, ein ‚authentisches‘ Leben frei von gesellschaftlichen Konventionen und autoritären Zwängen zu führen, etablierte Strukturen zwar radikal in Frage stellte, zugleich aber stets ein eigenes System von normierenden Ansprüchen und Erwartungen an die Aktiven der Bewegung schuf, in dem „Freiheit und Zwang […] miteinander verwoben und aufeinander verwiesen waren“ (S. 885).

Kein Zweifel: Sven Reichardt hat ein wichtiges Buch geschrieben. Zwar gibt es über die Alternativbewegung der Bundesrepublik inzwischen eine breite Literatur, die von unzähligen Beiträgen ehemaliger Beteiligter bis hin zu vielen wissenschaftlichen Studien über Einzelaspekte aus allen Bereichen der alternativen politischen Kultur und Praxis reicht. Auch die These vom ambivalenten Charakter des antiautoritär-emanzipatorischen Anspruchs der Alternativen wurde durchaus schon zeitgenössisch formuliert. Systematisch entwickelt und in dieser Breite konnte man sich über die höchst unterschiedlichen Formen alternativer Lebenspraxis bisher freilich nicht informieren.

Reichardts Darstellung beeindruckt durch die geschickte Verbindung einer gründlichen Analyse der Alternativpresse mit zeitgenössischen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen etwa zum WG-Leben oder zu Strukturen der alternativen Ökonomie; mit guten Gründen verzichtet er fast vollständig auf rückblickende Zeitzeugenbefragungen. Gerade die Verbindung von solider sozialhistorischer Rekonstruktion und kulturwissenschaftlicher Diskursanalyse fördert dabei immer wieder neue Aspekte zutage: So kann Reichardt mit der verbreiteten Vorstellung einer „alternativen 60-Stunden-Woche“ in selbstverwalteten Betrieben aufräumen und überzeugend zeigen, dass von der alternativen Kapitalismuskritik kein geradliniger Weg in die Welt des neoliberalen „neuen Geists des Kapitalismus“ führt, wie ihn Luc Boltanski und Ève Chiapello vor einiger Zeit postuliert haben.[1] Und wer hätte gedacht, dass Bundes- und Landesregierungen anhand von internen Untersuchungen des Bundeskriminalamts am Beginn der 1980er-Jahre sehr genau darüber informiert waren, dass zwischen den zum Teil massiv gewalttätigen Hausbesetzern etwa in Berlin, Frankfurt oder auch Hamburg und dem „terroristischen Umfeld“ nur äußerst geringe Kontakte bestanden? Öffentlich wurde immer wieder das Gegenteil behauptet.

Viele der einzelnen Kapitel zu spezifischen Formen der alternativen Lebenspraxis könnten auch allein stehen und geben dem Buch an einigen Stellen einen handbuchartigen Charakter. Ein Blick über die Gliederung mag die Vielschichtigkeit der Darstellung am besten verdeutlichen. Das Buch teilt sich in drei Großkapitel. Unter der Überschrift „Politik und Selbstreflexion“ skizziert Reichardt zunächst die organisatorische Entwicklung und zentrale inhaltliche Positionen verschiedener Stränge der alternativen Bewegung. Die Darstellung reicht von den Studentenprotesten der „68er“, den Spannungen zwischen K-Gruppen und Spontis über das Auftreten neuer Frauengruppen und ökologisch orientierter Bürgerinitiativen bis hin zu den Protesten gegen Atomkraftwerke, der Friedensbewegung und der Gründung der Grünen. Dabei geht es weniger um einen ereignishistorischen Abriss. Anhand von Schlüsselbegriffen wie „Authentizität“, „Autonomie“, „Gemeinschaft“ und „Wärme“ werden stattdessen inhaltliche Gemeinsamkeiten eines Milieus verdeutlicht, das auf sehr unterschiedlichen Wegen nach Formen des richtigen und unabhängigen Lebens suchte, Forderungen nach individueller Emanzipation aber mit der Vorstellung einer solidarischen Gemeinschaft verband und sich gegen die repressive Kälte der etablierten Gesellschaft abgrenzte. Die zentrale Klammer des Milieus bildete die Alternativpresse, deren zahlreiche Blätter erst eine gemeinsame Kommunikation erlaubten und in ihrer Breite den Zusammenhang der Bewegung herstellten.

Das zweite Großkapitel untersucht alternative „Lebensräume“: Die Rede ist von Arbeitsstrukturen in alternativen Projekten, vom Wohnen in städtischen Wohngemeinschaften, ländlichen und besetzten Häusern, schließlich von den Treffpunkten und halböffentlichen Räumen in Szenekneipen, linken Buchläden, auf Konzerten oder in neugeschaffenen Frauenzentren und Frauenhäusern. Im dritten Teil des Buchs behandelt Reichardt „Körper und Seele“: Ausführlich werden Kleidungsstile, das Verhältnis von sexuellem Diskurs und sexueller Praxis, alternative Erziehungsformen, Psychoboom, Spiritualität und Drogenkonsum beschrieben, diskutiert und nach Möglichkeit vermessen. In diesen Kapiteln zeigt sich Reichardts besondere Stärke: Seine Darstellung wird umso besser, je mehr er sich von den Handlungen prominenter Akteure der Szene sowie ihren recht bekannten Selbstdarstellungen entfernt und aus der ganzen Breite der Alternativpresse schöpft.

Damit ist andererseits eine Schwäche des Buchs angedeutet: Reichardt neigt dazu, auch die bekannte „alternative Elite“ ausführlich darzustellen, selbst wenn sie seiner eigenen Einschätzung nach eher untypisch für das Milieu als Ganzes lebte und handelte. So nehmen die Schilderungen der Berliner ,Kommune I‘ aus den Jahren 1967 bis 1969 einen erstaunlich breiten Raum ein, obwohl Reichardt die „68er“-Proteste grundsätzlich von der späteren alternativen Bewegung abgrenzt und die besonderen Strukturen innerhalb der Gruppe um Dieter Kunzelmann und Fritz Teufel gerade nicht für repräsentativ hält. Zum Teil ergibt sich dieses Problem schon aus der Auswahl von West-Berlin, Frankfurt und Heidelberg als Hauptuntersuchungsorten. So verständlich eine räumliche Konzentration der Darstellung ist: Die Auswahl der gewiss besonders wichtigen Zentren des alternativen Milieus verführt dazu, die eher gut erforschten Aspekte des alternativen Lebens noch einmal hervorzuheben – zu Lasten einer Analyse des Milieus in seiner ganzen Breite, etwa auch in eher provinziellen Städten.[2]

Ein zweiter Kritikpunkt lässt sich an Reichardts ausgeprägter Neigung zur Typologisierung innerhalb der von ihm beschriebenen Phänomene festmachen: Obwohl er die große Wandelbarkeit der einzelnen Lebenspraktiken innerhalb des Milieus ebenso wie dessen eher unklare Grenzen grundsätzlich benennt, unterscheidet er an anderer Stelle ausgesprochen scharf etwa zwischen verschiedenen WG-Typen innerhalb der ‚Szene‘, ohne dass deutlich wird, wie fließend die Übergänge waren. Wenn in diesem Zusammenhang die „kommunistischen Kaderkommunen“ ausdrücklich als ein Typ alternativer Wohngemeinschaften beschrieben werden, will das nicht so recht zur grundsätzlichen Abgrenzung des Milieus von den K-Gruppen passen, die Reichardt aufgrund ihrer Akzeptanz hierarchischer Organisationsstrukturen, der Forderung nach strenger Disziplin, einer Ästhetik des Verzichts und der revolutionären Enthaltsamkeit vom eher hedonistischen, antiautoritären, basisdemokratischen und stark subjektivistischen alternativen Habitus entschieden trennen will. Gerade die Unschärfe solcher Grenzen, das Ausprobieren verschiedener Formen alternativer Lebenspraktiken und Organisationsstrukturen durch die Akteure sowie der zeitliche Wandel von dominanten Lebensstilen im Laufe der Entwicklung des Milieus zeichneten alternatives Leben im Untersuchungszeitraum aber aus – in der Darstellung verliert sich dieser Aspekt immer wieder.

Grundsätzlicher noch wirkt sich eine dritte Schwäche des Buchs aus: Während Reichardts große Stärke in der genauen Beschreibung alternativer Lebensformen liegt, bleibt die Einordnung des Milieus in den zeithistorischen Kontext unbefriedigend. Seit einigen Jahren diskutieren Zeithistoriker intensiv über den Charakter der 1970er- und 1980er-Jahre als komplexer Übergangsphase zwischen den ersten Nachkriegsjahrzehnten und der Zeit „nach dem Boom“, die von einem Nebeneinander aus Kontinuitäten und Brüchen geprägt war. Die in diesem Zusammenhang geforderte Historisierung und Problematisierung zeitgenössischer sozialwissenschaftlicher Deutungsangebote lässt sich bei Reichardt nicht erkennen. Allzu selbstverständlich dient der gesellschaftliche „Wertewandel“ als Erklärungsmodell, werden „postindustrieller Strukturwandel“ und „Postmoderne“ zum Rahmen für den alternativen Aufbruch. An verschiedenen Stellen zeigt sich Reichardt zwar grundsätzlich kritisch gegen vereinfachende Großthesen – so wehrt er sich gegen die vorschnelle Einordnung der von ihm in Bezug auf ihr Sozialprofil als mittelständisch-bürgerlich gezeichneten Protestgeneration in eine bundesrepublikanische Erfolgsgeschichte, „in der sich der traditionelle Bourgeois zum zeitgemäßen Citoyen“ wandelte (S. 48). Die zentrale Frage aber, welche Rolle das alternative Milieu im Rahmen der Liberalisierung der Bundesrepublik spielte, ob die Studentenbewegung den Gewinn an Freiheiten seit dem Ende der 1960er-Jahre angestoßen oder beschleunigt hat oder vielleicht eher als deren Folge zu verstehen ist, wird nur gestellt – nicht beantwortet.

Noch einmal: Sven Reichardt hat ein wichtiges Buch geschrieben, ein Standardwerk, an dem sich die weitere Erforschung des alternativen Milieus lange orientieren wird. Zentrale Fragen zur Bedeutung und Einordnung dieses Milieus allerdings bleiben nach wie vor offen.

Anmerkungen:
[1] Luc Boltanski / Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2003 (frz. 1999).
[2] Vgl. hierzu und zum folgenden Punkt auch Detlef Siegfried, K-Gruppen, Kommunen und Kellerclubs. Sven Reichardt erkundet das westdeutsche Alternativmilieu, in: Mittelweg 36 23 (2014), 3, S. 99–114.