Cover
Titel
Die Verjagten. Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts


Autor(en)
Piskorski, Jan M.
Erschienen
München 2013: Siedler Verlag
Anzahl Seiten
430 S., mit Abb.
Preis
€ 24,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michael Schwartz, Institut für Zeitgeschichte München – Berlin

Der polnische Historiker Jan Piskorski beginnt sein Buch eindrucksvoll mit dem Motiv des Schlüssels. Eine ostdeutsche Familie wird vorgestellt, die im Februar 1945 ihre Hausschlüssel mit auf ihre Flucht gen Westen nahm – Symbol für die oft lange aufrecht erhaltene Rückkehr-Hoffnung; eine Hoffnung, die laut Piskorski auch viele polnische Zwangsmigranten teilten, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus Litauen oder Lemberg ins ehemalige Ostdeutschland gelangten. Der Einstieg mit diesem „Schlüssel-Motiv“ bezeichnet eine wichtige Qualität des Buches: die Fähigkeit, anschauliche Beispiele zu finden und durch deren Verknüpfung leicht fasslichen analytischen Gewinn zu erzielen – etwa im Hinblick auf die Parallelität deutscher und polnischer Flucht- oder Vertreibungsschicksale.

Freilich hat dieser literarisch inspirierte Zugriff auch deutliche Grenzen. Schon der Titelbegriff der „Verjagten“ weckt Empathie und suggeriert Unmittelbarkeit; doch bei näherem Hinsehen vermag er nichts zu erklären. Die erst im Hauptteil nachgereichte Erläuterung des Verfassers besagt, dass sich der Begriff der „Verjagten“ auf „von Menschen verursachte Zwangsmigrationen“ beschränke, zugleich aber „alle Entwurzelten“ umfasse, „egal ob sie im eigenen Land auf der Flucht waren oder in die Fremde flohen, ob sie aus wirtschaftlichen, religiösen oder politischen Gründen vor der näher rückenden Front flüchteten oder evakuiert beziehungsweise vertrieben wurden“ (S. 21). Damit ist das Spektrum dieser Darstellung ebenso breit wie heterogen. Der Trend der Forschung zu „Flucht und Vertreibung“ im 20. Jahrhundert geht eher dahin, die Untersuchung auf ethnisch bzw. ethnoreligiös motivierte Zwangsmigrationen zu beschränken; dies schließt wirtschaftliche und politische Fluchtmotive ebenso aus wie all jene Fluchtbewegungen, die nur vorübergehenden Charakter hatten. Piskorskis Ansatz ermöglicht hingegen die Aneinanderreihung eines Kaleidoskops von Opfergruppen; doch was geflüchtete russische Anarchisten in Finnland (S. 93) mit verhafteten deutschen Juden nach der „Reichspogromnacht“ 1938 (S. 105) sowie mit ukrainischen Zwangsarbeiterinnen in Deutschland um 1942 (S. 144) verbindet, bleibt unerklärt. Nicht einmal der Sammel-Begriff der „Verjagten“ scheint auf alle Gruppen in derselben Weise anwendbar zu sein.

Ebenso unklar bleibt, weshalb Piskorski seine Darstellung auf das 20. Jahrhundert beschränkt, ist er doch davon überzeugt, dass Menschen „schon immer“ hätten fliehen müssen oder vertrieben worden seien (S. 26). Eine Begründung liefert sein Argument, dass sich die Zahl der Zwangsmigranten im Laufe des 20. Jahrhunderts immer mehr gesteigert habe (S. 30). Doch auf welche Weise und mit welchen Ursachen insbesondere die beiden Weltkriege diese Steigerung zuwege brachten, wird nirgendwo erläutert. Dass der Erste Weltkrieg zum „Dritten Balkankrieg“ umgewidmet wird (S. 36), was jener Osteuropahistoriker, auf den sich Piskorski beruft, lediglich für den Balkan seit 1915 hatte gelten lassen wollen[1], führt nur zu weiteren Abgrenzungsproblemen (S. 39f.). Hier bewegt sich Piskorski erkennbar auf unbekanntem Terrain, was des Öfteren zu falschen Behauptungen führt – etwa dass Flüchtlinge bis Ende des 19. Jahrhunderts von niemandem gezählt worden seien (S. 27) oder dass während der Kriege von 1912/13 „Europa erstmals mit Entsetzen auf den Balkan“ geblickt habe (S. 40). Unzutreffend ist auch Piskorskis grundlegende Sicht, dass sich die „‚moderne‘ Abart der ethnischen Säuberungen“ von Europa aus erst nach 1945 auf die übrigen Kontinente ausgebreitet habe (S. 33f.). Das Gegenteil ist der Fall, denn bereits im frühen 19. Jahrhundert wurden neben dem Balkan außereuropäische Kolonien oder Siedlerdemokratien zu frühen Lernorten ethnischer „Säuberungen“.[2]

Nachdem der Leser nach 33 Seiten beiläufig gelernt hat, dass der Verfasser offenbar doch eine „moderne“ Spezifik ethnisch motivierter Zwangsmigrationen gelten lässt, dauert es weitere 30 Seiten, bevor Piskorski eine Forschungsdiskussion darüber führt – nur um am Ende mit Beispielen mittelalterlicher Vertreibungen seine Rede von „modernen“ Säuberungen wieder in Frage zu stellen (S. 60f.). Dabei verwirft Piskorski Gegenpositionen ohne echte Argumentation: Auf die Frage nach Unterscheidungskriterien für Modernität findet er im Standardwerk von Norman Naimark keine „klare Antwort“ (S. 62), ohne dessen differenzierten Kriterien-Katalog auch nur zu erwähnen.[3] Die von Andrew Bell-Fialkoff 1996 geprägte Definition ethnischer „Säuberungen“ geht Piskorski „viel zu weit“ (S. 63), ohne dass er dessen sorgfältige Phasen-Einteilung für ethnisch oder ethnoreligiös motivierte „Säuberungen“ überhaupt diskutiert.[4] Dass Bell-Fialkoffs Säuberungs-Definition insgesamt ziemlich umfassend ist, geht für unser Thema in der Tat zu weit, müsste aber dem Urheber der ausufernden „Verjagten“-Definition eigentlich eher gefallen.

Trotz dieser Defizite enthält das Buch auch viel Richtiges und Wichtiges. Nachdem Einleitung und anspruchsvoll betiteltes erstes Kapitel („Das 20. Jahrhundert im Vergleich“) nicht einlösten, was man erwartet hätte, erfolgt die weitere Gliederung chronologisch. Im zweiten Kapitel werden „Die Balkankriege und der Erste Weltkrieg“ treffend „als Katalysatoren der europäischen Zwangsmigrationen“ vorgestellt, wobei freilich als Vorbilder wirkende Kolonialkriegsmuster um 1900 ausgeblendet bleiben. Stattdessen begegnen wir überraschend dem US-amerikanischen „Indian Removal Act“ von 1830, der eher ins erste Kapitel gehört hätte (S. 61). Piskorski erwähnt die Internierung feindlicher Ausländer und einiger Minderheiten im Ersten Weltkrieg (S. 53), die massenhaften kriegsbedingten Flüchtlingsströme an vielen Fronten (S. 54f.), verunklart jedoch im Falle der russischen Deportationen die nicht identischen Phänomene von „Flucht und Zwangsevakuierung“ (S. 56). Nach einem Exkurs zum Zionismus, der wiederum ohne Bezug zum Ersten Weltkrieg bleibt (S. 64), werden die polnisch-baltischen Umsiedlungsplanungen des wilhelminischen Deutschlands angesprochen. Dabei schließt sich Piskorski jenen deutschen Historikern an, die starke Kontinuitäten zur NS-Lebensraumpolitik betonen (S. 66), unterschlägt jedoch, dass diese Frage bis heute kontrovers diskutiert wird.[5]

Was die „unruhige Zwischenkriegszeit“ nach 1918 (Kap. 3) anbelangt, demonstriert Piskorski am Beispiel des neu erstandenen polnischen Staates die schweren Nationalitätenkonflikte und das Problem der europäischen Minderheitenschutzpolitik. Eine kritischere Sicht auf Regierungshandeln (Stichwort Antisemitismus) wäre dabei wünschenswert gewesen. Zu Recht werden die Zwangsausweisungen von Deutschen aus dem französischen Elsass-Lothringen und aus Polen parallelisiert, aber nicht gleichgesetzt (S. 77f.). Anhand des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustauschs, der 1923 in Lausanne beschlossen wurde, verweist Piskorski treffend auf dessen Modellwirkung namentlich für die britische Politik der Zwangsaussiedlung von Deutschen ab 1945. Leider rutscht der polnische Historiker dabei in eine bedenkliche Apologie solcher Zwangstransfers: Zwar habe sich „inzwischen“ gezeigt, „dass der ethnische Austausch immer nur ein Mittel mit begrenzter zeitlicher Wirkung ist, doch andere Mittel hat der Mensch eben nicht“ (S. 87).

Das wahrscheinlich stärkste Kapitel des Buches befasst sich mit dem Zweiten Weltkrieg, der „Epoche des Völkermords“, der für die Zeit ab 1945 eine verschämt verklausulierte Zeit der „ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg“ angefügt wird, statt offen von Vertreibungen und Zwangsaussiedlungen zu sprechen. Gleichwohl versteht es Piskorski, für diesen Weltkrieg und dessen unfriedliche Nachkriegszeit unterschiedlichste Parallelfälle interessant miteinander zu verknüpfen. Die Bedeutung dieser Zeit, die in Europa rund 10 Prozent, in Polen und Deutschland sogar 20 Prozent der Bevölkerungen zu „Zwangsumsiedlern“ gemacht habe (S. 216), wird treffend herausgearbeitet. Der Teufel steckt jedoch in vielen Details: So wird die von der neuesten Forschung betonte eigenständige Rolle der osteuropäischen (Exil-)Regierungen bei Planung und Durchführung der Deutschen-Vertreibung völlig ausgeblendet; so werden die „wilden Vertreibungen“ Polens und der Tschechoslowakei nach Kriegsende als eher regionale Aktivitäten von Militär und Miliz dargestellt statt als zentral geplante Regierungspolitiken (S. 237); und auch die Behauptung, diese „wilden Vertreibungen“ seien bereits Mitte Juli 1945 abgebrochen worden (S. 240), ist falsch. Ein echtes Skandalon aber ist, dass ein Historiker ausgerechnet die für Deutsche geschaffenen Internierungslager in Osteuropa, die Zentralorte systematischer Erniedrigung und Gewalt gewesen sind[6], „trotz aller Drangsalierungen […] als eine Art Refugium“ verklären kann (S. 232f.).

Gegenüber diesem ebenso umfassenden wie problematischen Abschnitt stellt das fünfte Kapitel über das Jugoslawien der 1990er-Jahre nur einen kurzen Epilog dar. Hier konzentriert sich Piskorski auf unumkehrbar gemachte Fluchten und Vertreibungen, während er das prominente Gegenbeispiel des Kosovo überraschenderweise nicht angemessen gewichtet (S. 331). Solche Einseitigkeit hat mit dem Kernproblem des Buches zu tun – mit Piskorskis retrospektiver Apologie staatlich organisierter Zwangsumsiedlungen. Damit wird keineswegs jede Vertreibungsgewalt legitimiert, sondern nur solche, die „ordnungsgemäß und human“ verlaufen sein soll. Schon den Vertrag von Lausanne, das 1923 generierte Modell für eine solche Gewaltpolitik, hat Piskorski – wie oben bemerkt – auf diese Weise gerechtfertigt. Dasselbe widerfährt der Vertreibung von Millionen Deutschen ab 1945. Zwar ist Piskorskis Plädoyer gegen „das Prinzip der kollektiven Unschuld“, das er nur für Kinder gelten lassen will, nicht auch für sämtliche vertriebene Frauen oder alte Menschen, an sich diskutabel (S. 192), allerdings nicht als Legitimation von Vertreibungspolitik. Doch Piskorski zielt ohnehin auf mehr – sei es mit der unzutreffenden Behauptung, die Notwendigkeit einer Trennung der „durch den Krieg tödlich entzweiten Völker“ habe „viele Jahre lang kaum jemand“ bezweifelt (S. 265), sei es mit der per se unüberprüfbaren These, zuweilen sei Zwangsumsiedlung eine alternativlose Ultima Ratio (S. 266).

Am Ende steht die vielleicht begütigend gemeinte, aber letztlich zynische Einstufung von Zwangsmigrationen als gesellschaftsveränderndem „Salz in der Geschichtssuppe“ (S. 340). Statt zum Abschluss einer Darstellung diverser europäischer Zwangsmigrationen ein fragwürdiges geschichtsphilosophisches Happy End zu konstruieren, wäre für uns Nachgeborene „in warmen Häusern […], die Hunger, Angst um die Nächsten und ständige Flucht nicht kennen“ (S. 22), ein stilles, angerührtes Nachdenken nicht die schlechteste Reaktion.

Anmerkungen:
[1] Misha Glenny, The Balkans. Nationalism, War, and the Great Powers 1804–1999, New York 1999, S. 333.
[2] Michael Schwartz, Ethnische „Säuberungen“ in der Moderne. Globale Wechselwirkungen nationalistischer und rassistischer Gewaltpolitik im 19. und 20. Jahrhundert, München 2013, insbes. S. 185–233; ferner: Michael Mann, Die dunkle Seite der Demokratie. Eine Theorie der ethnischen Säuberung, Hamburg 2007.
[3] Norman M. Naimark, Flammender Hass. Ethnische Säuberung im 20. Jahrhundert, München 2004, insbes. S. 15ff.
[4] Andrew Bell-Fialkoff, Ethnic Cleansing, Houndmills 1996; vgl. Schwartz, Ethnische „Säuberungen“, S. 16f.
[5] Für weiterführende Literatur vgl. Schwartz, Ethnische „Säuberungen“, S. 157–183.
[6] Vgl. zuletzt R.[aymond] M. Douglas, „Ordnungsgemäße Überführung“. Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, München 2012, S. 168–199.