Cover
Titel
Theodor Heuss.


Autor(en)
Radkau, Joachim
Erschienen
München 2013: Carl Hanser Verlag
Anzahl Seiten
640 S., 34 Abb.
Preis
€ 27,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thomas Hertfelder, Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, Stuttgart

„Ein Mann des deutschen Biedermeier“ sei Theodor Heuss gewesen, befand Arnulf Baring 1971, „ein unpolitischer Mensch […], ein Mann ohne wirkliches Verantwortungsgefühl, ohne Leidenschaft“. Johannes Gross legte 1989 nach und bezeichnete den ersten Bundespräsidenten als einen „politischen Nonvaleur“.[1] Zu solchen Urteilen mag gelangen, wer dazu neigt, Politik als ein Geschäft einsamer Entscheider zu betrachten, oder sich darin gefällt, die Bundesrepublik für ihr Mittelmaß zu kritisieren. Die harschen Verdikte der beiden Großpublizisten lassen sich allerdings auch als eine verständliche Reaktion auf jene Apotheose lesen, die Theodor Heuss seit seiner Wiederwahl 1954 und erst recht nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Bundespräsidenten 1959 in der Öffentlichkeit erfahren hat. Die wissenschaftliche Heuss-Forschung wiederum stand noch lange im Bann des Weimar-Komplexes und des Topos von der „Kanzlerdemokratie“ der Bundesrepublik[2], bis nach einer Reihe ertragreicher Einzelstudien[3] und des Erscheinens der achtbändigen „Stuttgarter Ausgabe“ der Briefe von Heuss’[4] endlich die Stunde der Biographen schlug: In kurzer Folge sind in den vergangenen zwei Jahren gleich drei bemerkenswerte Biographien des ersten Bundespräsidenten auf den Markt gekommen – aus der Feder von Ernst Wolfgang Becker und Peter Merseburger[5] sowie jetzt von Joachim Radkau.

Beckers und Merseburgers Heuss-Biographien lesen sich wie Lehrstücke in Sachen Bürgerlichkeit im 20. Jahrhundert und machen einmal mehr deutlich, dass pauschale Thesen vom Niedergang des deutschen Bürgertums oder dem Ende der Bürgerlichkeit weder für die Weimarer Zeit noch für den Nationalsozialismus und die junge Bundesrepublik plausibel sind. Radkau spricht in Bezug auf Heuss zwar ebenfalls von einer „zeitgemäßen Art bürgerlicher Lebenskunst“, wählt aber einen anderen Zugang, indem er an seine These vom „Zeitalter der Nervosität“[6] anknüpft: Ihm zufolge hat sich Heuss von diesem Zeitalter, in das er 1884 hineingeboren wurde, in keiner Weise anstecken lassen. Vielmehr habe er sich zeitlebens als „Anti-Nervöser“ stilisiert (S. 58). So kommentierte der junge Chefredakteur der Heilbronner Neckar-Zeitung in betonter Distanz zu rechten wie linken „Kriegsliteraten“ „kühl und korrekt“ (S. 73) den Ersten Weltkrieg, vermochte aber mit dieser Haltung in dem von existenziellem Pathos aufgeladenen politischen Klima der Weimarer Republik weder als Journalist noch als DDP-Politiker besonders zu reüssieren. Die NS-Zeit, zu deren Beginn der Multifunktionär Heuss sein Abgeordnetenmandat, seine Dozentur an der Deutschen Hochschule für Politik und seine Mitgliedschaft im Vorstand des Deutschen Werkbundes verlor, überlebte der liberale Hitler-Gegner im „kreativen Rückzug auf sich selbst“ (S. 191) als unpolitischer Publizist und Biograph; auch hier verblüffte er seine Zeitgenossen durch demonstrative Gelassenheit. Diese Grundhaltung entpuppte sich im Amt des Bundespräsidenten als Kapital der besonderen Art: Für Radkau besteht eines von Heuss’ größten Verdiensten in seiner dämpfenden Wirkung auf Adenauers „Neigung zu nervlicher Überreizung“ (S. 384), die in den Hochzeiten der nuklearen Konfrontation leicht hätte gefährlich werden können. Mit solchen durchaus gewagten Gedankenspielen bewegt sich der Bielefelder Historiker an den Grenzen der klassischen Politikhistorie.

Heuss passt nicht in Schablonen, die man sich als aufgeklärter Biograph zurechtlegen mag. Zu den erfrischendsten Seiten des Buches gehören jene, in denen Radkau zu Protokoll gibt, wie seine Erwartungshaltungen beim Studium der Quellen regelmäßig frustriert wurden: Hinter der sympathischen Formel „Demokratie als Lebensform“, die Heuss bereits 1920 geprägt hatte, ist nichts Konkretes zu finden. Der Zivilist und Mann des Geistes suchte die Nähe des umstrittenen Reichswehrministers Otto Geßler und reagierte gereizt auf Pazifisten. Im Reichstag engagierte sich der Freund der Künste für ein Gesetz „zum Schutze der Jugend vor Schmutz und Schund“. Der Biograph „erkennt seinen Helden nicht wieder und steht vor einem Rätsel!“ (S. 165) Zum Vergnügen des Lesers vermag Radkau derlei Rätsel in der Regel biographisch überzeugend aufzulösen.

Zu den weiteren wunden Punkten, die Heuss-Bewunderer regelmäßig beschäftigen, gehört dessen Zustimmung zum „Ermächtigungsgesetz“ von 1933. Hier arbeitet Radkau präzise wie keiner zuvor die durch Heuss’ Denkstil, Habitus und Charakter gesteckten Grenzen jener historistischen Hermeneutik heraus, die seiner weit verbreiteten, in drei Sprachen übersetzten Schrift „Hitlers Weg“ (1932) zu Grunde lag und die den Hitler-Experten Heuss an einer luzideren Analyse des Nationalsozialismus scheitern ließen. Heuss’ Zustimmung zum „Ermächtigungsgesetz“ interpretiert Radkau im Anschluss an Ernst Wolfgang Becker: Weniger wegen eines Fraktionszwangs oder aus Opportunismus, vielmehr auf Grund seiner Überzeugung, dass die Nation in der Krise einen starken Staat und eine einheitliche Führung brauche, habe der anfangs für Stimmenthaltung plädierende liberale Reichstagsabgeordnete im entscheidenden Moment dann doch die Hand gehoben. In diesem robusten Etatismus identifiziert Radkau eine „tiefere Disposition“ (S. 187), die Heuss wohl mit den meisten Deutschen geteilt habe.

Obwohl Heuss’ berufliche Existenz 1933 nahezu vernichtet wurde, er fortan im Visier des Verfolgungsapparates stand und mit den Widerstandskreisen um Julius Leber und Carl Goerdeler Kontakte pflegte, will Radkau „zwischen Heuss’ und Hitlers Deutschland keine scharfe Grenze“ ziehen (S. 198): Das weit gespannte kommunikative Netzwerk des Protagonisten umfasste nicht nur den demokratischen Liberalismus der alten Naumannianer, es reichte nicht nur in sozialdemokratische und Widerstandskreise hinein, sondern auch zu Leuten, die dem Regime nahe standen. Wie sehr „Bürgerlichkeit“ im entscheidenden Moment zum Integrationsfaktor werden konnte, zeigt Heuss’ Einsatz für die Begnadigung des 1948 zum Tode verurteilten, 1958 schließlich freigelassenen NS-Massenmörders Martin Sandberger, eines Mannes aus gutem Hause.

Während die NS-Elite nach 1945 diskreditiert war, das Gros der Weimarer Politiker zermürbt und verbraucht erschien und Emigranten mit der Rückkehr zögerten, konnte Heuss als weitgehend ungebrochener Mann mit geradezu verblüffender Vitalität seine Qualitäten des vermittelnden Kommunizierens endlich offen ausspielen und in Positionen einrücken, die dem parlamentarischen Hinterbänkler der Weimarer Zeit verschlossen geblieben waren: Lizenzträger der Rhein-Neckar-Zeitung (1945–1949), „Kultminister“ in Württemberg-Baden (1945/46), Vorsitzender zunächst der gesamtdeutschen DPD (1947), dann der westzonalen FDP (1948/49) und schließlich einer der liberalen Wortführer im Parlamentarischen Rat (1948/49). Nun waren jene integrierenden Qualitäten gefragt, die Heuss bis dahin im Wege gestanden hatten. Seine an Verzettelung grenzende Vielseitigkeit zwischen Feuilleton und Politik, seine öffentlich zelebrierte Bildung, seine „Schwerentschiedenheit“, die selten zu einem eindeutigen Urteil fand, und seine breite Vernetzung (statt parteiinterner Hausmacht) – all diese Eigenheiten verwandelten sich, so Radkau, nach 1945 schlagartig in Trümpfe, als es darum ging, unter den demokratischen Kräften das Gespräch und den Ausgleich zu finden, ohne diejenigen kategorisch auszugrenzen, die zuvor mitgemacht hatten. Hierfür war Heuss der richtige Mann und das Amt des Bundespräsidenten die richtige Position. In dieser zuspitzenden Deutung ist Radkaus biographisches Narrativ nicht ganz frei von teleologischen Effekten.

Als eine Variante seines anti-nervösen Selbstverständnisses hatte sich Heuss für seine Präsidentschaft die „Entkrampfung der Deutschen“ vorgenommen. Er verstand sich als Erzieher zur Demokratie, korrespondierte unermüdlich mit der Bevölkerung, pflegte in dialogisch mäandernden Reden eine dem NS-Stil entgegengesetzte Rhetorik und ging, wenn er die im „Dritten Reich“ begangenen Verbrechen und den Widerstand des 20. Juli ansprach, zuweilen an die Grenzen des damals Sagbaren. Wie andere Biographen vor ihm sieht auch Radkau in diesem „Virtuosen der Geselligkeit“ (S. 378) typologisch einen Antipoden zu Adenauer; ob dieser Gegensatz in den Begriffen des „Yin“ und „Yang“ (S. 375) treffend zu beschreiben ist, sei dahingestellt. Radkau fördert eine Fülle von Einsichten zutage – etwa wenn er Heuss als Brückenbauer zwischen C.P. Snows „Zwei Kulturen“ entdeckt, in Heuss’ Auseinandersetzung mit Max Weber verblüffend vorausweisende Einsichten ausmacht und als erster auch die ungedruckten Teile des Briefwechsels zwischen Heuss und seiner Altersliebe, der in New York lebenden Emigrantin Toni Stolper, nuancenreich interpretiert. Manchmal, etwa bei seinen Spekulationen über Heuss’ „Insiderwissen“ zum Kriegsausbruch 1914, das er der Freundschaft mit Kurt Riezler und der frühen Kenntnis von dessen Tagebüchern verdankt haben soll, schießt Radkau im Versuch, zwischen den Zeilen zu lesen, übers Ziel hinaus. Anderes bleibt merkwürdig unterbelichtet, etwa Heuss’ langjährige Tätigkeit bei der Deutschen Hochschule für Politik oder seine Staatsbesuche im Ausland.

Die Gefahr, den Heussschen Koketterien und den Selbststilisierungen der Ego-Dokumente aufzusitzen, hat Radkau stets vor Augen, auch wenn er ihnen zuweilen doch erliegt. Alles in allem aber hat der Bielefelder Historiker mit seiner überaus kenntnisreichen, aus den Quellen gearbeiteten und brillant formulierten Biographie nicht nur seinen Protagonisten auf bislang unübertroffene Weise profiliert, sondern auch über dessen weit verzweigte Kommunikationsnetze Perspektiven auf die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts eröffnet, die deutlich über die Biographie des ersten Bundespräsidenten hinausweisen.

Anmerkungen:
[1] Arnulf Baring, War das Heuss?, in: Frankfurter Hefte 26 (1971), S. 949-952, hier S. 951f.; Johannes Gross, Das neue Notizbuch, Stuttgart 1990, S. 253f.; beides zitiert bei Radkau, S. 446.
[2] Modris Eksteins, Theodor Heuss und die Weimarer Republik, Stuttgart 1969; Jürgen C. Heß, Theodor Heuss vor 1933. Ein Beitrag zur Geschichte des demokratischen Denkens in Deutschland, Stuttgart 1973; Eberhard Pikart, Theodor Heuss und Konrad Adenauer. Die Rolle des Bundespräsidenten in der Kanzlerdemokratie, Stuttgart 1976.
[3] Reiner Burger, Theodor Heuss als Journalist. Beobachter und Interpret von vier Epochen deutscher Geschichte, Münster 1999; Ulrich Baumgärtner, Reden nach Hitler. Theodor Heuss – Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, Stuttgart 2001; Frieder Günther, Heuss auf Reisen. Die auswärtige Repräsentation der Bundesrepublik durch den ersten Bundespräsidenten, Stuttgart 2006; Jürgen C. Heß, Verfassungsarbeit. Theodor Heuss und der Parlamentarische Rat, Berlin 2008.
[4] Theodor Heuss. Stuttgarter Ausgabe, Briefe, hrsg. von der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus, Bde. 1–4, München 2007–2009, Bde. 5–8, Berlin 2010–2014.
[5] Ernst Wolfgang Becker, Theodor Heuss. Bürger im Zeitalter der Extreme, Stuttgart 2011 (rezensiert von Ines Soldwisch, in: H-Soz-u-Kult, 28.02.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-1-137> [27.12.2013]); Peter Merseburger, Theodor Heuss. Der Bürger als Präsident. Biographie, München 2012 (rezensiert von Ines Soldwisch, in: H-Soz-u-Kult, 19.03.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-186> [27.12.2013]).
[6] Joachim Radkau, Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Bismarck und Hitler, München 1998.