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Titel
Utopie als Ideologie. Geschichtsdenken und politisches Handeln im Dritten Reich


Autor(en)
Kroll, Frank-Lothar
Erschienen
Paderborn 1998: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
368 S.
Preis
€ 54,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jens Hacke, Humboldt-Universität zu Berlin

"Es gab keine verbindliche und im einzelnen ausgeführte Auslegung der nationalsozialistischen 'Weltanschauung'." So faßte Helga Grebing schon 1959 den Konsens der Forschung zusammen, und wird damit heute so wenig Widerspruch wie damals provozieren. Seit Eberhard Jäckel sich daran machte, die Geschlossenheit von Hitlers Weltanschauung nachzuweisen, und in seinen Frühschriften den Entwurf der späteren Herrschaft erkannte, wird Hitler jedoch als Theoretiker ernstgenommen und nicht selten überschätzt. Insbesondere die Arbeiten von Rainer Zitelmann und Enrico Syring suchten die starke ideologische Prägekraft nachzuweisen, die von Hitlers Blick auf die Geschichte ausging. Dabei bleibt weiterhin umstritten, welche politische Bedeutung Hitlers "obskure, persönliche 'Weltanschauung'" (Kershaw) in der Beurteilung des Nationalsozialismus besitzt.

Der Erlanger Historiker Frank-Lothar Kroll stellt sich mit seiner Habilitationsschrift zum nationalsozialistischen Geschichtsdenken auf die Seite der Intentionalisten und will "die politische Folgewirkung der Geschichtsauffassung führender Regimeträger" (18) untersuchen. Neben Hitler zählt Kroll Alfred Rosenberg, Richard Walther Darré, Heinrich Himmler und Joseph Goebbels zu den politisch relevanten Ideologen. Gemäß seinem ideengeschichtlichen Deutungsansatz, "daß alles was gedacht wird, immer schon ein Teil der Wirklichkeit ist", strebt Kroll an, "den konkreten Niederschlag der jeweiligen Geschichtskonzeptionen im Bereich der politischen Praxis in Augenschein zu nehmen" (17).

Krolls Absicht zielt darauf, intentionalistische Fragestellung auf ideologischer Ebene mit der Polykratie-These der Funktionalisten zu verbinden: "Polyzentrismus der ideologischen Konzeptionen" (19) lautet seine neue Formel, die allein schon deswegen einleuchten muß, weil die NS-Ideologen untereinander niemals ihre Auffassungsunterschiede zu harmonisieren versuchten. Hitler fand Rosenbergs "Mythus des 20. Jahrhunderts" unlesbar und wollte von germanischer Agrarromantik im Sinne Darrés nichts wissen, ebenso wie Goebbels, der dessen Theorien für "reine Literatur" und ihn selbst für einen großen Versager hielt. Auch Himmler war aus Goebbels Sicht in vielen Dingen "verrückt" und gegen Rosenberg ("sturer Theoretiker", "Phantast") empfand der Propagandaminister ebenfalls größte Abneigung. Wenn die NS-Grössen sich gegenseitig als Theoretiker nicht Ernst nahmen, so tut dies jedoch die heutige Forschung. Kroll widmet Hitler knapp 70, den vier anderen "Ideologen" jeweils rund 50 Seiten und systematisiert deren Aussagen zur Geschichte auf breiter Quellenbasis. Auf diese Weise werden erstmals die wesentlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede in einem Kontext analysiert, wobei der Verfasser der Gefahr nur schwer entgehen kann, jeweils ein Maß an Geschlossenheit und logischer Stringenz zu unterstellen, das diese "Weltanschauungen" bzw. ideologischen Konstrukte niemals besessen haben.

Die Berücksichtigung Darrés und Himmlers muß in diesem Zusammenhang überraschen, da sie zweifellos am meisten Distanz zu einem traditionellen Begriff von Geschichte aufweisen und von ihren Zeitgenossen wohl kaum als Geschichtsdenker wahrgenommen worden sind. Der ehemalige Reichsbauernführer und Landwirtschaftsminister Darré reduzierte sein Geschichtsbild auf die bäuerliche Lebenswelt und fand die Antithese zum idealisierten "nordischen Bauerntum" im "Nomadentum". Sein extrem rassistischer Biologismus blendete jede Form geistig-kultureller Menschheitsleistung von vornherein aus, Staat oder Nation spielten keine Rolle. Die Rückkehr zum Ursprung des vorchristlichen Germanentums wurde das Ziel, das die moderne industrialisierte Lebenswelt negierte. Der "Blut-und-Boden-Ideologe" traf sich mit seinen Züchtungsvisionen einer nordischen Rasse mit Himmler, der laut Kroll die Konzepte der anderen "weder entscheidend modifiziert noch variiert noch gar auf eine neue geistige Ebene transportiert" hat (223). Während jedoch Darré in der politischen Praxis scheiterte, wie das Desaster der Erbhof-Gesetzgebung zeigte, kompensierte Himmler bekanntlich seine begrenzte offizielle Breitenwirkung durch die erschreckend konkrete Umsetzung ideologischer Vorstellungen im "SS-Staat". Mit seinem ausgesprochen anti-intellektuellen Affekt empfand er wissenschaftliche Geschichtsbetrachtung als den Ausläufer "überzüchteter" Verstandesbildung und forderte eine Anschauungsform, "die nicht auf Verstandesdinge, sondern auf Herzenserkenntnisse" gegründet sei (231). Sparta und Preußen avancierten auf diese Weise zu naheliegenden "Assoziationskomplexen" (Kroll) in Himmlers Reden.

Von biologistischen Rassekonzeptionen hob sich Rosenbergs konfessionell geprägter Antisemitismus deutlich ab. Rosenberg vereinte eine krude "arische" Urvolktheorie mit einer von Spengler beeinflußten Lehre abgeschlossener Kulturkreisläufe, die jede Verständigung zwischen den verschiedenen "Rassenseelen" ausschloß. In einem "meta-historischen Salto mortale" konstruierte Rosenberg den Zusammenhang der griechischen und germanischen Kultur und fand im deutschen Bauernhaus den Urtyp des griechischen Tempels vorgezeichnet, den nordische Stämme auf ihren Wanderungen nach Griechenland "mitgebracht" hätten (126). Interessanterweise manövrierte sich Rosenberg in seinen Polemiken gegen das römisch-katholische Christentum und durch seine Hervorhebung eines Jahrtausende währenden Kampfes zwischen "römischem" und "germanischem" Prinzip in einen Gegensatz zu Hitler, der den Assoziationskomplex "Rom" ausschließlich positiv konnotierte und darum bemüht war, einen "eindeutigen Kontinuitätszusammenhang zwischen Römischem und Heiligem Deutschen Reich herzustellen" (80).

Goebbels unterschied sich von den übrigen nationalsozialistischen Vordenkern nicht nur dadurch, daß er als einziger Geschichte als Lehrfach studiert hatte (mit immerhin einigen Veranstaltungen bei Hermann Oncken), sondern er war auch der einzige, der die Gegebenheiten des modernen Industriezeitalters grundsätzlich anerkannte. Der "totale Staat" vollendete in Goebbels Vorstellungen die deutsche Geschichte. In seinem Bekenntnis zum "nationalen Sozialismus" wurden sowohl die Einflüsse von Exponenten der "Konservativen Revolution" (Spengler, Moeller van den Bruck) als auch sozialistische Prägungen offensichtlich. Der Blick auf Goebbels verdeutlicht auch, in welcher Weise Hitlers Anschauungen als Scharnier zwischen den verschiedenen "rassischen", nationalistischen und sozialistisch gefärbten Geschichtsmodellen wirkte, die in sich von Widersprüchen gekennzeichnet waren. Mangelnde inhaltliche Festlegung ermöglichte auf diese Weise einen hohen Grad der Integration. Kroll zeigt anschaulich, wie sehr Hitlers "ungeschichtlicher Geschichtsbezug" Geschichte im Sinne einer historischen Legitimation der nationalsozialistischen Politik verfügbar machte, die vergangenen Epochen ihres Eigenwertes entkleidete und ihre Bedeutung allein in der Relation zum Nationalsozialismus definierte. Obwohl die ideologischen Leitgrößen und -begriffe innerhalb der ideologischen Führungselite Unterschiede aufwiesen, einte sie ein Streben nach revolutionärer Erneuerung und ein stark antithetisches Denken, das seine Kraft aus Feindbildern bezog (Bauer-Nomade, Arier-Jude, nationaler Sozialismus versus Bürgertum). Geschichte geriet hier lediglich zur Verfügungsmasse, aus der die notwendigen Vor- und Gegenbilder gewonnen wurden, so daß man mit Kroll von einer "herrschaftsstabilisierenden Geschichtsideologie" im Nationalsozialismus sprechen kann (312).

Insgesamt kann Kroll seine These von einer weltanschaulichen "Polyvalenz" in Entsprechung zur polykratischen Herrschaftsstruktur des Dritten Reiches überzeugend belegen und ihm gelingt dies in straff gegliederter und übersichtlicher Form. Niemand hat bislang eine ähnlich abgewogene und umfassende Darstellung geboten. Die Fron, die die Lektüre und Systematisierung dieser Elaborate jener nationalsozialistischen Theoretiker bedeutet, fordert jedoch bisweilen ihren Tribut. Denn daß sich auch für Hitler die Vergangenheit "jeder echten Beeinflußbarkeit entzog" und die Gegenwart "lediglich den Charakter einer Übergangsepoche" besaß (83f.), kann der Leser kaum als Erkenntnisgewinn verbuchen. Auch der Versuch, den antisemitischen Gehalt zu klassifizieren, schafft nicht immer Klarheit, wenn Darrés Position "hinter der Hitlerschen und Rosenbergschen Form des Antisemitismus erheblich zurückblieb" und "doch zugleich auch weit über sie hinaus" ging (165).

Unbefriedigend muß Krolls tapfer formulierter Versuch bleiben, die Auswirkungen der Geschichtskonzeptionen im Bereich der politischen Praxis nachzuweisen. Abgesehen davon, daß es jenseits der legitimatorischen Zwecke von historischen Argumenten schwierig sein dürfte, überhaupt Kriterien für ein derartiges Vorhaben zu bestimmen, beschränkt sich der Verfasser ohnehin nur auf einige kursorische Bemerkungen zur Wirkungsmacht der von ihm analysierten nationalsozialistischen Geschichtsbilder. Inwiefern diese in einer Interdependenz mit vorherrschenden Auffassungen im bürgerlichen Spektrum der deutschen Gesellschaft standen, wird von Kroll ungenügend behandelt. Hier scheint er manchmal zu vergessen, welche Quellen er heranzieht, denn Goebbelssche Sätze wie "Wo wir stehen, ist Preußen" geben weniger Auskunft über dessen historisches Werturteil als über eine kalkulierte Propagandawirkung. Die von Kroll gelegentlich angenommenen "taktisch motivierten Lippenbekenntnisse" gegenüber einer "geschichtsgläubigen Öffentlichkeit" (65, 85) machen gerade bei Hitler und Goebbels einen beträchtlichen Anteil aus und verdienen eine umfassendere Erörterung, als hier von Kroll vorgelegt. Konzessionen an die traditionelle politische Rechte gehören ebenso zum propagierten "nationalsozialistischen Geschichtsbild" wie simple Adaptionen verbreiteter Thesen aus dem nationalistisch gesinnten Bürgertum. Trotz dieser Einwände sei aber festgehalten, daß Krolls instruktive Arbeit für jeden, der sich mit der Ideengeschichte des Nationalsozialismus beschäftigt, eine Fülle von Anregungen enthält.

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28.09.1999
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