M. Metzger: Bewältigung, Auswirkungen u. Nachwirkungen des Bombenkrieges

Cover
Titel
Bewältigung, Auswirkungen und Nachwirkungen des Bombenkrieges in Berlin und London 1940–1955. Zerstörung und Wiederaufbau zweier europäischer Hauptstädte


Autor(en)
Metzger, Martina
Reihe
Historia altera. Alternative Sichtweisen auf die deutsche und europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts 1
Erschienen
Stuttgart 2013: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
367 S.
Preis
€ 59,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Moritz Föllmer, Afdeling Geschiedenis, Universiteit van Amsterdam

Krieg aus der Luft gehört zweifellos zu den fundamentalen Neuerungen des 20. Jahrhunderts. Lange Zeit konnten die Menschen in Europa hoffen, dass sich der Abwurf von Bomben in technologisch bedingten Grenzen halten (im Ersten Weltkrieg), ihrer globalen Dominanz zu Gute kommen (durch verschiedene Interventionen von Kolonialmächten in Nordafrika und im Nahen Osten) oder sich auf die Peripherie des Kontinents beschränken würde (im Spanischen Bürgerkrieg). Doch daneben wurden bereits in den 1920er- und 1930er-Jahren Szenarien des Luftkriegs entworfen und diskutiert – im Duktus des Grauens, der Faszination oder der Vorbereitung auf das Unvermeidliche.[1] Bekanntlich war der Bombenkrieg zwischen 1939 und 1945 eine millionenfache Erfahrung, die das nationalsozialistische Deutschland initiierte und anderen Gesellschaften auferlegte, um dann selbst immer mehr von ihr betroffen zu sein, bis hin zur weitgehenden Zerstörung ganzer Stadtlandschaften.

Sowohl angeregt durch methodische Innovationen seit den 1990er-Jahren als auch herausgefordert durch die öffentliche Debatte um vermeintlich tabuisierte Leiden der Deutschen hat sich die Geschichtswissenschaft in den letzten Jahren verstärkt dieses Themas angenommen. Dabei hat sie den Bombenkrieg breiter aufgefasst und behandelt als in der rein militärhistorischen Forschung, was sich besonders in zwei Trends niedergeschlagen hat: Erstens ist die Sozialgeschichte des Bombenkrieges vorangetrieben worden, wobei sich eine Verschiebung von der Defizitbeschreibung als „Gesellschaft in der Katastrophe“ oder „Zerfall der ‚Volksgemeinschaft‘“ zur Analyse einer spezifischen Notstands- und Bunkergesellschaft konstatieren lässt.[2] Zweitens haben sich verschiedene Studien der kulturellen Verarbeitung des Bombenkrieges zugewandt und gezeigt, wie eng diese mit der Konstruktion einer deutschen und jeweils lokalen Opfergemeinschaft seit 1945 zusammenhing, die noch in der Friedensbewegung der 1980er-Jahre und später in der medialen Rezeption von Jörg Friedrichs „Der Brand“ fortwirkte.[3]

Martina Metzgers Bayreuther Dissertation zu den Konsequenzen und Bewältigungsformen des Bombenkrieges in Berlin und London bezieht sich allenfalls am Rande auf diese Studien und hat sie ausweislich der spärlichen Fußnoten und des gerade dreiseitigen Sekundärliteraturverzeichnisses auch nur teilweise zur Kenntnis genommen. Darin liegt eine konzeptionelle Grenze dieser Arbeit, aber andererseits auch deren – nicht als solches expliziertes – Profil. Die Autorin konzentriert sich vor allem auf die genaue Rekonstruktion von Zerstörungen, Rettungsbemühungen und Wiederaufbauanstrengungen. Das ist insofern sinnvoll, als eine stärker sozial- und kulturhistorische Ausrichtung womöglich in eine wenig aussichtsreiche Konkurrenz mit Dietmar Süß’ herausragendem Buch „Tod aus der Luft“ geführt hätte. Metzgers Studie ist in vieler Hinsicht instruktiv und gerade wegen der Detailinformationen lesenswert.

So wird konkreter als in anderen Darstellungen vor Augen geführt, dass es der Rauch noch Tage nach einem Bombenangriff sehr schwierig machte, überhaupt das Ausmaß der Schäden einschätzen zu können. Man denkt darüber nach, was die Zerstörung von Fußgängerbrücken, Omnibussen, U-Bahn-Schächten und S-Bahn-Oberleitungen für den täglichen Weg zur Arbeit bedeutete. Es geraten viele indirekte Folgen der Bombardierungen in den Blick, etwa für Krankenhausbetrieb, Abwasserentsorgung oder Schulunterricht. Man hält inne bei Kulturdenkmälern mit hoher symbolischer Bedeutung, zum Beispiel der Guildhall in der Londoner City, deren geschnitzte Innendekoration um die Jahreswende 1940/41 durch Großbrände nach einem deutschen Angriff verloren ging, oder dem Tor von Milet, das schwere Witterungsschäden davontrug, weil das Glasdach des ansonsten heil gebliebenen Pergamonmuseums am 3. Februar 1945 zerstört wurde. Und das Buch informiert ausführlich über die praktischen Herausforderungen von Blindgängerentschärfung, Brandbekämpfung und Leichenbergung, von Obdachlosenversorgung, Trümmerbeseitigung und Gebäudereparatur.

Im eher handfesten Zugriff der Arbeit liegen einige Vorzüge, aber auch erhebliche Schwächen. So erschöpft sich der Vergleich letztlich im periodischen Verweis darauf, dass die Bombenangriffe auf London weniger gravierend waren als diejenigen auf Berlin und überwiegend 1940/41 erfolgten, so dass sich ihre Folgen bereits während des Krieges zum großen Teil beseitigen ließen, statt wie in der deutschen Metropole hinter den Erfordernissen des „Endkampfes“ zurückzutreten und anschließend eine entbehrungsreiche Besatzungszeit zu prägen. Ferner schwanken die – teilweise durchaus verdienstvollen – erfahrungsgeschichtlichen Kapitel zwischen der Rekonstruktion von verstörenden emotionalen Wirkungen der Luftangriffe, von „bisweilen extremer nervlicher Anspannung“ (S. 137), und der These, dass die „von moralischen und mentalen Bombenkriegsfolgen ausgehenden Konsequenzen für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt und für die individuelle Lebens- und Handlungsfähigkeit […] ausgesprochen begrenzt“ geblieben seien (S. 112). Hier hätte eine stärkere Reflexion über die methodische Problematik der zugrunde liegenden Zeitzeugeninterviews weitergeholfen. Denn Metzgers Gesprächspartner/innen repräsentieren schon insofern eine Auswahl, als sie die Bombenangriffe im Unterschied zu Hunderttausenden anderer Menschen überlebten und keine schweren gesundheitlichen Schäden davontrugen. Zudem konnten sie mehr als 60 Jahre nach Kriegsende auf etablierte Bewältigungstechniken und -narrative zurückgreifen, die ihren seinerzeitigen Wahrnehmungen und Gefühlen nur bedingt entsprochen bzw. diesen retrospektiv Kohärenz verliehen haben dürften.

Es soll hier nicht bestritten werden, dass es während des Bombenkrieges auch so etwas wie eine „Selbsthilfegesellschaft“[4] gegeben hat, die bei der derzeit gängigen Überbetonung von – unpräzis definierten – Traumata leicht in Vergessenheit gerät. Dass aber „psychologische Betreuung oder gar eine Therapie […] von den meisten nicht für notwendig gehalten“ wurde (S. 141), ist angesichts der in der Kriegsgeneration vorherrschenden, heute ganz anders einzuordnenden Vorstellungen von Normalität und Behandlungsbedürftigkeit kein überzeugender Beleg für bloß punktuelle mentale Beeinträchtigungen. Ein weiteres aus dem unkritischen Umgang mit den Aufzeichnungen und Interviewäußerungen von Zeitzeugen resultierendes Problem ist, dass Metzger die Bombenkriegserfahrungen trotz einiger Versuche zur Kontextualisierung letztlich depolitisiert. Nazisympathisanten treten in ihrer Darstellung ebenso wenig als solche in Erscheinung wie Anhänger der Labour Party. Die Autorin lässt unerwähnt, dass die „beachtliche gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung zur Aufrechterhaltung der Lebensgrundlagen während der Bombenangriffe und zum Anpacken des Neuanfangs ab 1945“ in Berlin (S. 308) auf massiven Exklusionen beruhte und dass beispielsweise Zwangsarbeiter von der „wohlwollenden gemeinschaftlichen Unterstützung bei der Rettung ihres Lebens“ (S. 311) nicht profitierten.

Der Gesamteindruck fällt somit zwiespältig aus. Das Verdienst des Buches liegt vor allem darin, dass Martina Metzger die baulichen und infrastrukturellen Auswirkungen des Bombenkrieges und deren Bewältigung ausführlich und präzise rekonstruiert. Dagegen greift die Analyse von Erfahrungen des Bombenkrieges trotz mancher interessanter Einblicke zu kurz, weil es der Autorin dafür an sozial- und kulturhistorischer Reflexion und Ambition fehlt. Über diese Erfahrungs- und Deutungsdimension informiert man sich besser anderswo, insbesondere in Dietmar Süß’ Buch „Tod aus der Luft“.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Thomas Hippler, Krieg aus der Luft. Konzeptuelle Vorüberlegungen zur Entstehungsgeschichte des Bombenkrieges, in: Wolfgang Hardtwig (Hrsg.), Ordnungen in der Krise. Zur politischen Kulturgeschichte Deutschlands 1900–1933, München 2007, S. 403–422.
[2] Vgl. Bernd-A. Rusinek, Gesellschaft in der Katastrophe. Terror, Illegalität, Widerstand – Köln 1944/45, Essen 1989; Frank Bajohr, Hamburg – Der Zerfall einer „Volksgemeinschaft“, in: Ulrich Herbert / Axel Schildt (Hrsg.), Kriegsende in Europa. Vom Beginn des deutschen Machtzerfalls bis zur Stabilisierung der Nachkriegsordnung 1944–1948, Essen 1998, S. 318–336; Neil Gregor, A Schicksalsgemeinschaft? Allied Bombing, Civilian Morale, and Social Dissolution in Nuremberg, 1942–1945, in: Historical Journal 43 (2000), S. 1051–1070; sowie demgegenüber Dietmar Süß, Tod aus der Luft. Kriegsgesellschaft und Luftkrieg in Deutschland und England, München 2011, bes. S. 121–184, S. 319–372.
[3] Vgl. u.a. Malte Thießen, Eingebrannt ins Gedächtnis. Hamburgs Gedenken an Luftkrieg und Kriegsende 1943 bis 2005, München 2007; Jörg Arnold, The Allied Air War and Urban Memory. The Legacy of Strategic Bombing in Germany, Cambridge 2011; Süß, Tod aus der Luft, S. 483–561.
[4] Der Begriff ist für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entwickelt worden; vgl. etwa Martin H. Geyer, Teuerungsprotest und Teuerungsunruhen 1914–1923. Selbsthilfegesellschaft und Geldentwertung, in: Manfred Gailus / Heinrich Volkmann (Hrsg.), Der Kampf um das tägliche Brot. Nahrungsmangel, Versorgungspolitik und Protest 1770–1990, Opladen 1994, S. 319–345.