S. Betscher: Visuelle Kalte Kriegs-Diskurse

Cover
Titel
Von großen Brüdern und falschen Freunden. Visuelle Kalte-Kriegs-Diskurse in deutschen Nachkriegsillustrierten


Autor(en)
Betscher, Silke
Erschienen
Anzahl Seiten
420 S., mit Abb.
Preis
€ 39,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Magdalena Saryusz-Wolska, Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften / Institut für Gegenwartskultur der Universität Lodz (Polen)

Man könnte behaupten, der Ausbruch und die Geschichte des Kalten Krieges seien bereits so umfangreich beschrieben worden, dass wenig Platz für neue Forschungskonzepte geblieben ist. Und dennoch: Silke Betschers Buch bietet einen eigenständigen, anregenden Zugang. Die Forschungsfrage ihrer 2010 in Liverpool abgeschlossenen Dissertation ist ebenso simpel wie relevant: Wie wurden die Anfänge des Kalten Krieges in ost- und westdeutschen Illustrierten visualisiert, dabei insbesondere auf Fotografien und Landkarten, und welche Bedeutung hatten diese Visualisierungen? Die Arbeit ist interdisziplinär angelegt – zwischen Medien- und Pressegeschichte, Visual History und Diskursanalyse.

Betscher beginnt mit einer Einführung in die von ihr gewählte Methode der „visuellen Diskursanalyse“, wobei anzumerken ist, dass die umfangreiche Erörterung des von Foucault inspirierten Konzepts in den weiteren Teilen der Arbeit wenig praktische Anwendung findet. Als Grundlage ihrer Analyse dient der Autorin eine eigens erstellte und codierte Datenbank mit über 8.000 Bildern. Die empirische Basis der Arbeit wird demnach präzise festgelegt, was neben der klaren Struktur des Buches als eine seiner wichtigsten Stärken zu nennen ist. Betscher verfolgt einen seriellen Ansatz und sucht gezielt nach bestimmten visuellen und thematischen Ähnlichkeiten der Bilder. Sie konzentriert sich bewusst auf unscheinbare Fotografien, von denen es die meisten nie in den so genannten Kanon geschafft haben, die aufgrund ihrer hohen Druckauflagen allerdings „die Seh- und damit Denkgewohnheiten präfigurierten“ (S. 386).

In ihrer Untersuchung berücksichtigt Betscher auch die begleitenden Texte, also Bildunterschriften und die jeweiligen Artikel, in denen die Bilder platziert waren. In den meisten Fällen hat dies jedoch lediglich informativen Charakter. Das diskursive Verhältnis zwischen den einzelnen Texten und den untersuchten Bildern wird nur selten thematisiert. In Anbetracht des ohnehin großen Umfangs des Buches und der genauen, seriellen Besprechung der Fotografien und Landkarten ist dies aber nicht weiter zu beklagen. Der Großteil der besprochenen Beispiele findet sich zudem im Buch wieder, wodurch Betscher ihre Leser/innen in die analytische Arbeit mit einbezieht.

Die Autorin untersucht vier deutsche Illustrierte, die von 1945 bis 1949 erschienen: „Heute“ (amerikanische Besatzungszone), „Der Spiegel“ (britische Besatzungszone), „Neue Berliner Illustrierte“ (sowjetische Besatzungszone, SBZ) und „Illustrierte Rundschau“ (ebenfalls SBZ). Die Gründe für diese Auswahl erläutert sie ausführlich, darunter auch die Wahl des „Spiegels“, der schließlich eher als Nachrichtenmagazin denn als Illustrierte zu verstehen ist (S. 48). In allen vier Zeitschriften wurden überdurchschnittlich viele Fotografien und Karten abgedruckt, so dass sie für die Analyse der visuellen Diskurse bestens geeignet sind. Zusammen mit der „Heute“ setzt Betscher den „Spiegel“ den ostdeutschen Illustrierten gegenüber, wodurch eine klare – teilweise vielleicht zu klare – Trennung zwischen der Medienlandschaft der westlichen Zonen und der SBZ entsteht. Der „Spiegel“ war in hohem Grade ein Resultat britischer Kulturpolitik, die sich besonders in den ersten zwei Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von der amerikanischen zu unterscheiden versuchte, wie Gabriele Clemens verdeutlicht hat.[1] Dies würde einige von Betscher festgestellte Diskrepanzen zwischen dem Bildrepertoire des „Spiegels“ und der „Heute“ erklären, insbesondere im Hinblick auf die Darstellung der Sowjetunion.

Das erste analytische Kapitel ist den „Bilder[n] der USA“ gewidmet, das zweite den „Bilder[n] der Sowjetunion“ – beides jeweils aus der West- und der Ostperspektive, so dass insgesamt vier Interpretationsebenen zusammenkommen. Betscher bespricht nicht nur die Fotografien und Landkarten, die sich auf die Staaten selbst bezogen, sondern auch Porträts der Staatsoberhäupter: Truman und Stalin. Oft widerlegt sie überzeugend die Klischees der ost- und westdeutschen Bilderwelten, indem sie zum Beispiel auf affirmative Bilder von den USA in den Illustrierten der SBZ hinweist. Sehr positiv fällt die Analyse der Bilder von der UdSSR in den westlichen Illustrierten auf: Da sich Betscher auf wenige vorhandene Beispiele konzentrieren musste, konnte sie sich hier stärker in die einzelnen Fotos vertiefen.

Das nächste Kapitel, das die „Bilder der Großmächte als Besatzungsmächte“ untersucht, ist ein Bindeglied zwischen den ersten beiden Kapiteln und den letzten beiden, in denen die Berlin-Krise von 1948/49 und schließlich das Ende der Luftbrücke im Mittelpunkt stehen. Sachkundig erklärt Betscher dort, wie sich die zeitgenössischen und die gegenwärtigen Ikonen der Berliner Blockade voneinander unterscheiden. Sie weist auf die bekannten Fotografien der „Rosinenbomber“ von Walter Sanders und Henry Ries hin und betont, dass diese erst später zum festen Bestandteil der Ikonografie der Luftbrücke wurden. In der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre wurde die Krise häufig anhand von Landkarten visualisiert, die die Spaltung Deutschlands, Europas und der Welt darstellten sowie auf die Machtverhältnisse zwischen Ost und West aufmerksam machten. An dieser Stelle wäre es interessant gewesen, das Verhältnis zwischen den beiden Medien zu diskutieren, der Fotografie und der Landkarte. „Die ‚genaueste‘ Abbildung, – die photographische – ist für die Kartenzeichnung ungeeignet“, hat Karl Schlögel festgestellt.[2] Wurden die beiden Medien also deshalb so häufig nebeneinander eingesetzt, wie es aus Betschers Argumentation hervorgeht, weil sie sich gegenseitig ergänzten?

Die Autorin vergleicht und kontextualisiert Fotos und Landkarten. Oft sucht sie nach Anknüpfungen an die Ikonografie der Weimarer Republik und der NS-Zeit. Ein gutes Beispiel dafür ist ihre Analyse einer Truman-Fotografie, die im September 1946 in der „Illustrierten Rundschau“ erschien und – ähnlich wie eine bekannte und intensiv diskutierte Fotografie mit Friedrich Ebert aus dem Jahr 1919 – den Präsidenten in Badehose darstellte. Auf diese Weise lieferte die Bildpropaganda „einen leicht decodierbaren visuellen Verweis auf mit Bildmedien ausgetragene politische Diskurse aus der Weimarer Zeit“ (S. 141). Der Nachweis entsprechender Ähnlichkeiten in früheren Ikonografien erfolgt in manchen Fällen allerdings auf Kosten der zeitgenössischen Kontexte, besonders des medialen Umfelds der vier ausgewählten Illustrierten. Im Kapitel über die Darstellung der Besatzungsmächte weist Betscher zum Beispiel auf die März-Ausgabe der „Heute“ von 1947 hin, in der bedeutende amerikanische Frauen präsentiert wurden (S. 276). Die Autorin konfrontiert dies mit Abbildungen sowjetischer Frauen, die anlässlich des Internationalen Frauentages in den beiden östlichen Illustrierten zu sehen waren, blendet jedoch zahlreiche ähnliche Porträts aus, die in zeitgenössischen Frauenzeitschriften publiziert wurden.

Vielfach tauchen genderspezifische Themen auf, die mit der Darstellung von Frauen im Kontext des Kalten Krieges zusammenhängen. Dies eröffnet ein interessantes Forschungsfeld, das an anderer Stelle vertieft werden könnte: Betscher analysiert nämlich Bilder, die sich auf politische Themen bezogen und hauptsächlich Männer darstellten, während die besprochenen Illustrierten – mit Ausnahme des „Spiegels“ – eher von Frauen gelesen wurden.[3] In welchem Verhältnis standen die Darstellungen der Großmächte zu anderen Bildern in den Illustrierten, zum Beispiel zu praktischen Ratschlägen für Hausfrauen? Darüber hinaus könnte das von Betscher erfasste Bildrepertoire einen Ausgangspunkt für weitere Rezeptionsstudien darstellen: Wie nahmen die Leserinnen der Illustrierten die auf den Bildern präsentierte männliche Welt wahr?

Silke Betschers Buch „Von großen Brüdern und falschen Freunden“ ist eine sehr solide und empirisch gut belegte Studie, was im Bereich der bildorientierten Geschichtsschreibung keineswegs selbstverständlich ist. Die vielen Beispiele, mit denen die Autorin arbeitet, eignen sich bestens für weitere Vertiefungsstudien. Betscher widersteht der Versuchung, sich auf ikonische Repräsentationen des Kalten Krieges zu beschränken, und präsentiert stattdessen eine sehr komplexe, beinahe vergessene Bilderwelt der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Anmerkungen:
[1] Gabriele Clemens, Britische Kulturpolitik in Deutschland 1945–1949. Literatur, Film, Musik, Theater, Stuttgart 1997.
[2] Karl Schlögel, Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, München 2003, S. 101.
[3] Zu den Leser/innen der „Heute“ vgl. u.a. Ralph Willet, The Americanization of Germany, 1945–1949, London 1989, S. 83.